"Mildred Pierce"-Regisseur Haynes: "Klasse ist die große amerikanische Phantasie"

Im US-Kino gilt Todd Haynes als einer der größten Regisseure. Jetzt startet seine erste TV-Arbeit im deutschen Fernsehen, die preisgekrönte Mini-Serie "Mildred Pierce". Im Interview spricht er über die Arbeit mit Kate Winslet - und darüber, warum Armut in den USA ein so großes Tabu ist.

Mini-Serie "Mildred Pierce": Gelockt und verraten vom Geld Fotos
AP

SPIEGEL ONLINE: Sie sind für Experimente bekannt. Bei "Mildred Pierce" hatten Sie jetzt einen Oscar-Film als Vorlage, die erfolgreiche Serienschmiede HBO als Sender und Superstar Kate Winslet für die Titelrolle. Es geht um eine Mutter, die sich 1931 nach der Trennung vom Ehemann einen Job suchen muss und schließlich eine ganze Restaurantkette gründet. Sind Sie auf Nummer sicher gegangen?

Haynes: Ach, alle Projekte sollten riskant sein, sonst gibt es keinen Grund, sie zu machen. Hier war der Drehplan das härteste und neueste, schließlich kamen wir alle vom Film. Die Aussicht, fünf bis acht Seiten Dialog an einem Tag drehen zu müssen, war schrecklich. Letztlich war es aber toll, weil alle diese großartigen Leute sich mit aller Verve hineingestürzt haben. Wir haben es gelebt und geatmet. Kate Winslet meinte, es wären ihre härtesten Dreharbeiten seit "Titanic" gewesen. Nach der Premiere auf den Filmfestspielen von Venedig wurden wir dann mit viel Applaus bedacht, und Kate schnappte sich mich und sagte: "Lass es uns sofort noch mal machen!"

SPIEGEL ONLINE: Ging es Ihnen ähnlich? Hätten Sie auch sofort weitergemacht?

Haynes: Ja, ich habe genau verstanden, was sie meinte. Es gab keine Schwachstelle im Team. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich habe schon mit großartigen Leuten zusammengearbeitet, aber die Produktionsprozesse waren meist unsicher, das Geld musste von überall her zusammengekratzt werden. Bei "Mildred Pierce" habe ich zum ersten Mal mit einem solventen Studio zusammengearbeitet, das absolut hinter uns stand, der einzige Geldgeber war und aus lauter klugen Leuten bestand, die wollten, dass die Serie komplex und anspruchsvoll wird. Ich dachte mir: What the fuck? So was hört man sonst nie!

SPIEGEL ONLINE: Gerade bei den ersten Folgen fällt das Erzähltempo auf: Sie nehmen sich viel Zeit, tief in die Lebenswelten Ihrer Charaktere einzudringen. War es für Sie als Filmregisseur eine große Umstellung, auf einmal so viel Zeit zur Verfügung zu haben?

Haynes: Nein, das Erzähltempo haben meine Co-Autoren und ich schon im Drehbuch angelegt. Durch die Entscheidung, "Mildred Pierce" als Serie zu erzählen, wussten wir, dass wir genug Zeit haben würden, den ganzen Stoff des Romans zu erzählen. Wir mussten nur festlegen, wo wir die Schnitte für die fünf Episoden ansetzen. Als wir das wussten, ergaben sich die Erzählstrukturen: Teil drei und fünf sind sehr voll an Stoff, während Mildred in Teil vier eher außerhalb der Handlung steht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist für Sie an "Mildred Pierce" modern? Die Romanvorlage stammt immerhin aus dem Jahr 1945.

Haynes: Die Art, wie die Geschichte sowohl den häuslichen Raum als auch den Arbeitsplatz einbezieht. Die Verschmelzung der verschiedenen Bereiche erleben zurzeit viele Menschen, die finanziell zu kämpfen haben. Vieles an "Mildred Pierce" ist aber auch einzigartig. In den Zwanzigern wurden traditionelle Rollen hinterfragt, die Spielräume für Frauen vergrößerten sich. Ein seltsamer, einzigartiger Wandel, den wir da als Ausgangspunkt unserer Geschichte hatten: Am Anfang besetzen Frauen alle Machtpositionen, und die Männer haben keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten. Als die wirtschaftliche Depression einsetzte, wuchs der Druck, zu herkömmlichen Familienmodellen zurückzukehren.

SPIEGEL ONLINE: Geht es Ihnen also vor allem um die Beziehungen zwischen Männern und Frauen?

Haynes: Nein, denn die Frauen in unserer Geschichte eignen sich schwerlich als Vorbilder. Ich liebe ihre Pathologien, die ironischerweise Erfolge befeuern. Mildreds Besessenheit von ihrer Tochter Veda ist zum Beispiel nicht gesund, aber sie setzt Energie in Mildred frei, die sie in ihre Arbeit steckt. Und sie reüssiert überwältigend und entdeckt Talente in sich, von denen sie noch nichts wusste. Von außen wirkt das beeindruckend, von innen betrachtet ist die Fixierung aber immer noch falsch. Ich glaube, damit können sich viele identifizieren: Oft verbeißen wir uns in schlechten Beziehungen oder fehlgeleiteten Begierden und müssen das in etwas Produktives überführen, um überleben zu können. Und wir schaffen es! Schon erstaunlich, welche Kräfte wir aus negativen Fixierungen gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Besonders an "Mildred Pierce" ist auch, dass Klasse thematisiert wird: Mildred muss aus schierer Not einen Job suchen, wird aber von ihrer Tochter für ihre Strebsamkeit verachtet. Für US-Filme und -Serien ist das eine absolute Ausnahme.

