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Missbrauchs-Talk bei Maischberger: Anklage ist die schlechteste Verteidigung

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Selbstdemontage bei "Menschen bei Maischberger": In der Diskussion um Kindesmissbrauch durch Priester zeigt sich, dass die Verteidiger der katholischen Kirche mit dem Rücken zur Wand stehen. Ihre Argumente: Die anderen sind schuld - oder mindestens genauso schlimm.

Musiker Wittenbrink, Bischof Laun bei Maischberger: "Kopfnüsse für falsche Noten" Zur Großansicht
WDR

Musiker Wittenbrink, Bischof Laun bei Maischberger: "Kopfnüsse für falsche Noten"

Es war Ostern, und wie so oft vorher haben sie mit den anderen Kindern aus der Gemeinde auf dem Dachboden herumgetollt. Aber irgendwann waren die anderen Kinder gegangen und Benedikt Treimer und seine beiden Geschwister brauchten jemanden, der mit ihnen spielt. Die Eltern waren beschäftigt, aber der Kaplan sagte: Klar spiele ich mit euch. Also kam er mit auf den Dachboden.

"Wen ich erwische, der gehört mir", sagte der Kaplan, und erwischt hat er dann Benedikt, damals zwölf Jahre alt, und spätestens, als die Hand des Kaplans in seiner Hose war, wusste Benedikt, dass es kein Spiel mehr war. Danach sollten sich dann die beiden Geschwister verstecken, während der Kaplan und Benedikt im Nebenzimmer warteten, und kaum waren Bruder und Schwester außer Sichtweite, umarmte der Kaplan Benedikt von hinten, verlangte, dass er die Hose herunterziehe, bedrängte ihn.

Daheim erzählte die Schwester alles, zum Glück, denn Benedikt war so geschockt, dass er gar nichts sagen wollte. Immer hatte die Mutter der Kirche vertraut, war selbst engagierte Christin und jetzt das. Dieser Kaplan war ihr schon vorher aufgefallen: Ihr Vater lag im Sterben, und dieser Mann saß stumm neben ihr, eiskalt, es interessierte ihn nicht. Die Mutter informierte den Stadtpfarrer, der glaubte ihr sofort, das wundert sie noch heute, und am nächsten Tag war der Kaplan verschwunden. Zu einer Anzeige kam es nicht.

Benedikt wollte nicht mehr über den Vorfall sprechen, er wollte ihn vergessen, und der Anwalt sagte: Wenn ihr vor Gericht geht, wird alles an die Öffentlichkeit gezerrt. Die Familie unterschrieb ein Stillschweigeabkommen mit der Kirche. Benedikt bekam etwas Geld und einen lauwarmen Entschuldigungsbrief des Kaplans. Die Familie forderte, dass dieser Mann nie wieder in der Jugendarbeit eingesetzt werden dürfe, doch die Kirche verweigerte eine Garantie. Und so kam es, dass der pädophile Kaplan wenig später wieder im Auftrag der Kirche mit Kindern zu tun hatte, da missbrauchte er dann einen kleinen Jungen 22-mal.

"Ich trauere um die Kirche"

Sie macht das gut. Sandra Maischberger hatte sich am Dienstagabend das Thema "Die Priester und der Sex: Verschweigen, verleugnen, vertuschen?" vorgenommen. Und Maischberger lässt zuerst und konsequent die Opfer zu Wort kommen, lässt sie ausreden, ihre Geschichten erzählen, hört zu.

Die Geschichte von Benedikt spricht für sich. Wer wollte so einen ungeheuerlichen Vertrauensmissbrauch, wie er ihn erlebt hat, rechtfertigen? Wer könnte eine Kirche verteidigen, die wissentlich einen Pädophilen wieder auf Kinder loslässt? Wer wollte eine Institution entschuldigen, die, wie der Komponist und ehemalige Regensburger Domspatz Franz Wittenbrink berichtet, sadistische Gemeinheiten als Erziehungsmethode zulässt?

"Ich will einen kleinen Zwischenruf machen", sagt der Salzburger Weihbischof Andreas Laun, aber Maischberger lässt es nicht zu, dass er Wittenbrink unterbricht, noch nicht, erst darf der Musiker noch in Ruhe die Kopfnüsse und die eingerissenen Ohren beschreiben, die er als Kind in Regensburg erlebt hat, dann kommt der Bischof zu Wort. Und erzählt von seinem Vater. Der habe ihn ja auch geschlagen. Gewalt in der Erziehung habe eine lange Geschichte, die habe es nicht nur in der Kirche gegeben. So sieht das auch die Schriftstellerin Gabriele Kuby. Sie trauert um die Kirche, sagt sie. Denn die Kirche habe doch eine wunderbare Botschaft zu verkünden von der Liebe Gottes, die werde jetzt ja völlig verdeckt. Missbrauch gebe es überall, in der ganzen Gesellschaft, das sei kein kirchliches Problem.

Es sollte an diesem Abend die einzige Argumentationslinie der Verteidiger bleiben: Gewalt und Missbrauch ist zwar schlimm, alles muss aufgeklärt werden, aber so etwas gab es schon immer. Und längst nicht nur in der katholischen Kirche, sondern überall. Im Fall von Benedikt, sagt der Bischof, sei es wohl so, dass ein Einzelner in der kirchlichen Verwaltung versagt habe, als er den Kaplan wieder auf Kinder losgelassen hat. Nein, da sei kein System.

