Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Missbrauchsdebatte bei "Beckmann": Verloren in der Verharmlosung

Von Reinhard Mohr

Eine normale biologische Reaktion? Ein menschliches Problem? Die Runde aus Geistlichen, Opfern und Politikern bei "Beckmann" sollte das Thema Missbrauch von Schutzbefohlenen diskutieren. Die Debatte nahm befremdliche Züge an - Klartext sprach schließlich der Moderator selbst.

Reinhold Beckmann: Es geht immer auch um Machtausübung Zur Großansicht
NDR / Morris Mac Matzen

Reinhold Beckmann: Es geht immer auch um Machtausübung

Seit zweieinhalb Monaten redet die Republik nun schon über sexuellen Missbrauch und Gewalt gegen Heim- und Internatszöglinge, Ministranten und "Domspatzen", Schülerinnen und Schüler. Und immer noch gibt es ein ungläubiges Staunen: Das kann doch alles nicht wahr sein, oder? Dabei sind die Veröffentlichungen wohl erst der Anfang.

"Öffentliche Skandale - den Medien sei Dank - vermögen das kollektive Gedächtnis zu prägen, wenn sie moralisch Gewicht haben", schrieb der emeritierte Soziologie-Professor Franz-Xaver Kaufmann am Montag in der "FAZ". "Man möchte hoffen, dass die Eiterbeule nunmehr geplatzt ist, wenigstens in Deutschland."

Ja, man möchte es hoffen. Doch am Montagabend bei "Beckmann" war das buchstäblich alle Grenzen überschreitende Thema schon wieder in Gefahr, im großen Gerede weichgespült zu werden. Am Ende der Sendung sah sich Moderator Reinhold Beckmann höchstpersönlich genötigt, Klartext zu reden: "Liebe ist nicht Gewalt. Sie reden am Thema vorbei!"

Lebenslang prägende Erfahrung

Der Adressat seines emotionalen Ausbruchs war der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der im Alter von zwölf Jahren selbst Opfer der sexuellen Übergriffe eines Internatslehrers geworden war - eine lebenslang prägende Erfahrung, die er in einem Essay für den SPIEGEL (11/2010) eindrucksvoll geschildert hat. Bei Beckmann aber wollte er plötzlich von dem Begriff "Opfer" nichts mehr wissen. "Leidtragender" sei er, das schon, aber im Kern gehe es doch um "ein menschliches Problem".

Die Sexualität des Menschen an sich, der Eros, bringe immer wieder "Verschmelzungsphantasien" hervor, die die Grenzen zwischen Täter und Opfer hier und da verwischen könnten. "Ich kann diesen Wunsch, jemanden zu begehren, durchaus verstehen", sagte Kirchhoff und bedauerte gar, dass kein "Täter" in die Runde eingeladen worden war.

Kirchhoffs Versuch, die Sexualität des Menschen gleichsam selbst zum Ungeheuer, zum eigentlichen "Täter" zu erklären, war umso befremdlicher, als zu Beginn der Sendung per Einspielfilm in aller Ausführlichkeit ein junger Zeuge namens "Christopher" zu Wort kam, der von 2001 bis 2007 seinem Priester im Bistum Aachen hundertfach sexuell zu Diensten sein musste - ein ganz neuer Fall also, den der SPIEGEL in seiner letzten Ausgabe (16/2010) erstmals öffentlich gemacht hat. Und selbst in diesen Tagen noch reagierte das Bistum hinhaltend und zögerlich.

Antrainierte Scheinheiligkeit

"Warum finanzieren Sie zum Beispiel nicht einfach den Anwalt für Christopher?" So direkt fragte der einschlägig engagierte Sozialpädagoge Johannes Heibel den ihm gegenübersitzenden Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche.

Als Bischof von Trier könne er nicht über Gelder anderer Bistümer verfügen, antwortete der. Doch klar, mit dem jahrzehntelangen "Täterschutz" der Kirche müsse Schluss gemacht werden. Allein im Bistum Trier seien bislang 28 Priester ermittelt, denen sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen vorgeworfen werde, und bei der bundesweiten Hotline hätten sich bis jetzt bereits mehr als 1600 Opfer gemeldet, Tendenz steigend.

Aber auch Ackermann sprach seltsam gebremst, womöglich gar ein wenig benommen von der Flut der Fälle, mit denen er nun konfrontiert ist. Er bedauerte den akuten "Vertrauensverlust" der katholischen Kirche und nannte den Rücktritt des Augsburger Bischofs Mixa "tragisch" - ein recht eigentümliches Attribut für einen vom Papst berufenen Mann Gottes, der aus freien Stücken nicht einmal dazu in der Lage war, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und wahrhaft Zeugnis abzulegen über seine Verfehlungen.