Haynes: Absolut. Das liebe ich auch so an dem Buch - im Film wird Klasse nicht so erschöpfend dargestellt und auch nicht bis zum Ende verfolgt, wohin Mildreds Aufstiegshoffnungen führen. Ihr dringendster Wunsch wird zwar erfüllt, und Veda gelingt der Aufstieg in die Oberschicht. Aber das schneidet Mildred gleichzeitig von ihrer Tochter ab. Alle Widersprüche, die die Aufstiegshoffnungen der Mittelschicht mit sich bringen, werden damit erzählt. Geld ist eine Metapher für eigentlich alle Beziehungen in der Geschichte.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. "Mildred Pierce"-Regisseur Haynes: "Klasse ist die große amerikanische Phantasie"
Phoenix2006 03.03.2012
Zitat von sysopIm US-Kino gilt Todd Haynes als einer der größten Regisseure. Jetzt startet seine erste TV-Arbeit im deutschen Fernsehen, die preisgekrönte Miniserie "Mildred Pierce". Im Interview spricht er über die Arbeit mit Kate Winslet - und darüber, warum Armut in den USA ein so großes Tabu ist. "Mildred Pierce"-Regisseur Haynes: "Klasse ist die große amerikanische Phantasie" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,818836,00.html)
Vorbemerkung: Die USA gelten als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Wieso koennen oder wollen sie nicht eine soziale Krankenversicherung entwickeln (z.B:Deutschland , Schweiz Rentenversicherung)?
2. ...
Oinkidoink 03.03.2012
Zitat von Phoenix2006Vorbemerkung: Die USA gelten als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Wieso koennen oder wollen sie nicht eine soziale Krankenversicherung entwickeln (z.B:Deutschland , Schweiz Rentenversicherung)?
Weil das sozialistisch und unamerikanisch ist. ^^
3. Sozialismus
Agentsnake 03.03.2012
Zitat von Phoenix2006Vorbemerkung: Die USA gelten als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Wieso koennen oder wollen sie nicht eine soziale Krankenversicherung entwickeln (z.B:Deutschland , Schweiz Rentenversicherung)?
Weil die USA den Kapitalismus bevorzugen. Richtig oder falsch lassen wir mal dahin gestellt es gibt hier ja auch ein Sozialsystem verhungern tut hier keiner. Und bitte ..... jetzt kommen Sie mir nicht mit gleiche med. Versorgung fuer alle oder Rentenansprueche fuer Leute die nieh gearbeitet haben usw. Wer sein leben lang auf kosten des Staates lebt braucht keine 1a med. Versorgung es reicht hier basic und nicht grossartige Vorsorge damit der jenige dem Staat noch moeglichst lange auf der Tasche liegt. Jeder groessere Firma hat fuer Ihre Mitarbeiter Krankenversicherungen und wer nix zu fressen hat dem wird geholfen das ist ok so das ermutigt die Leute wenigstens zur Job suche. Und sicher es gibt aucheine Rentenversicherung nur sollte man hier besser auch ein wenig selber vor sorgen. Ich sehe ein viel groesseres Problem in der Abzocke was die Collage und University student loan geschichte so an geht da ist das US system total krank und schlecht fuer die Studenten.
4. mildred pierce
marlene9000 03.03.2012
Zitat von sysopIm US-Kino gilt Todd Haynes als einer der größten Regisseure. Jetzt startet seine erste TV-Arbeit im deutschen Fernsehen, die preisgekrönte Miniserie "Mildred Pierce". Im Interview spricht er über die Arbeit mit Kate Winslet - und darüber, warum Armut in den USA ein so großes Tabu ist. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,818836,00.html
kein wort darüber, dass der film mit joan crawford verfilmt wurde und sie dafür einen oscar erhielt! sehr schwach!!!
5. Unsinn
feverpitch 03.03.2012
Zitat von AgentsnakeWeil die USA den Kapitalismus bevorzugen. Richtig oder falsch lassen wir mal dahin gestellt es gibt hier ja auch ein Sozialsystem verhungern tut hier keiner. Und bitte ..... jetzt kommen Sie mir nicht mit gleiche med. Versorgung fuer alle oder Rentenansprueche fuer Leute die nieh gearbeitet haben usw. Wer sein leben lang auf kosten des Staates lebt braucht keine 1a med. Versorgung es reicht hier basic und nicht grossartige Vorsorge damit der jenige dem Staat noch moeglichst lange auf der Tasche liegt.
Bezahlt Ihnen die Tea Party eigentlich Ihre Kommentartätigkeit bei SPON? Ihr Leben in den USA muss ja wahnsinnig aufregend sein, wenn Sie nebenbei noch in diesem Forum Ihren Neocon-Unsinn absondern müssen. "Verhungern tut keiner". Nun ja, Sie scheinen offenbar keine US-Zeitungen zu lesen. Ansonsten wüssten Sie es besser.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Fernsehserien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
  • Zur Startseite
Zur Person
Todd Haynes, Jahrgang 1961, erlebte seinen Mainstream-Durchbruch mit dem Glamrock-Epos "Velvet Goldmine", für das er 1998 in Cannes die Goldene Palme gewann. Danach folgten u.a. das Melodram "Dem Himmel so fern" (2002) und das Dylan-Filmexperiment "I'm not there" (2007). "Mildred Pierce" ist seine erste Arbeit fürs Fernsehen. Der gleichnamige Roman von James M. Cain wurde 1945 mit Joan Crawford verfilmt, die für ihre Rolle einen Oscar gewann. In Haynes' Neuverfilmung, für die er zusammen mit Jon Raymond das Drehbuch schrieb, spielt Oscar-Gewinnerin Kate Winslet die Titelrolle.