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ARD-Film über Leihmutterschaft: "Andere Frauen kotzen jetzt"

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ARD-Film "Monsoon Baby": Mein Bauch gehört - ja, wem eigentlich? Fotos
BR

Sind wir schwanger? Und wer ist überhaupt wir? In dem ARD-Drama "Monsoon Baby" mit Julia Jentsch kauft sich ein deutsches Pärchen eine indische Leihmutter. Ein zärtlicher, ein böser Fernsehfilm.

Was sie doch dafür gäbe, wenn sie sich übergeben müsste! "Andere Frauen kotzen jetzt", sagt Nina (Julia Jentsch) zu ihrem Mann Mark (Robert Kuchenbuch), während sie sich auf der Fernsehcouch im Eigenheim mit Rotwein volllaufen lässt. Im fernen Kalkutta wächst derweil eine mit Marks Spermien befruchtete Eizelle von Nina im Bauch einer Inderin aus armen Verhältnissen heran.

Mark sieht die Sache pragmatisch. Er hat für Nina Attrappen in unterschiedlichen Größen besorgt, die unterschiedliche Stufen eines Babybauchs simulieren sollen. Auch, um seiner Frau ein Gefühl für die Schwangerschaft der anderen zu geben. Vor allem aber, um die eigene Familie zu täuschen, der man den bevorstehenden Nachwuchs bei Kaffee und Kuchen angekündigt hat, ohne die Leihmutterschaft zu erwähnen. Doch Nina will sich keine Kissen um den Bauch binden, sie reist stattdessen auf eigene Faust nach Kalkutta, wo eine andere ihr Baby austragen soll.

Wir sind schwanger! Sind wir schwanger? Dieser Film gibt keine einfachen Antworten. Stattdessen führt er den Zuschauer tief hinein ins psychologische, ethische und letztlich politische Dilemma, das sich durch die Dritte-Welt-Leihmutterschaft für das Pärchen auftut. Filmemacher Andreas Kleinert ist ein gnadenloser Rundumbeleuchter: Wie immer der Zuschauer sich selbst zu dem Thema positionieren mag, ihm wird erst mal kein Aspekt erspart. Scham und Sehnsucht, wirtschaftliche Not und seelischer Notstand, alles kommt auf den Tisch. Der Blick auf die Handelnden ist oft zärtlich, genauso oft aber auch böse. Sehr böse.

Die Abgebrannten beuten die Armen aus

Regisseur Kleinert selbst, der nachtschwarze Schmerzfilme wie den Stricher-Thriller "Nacht ohne Morgen" oder sinnenfroh leuchtende Psychotrips wie die Kieler "Tatort"-Folge "Borowski und der Engel" in seiner Filmografie aufweist, hält sich mit der Bewertung zurück; keine Handlungswendung nach öffentlich-rechtlicher Primetime-Problemfilmart bietet dem Publikum ein dramaturgisches Schlupfloch, durch das man der Misere entschlüpfen kann.

Schon der Anfang von "Monsoon Baby" (Buch: Florian Hanig): Da begleiten wir Nina und Mark durch die bunten Straßen von Kalkutta, doch noch im fröhlichsten indischen Tumult kann man sich einer belastenden Gewissheit nicht entziehen. "Wir sind hier", sagt Mark während einer Diskussion, "weil wir abgebrannt sind."

Sprich: Die Kliniken in Belgien oder in den USA, in denen die in Deutschland verbotene Eizellentransplantation auf zumindest medizinisch einwandfreie Art durchgeführt werden, konnten sich Nina und Mark schlicht nicht leisten. Umso mehr freut sich das Paar darüber, dass die nach europäischen Maßstäben bescheidene Bezahlung der Leihmutter nach indischen Maßstäben ein kleines Vermögen ist.

Fruchtbarkeit als Währung

Haben also am Ende nicht alle etwas von der Transaktion? Andererseits: Was passiert, wenn Fruchtbarkeit zur Währung wird? Was passiert, wenn Körper als Ware behandelt werden? Oder noch härter gefragt: Gibt es einen Unterschied zwischen Elendsleihmutterschaft und Elendsprostitution? In einer Szene präsentiert die freundlich-pragmatische Ärztin (Swaroopa Gosh) Nina und Mark drei junge Inderinnen: "Diese Frauen passen zu Ihrem Zyklus, Sie können sich eine aussuchen." Danach wird immer wieder Geld gezählt. Doch umarmen lassen will sich Shanti (Tillotama Shome), die ausgewählte junge Frau, nicht von der überglücklichen Möchtegernmutter Nina.

