ARD-Krimi-Vierteiler Dieses Dorf ist zum Sterben schön

Ein Dorf, zwei böse Familien, reichlich Gewalt: Mit dem Krimi-Vierteiler "Mörderisches Tal - Pregau" versucht sich die ARD an internationaler Serienkunst vor provinzieller Kulisse.

Petro Domenigg/ ARD

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Als er langsam auf den Tunnel zuging, muss es passiert sein. Da, mit Blick auf das finsterdunkle Loch, das sich im schroffen, aber schönen Bergpanorama auftut, muss Hannes Bucher (Maximilian Brückner) verstanden haben, dass sein Leben von nun an ein anderes sein wird. So schwarz und unausweichlich wie jener Schlund.

Denn am Rand des Tunnels klebt ein Auto, seine Nichte hinterm Steuer, tot, der Bursche auf dem Beifahrersitz im Koma, und es gibt kein Drumherumreden. Und das ist auch Buchers Schuld.

Er ist der örtliche Kriminalinspektor. "Wenn ich diesen einen Fehler nicht gemacht hätte, dann wären niemals so viele Menschen gestorben", sagt er noch im Vorspann aus dem Off und macht damit schon einmal klar: Oha, da kommt noch mehr.

Wie sich für Bucher von diesem Moment an alles darum dreht, das Davor zu vertuschen und das Danach in den Griff zu bekommen, das alles dröselt die Krimiserie "Mörderisches Tal - Pregau" auf - an vier Abenden hintereinander, was die Spannung schön kompakt hält.

Die ARD-ORF-Co-Produktion über ein Dorf, zwei stinkreiche Familien und einer Menge Machenschaften ist eine Neuinterpretation des alten Formats "Weihnachtsserie", nur eben für Erwachsene. Und zumindest so gelungen, dass es über die Feiertage trägt. Wobei die öffentlich-rechtliche Serie gegen das RTL-Prestigeobjekt "Winnetou" antreten muss, das an drei Tagen zum Teil überschneidend programmiert wurde.

Ein Sisyphus mit psychopathischen Zügen

Dass "Pregau" gute Chancen hat, gegen die private Konkurrenz zu bestehen, liegt auch am Hauptdarsteller: Maximilian Brückner (der als Saarländer "Tatort"-Kommissar ja immer etwas mau agierte) ist wie geschaffen für seine Rolle: der Polizist als Würstchen.

Bucher wurde aus seiner alten Dienststelle rausgemobbt, er sucht dringend eine neue Position, bloß weit weg von der österreichischen Dorfidylle Pregau, in dem die Familie seiner Frau Maria (absoluter Lichtblick: Ursula Strauss) dank Traditionsunternehmen das Sagen hat. Weg von Momenten wie dem, als er mitten auf der großen Firmenfeier die saublöde Idee hat, von ihr zu fordern: "Ich will mit dir allein sein. Jetzt." Tja, also futtert er seinen Kuchen allein draußen, parkt dann aus Frust mitten in der Nacht im Wald am Straßenrand.

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"Mörderisches Tal - Pregau": Der Polizist als Würstchen

Was dann passiert, erzählt Drehbuchautor und Regisseur Nils Willbrandt(zuletzt ausgezeichnet für seinen erfrischend staubfreien TV-Film "Leberkäseland") als Ursache-Wirkung-Story, bei der nacheinander alles umfällt wie Dominosteine. Ab dem Moment, in dem der armselige Hannes nachts seine Nichte und ihren Freund aus der rivalisierenden Familie im Dorf (ja, so stereotyp dann doch) trifft und alles losrollt: Die Nichte tot, die Familie zerfällt, Bucher wird erpresst.

Er ist in den anderen Folgen nur noch mit Schadensbegrenzung beschäftigt, koste es, was es wolle; sich dank seines Jobs auf der Seite des Guten wähnend. Ein Sisyphus mit psychopathischen Zügen - und einer weinerlichen Attitüde, die zugegeben irgendwann auch gehörig nervt.

Im Video: Der Trailer zu "Mörderisches Tal - Pregau"

Dass Wilbrandt sich schamlos - aber, hey, warum auch nicht - an der Atmosphäre erfolgreicher skandinavischer und britischer Krimiserien wie "Die Erbschaft" oder "Broadchurch" bedient, tut diesem öffentlich-rechtlichen Format letztlich nur gut. Angefangen beim eher abgedunkelt-rauen Look über die sphärische Intromusik bis zum kompakten Setting - in diesem Fall ein Kaff in der Steiermark, das bekannt ist für seine Tierkörperverwertungsanstalt und die Autobahnausfahrt und in dem Leute ganz selbstverständlich "der Hölzl Gregor" heißen.

