Von Stefan Kuzmany
Ach, an einem Sonntagabend wird man ja noch mal träumen dürfen, der "Tatort" ist gerade vorbei, das Wochenende damit so gut wie, noch einmal seufzen vor dem Einschlafen: eine bessere Welt, wie sähe die wohl aus? Jogi Löw und Michael Ballack reichen sich die Hände, Jörg Pilawa verkündet freiwillig seinen Verzicht auf "Wetten, dass..?", die Bahn AG tut ebensolches in Bezug auf Stuttgart 21, und irgendwo in Afghanistan, da brennt ein Lichtlein in einem Zelt, darinnen sitzt Margot Käßmann und betet barfuß mit einem bärtigen Talib.
Und damit willkommen zur Metathemenrunde bei Anne Will, wo es mal wieder heißt: Warum langweilige Details eines einzigen Themas verhandeln, wenn man viele Themen auf einen Streich so kunstvoll streifen kann, dass sich auf der Hirnoberfläche des Zuschauers bloß nicht mehr als ein wohliges Kräuseln einstellt?
Das ist durchaus als Kompliment gemeint: "Sehnsucht nach einer besseren Welt - brauchen wir mehr 'Gutmenschen'?" ist ein geniales Talk-Thema für einen verregneten Sommerabend, seicht und gleichzeitig tief, und die Gästestühle sind kongenial besetzt: Zuvorderst Margot Käßmann persönlich, "Mutter aller Rücktritte" (Will), Guteste unter den Gutmenschen und lebensweise Lesereise-Liturgin. Ihr zur Rechten sitzt bürstenhaarig Winfried Kretschmann, von den Grünen kommt er, zu richten über die Lebenden und die Porsches in Baden-Württemberg.
Beigeordnet den beiden Lichtgestalten die Leipziger Sangesputte Sebastian Krumbiegel von den Prinzen, vielfältig engagiert im Einsatz gegen Rechts. Auf der Gegenseite die Widersacher: Martin Lindner von der FDP, von Anfang an wild entschlossen zu guter Laune und sympathischem Auftritt, sowie der konservative Medienwissenschaftler Norbert Bolz, zurückhaltend, stets höflich, hier besetzt als des Teufels Advokat.
Kreativ und positiv, die ganze Debatte
Am Anfang spricht jedoch ein Mann mit einem lustigen Hut auf dem Kopf, im obligatorischen Vox-populi-Einspieler formuliert er treffend eine Antwort auf die titelgebende Frage der Sendung. Er lobt Käßmann, wie ja alle Menschen da draußen Käßmann zu loben und zu lieben scheinen, und dann sagt er: "Die Politiker müssen Realpolitik machen, aber wenn man einen christlichen Touch hat, kann man von einer besseren Welt träumen."
Damit ist der mühsam aufgeblasene Konflikt zwischen Idealismus und Materialismus in der deutschen Gesellschaft und Politik zwar sofort arg zusammengeschrumpelt, aber das macht ja nichts, denn viel schöner klingt diese nicht ganz überraschende These natürlich, je nach Vorliebe des Zuschauers, aus dem Munde von Käß- oder Kretschmann, Lindner, Bolz oder Krumbiegel - die sie denn auch in bemerkenswert redundanten Variationen die ganze Sendung über wiederholen werden.
Gutmenschentum sei privat völlig in Ordnung, meint also Bolz, problematisch werde es nur, wenn absolute, sich moralisch überlegen gebende Positionen von Amts wegen geäußert würden. So sieht es auch Lindner, der es nicht gerne hat, von der Kanzel herab belehrt zu werden, während er die harte Drecksarbeit des Politikers verrichten muss, ein Stückchen mehr Frieden und Freiheit und Wohlstand schaffen will, und nicht nur darüber reden.
Katholik Kretschmann hält es hingegen für unsinnig, von einem Gegensatz zwischen Christentum und Politik zu sprechen, er spricht lieber von hohen Zielen und dem Pragmatismus zur weitestmöglichen Durchsetzung dieser Ideale. Käßmann findet die ganze Debatte kreativ und positiv, Kirche müsse sich einmischen, die Menschen sowieso, und im Übrigen sei sie lieber Gut- als Bösmensch. Und Krumbiegel pflichtet bei, ein jeder könne die Welt verändern, ansonsten schweigt er meist, nur sein Gesäßkettchen blinkt vernehmlich im Scheinwerferlicht.
Kretschmann wiegt sich in Sicherheit
Es ist dies die wahrscheinlich klügste Verhaltensweise in dieser Runde, denn was soll man schon sagen, wenn alles irgendwie stimmt, was die anderen vorher gesagt haben? Kurz wird noch versucht, sich gegenseitig mit Vorbildern zu übertrumpfen (Lindner: Kissinger! Käßmann: Martin Luther King! Desmond Tutu!), dann bricht auch schon bald Bolzens und Lindners Widerstand gegen Käßmann in sich zusammen. Gegen diese Frau ist kein Stich zu machen, es hat keinen Sinn, ihr ausgerechnet im unterkomplexen Verkürzungsmedium Fernsehen mangelnde Komplexität und unredliche Verkürzungen vorzuhalten, während sie unter dem gerührten Applaus der Öffentlichkeit die Zustände in der Welt an der Bergpredigt misst.
Nach einer halben Käßmann-Fragestunde sieht man Bolz still lächeln, er wird sich hier und heute nicht verkämpfen. Auf der anderen Seite ein ähnlicher Gesichtsausdruck bei Winfried Kretschmann, er wiegt sich wohl schon in Sicherheit, dass keine kritische Frage mehr zu seinem Stuttgarter Bahnhofsdilemma kommt und er den ersten ruhigen Abend genießen kann seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten. Auch Anne Wills knallharte Fragen nach enttäuschten Wählerhoffnungen und Wahlbetrug, wenn Stuttgart 21 doch gebaut wird, können ihn dann nicht aus der Ruhe bringen: Er habe ja nichts versprochen und auf Polemik lasse er sich nicht ein. Will lässt nicht locker: "Treten Sie zurück, wenn Stuttgart 21 kommt?" Kretschmann: "Nein."
So verstreichen die Minuten, wir nähern uns dem Sendungsende, Zeit für eine Gesamtschau, aber bitte recht freundlich alle zusammen: Bolz lobt Kretschmann für seinen Pragmatismus und attestiert der Gesellschaft zugleich eine allgemeine Sozialdemokratisierung. Käßmann will, dass alle Klartext reden und sich unterscheiden und wird dafür von Lindner gelobt. Und Anne Will tut so, als würde sie sich über ein "versöhnliches Ende" freuen.
Der Mann mit dem lustigen Hut schläft da wahrscheinlich schon längst.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH