Moral-Talk bei "Anne Will": Die Guteste der Guten

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Seicht und gleichzeitig tiefgründig: Eine genial besetzte Metathemenrunde zum Gutmenschentum lässt bei Anne Will das Wochenende harmonisch ausklingen. Welche Nöte der Realpolitik auch immer ins Spiel gebracht werden - gegen die Lesereise-Liturgin Margot Käßmann ist kein Stich zu machen.

Misst die Zustände der Welt an der Bergpredigt: Gerührter Applaus für Margot Käßmann Zur Großansicht
NDR

Misst die Zustände der Welt an der Bergpredigt: Gerührter Applaus für Margot Käßmann

Ach, an einem Sonntagabend wird man ja noch mal träumen dürfen, der "Tatort" ist gerade vorbei, das Wochenende damit so gut wie, noch einmal seufzen vor dem Einschlafen: eine bessere Welt, wie sähe die wohl aus? Jogi Löw und Michael Ballack reichen sich die Hände, Jörg Pilawa verkündet freiwillig seinen Verzicht auf "Wetten, dass..?", die Bahn AG tut ebensolches in Bezug auf Stuttgart 21, und irgendwo in Afghanistan, da brennt ein Lichtlein in einem Zelt, darinnen sitzt Margot Käßmann und betet barfuß mit einem bärtigen Talib.

Und damit willkommen zur Metathemenrunde bei Anne Will, wo es mal wieder heißt: Warum langweilige Details eines einzigen Themas verhandeln, wenn man viele Themen auf einen Streich so kunstvoll streifen kann, dass sich auf der Hirnoberfläche des Zuschauers bloß nicht mehr als ein wohliges Kräuseln einstellt?

Das ist durchaus als Kompliment gemeint: "Sehnsucht nach einer besseren Welt - brauchen wir mehr 'Gutmenschen'?" ist ein geniales Talk-Thema für einen verregneten Sommerabend, seicht und gleichzeitig tief, und die Gästestühle sind kongenial besetzt: Zuvorderst Margot Käßmann persönlich, "Mutter aller Rücktritte" (Will), Guteste unter den Gutmenschen und lebensweise Lesereise-Liturgin. Ihr zur Rechten sitzt bürstenhaarig Winfried Kretschmann, von den Grünen kommt er, zu richten über die Lebenden und die Porsches in Baden-Württemberg.

Beigeordnet den beiden Lichtgestalten die Leipziger Sangesputte Sebastian Krumbiegel von den Prinzen, vielfältig engagiert im Einsatz gegen Rechts. Auf der Gegenseite die Widersacher: Martin Lindner von der FDP, von Anfang an wild entschlossen zu guter Laune und sympathischem Auftritt, sowie der konservative Medienwissenschaftler Norbert Bolz, zurückhaltend, stets höflich, hier besetzt als des Teufels Advokat.

Kreativ und positiv, die ganze Debatte

Am Anfang spricht jedoch ein Mann mit einem lustigen Hut auf dem Kopf, im obligatorischen Vox-populi-Einspieler formuliert er treffend eine Antwort auf die titelgebende Frage der Sendung. Er lobt Käßmann, wie ja alle Menschen da draußen Käßmann zu loben und zu lieben scheinen, und dann sagt er: "Die Politiker müssen Realpolitik machen, aber wenn man einen christlichen Touch hat, kann man von einer besseren Welt träumen."

Damit ist der mühsam aufgeblasene Konflikt zwischen Idealismus und Materialismus in der deutschen Gesellschaft und Politik zwar sofort arg zusammengeschrumpelt, aber das macht ja nichts, denn viel schöner klingt diese nicht ganz überraschende These natürlich, je nach Vorliebe des Zuschauers, aus dem Munde von Käß- oder Kretschmann, Lindner, Bolz oder Krumbiegel - die sie denn auch in bemerkenswert redundanten Variationen die ganze Sendung über wiederholen werden.

Gutmenschentum sei privat völlig in Ordnung, meint also Bolz, problematisch werde es nur, wenn absolute, sich moralisch überlegen gebende Positionen von Amts wegen geäußert würden. So sieht es auch Lindner, der es nicht gerne hat, von der Kanzel herab belehrt zu werden, während er die harte Drecksarbeit des Politikers verrichten muss, ein Stückchen mehr Frieden und Freiheit und Wohlstand schaffen will, und nicht nur darüber reden.

Katholik Kretschmann hält es hingegen für unsinnig, von einem Gegensatz zwischen Christentum und Politik zu sprechen, er spricht lieber von hohen Zielen und dem Pragmatismus zur weitestmöglichen Durchsetzung dieser Ideale. Käßmann findet die ganze Debatte kreativ und positiv, Kirche müsse sich einmischen, die Menschen sowieso, und im Übrigen sei sie lieber Gut- als Bösmensch. Und Krumbiegel pflichtet bei, ein jeder könne die Welt verändern, ansonsten schweigt er meist, nur sein Gesäßkettchen blinkt vernehmlich im Scheinwerferlicht.

Kretschmann wiegt sich in Sicherheit

Es ist dies die wahrscheinlich klügste Verhaltensweise in dieser Runde, denn was soll man schon sagen, wenn alles irgendwie stimmt, was die anderen vorher gesagt haben? Kurz wird noch versucht, sich gegenseitig mit Vorbildern zu übertrumpfen (Lindner: Kissinger! Käßmann: Martin Luther King! Desmond Tutu!), dann bricht auch schon bald Bolzens und Lindners Widerstand gegen Käßmann in sich zusammen. Gegen diese Frau ist kein Stich zu machen, es hat keinen Sinn, ihr ausgerechnet im unterkomplexen Verkürzungsmedium Fernsehen mangelnde Komplexität und unredliche Verkürzungen vorzuhalten, während sie unter dem gerührten Applaus der Öffentlichkeit die Zustände in der Welt an der Bergpredigt misst.

