Milieu-"Polizeiruf" aus Rostock: Der neue Schimmi ist ein Ossi

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Ist Rostock das neue Duisburg? Wie einst im "Tatort" mit Götz George leuchtet der "Polizeiruf" das Milieu der Proleten und Kleingangster aus. Und Charly Hübner gibt seinen Ermittler als gekonnte Schimanski-Variation: Bulle Bukow steckt mindestens so viel ein, wie er austeilt.

Charly Hübner im Rostocker "Polizeiruf": Bukow boxt sich durch Fotos
NDR

Das nennt man einfühlsame Undercover-Arbeit: Ermittler Pöschel (Andreas Guenther) wurde in die Zelle eines Gewalttäters eingeschleust, wo er Informationen über einen ermordeten Knastbruder zu bekommen versucht. Doch während er sich diskret zum Zellenfenster wendet, versucht sein fetter Zellengenosse auf dem Lokus in der Ecke sein Geschäft zu verrichten. Der Dicke blättert im Comic, raucht seine Zigarette, Pöschel redet derweil sanft auf ihn ein. Fast wie eine Mutter, die ihr Kind besäuselt, während es auf dem Töpfchen hockt: Na, kommt da noch was? Doch, Pech für Pöschel, der Fettsack zieht bald entnervt die Hosen hoch und schmeißt sich schweigend auf die Pritsche.

Erdacht hat sich die Szene in dem neuen Rostocker "Polizeiruf" Eckhard Theophil, der einst selber im Knast saß, dann mäßig erfolgreich als Sozialarbeiter tätig war und heute einer der eigenwilligsten Drehbuchautoren Deutschlands ist. Schon oft hat er seine Gefängniserlebnisse in Dramen verarbeitet, in denen er realistische Momente mit Ironie auflädt - am schönsten in seiner schwulen Knacki-Romanze "Der Boxer und die Friseuse", die 2004 in der ARD lief.

In Eoin Moore, dem Head-Autoren des NDR-"Polizeiruf", der alle Folgen überwacht und sie als übergreifende Erzählung bündelt, findet Theophil den perfekten Partner. Auch der gebürtige Ire kennt die unteren Zonen der Gesellschaft aus persönlicher Erfahrung, auch er erzählt seine Sozialtragödien mit bösem Witz. Unvergessen sein Schläger-Melodram "Pigs Will Fly" aus dem Jahr 2002.

König im Koma, Bukow als Brechstange

In diesem "Polizeiruf" (Regie: Christian von Castelberg) gibt es nun eine ganze Reihe von Szenen, die Gespür für gesellschaftliche Randzonen beweisen und die zugleich ironisch gebrochen sind. Etwa wenn der Polizist Alexander Bukow (Charly Hübner), der zuvor mitansehen musste, wie seine Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ins Koma geschossen wurde, einen zu Geld gekommenen Kleingangster in dessen Apartment im teuersten und geschmacklosesten Neubauviertel von Rostock verhört. Der Kleingangster droht dem Bullen, ihn kalt zu machen, wenn er noch einmal mit Schuhen auf seinen 1000-Euro-Teppich tritt. Die schlimmsten Spießer von allen? Assis, die zu Geld gekommen sind.

In keinem anderen deutschen TV-Krimi wird derzeit so präzise das gelobte Filmemacher-Land vermessen, das früher einmal unter dem Begriff "Milieu" gefeiert wurde. Das liegt natürlich auch an den Machern: Wie findet man schon dieses Milieu, wenn man als Autor oder Regisseur in Hamburg-Ottensen oder Berlin-Mitte sitzt? Unlängst gab es eine hübsche Episode des Berliner "Tatort", in der zwischen Latte-Tempeln und Schultheiss-Kneipen selbstironisch nach den letzten Spuren des alten Westberliner Miljös gesucht wurde.

