Von Daniela Zinser
Warnung! Dieser Film ist teilweise unverständlich. Dennoch: Die gezeigten Menschen leben hier. Unter uns. In Deutschland. In Bayern. Im Allgäu. Zwischen Memmingen und Kempten. Deshalb reden die so komisch. Und das ist gut so.
Denn genau daraus zieht "Milchgeld. Ein Kluftingerkrimi", die Verfilmung eines der millionenfach verkauften Heimatkrimis von Volker Klüpfel und Michael Kobr, seinen Charme. Es wird breites Allgäuerisch gesprochen, ein Dialekt irgendwo zwischen Bayerisch und Schwäbisch. Die Schauspieler - allen voran Herbert Knaup als Kommissar Kluftinger - kommen fast alle aus der Region und beherrschen den Dialekt von Kindheit an. So authentisch hörte sich Regionales im Fernsehen seit dem Ohnsorg-Theater nicht mehr an.
Es ist mutig von der ARD, diesen zweiten Kluftinger-Film - "Erntedank" lief vor drei Jahren im Bayerischen Fernsehen mit Top-Quoten - ins bundesweite Programm zu holen und zur besten Sendezeit zu zeigen. Ob diese Rechnung aufgeht? Bei manchen Dialogen muss man jedenfalls selbst als Süddeutscher genau hinhören. Aber selten hat ein Krimi solchen Spaß gemacht, wirkten die Charaktere so glaubhaft und das Umfeld so echt. "Ein Hochallgäuerisch würde der Sache nicht dienen", sagt Hauptdarsteller Knaup.
"Der wunderwunderschöne Dialekt"
Denn schließlich ermittelt Kluftinger in einem Mordfall in der Molkerei in seinem Heimatort Altusried. Er muss seine Kumpels aus dem Musikverein befragen und die Bauern nebenan. Dazu spricht er seine Sprache. Und sollte der Zuschauer nicht alles verstehen, so erschließe sich doch vieles zwischen den Zeilen, durch das Agieren der Schauspieler und die starken Bilder, meint Knaup.
Und das Fremdheitsgefühl ist ja auch gewollt. "Denn so ist es, wenn man da hinkommt. Irgendwann öffnet sich dann eine Tür, und man fängt an zu verstehen. Vielleicht geht es dem Zuschauer auch so, dass sich ihm, wenn er dranbleibt, immer mehr des wunderwunderschönen Dialekts erschließt", sagt der Hauptdarsteller. Es sei "wichtig und richtig, dass es Filme gibt, die die vielfältigen Dialekte in Deutschland bedienen".
Für Knaup, der in Sonthofen geboren und aufgewachsen ist, bedeutet das Allgäuerische, "Verwurzelung und Identifikation". Es ist seine Muttersprache. Wohl auch deshalb hat man das Gefühl: Knaup ist Kluftinger. Der dicke Bauch ist zwar nicht seiner, da helfen Maske und Kostüm nach, und dieser schweratmige Kommissar, der immer ein bisschen hintendran wirkt, mag so ganz anders sein als Knaups Rollen zuvor. Aber wenn Knaup als Kluftinger stoisch die Kollegen aus dem Musikverein aus dem Auto wirft, weil er "a Leichasach" hat und nicht zur Probe fahren kann, dann sagt alles an ihm: Ich will meine Ruhe!
Geht es um Drogen, die Russenmafia - oder um Milch?
Kluftinger ist einer, der es gemütlich mag. Ein Grantler, der sich nicht verbiegt und nie so tut, als wüsste er alles. Er nutzt weder Handy noch Internet. Alles Neue ist ihm suspekt. "Die Synapsenschaltung in seinem Hirn ist auch ein bisschen anders", sagt Herbert Knaup. Denn der Kommissar braucht schon mal länger. Seine Fälle löst er durch behäbiges Agieren, langes Nachdenken, mit Glück und Kässpatzn.
In "Milchgeld" legt er sich, ohne es zu wollen, mit allen an. Seine Frau fliegt ohne ihn nach Mallorca, sein Vater (Tilo Prückner), pensionierter Dorfpolizist, stachelt die Nachbarschaft auf - nur "die Russen" können für den Mord verantwortlich sein. Und die Kumpels vom Musikverein fühlen sich verdächtigt. Kluftinger steht plötzlich allein da. Was weiß die illegale Putzfrau, was die Geliebte des Opfers? Geht es um Drogen, die Russenmafia? Oder doch nur um Milch?
Liebevoll altmodisch erzählt Regisseur Rainer Kaufmann diesen Heimatfilm, gemütlich, direkt und ungekünstelt. Der Humor ist mal laut, etwa wenn Kluftinger bei der Verfolgungsjagd auf dem Friedhof ins offene Grab fällt. Oder leiser, wenn er in Hygieneschutzkleidung über dem massigen Bauch durch die Molkerei stapft. Die Ausstattung stimmt bis ins kleinste Detail, die Nebenrollen sind glaubwürdig besetzt: Johannes Allmayer gibt den Klugscheißer-Kollegen aus dem Badischen, Jockel Tschiersch ist der loyale Freund mit dem trockenen Witz.
Neben all den komödiantischen Finessen erzählt "Milchgeld" auch ernst und aktuell vom Überlebenskampf der Kleinbauern, vom schwindenden Wert der Lebensmittel, von Globalisierung und Ausbeutung. Das Allgäu, wie Herbert Knaup es in seiner Kindheit erlebt hat, gibt es nicht mehr. "Du bist direkt in die Natur gefallen, wenn du die Tür aufgemacht hast. Die Grashalme waren doppelt- und dreimal so dick wie überall sonst. So kam es einem zumindest vor", so erzählt er von damals.
Mit 17, 18 wollte er trotzdem weg. "Ellen von Unwerth, die jetzt eine weltberühmte Fotografin ist, und ich, wir waren ein Paar und haben gespürt, jetzt muss es irgendwo losgehen", sagt Knaup. Seine Geschwister waren da Vorreiter und Vorbilder für ihn. "Eine Schwester war schon in London und sang bei der Rockgruppe 'Amon Düül', die andere war in München unterwegs, mein Bruder war in Amerika und Kanada, da spürte ich, es gibt noch was anderes."
Heute lebt Herbert Knaup in Berlin. Für den Kluftinger zog er wieder in die alte Heimat. Auf Zeit, redete wie die Leute da, wie früher also. Ob man das versteht? Sollte jeder selber prüfen.
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