Nach einer halben Käßmann-Fragestunde sieht man Bolz still lächeln, er wird sich hier und heute nicht verkämpfen. Auf der anderen Seite ein ähnlicher Gesichtsausdruck bei Winfried Kretschmann, er wiegt sich wohl schon in Sicherheit, dass keine kritische Frage mehr zu seinem Stuttgarter Bahnhofsdilemma kommt und er den ersten ruhigen Abend genießen kann seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten. Auch Anne Wills knallharte Fragen nach enttäuschten Wählerhoffnungen und Wahlbetrug, wenn Stuttgart 21 doch gebaut wird, können ihn dann nicht aus der Ruhe bringen: Er habe ja nichts versprochen und auf Polemik lasse er sich nicht ein. Will lässt nicht locker: "Treten Sie zurück, wenn Stuttgart 21 kommt?" Kretschmann: "Nein."

So verstreichen die Minuten, wir nähern uns dem Sendungsende, Zeit für eine Gesamtschau, aber bitte recht freundlich alle zusammen: Bolz lobt Kretschmann für seinen Pragmatismus und attestiert der Gesellschaft zugleich eine allgemeine Sozialdemokratisierung. Käßmann will, dass alle Klartext reden und sich unterscheiden und wird dafür von Lindner gelobt. Und Anne Will tut so, als würde sie sich über ein "versöhnliches Ende" freuen.

Der Mann mit dem lustigen Hut schläft da wahrscheinlich schon längst.

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1. *
geroi.truda 20.06.2011
Zitat von sysopSeicht und gleichzeitig tief: Eine kongenial besetzte Metathemenrunde zum Gutmenschentum lässt bei Anne Will das Wochenende harmonisch ausklingen. Welche Nöte der Realpolitik auch immer ins Spiel gebracht werden: Gegen die Lesereise-Liturgin*Margot Käßmann ist kein Stich zu machen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,769302,00.html
Die Käßmann sollte man erst dann ernst nehmen, wenn sie sich - und zwar ohne Geleitschutz durch Armee/Polizei - selbst auf den Weg ins afghanische Hinterland macht, um mit den Taliban zu beten. Bis dahin spricht die Vermutung dafür, dass das alles nur billige Pose ist.
2. Überschrift
hausmeister hempel 20.06.2011
Zitat von sysopSeicht und gleichzeitig tief: Eine kongenial besetzte Metathemenrunde zum Gutmenschentum lässt bei Anne Will das Wochenende harmonisch ausklingen. Welche Nöte der Realpolitik auch immer ins Spiel gebracht werden: Gegen die Lesereise-Liturgin*Margot Käßmann ist kein Stich zu machen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,769302,00.html
Es war eine nichtssagende Diskussion.... mehr Krampf .... vertane Zeit... Wen ndie welt nur aus Pragmatikern und Gutmenschen bestehen würde, wie sie in dieser Sendung definiert wurden, wäre es schrecklich..... Diese Art des Gutmenschentums ist naiv-simpel, nicht wissend, nach welchen Gesetzmäßigkeiten Menschen handeln. Pragmatiker als anderes Wort für Machtmenschen?
3. habs nicht gesehen, aber....
urlaubsabgeltung 20.06.2011
Zitat von sysopSeicht und gleichzeitig tief: Eine kongenial besetzte Metathemenrunde zum Gutmenschentum lässt bei Anne Will das Wochenende harmonisch ausklingen. Welche Nöte der Realpolitik auch immer ins Spiel gebracht werden: Gegen die Lesereise-Liturgin*Margot Käßmann ist kein Stich zu machen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,769302,00.html
ich habe die Runde nicht gesehen, aber ich erfreue mich an dem luftig, lockeren journalistischen Stil dieses Beitrages
4. "beurlaubte Kirchenbeamtin"
Wertkonservativliberaler 20.06.2011
Ob die Käßmann-Anhänger wissen, dass Margot Käßmann durch ihren Rücktritt, für den sie sich gerne als moralische Instanz feiern lässt, keinerlei Einbußen in Bezug auf ihre Alimentation erleiden musste? Käßmann fiel butterweich: Da Käßmann mehr als zehn Jahre Landesbischöfin war, bekommt sie weiterhin als "beurlaubte Kirchenbeamtin" die vollen Bischofsbezüge von rund 8000 EUR monatlich bis zum Eintritt in das Pensionsalter. Dies Geld wird, aufgrund der Kirchenstaatsverträge zwischen der Bundesrepublik und den Kirchen, von allen Steuerzahlern bezahlt, nicht nur von Kirchensteuerzahlern. Dieser schlichte Hinweis wurde übrigens gestern im Anne Will-Blog nicht freigeschaltet. Tatsachen scheinen im öffentlichrechtlichen Rundfunk nicht immer wohlgelitten.
5. Geist aus der Flasche
moliebste 20.06.2011
"Gutmensch", "Gutmenschentum", wissen diejenigen, die leichtfertig dieses alte Schimpfwort der NAZIS verwenden, welchen Geist sie aus der Flasche lassen ? Das Schimpfwort "Gutmensch" wurde im Jahre 1936 von Goebbels erfunden und als Kampfbegriff gegen die katholische Kirche, insbsonders gegen den damaligen Erzbischof von Köln, verwandt. Der mutige Erzbischof von Galen hatte es gewagt, sich gegen Euthanasie, also die Ermordung von Behinderten, auszusprechen.
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