Entlohnungsdebatte bei Jauch Volksaufklärung mit Manuela

Lohnungleichheit statt Stinkefinger: Bei Günther Jauch ging es am Sonntagabend um ein altes Übel. Es fehlte ein richtiger Bösewicht, dafür durfte die Familienministerin ausgiebig gegen Diskriminierung von Frauen wettern.

Ministerin Manuela Schwesig: Erklärte gern und ausführlich den Kontext
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Ministerin Manuela Schwesig: Erklärte gern und ausführlich den Kontext

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Hamburg - Natürlich ehrt es Günther Jauch, dass er die Sendung dem immer noch zu wenig beachteten "Equal Pay Day" widmete: Der Tag, der auf die nach wie vor grassierende Lohnlücke zwischen Männern und Frauen hinweist.

Andererseits: Kein Wort, nicht mal eine Silbe, zum Thema Stinkefinger? Ein bisschen schade ist das schon nach all der Aufregung, die der Auftritt des griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis in der vergangenen Woche ausgelöst hat. Nachdem die "NZZ" gar Jauchs Rücktritt gefordert hat, weil er mit seinem Stinkefinger-Einspielvideo "gegen fundamentale journalistische Standards verstoßen" habe, hätte sich der Moderator nicht wenigstens erklären müssen? Auch ein spielerischer Umgang mit #fingergate und #varoufake wäre doch möglich gewesen: "Pöbeln, protzen, Peinlichkeiten - wie viel Stinkefinger steckt in uns allen?", wäre das nicht ein schönes Sequel-Thema gewesen? Peer Steinbrück, die Geissens, den ADAC, nochmal Varoufakis: Wen hätte man nicht alles einladen können!

Stattdessen: "Der ungerechte Lohn - warum verdienen Frauen weniger?"

Na gut. Ist ja auch viel wichtiger. Laut Statistischem Bundesamt beträgt der geschlechtsspezifische Entgeltunterschied - was für ein Behördensprech-Wortmonster - in Deutschland aktuell 22 Prozent. Was bedeutet, dass wir Herren erst am vergangenen Freitag, den 20. März zu arbeiten hätten anfangen müssen, wenn wir auf den weiblichen Jahresverdienst kommen wollten. Ein Unding, da war man sich in der Talkrunde auch völlig einig, was wiederum ein typisches Begleitphänomen der Ungleichbehandlung zu sein scheint: Alle bedauern und verurteilen sie öffentlich. Was der Ungleichbehandlung völlig egal ist.

Um das zu ändern, will Manuela Schwesig nun ein Entgeltgleichheitsgesetz durchsetzen, dessen wesentlicher Gehalt ein Auskunftsrecht für Beschäftigte ist: Sie haben das Recht zu erfahren, nach welchen Kriterien ihre Bezahlung zustande kommt. "Durch eine solche Auskunft wird man in eine Verhandlungsposition versetzt", argumentierte die Familienministerin in der Talkrunde. Die CDU ("Bemühungen schießen über das Ziel hinaus") und die FDP ("Bürokratiemonster") sind dagegen - vielleicht wäre der Jauch-Talk ein wenig kontroverser ausgefallen, wenn ihre Vertreter dort gesessen hätten.

Niejahr lieferte Details und Differenzierungen

So aber widmete sich die Gesprächsrunde vor allem der Volksaufklärung. Manuela Schwesig hatte die meisten Redeanteile und erklärte gerne und ausführlich den Kontext der Lohnlücke: Dass Männer im Schnitt mehr als 40 Wochenstunden, Frauen im Schnitt aber nur 19 arbeiteten, obwohl drei Viertel der Männer sich wünschten, kürzer zu treten. Dass der Unterschied bei den Renten zwischen Frauen und Männern gar 59 Prozent beträgt.