Dass hier, in der Enge, Familienknirsch aufbricht wie zwischen den Montagues und Capulets, drumherum ein trumpscher Sumpf, ist fast naheliegend. Da werden Investitionen gegen Aufträge ausgespielt, alte weiße Männer nötigen Frauen aus Litauen zur Prostitution, der Ausbau von Umgehungsstraßen wird als Druckmittel wegen Weißgottwas blockiert.

Die Fülle an Erzählsträngen, Figuren und Toten lässt den Plot zwar zerfasern; andererseits hat sie den angenehmen Nebelkerzeneffekt, dass man einfach gar nicht mehr durchblickt. Muss man auch nicht: Ein Dorf voller schlechter Menschen funktioniert zumindest dramaturgisch ganz gut.

Der tollste davon ist eindeutig der vorbestrafte Max Dirrmeyer, gerne mit Riesenkarnickel im Arm, der Hannes Bucher auf die Pelle rückt. Man kann sagen, diese Figur ist so etwas wie der Rettungsanker von "Pregau", Armin Rohde sei Dank. Der spielt diesen stiernackigen, ausgebufften, schwitzenden Alten mit einem Wumms, dass man ihm sofort alle Preise hinterherwerfen möchte. Er nimmt so leicht die eigentliche Hauptrolle ein, dass man nur noch auf Szenen mit ihm wartet; das schafft über die Strecke der vier Folgen sonst kaum einer.

Nur das Wetter. Wenn es in Pregau regnet, tröpfelt es nie, es schüttet wie aus Kübeln. Die Figuren richten sich darin ein, Regen ist wie eine eigene Farbe, kein Dramaeffekt. Und dazwischen knallt die Sonne unerbittlich, rätselhaft. Es ist erfrischend, wie hier gängige Wetter-im-Film-Logik komplett ausgesetzt ist. Bis am Schluss alles in die Luft fliegt und ein starker Wind den Rest davonträgt. Denn vier Folgen reichen dann auch.


"Mörderisches Tal - Pregau", ARD
"Der Fehler" (1): Sonntag, 21.50 Uhr
"Die Lügen" (2): Montag, 21.45 Uhr
"Die Erpressung" (3): Dienstag, 21.45 Uhr
"Der große Tag" (4): Mittwoch, 21.45 Uhr



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
fireb 25.12.2016
1.
und das zu Weihnachten, wie sendertypisch.....
guilty 25.12.2016
2. keine panik
davor gibt es ja noch ne art pilcher, und das 2te beglückt uns mit helene.
ed_tom_bell 25.12.2016
3. Zm Fest gucken wir in die Röhre
Zitat von guiltydavor gibt es ja noch ne art pilcher, und das 2te beglückt uns mit helene.
Und auf Arte gibt es irgend so eine achtteilige französische Historien-Schmonzette. Zumindest lässt der Titel darauf schließen: "Rani - Herrscherin der Herzen". Bisher habe ich nur den Vorspann gesehen, der sich durch extrem billige Bildbearbeitungseffekte auszeichnet. Grandios hingegen, wenn es hier auch nicht ganz her passt, die langen, opulent bebilderten Dokumentationen über Calamity Jane und Buffalo Bill. Für so was liebe ich Arte. Neulich gab es da schon eine sehr gute Doku über Jack London, die auch ein interessantes Licht auf den alten Weihnachtsvierteiler mit Raimund Harmstorf warf. Puh, da habe ich die Kurve zum Thema ja doch nochmal gekriegt.
flo_bargfeld 25.12.2016
4. Wie gut, ...
... dass es Netflix gibt. Schon der Trailer ist ja kaum zu ertragen.
adamk 25.12.2016
5. Internationaler Serienkunst
Liebe Autorin: "Internationale Serienkunst" und "der Polizist als Würstchen" ... zwei Dinge die sich ausschließen. Und gerade ... knapp 10 Minuten Tatort und schon wieder weg: Polizistin und ihre Privatproblem :( WARUM?. Deutsche TV Produktionen sind und bleiben einfach ... nix. Schrecklich.
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