Auch beim Abtprimus Notker Wolf, dem obersten Repräsentanten der Benediktiner, spürte man diesen ziemlich unchristlichen Hang zur wolkigen Beschönigung, bei der die antrainierte Scheinheiligkeit allemal über die konkrete Wahrheit zu triumphieren scheint. So dozierte er allgemein über die "Versuchbarkeit des Menschen" und seine "normale biologische Reaktion", was immer das genau heißen sollte. Sein Rezept gegen die überall lauernde teuflische Herausforderung der erotisierten Allnatur: Niemals auf dasselbe Sofa mit den Schülern! Als ob das, etwa im Benediktinerkloster Ettal, das Problem gewesen wäre, wenn die Knaben brutal verprügelt und misshandelt wurden.

Machtausübung und Herrschaft

Wundersam auch, dass der in Rom ansässige oberste Benediktiner in all den Jahren und Jahrzehnten gar niemals etwas gehört oder gesehen haben will von dem, was nun massenhaft ans Tageslicht kommt - und man ahnt, dass er ohne die vielen Zeugen, die nun den Mut finden, sich zu melden, und ohne die Aufklärungsarbeit der freien Presse auch in zehn Jahren noch nichts wüsste.

Es war Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), die in diesem unterschwellig wirksamen Verharmlosungsdiskurs klare Kante zeigte: "Es gibt Grenzen", sagte sie, Regeln und Gesetze, die für alle gelten und mit eindeutigen strafrechtlichen Konsequenzen bewehrt seien. Nur beim Thema Verjährungsfrist war sie anderer Meinung als Opferberater Heibel, der für eine komplette Aufhebung plädierte und im Übrigen eine Art unabhängiges Amt für Opferschutz und Prävention forderte.

Als zum Schluss noch die seit 2007 amtierende Leiterin der einst wegen ihrer "Reformpädagogik" hochgerühmten Odenwaldschule am Tisch Platz nahm, stellte Reinhold Beckmann eine letzte Frage: Sind es die geschlossenen Systeme, ob kirchlich oder privatrechtlich, die den Missbrauch begünstigen?

Und plötzlich fiel das Wort von der "Familie", ob im biologischen oder sozialen Sinne, und an dieser Stelle wünschte man sich, dass die Debatte weiterginge. Denn eines haben die letzten Wochen gezeigt: Gerade bei der pädagogisch angeblich so begrüßenswerten Nähe zwischen Erziehern und Schülern, ob religiös oder weltlich, geht es immer auch um Machtausübung und Herrschaft.