"Wir haben es mal mit einer Karte versucht", sagt Sandra Maischberger. Ihr roter Hosenanzug erinnert ein wenig an den Papst oder an den Teufel, auch ästhetisch also ausgewogen, und die Einblendung der Landkarte macht auch dem letzten Zuschauer augenfällig, dass von Einzelfällen längst nicht mehr die Rede sein kann. In 20 von 27 deutschen Bistümern wurden in den vergangenen Wochen Missbrauchsfälle bekannt. Was kann man da tun?

Gegen Harry Potter und die Grünen

Die TV-Moderatorin Maria von Welser fordert die Abschaffung des Zölibats und das Priesteramt für Frauen, so könne der Klerus normalisiert werden. Und wer Priester werden wolle, müsse sich wissenschaftlich durchleuchten und psychologisch begutachten lassen. Von so etwas wollen weder Bischof Laun noch Gabriele Kuby etwas wissen. Kuby kommt jetzt in Fahrt. Sie hoffe auf eine Läuterung der Kirche. Jetzt steige der Druck auf die Kirche, ihre Feinde glauben, sie in die Knie zwingen zu können, sie zwingen zu können, ihre Sexualmoral aufzugeben. Das Problem sei doch vor allem unsere übersexualisierte Gesellschaft. Schuld seien die 68er mit ihrer sexuellen Revolution. Die Grünen, die "taz" und die Humanistische Union würden doch Sex mit Kindern propagieren!

Neben der Frage, wer von den drei Beschuldigten Frau Kuby wohl zuerst für diese Behauptung verklagen wird, dämmerte dem Zuschauer: Gab es da nicht einmal diese Ultrakonservative auf der Bühne bei Sabine Christiansen, die einfach mal so behauptet hat, jedes dritte Kind in Schweden sei psychisch krank, weil in einer Krippe erzogen?

Bingo. Das war Kuby.

Wer sie nicht wegen ihres Buches "Mein Weg zu Maria" kennt, hat vielleicht noch ihre flammende Anklage gegen die gottlosen Harry-Potter-Bücher in Erinnerung. Und weil sie schon einmal da ist, nutzt sie die Zeit noch dafür, sich darüber zu empören, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung den After als Sexualorgan anpreise.

Mit dieser Frau am Tisch ist eine geordnete Diskussion nur schwer möglich, und so ging es zunehmend drunter und drüber. Vernünftige Stimmen wie jene des Ex-Jesuiten Heiner Geißler, der von der Kirche mehr Transparenz forderte und ansonsten das Problem vor allem im Missbrauch von Macht sehen wollte, gingen zunehmend im Schlachtengetümmel unter. Maria von Welser sagte immer weniger, und auch Sandra Maischberger betrachtete die Kirchenfreunde streckenweise stumm bei der eigenen Demontage. "Hören Sie besser zu!", herrschte der Bischof den Komponisten Wittenbrink an, als der sich erdreistet hatte, den Ausführungen Launs zu widersprechen. So ist das also, wenn man als erwachsener Mann vor laufender Kamera wieder zum Domspatz gemacht wird.

"Warum schaut man eigentlich bei den Evangelischen nicht genau hin?", will Laun dann noch wissen. Ja, die anderen, die sind doch mindestens genauso schlimm. Wer sich auf solchem Niveau verteidigen muss, steht mit dem Rücken zur Wand. "Verschweigen, verleugnen, vertuschen?", hieß es im Sendungstitel.

Man fragt sich, warum das Fragezeichen nötig war.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Wir vergeben Euch ohne weltliche Strafe
sukowsky, 10.03.2010
Überall in allen Gesellschaftsbereichen lauert diese Genkrankheiten. Die Kirche ist da keine Ausnahme -- diese Triebtäter muß man aburteilen. Da hat man in der Vergangenheit seitens der Kirche gehandelt nach dem Motto, "wir vergeben Euch ohne weltliche Strafe".
2. Wir vergeben Euch ohne weltliche Strafe
sukowsky, 10.03.2010
Überall in allen Gesellschaftsbereichen lauert diese Genkrankheiten. Die Kirche ist da keine Ausnahme -- diese Triebtäter muß man aburteilen. Da hat man in der Vergangenheit seitens der Kirche gehandelt nach dem Motto, "wir vergeben Euch ohne weltliche Strafe".
3. Mir ist heute noch übel!
Spinatwachtel 10.03.2010
Nach etwa zwanzig Minuten Diskussion musste ich ausschalten. Frau Kuby und der Bischof, zwei Vertreter dieses Katholizismus, der auch mich schwer geschädigt hat, haben mir Übelkeit bereitet. Ich habe fast ein ganzes Leben dazu gebraucht, mich halbwegs wieder zurecht zu finden. Was vergangen ist, kann niemand hier wieder gut machen. Kein Geld nicht und keine Entschuldigung. Aber Einsicht in begangenes Unrecht - das wird es in der Kirche nicht geben, die Arroganz und Selbstherrlichkeit und Gottesgnadentum für sich beansprucht. Sie sind die "Herren der Welt!" gegen die schon Jesus war. Meinen Glauben an Gott konnten sie mir nicht nehmen. Mein Vertrauen in die Menschen, in Gerechtigkeit schon. Ich weiß nur eines: Gott ist auch ihr Richter. Amen.
4. einsicht
dayo, 10.03.2010
ja-was kann man machen? kontrolle ist wohl schwierig bis unmöglich, da gehört ja auch einsicht der kontrollierten zu. die einzige lösung ist, kinder von der kath. kirche fernzuhalten.
5. Da bleibt nur noch zu hoffen...
DominoTC 10.03.2010
... dass es irgend jemandem mal auffällt, dass Pädophilenfördervereine in Deutschland keinen besonderen Schutz genießen, sondern eigentlich der staatlichen Rechtsverfolgung unterworfen gehören. Dafür könnte man sogar mal beten.
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