Nun tut sich dieses vielgesuchte Milieu in Rostock auf, einer Stadt am Rand der Republik, in der kein Hamburger oder Berliner Drehbuchautor begraben liegen möchte. Wie im NDR-"Polizeiruf" tiefster alter Osten auf neue Bundesrepublik trifft, das erinnert in seiner schroffen Art an die Duisburger "Tatorte" mit Schimanski, die ja immer auch von dem Strukturwandel erzählten, der sich in den achtziger und neunziger Jahren in der Region vollzog. Ist Rostock das neue Duisburg? Auf jeden Fall passt es ins Bild, dass der Polizist Bukow mit seinen problematischen Verbindungen in die Halbwelt immer mehr zu einem Schimanski wird. Und genau wie der steckt Bukow mindestens so viel ein, wie er austeilt.

Der Schauspieler Hübner füllt die Rolle perfekt aus, ohne dabei auf Mackertum zurückgreifen zu müssen. Sein zu Amtsmissbrauch neigender Bukow ist eine komplett in sich schlüssige Variation des entfesselten Gesetzeshüters; die ewige Nervosität seiner Figur ist nicht machistisch, sondern rollenbiografisch aufgeladen. Zwar gibt es ausgerechnet in dieser fulminant gespielten "Polizeiruf"-Folge einige haarsträubende Logik-Fehler, aber die Explosionen von Gewalt sind allesamt sauber aufgebaut. Einmal steigt Bukow zum Beispiel in den Ring einer Boxbude, um aus einem Zeugen die nötigen Informationen heraus zu prügeln. Es wirkt ein bisschen wie Schattenboxen, so als würde Bukow auf die Dämonen der eigenen Vergangenheit einprügeln.

Am Ende - so viel darf hier verraten werden - ist man doch sehr froh, dass Bukows Kollegin König wieder aus dem Koma erwacht. Würde sie nicht auf ihn aufpassen, der Raging Bulle würde sich vollends im Verbrechen verlieren.


"Polizeiruf: Einer trage des anderen Last", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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1. -
Pulvertoastmann 17.02.2012
Bukow ist eh der Beste. Und inzwischen steckt der Polizeiruf auch locker den Tatort in die Tasche...
2.
niska 17.02.2012
Zitat von PulvertoastmannBukow ist eh der Beste. Und inzwischen steckt der Polizeiruf auch locker den Tatort in die Tasche...
Exakt. Aber nur mit König ist er komplett.
3. Bin auch...
heineborel 17.02.2012
Zitat von sysopNDRIst Rostock das neue Duisburg? Wie einst im "Tatort" mit Götz George leuchtet der "Polizeiruf" das Milieu der Proleten und Kleingangster aus. Und Charly Hübner gibt seinen Ermittler als gekonnte Schimanski-Variation: Bulle Bukow steckt mindestens so viel ein, wie er austeilt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,815135,00.html
... ein großer Fan von diesem Polizei-Ruf. Die ersten 2 (oder waren es schon 3) Folgen waren wirklich super! Man rufe sich nur den Tatort vom letzten Sonntag mal ins Gedächtnis... :( da freue ich mich doch heute schon auf Sonntag abend!
4. Es waren schon 4 Folgen..
derblöde 17.02.2012
Überhaupt stecken Polizeirufe aus Rostock oder München zur Zeit die meisten Tatorte locker in die Tasche.
5.
marker 17.02.2012
Zitat von sysopNDRIst Rostock das neue Duisburg? Wie einst im "Tatort" mit Götz George leuchtet der "Polizeiruf" das Milieu der Proleten und Kleingangster aus. Und Charly Hübner gibt seinen Ermittler als gekonnte Schimanski-Variation: Bulle Bukow steckt mindestens so viel ein, wie er austeilt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,815135,00.html
SPON widert mich einfach nur noch an. Westdeutsche Ignoranz gepaart mit Hamburger Überheblichkeit trifft ziemlich genau das Niveau, das Spiegel und SPON in den letzten Jahren erreicht haben. Das Schlimmste ist wohl dabei, daß den Redakteuren ihre selbstgefällige Scheinheiligkeit noch nicht einmal bewußt ist. Peinlich!
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.