Die beginnt in der zweiten Hälfte des Films in der indischen Leihmutterklinik zu arbeiten. Aber keine Angst: "Monsoon Baby" bleibt auch jetzt sowohl frei von Altruisten-Romantik als auch von seifigem Mutterglück.

Einmal assistiert Nina bei einer Geburt, die Sequenz bringt all das Leid, aber auch all das Glück des Mutterschaftstransfers auf den Punkt: Direkt nach der Geburt wird das Baby der Gebärenden entwendet, Blick- und Körperkontakt werden streng unterbunden, sie würden der jungen Inderin nur den Abschied unmöglich machen. Hinter einem Vorhang warten schon die Eltern aus Europa. Sie weinen vor Glück, die Zurückbleibende weint vor Schmerz. Das aus dem Dreier-Deal hervorgegangene Kind wird es wahrscheinlich sehr gut haben.

Und die Moral von der Geschichte? Es gibt keine. "Monsoon Baby" ist ein Film, den man aushalten muss.


"Monsoon Baby", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Reality-Gap
malte.b 16.09.2014
Es gibt noch immer sehr viele Vorurteile gegen berufstätige Singles, die zugunsten von Haustieren auf Beziehungen und Kinder verzichten. Aber über diese zukunftsweisende und in weiten Teilen der Großstädte bereits bestehende Realität werden keine Filme gedreht. Warum eigentlich nicht ? Tierfreunde sind auch Gebührenzahler.
2.
Olaf 16.09.2014
Ich denke dies wird ein Modell der Zukunft sein für späte Mütter, nicht nur für ungewollt Kinderlose. Die Grundlage ist durch das Einfrieren der eigenen Eizellen bereits geschaffen. http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/eizellen-einfrieren-kinderglueck-auf-eis-1.2050814 Fehlt nur noch ein Samenspender und eine Leihmutter für das Glück mit eigenem Kind auch in späten Jahren. Die Frauenlobby ist mächtig, die wird den rechtlichen Rahmen dafür schon schaffen.
3. Paradigmenwechsel
spontanistin 16.09.2014
Früher galt ein Kind als Geschenk Gottes oder einer sonstigen übernatürlichen Kraft. Heute gehört nach der materialistischen Feministinnenauffassung der Bauch der Frau. So weit so gut. Nur das Produkt Kind ist nicht der Besitz der Frau (sie dürfte es ja dann jederzeit als Sklaven verkaufen), sondern eine Verpflichtung, werdendes und reifendes Leben zu schützen. Jede sollte sich gut überlegen, ob sie bereit ist, (heute noch) eine solche Verpflichtung und Verantwortung übernehmen und tragen zu können.
4. Davon sind wir weit entfernt!
Sandra2 16.09.2014
Olaf, Sie scheinen sich - zu Ihrem Glück - noch nicht den Möglichkeiten der Kinderwunschbehandlung in Deutschland beschäftigen haben müssen. Wir sind noch ganz weit von der Leihmutterschaft entfernt. Die Frauenlobby hat´s noch nicht weit gebracht.
5. Verstehe nicht ganz
Ichi 16.09.2014
Zitat von malte.bEs gibt noch immer sehr viele Vorurteile gegen berufstätige Singles, die zugunsten von Haustieren auf Beziehungen und Kinder verzichten. Aber über diese zukunftsweisende und in weiten Teilen der Großstädte bereits bestehende Realität werden keine Filme gedreht. Warum eigentlich nicht ? Tierfreunde sind auch Gebührenzahler.
Ja, es gibt Leute, die Singles sind. Einige von ihnen haben Haustiere. Moeglicherweise gibt es vereinzelt Vorurteile gegen Singles oder Menschen mit Haustieren. Warum genau ist das jetzt zukunftsweisend? Und warum sollte man nach all den Filmen ueber Singles oder Menschen mit Haustieren noch einen Film darueber machen? Insbesondere Ihr Satz "Aber über diese zukunftsweisende und in weiten Teilen der Großstädte bereits bestehende Realität werden keine Filme gedreht." ist verwirrend. Vielleicht koennen Sie und aufklaeren, was Sie damit meinen,
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