Gegen die aber helfen nur Regeln des Respekts und der Distanz, kurz: der Freiraum einer öffentlichen und demokratischen Sphäre, in der das Individuum sein Recht findet.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 182 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. schwätzokratie
Bernhard Fischer 27.04.2010
Zitat von sysopEine normale biologische Reaktion? Ein menschliches Problem? Die Runde aus Geistlichen, Opfern und Politikern bei "Beckmann" sollte das Thema Missbrauch von Schutzbefohlenen diskutieren. Die Debatte nahm befremdliche Züge an - Klartext sprach schließlich der Moderator selbst. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,691402,00.html
Beckmanns talk war ein Spiegelbild der Gesellschaft und deren Umgang mit Gewalt... B. Hält keine 5 Minuten die Sprachwahl Sexuelle Gewalt“ durch, der „störende“ Opfervertreter,dem noch auffällt, was sich abspielt und es gut mimisch zeigt der "unwissende" Opferbeauftragte, was bundesweite Opferzahlen angeht (und für den 18.000 Anrufversuche Beweis dafür sind, dass die gesprächsbereiten jetzt schnell einen Zuhörer finden) „Eros-Schwätzschwärmer“ Kirchhoff, Wolf als die Kirchenrealität L-S: Täterschutz legitimieren Kaufmann: betroffen und fähig,sogar 4 Suizide zuzugeben... Ich bin dabei ausgerastet...beinahe hätte ich den 37cmBildschirm per Aschenbecher gekillt...
2. Zitat aus dem Artikel
Chinasky, 27.04.2010
Es heißt da an einer Stelle: Auch beim Abtprimus Notker Wolf, dem obersten Repräsentanten der Benediktiner, spürte man diesen ziemlich *unchristlichen* Hang zur wolkigen Beschönigung, bei der die antrainierte Scheinheiligkeit allemal über die konkrete Wahrheit zu triumphieren scheint. Was denn nun? Antrainiert oder unchristlich? Sitzt hier der Autor einem "wahren Schotten" (http://de.wikipedia.org/wiki/Kein_wahrer_Schotte) auf? Dieser Hang zur wolkigen Beschönigung ist doch ausgerechnet in Christenkreisen, soweit sie derzeit sich in den Medien präsentieren, verbreitet und dem "wir sind ja alle kleine Sünder"-Refrain geschuldet, der schon von Kinderbeinen an in der christlichen Sozialisation gesungen wird. Merke: nicht alles, was unangenehm ist, ist damit automatisch "unchristlich". Wir sollten endlich aufhören, "christlich" reflexhaft mit "ethisch gut" zu assoziieren und "unchristlich" mit "moralisch verwerflich".
3. new
Bernhard Fischer 27.04.2010
Zitat von sysopEine normale biologische Reaktion? Ein menschliches Problem? Die Runde aus Geistlichen, Opfern und Politikern bei "Beckmann" sollte das Thema Missbrauch von Schutzbefohlenen diskutieren. Die Debatte nahm befremdliche Züge an - Klartext sprach schließlich der Moderator selbst. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,691402,00.html
Wunderbar, Herr Mohr: “Und plötzlich fiel das Wort von der "Familie", ob im biologischen oder sozialen Sinne, und an dieser Stelle wünschte man sich, dass die Debatte weiterginge (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,691402,00.html). Denn eines haben die letzten Wochen gezeigt: Gerade bei der pädagogisch angeblich so begrüßenswerten Nähe zwischen Erziehern und Schülern, ob religiös oder weltlich, geht es immer auch um Machtausübung und Herrschaft.“ Wie wäre es, wenn Sie in der Redaktion dann den schon mehrfach geäußerten Wunsch auf ein neues Forenthema im Bereich „Gesellschaft“ „Sexuelle Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem“ unterstützen würden, damit die ganze Bandbreite des Problems erfasst und diskutiert werden kann??
4. Eine normale menschliche Reaktion
frank_lloyd_right 27.04.2010
bei Geistlichen, die bei Opfern oft zu Problemen führt. Es bringt aber nichts, die Priester oder Erzieher zun kreuzigen, zu verbrennen oder aus oder aus der Menschheit zu exkommunizieren. Was es ja auch ist: ist ein modernes Massenmedienhysterikum, an dem sich Minister, TV und Volk ergötzen, nicht zu vergessen die noch immer vielgepreßte Presse. Wäre interessant, mal Opfer zu hören, die sich nicht so geopfert fühlen, für den Fall, daß es sowas gibt. Nein, gibt es nicht ? Möglich. Vielleicht ist der Druck für die heute noch größer als für die, die schwer gekitten haben. Schon mal was von Dunkelziffer gehört, und anonymen Meldungen ? Kann so oder so sein. Wieso ich überhaupt darauf komme, gestern lese ich ein pdf über Sparta, das ich geschichtsmäßig immer links liegen gelassen hatte. Steht da, daß jeder kleine Junge bis zum Erwachsenwerden (dehnbarer Begriff) einen "Liebhaber" genannten Erzieher hatte, der ihn so zielmlich alles lehrte, was er wußte. So deutlich hatte man mir das in der Schule lieber nicht erzählt... klingt ja auch nicht so toll heute, ist wohl aber so gewesen. War vielleicht seltsam, aber eben volkstümlich damals. Heute nicht... scheint aber menschmäßig, "normale menschliche Reaktion", kompatibel zu sein - die Spartaner haben das wohl eher als Auszeichnung gesehen. Skandal, perverse Schweine ! Alles ist relativ, und die menschliche Sexualität ist flexibel und fängt nicht erst um 3 Uhr nachmittags an, oder mit 14, 16, 18 oder 21 Jahren (alles dagewesen). Wie immer es aber volkstümlich ist, so WIE es ist, tüten alle in eine Tüte - in der Mehrheit ist man sicher, und wenn nicht, muß es eben nachher der "Moderator" tun. So - Gelegenheit günstig, da wollt ich das mal gesagt haben, eh dés in der allgemeinen Trompeterei untergeht. Eigenartige Welt, Sexualangst ist nicht nur in der Kirch verbreitet - obwohl die sie professionell verbreitetef und dann völlig versaut hat. Zuletzt noch nur zur Sicherheit : Tuut, tuut, TUUUT ! .
5. /
elisa1 27.04.2010
Die Sendung hat wenig bis nichts neues an Erkenntnissen gebracht, außer, dass es teilweise abstruse Vorschläge wie die des Benediktiner Abts gab, neue Regeln im Umgang mit Kindern zu finden, sich niemals neben eine Kind auf ein Sofa zu setzen, sondern einen eigenen Stuhl zu verwenden. Diese Regel sollte sich ein Mann oder eine Frau mit pädophilen Neigungen auf jeden Fall setzen, aber nicht als Allgemeingültigkeit im Umgang mit Kindern angenommen werden. Das wäre einfach nur noch befremdlich. Obwohl ich Kirchhoff sehr gut verstehe und es genau so empfinde wie er, fehlt ihm, gerade weil er eigentlich die richtigen Worte wegen seines Berufes finden müsste, ein wenig das Gespür, die Bandbreite des sexuellen Missbrauchs widergeben zu können. Nicht alles, was als Missbrauch bezeichnet wird ist Gewalt, und Gewalt ist nicht Missbrach, sondern für mich Vergewaltigung oder Folter. Irgendwie fehlt eine Definition für dieses Thema. Trotzdem hat er einen ganz wichtigen Punkt in dieser Sendung angesprochen, nämlich, wie ähnlich ein sexueller Missbrauch einer schlimmen enttäuschten Liebe gleichen kann. Es ist genau dieses Gefühl, betrogen, missbraucht und verarscht worden zu sein, was sich, zumindest bei mir, später eingestellt hatte. Alles in allem hätte ich mir viel mehr Ideen und Vorschläge für Prävention von Missbruach und eine klare Abgrenzung zur allgemeinen Hysterie gewünscht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: