Von Christian Buß
Das nennt man einfühlsame Undercover-Arbeit: Ermittler Pöschel (Andreas Guenther) wurde in die Zelle eines Gewalttäters eingeschleust, wo er Informationen über einen ermordeten Knastbruder zu bekommen versucht. Doch während er sich diskret zum Zellenfenster wendet, versucht sein fetter Zellengenosse auf dem Lokus in der Ecke sein Geschäft zu verrichten. Der Dicke blättert im Comic, raucht seine Zigarette, Pöschel redet derweil sanft auf ihn ein. Fast wie eine Mutter, die ihr Kind besäuselt, während es auf dem Töpfchen hockt: Na, kommt da noch was? Doch, Pech für Pöschel, der Fettsack zieht bald entnervt die Hosen hoch und schmeißt sich schweigend auf die Pritsche.
Erdacht hat sich die Szene in dem neuen Rostocker "Polizeiruf" Eckhard Theophil, der einst selber im Knast saß, dann mäßig erfolgreich als Sozialarbeiter tätig war und heute einer der eigenwilligsten Drehbuchautoren Deutschlands ist. Schon oft hat er seine Gefängniserlebnisse in Dramen verarbeitet, in denen er realistische Momente mit Ironie auflädt - am schönsten in seiner schwulen Knacki-Romanze "Der Boxer und die Friseuse", die 2004 in der ARD lief.
In Eoin Moore, dem Head-Autoren des NDR-"Polizeiruf", der alle Folgen überwacht und sie als übergreifende Erzählung bündelt, findet Theophil den perfekten Partner. Auch der gebürtige Ire kennt die unteren Zonen der Gesellschaft aus persönlicher Erfahrung, auch er erzählt seine Sozialtragödien mit bösem Witz. Unvergessen sein Schläger-Melodram "Pigs Will Fly" aus dem Jahr 2002.
König im Koma, Bukow als Brechstange
In diesem "Polizeiruf" (Regie: Christian von Castelberg) gibt es nun eine ganze Reihe von Szenen, die Gespür für gesellschaftliche Randzonen beweisen und die zugleich ironisch gebrochen sind. Etwa wenn der Polizist Alexander Bukow (Charly Hübner), der zuvor mitansehen musste, wie seine Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ins Koma geschossen wurde, einen zu Geld gekommenen Kleingangster in dessen Apartment im teuersten und geschmacklosesten Neubauviertel von Rostock verhört. Der Kleingangster droht dem Bullen, ihn kalt zu machen, wenn er noch einmal mit Schuhen auf seinen 1000-Euro-Teppich tritt. Die schlimmsten Spießer von allen? Assis, die zu Geld gekommen sind.
In keinem anderen deutschen TV-Krimi wird derzeit so präzise das gelobte Filmemacher-Land vermessen, das früher einmal unter dem Begriff "Milieu" gefeiert wurde. Das liegt natürlich auch an den Machern: Wie findet man schon dieses Milieu, wenn man als Autor oder Regisseur in Hamburg-Ottensen oder Berlin-Mitte sitzt? Unlängst gab es eine hübsche Episode des Berliner "Tatort", in der zwischen Latte-Tempeln und Schultheiss-Kneipen selbstironisch nach den letzten Spuren des alten Westberliner Miljös gesucht wurde.
Nun tut sich dieses vielgesuchte Milieu in Rostock auf, einer Stadt am Rand der Republik, in der kein Hamburger oder Berliner Drehbuchautor begraben liegen möchte. Wie im NDR-"Polizeiruf" tiefster alter Osten auf neue Bundesrepublik trifft, das erinnert in seiner schroffen Art an die Duisburger "Tatorte" mit Schimanski, die ja immer auch von dem Strukturwandel erzählten, der sich in den achtziger und neunziger Jahren in der Region vollzog. Ist Rostock das neue Duisburg? Auf jeden Fall passt es ins Bild, dass der Polizist Bukow mit seinen problematischen Verbindungen in die Halbwelt immer mehr zu einem Schimanski wird. Und genau wie der steckt Bukow mindestens so viel ein, wie er austeilt.
Der Schauspieler Hübner füllt die Rolle perfekt aus, ohne dabei auf Mackertum zurückgreifen zu müssen. Sein zu Amtsmissbrauch neigender Bukow ist eine komplett in sich schlüssige Variation des entfesselten Gesetzeshüters; die ewige Nervosität seiner Figur ist nicht machistisch, sondern rollenbiografisch aufgeladen. Zwar gibt es ausgerechnet in dieser fulminant gespielten "Polizeiruf"-Folge einige haarsträubende Logik-Fehler, aber die Explosionen von Gewalt sind allesamt sauber aufgebaut. Einmal steigt Bukow zum Beispiel in den Ring einer Boxbude, um aus einem Zeugen die nötigen Informationen heraus zu prügeln. Es wirkt ein bisschen wie Schattenboxen, so als würde Bukow auf die Dämonen der eigenen Vergangenheit einprügeln.
Am Ende - so viel darf hier verraten werden - ist man doch sehr froh, dass Bukows Kollegin König wieder aus dem Koma erwacht. Würde sie nicht auf ihn aufpassen, der Raging Bulle würde sich vollends im Verbrechen verlieren.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Im Fadenkreuz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH