Modezar trifft Popstar Kumpeln mit Kaulitz

Zwei DDRler in Paris: Bei der gemeinsamen Arte-Nacht von Wolfgang Joop und Bill Kaulitz beweist der Ältere Stil und Bodenständigkeit. Dem Jüngeren hat der frühe Ruhm offenbar jede Begeisterungsfähigkeit ausgetrieben: Er hasst Plattenfirmen, das Internet, eigentlich alles. Und grinst entgeistert.

avanti media

Mitten in Paris, vor der Tür seines Ateliers, Standbein auf dem Boden, Spielbein graziös angewinkelt und an die Wand gestützt, den Schal flott um den Hals gewickelt, die Augen zart dunkel umflort, steht Wolfgang Joop. Und zeigt allein schon mit seinem adretten Warten, dass er lange vor Detlef D! Soost wusste, wie man Namen und Figur mit einem Ausrufezeichen in Form bringt.

Der aus Potsdam stammende Modedesigner erwartet Bill Kaulitz, 21, Sänger der Band Tokio Hotel, und seit letztem Jahr Träger des "Jugendpreises Fernlernen", den er für den Fernabschluss der Mittleren Reife trotz Tour- und Plattenaufnahmestress verliehen bekam. Die beiden wollen eine Sause machen, die sich gewaschen hat: "Durch die Nacht mit Wolfgang Joop und Bill Kaulitz" (Arte, 0.00 Uhr) kommt heute aus der französischen Modehaupstadt.

Aus alter Gewohnheit setzt Joop sich schnell die Sonnenbrille auf die Nase, als Kaulitz in einer Limo vorgefahren wird. Doch er besinnt sich, schüttelt dem Jüngeren die Pfote, dass Kaulitz' metallgeschmückte Jackettärmel rasseln, und begrüßt ihn mit einem jovialen "Na, wir beiden DDRler, mitten in Paris?!" So viel Offenheit und Burschikosität hat Kaulitz gar nicht erwartet, zumal er erst im Jahr des Mauerfalls geboren wurde. Aber Joop, 66 Jahre alt und souveräner Herr absolut jeder Situation, kumpelt einfach weiter, komplimentiert Kaulitz in das Atelier hinein und verwickelt ihn in ein Gespräch über die Silhouetten und das Blumige seiner neuen Kollektion "Jardin du Portugal", "alles selbst gemacht". Einander zugetan plaudert man über Inspiration, Kaulitz schlüpft in ein JOOP!-Jacket, Joop gibt zu, dass er mit seinen Kötern in einem Bett schläft, und stellt Kaulitz ein paar Mitarbeiter vor, auch "die Sara, die manchmal so leer aussehen kann".

Dann fahren die beiden Kunstsamen in ein Museum, in dem Joop, der alte Fachmann von Welt, sich selbstredend als kulturfest outet, sie gehen eine kleine Winzigkeit essen und reden über Plattenfirmen (Kaulitz hasst Plattenfirmen), Internet (Kaulitz hasst das Internet, "das ist so schlimm!") und ihren gemeinsamen Hang zum Perfektionismus, den Joop allerdings seit Jahren erfolgreich bekämpft, den Kaulitz dagegen zwar auch, klar, irgendwie hasst, aber dennoch jugendlich-naiv zelebriert: Seine Egozentrik ist verständlich, er hat schließlich in den pubertär prägenden Jahren gegen Paparazzi anstatt gegen Teenie-Pickel kämpfen müssen. Ein imaginäres Coming Out wurde, noch bevor ihm je danach gewesen wäre, bereits in sämtlichen juvenilen Hochglanzmagazinen durchgekaut.

Lustige Geschichte aus dem rasselnden Ärmel

Joops Bodenständigkeit, die außer vom Alter auch noch durch verschiedene durchlebte Lebensentwürfe geformt wurde, fehlt dem viel zu früh als Köder in das Pop-Haifischbecken geworfenen Musiker komplett. Beim Gespräch fällt dies auf: Kaulitz scheint es gar nicht mehr gewohnt zu sein, mit anderen interessanten Menschen zu reden, fragt nie nach, wenn Joop eine seiner hübschen Modedesigner-Promi-Storys auftischt - jaja, Grace Jones und ich in Paris - sondern lässt als Kommentar stets nur sein entgeistertes Kaulitz-Grinsen sehen. Trotz jedweder möglicher Gemeinsamkeiten, einer Liebe zu besonderer Mode, einer eventuell ostdeutsch geprägten Kindheit, einer Affinität zu dunkler Augenschminke, Perfektionismus und Prominenz, werden bei diesem bunten, von Kameras aufgezeichneten Abend vor allem die Unterschiede deutlich.

Obwohl Kaulitz immerhin eine lustige Geschichte aus dem rasselnden Ärmel schüttelt, kurz nachdem die beiden vom Eiffelturm herunterkraxeln: Als sein Zwillingsbruder und er damals mit 6 Jahren beim Kinderfilm "Verrückt nach dir" mitspielten, fand sein Bruder die Darstellerin, die ihre Mutter spielte, so hässlich, dass er sie kurzerhand ins Klo einsperrte. Kicher. Ein echter Kinderwitz eben.

Joop dagegen offenbart im Taxi zum schicken Maskenball seine massiven Ängste vor dem Älterwerden, "ich habe mich seit 20 Jahren an ein anderes Bild von mir gewöhnt" sagt er, und dass er die neueren Fotos von sich schrecklich finde, auf welchen selbst sein Lächeln zur Maske geworden sei. Kaulitz kennt Falten nur in Klamotten, hat aber gewisse Erfahrungen mit Eitelkeit. Den angebotenen Schampus schlägt Joop später weise und/oder vorsichtig aus, Kaulitz nimmt ihn an, man schmaucht noch eine gemeinsame Zigarette und umarmt sich beim Abschied heftig, wangenküssend und sich der Zuneigung und des Willens zum Wiedersehen versichernd. Vielleicht wird Kaulitz, der bereits für Karl Lagerfeld als Dressman unterwegs war, ja doch noch mal für Joop modeln. In die neue Damenkollektion hat der Designer jedenfalls schon vorausschauend ein paar Schulterpolster eingenäht.


"Durch die Nacht mit...": Dienstag, 0.00 Uhr, Arte



insgesamt 23 Beiträge
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pfizi 07.12.2010
1. kumpeln mit kaulitz
auch wenn der bericht sehr kurz gehalten wurde im spiegel,meine frage trotzdem,welchen leser interessiert das was die typen da auf die beine gestellt haben.der artikel wäre bei einer klatschzeitung besser aufgehoben.total daneben für den spiegel!
palmer555 07.12.2010
2. Na, wenn diese Sendung nicht zur Grundversorgung gehört...
dann weiß ich's nicht. Ich freue mich, dass meine GEZahlten Gebühren in so überaus sinnvoller Weise verwendet werden! Und wenn dann bald das Haushalt bezogene Gebührenmodell kommt, dann können mit den Zusatzeinnahmen sogar noch viel mehr solch wichtiger, volkspädagogisch wertvoller Sendungen gekauft werden! Ein Dank den Ministerpräsidenten der deutschen Bundesländer und den Intendanten der Öffentlich-Rechtlichen!
schafswolle 07.12.2010
3. Warum
Zitat von pfiziauch wenn der bericht sehr kurz gehalten wurde im spiegel,meine frage trotzdem,welchen leser interessiert das was die typen da auf die beine gestellt haben.der artikel wäre bei einer klatschzeitung besser aufgehoben.total daneben für den spiegel!
Wenn Sie Bill Kaulitz und W. Joop nicht interessieren, warum lesen Sie den Artikel denn überhaupt? Es ist mir immer wieder ein Rätsel wieso man sich über ein *mehr* an Artikeln beschwert.
mel80 07.12.2010
4. ...
Zitat von pfiziauch wenn der bericht sehr kurz gehalten wurde im spiegel,meine frage trotzdem,welchen leser interessiert das was die typen da auf die beine gestellt haben.der artikel wäre bei einer klatschzeitung besser aufgehoben.total daneben für den spiegel!
Joop finde ich schon sehr interessant! Kauliz eigentlich nicht.
causal 07.12.2010
5. ja, das ist boulevardpresse
Zitat von pfiziauch wenn der bericht sehr kurz gehalten wurde im spiegel,meine frage trotzdem,welchen leser interessiert das was die typen da auf die beine gestellt haben.der artikel wäre bei einer klatschzeitung besser aufgehoben.total daneben für den spiegel!
niemanden interessiert die sogenannte promi-kratie.
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