Von Mathias Zschaler
Der deutsche Föderalismus mutet nicht immer als die beste aller staatlichen Organisationsformen an. Und wenn dann auch noch Länderchefs richtigen Mist bauen, wie das gerade in letzter Zeit häufiger vorkommt, droht - auch überdeckt vom Dauerrauschen des bundespolitischen Betriebs - bisweilen die Tatsache unterzugehen, dass es recht respektable Ministerpräsidenten gibt. Gleich drei von ihnen saßen gestern bei Reinhold Beckmann, dem bewährten Promi-Flüsterer der ARD, und waren dort gesprächstechnisch bestens aufgehoben. Ein vierter musste sich im ZDF von Markus Lanz befragen lassen, bei dem es stets etwas burschikoser zugeht. Das ergab erstens eine nicht alltägliche Bildschirmpräsenzquote von Landeschefs und zweitens ein paar interessante Kontraste und Schnittpunkte.
Dass Beckmann seine Veranstaltung mit Hannelore Kraft (Nordrhein-Westfalen) Winfried Kretschmann (Baden-Württemberg) und Annegret Kramp-Karrenbauer (Saarland) nun gleich als Ministerpräsidenten-Gipfel ausgab, klang zwar ein bisschen übertrieben, doch muss man ihm attestieren, dass er etwas zustande brachte, das aus dem inflationären Talkshow-Schwall ein gutes Stück herausragte: nämlich ein sorgfältig moderiertes, wohltemperiertes und in mancherlei Hinsicht ergiebiges Gespräch dreier bodenständiger, handfester Politiker jenseits der üblichen Aufgeregtheiten.
In schwierigen Zeiten gilt es, zum Konsens zu kommen
Gelegentlich schien es, als hätten die Drei ihre Parteibücher bewusst zu Hause gelassen, um einmal einfach so von Frau zu Frau und Mann über ein paar grundlegende Fragen des politischen Geschäfts zu reden - und nicht nur darüber. CDU-Frau Kramp-Karrenbauer erzählte ebenso entspannt über ihre seinerzeitigen Probleme, Kinder, Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen, wie ihre SPD-Kollegin (mit neuer Frisur übrigens) Einblicke in die heimischen Urlaubsgewohnheiten gab: Man fährt ins sauerländische Sundern in ein Sportheim.
Kretschmann, der wie üblich zum Homer lesen in Griechenland weilte, offenbarte nicht nur, welche "Irrwege" er genommen habe, um sich vom Kommunisten zu einem zutiefst überzeugten Demokraten zu wandeln, sondern beantwortete auch mit fast all seinen Gesten und Mienen und Statements definitiv des Gastgebers Eingangsfrage, wer denn wohl der Konservativste in der Runde sein. Nein, Politik müsse keinen Spaß machen - sinnvoll müsse sie sein, und sie könne einen auch schon mal um den Schlaf bringen. Vor allem gelte es in solch schwierigen Zeiten wie diesen, zur Einigung zu gelangen, zum Konsens.
Von dem gab es jede Menge in dieser temporären schwarz-rot-grünen Koalition, ob in Bezug auf die Behandlung der enormen europäischen Komplikationen, die Regelung der Finanzmärkte oder der Ankauf von Steuersünder-CDs und Abkommen mit der Schweiz. Da wurde einander meist beifällig zugenickt. Das hatte auch etwas Beruhigendes, Wohltuendes. Als Zuschauer ertappte man sich erstaunt bei dem Gedanken, dass Politiker womöglich doch fähig sind, Probleme zu lösen, wenn sie sich nur mal in Ruhe zusammensetzen und vernünftig reden, statt künstliche Konflikte aufzubauschen.
In solch einer Atmosphäre fällt es dann offenbar auch leichter, selbstkritisch über die leidigen inneren Personal- und Programmangelegenheiten der eigenen Partei zu reden. Nein, er halte überhaupt nichts von der nach wie vor angestrebten Doppelspitze, bekannte der Grüne. Politik brauche Führung, und die könne immer nur einer allein leisten. Ja, es gebe doch einigen Diskussionsbedarf über konservative Positionen in der Union, räumte die Schwarze ein, was die Rote zur einzigen leicht ironischen Bemerkung dieses überaus ernsthaften Abends veranlasste: dass sich die vermeintliche Sozialdemokratisierung der CDU eben häufig als Etikettenschwindel erweise.
Selbstgespräche nur noch mit Topfpflanzen
Derweil demonstrierte der Niedersachse David McAllister nebenan bei Lanz, dass Politik bisweilen doch ein bisschen spaßig sein kann, beispielsweise dann, wenn ein Ministerpräsident ein im eigenen Haus zusammengebasteltes Interview per Flächenabwurf lokalen Anzeigenblättern anzudienen versuchen lässt und hinterher im Fernsehen erklären soll, wie es zu solch einer Peinlichkeit kommen konnte. Offenbar fest entschlossen, die Geschichte einfach wegzulachen, deklarierte er sie nachträglich als Idee, die "suboptimal umgesetzt" worden sei, nahm alles auf seine Kappe und versprach hoch und heilig, er werde künftige Selbstgespräche nur noch mit seinen Topfpflanzen führen.
Ob dem CDU-Mann das jüngst zuteil gewordene heftige CSU-Lob von Horst Seehofer, der ihn als potentiell geeignet für höchste Ämter empfohlen hatte, dabei geholfen hat, sozusagen einen inneren Souveränitätsüberschuss zu erwirtschaften, der ihm die öffentliche Zerknirschung umso leichter machte, blieb dabei offen. McAllister beteuerte aber nicht minder vehement, dass er in Hannover zu bleiben gedenke - und erinnerte in diesem Zusammenhang an Frau Kraft, die dies unlängst an gleicher Stelle für sich und ihr Amt in Düsseldorf versichert habe.
Wie das Leben so spielt, wurde die dann kurz darauf natürlich auch von Beckmann gefragt, ob sie es sich denn angesichts des bisher ziemlich unergiebigen Gerangels der drei männlichen Anwärter auf die Kanzlerkandidatur nicht doch noch mal überlegen wolle. Sie hat das abermals freundlich, jedoch sehr entschieden ganz weit von sich gewiesen und nebenbei Sigmar Gabriel gegen jene in Schutz genommen, die ihm vorwerfen, er betreibe derzeit als frisch gebackener Vater "PR vom Wickeltisch aus". Die Frage, ob es für Kanzlerin Angela Merkel günstiger sei, wenn Hannelore Kraft nicht gegen sie antrete, musste somit von einer nun milde lächelnden Frau Kramp-Karrenbauer nicht mehr beantwortet werden. Dass sie ihrerseits in Saarbrücken bleiben will, genau wie Kretschmann im Ländle ("man muss wissen, wo sein Platz ist"), wurde dann der Vollständigkeit halber auch noch zu Protokoll gegeben.
Auf die langfristige Haltbarkeit aller vier landesväterlichen bzw. -mütterlichen Heimattreueschwüre sollte man aber wohl besser keine zu hohen Wetten abschließen.
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