Was bedeutet...
...Equal Pay Day?
Corbis

Der Equal Pay Day markiert im Kalender symbolisch den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied, der laut Statistischem Bundesamt aktuell 22 Prozent in Deutschland beträgt. Umgerechnet ergeben sich daraus 79 Tage, die Frauen zum Jahresanfang umsonst arbeiten müssen: 21,6 Prozent von 365 Tagen = 79 Tage. 2015 fand der Equal Pay Day am 20. März 2015 statt.
...Gender Pay Gap?
Das ist der Fachbegriff für Bezahlungsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Die Angaben dazu klaffen weit auseinander, je nachdem welche Faktoren man wie stark gewichtet oder ganz herausrechnet. Dazu zählen zum Beispiel der Einfluss von Babypausen, von Teilzeitarbeit oder der beruflichen Vorlieben von Frauen und Männern.
Wie groß ist die Lohnkluft wirklich?
Pro Stunde verdienen Männer in Deutschland durchschnittlich 20,20 Euro und Frauen 15,83 Euro - rein statistisch, quer durch alle Berufe und Qualifikationen. In Ostdeutschland ist die Verdienstlücke deutlich geringer als im Westen. Über Lohngerechtigkeit in vergleichbaren Tätigkeiten sagen diese 22 Prozent Differenz allerdings wenig aus. Etwa zwei Drittel des Unterschieds entstehen dadurch, dass Frauen häufiger in Teilzeitjobs und in schlechter bezahlten Berufen arbeiten; traditionelle Männerberufe etwa in der Industrie sind meist besser dotiert als zum Beispiel Jobs im Gesundheits- und Sozialwesen. Hinzu kommt: Mütter nehmen weit häufiger und länger Kinder-Auszeiten als Väter, und sie kehren auch häufiger auf Teilzeit- statt auf Vollzeitjobs zurück. Selbst bei ähnlicher Qualifikation und ähnlicher Tätigkeit bekommen Frauen durchschnittlich sieben Prozent weniger als männliche Kollegen - das klingt nicht so skandalös wie 22 Prozent, ist aber immer noch ein bemerkenswerter Unterschied. jol
Die relevanten Details und Differenzierungen lieferte "Zeit"-Redakteurin Elisabeth Niejahr: Sie verwies darauf, dass unser Steuersystem mit Ehegattensplitting und Minijob-Regelung eine Kultur begünstige, in der der Mann der Ernährer ist und die Frau höchstens für den Nebenjob zuständig. Und dass es eine historische Tradition gibt, Berufe im sozialen Bereich, in Pflege und Erziehung bezahlungsmäßig für vernachlässigenswert zu halten. Den Gegenpart zu Niejahr spielte Roland Tichy. Auch der "BamS"-Kolumnist bedauerte natürlich die Lücke und Ungleichbehandlung. Aber die höheren Industrielöhne habe halt die Gewerkschaftsbewegung für die vor allem männlichen Berufe durchgesetzt: "Wie kommt man da raus?" fragte Tichy. "Man kann ja nicht zur IG Metall sagen, wartet mal ein paar Jahre mit Lohnzuwachs!"

So ging's ein paar Mal halbmunter hin und her: Tichy wetterte ein wenig gegen das Schwesig-Gesetz und befand, das Problem löse sich in dem Maße von selbst, wie junge Frauen in bisher typische Männerbranchen drängten. Niejahr argumentierte, dass in Bayern und Baden-Württemberg, wo Fachkräftemangel herrscht, die Lohnlücke besonders groß sei. Tichy behauptete, die Zahlen stimmten nicht.

Gelegenheit zum Schwadronieren

Dann war da noch ein Herr Sattelberger, Telekom-Manager, der die Verantwortung bei den Unternehmen sah. Es ginge um das "Ethos einer Zunft" sagt er mit Blick auf die Personalabteilungen. "Ist die Firmenkultur auf Fairness oder auf Verteilungskampf aufgebaut?" Den Bösewicht in der Runde sollte ein Hotelketten-Geschäftsführer namens Marcus Wöhrl spielen, der von der ganzen Gleichbehandlung gar nicht so viel hält und Sätze sagte wie: "Es muss doch möglich sein dass ich, wenn ich mehr powere, wenn ich mehr leiste, auch mehr verdiene."

Leider hielt sich der junge Mann mit der seltsamen Frisur nicht so richtig an das Thema und nahm die Einladung zum prominenten Sonntagstalk als Gelegenheit zum Schwadronieren. "Mir ist das zu bieder, immer diese Trennung in Mann und Frau, Christ und Muslim, das ist ein Grabenkampf Ihrer Partei", erklärte er in Richtung Schwesig. "Sie sind nicht stolz, dass Sie's geschafft haben ganz ohne Frauenquote? Man kann doch mal stolz sein!"

Frau Schwesig nahm's gelassen. Und erklärte einfach nochmal: "Wenn eine Lohnlücke von 22 Prozent da ist und wenn die sich durch alle Lohngruppen und Berufszweige durchzieht, dann kann ich mich nicht hinstellen und sagen: Alles ist gut." Vielleicht hätte man's einfach machen sollen wie auf Kuba oder in Venezuela: Alle Sender werden am Sonntagabend gleichgeschaltet und müssen einen Schwesig-Vortrag zum Thema Lohnungleichheit ausstrahlen.



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