BR-"Polizeiruf" über Elternwahn: Götter in Windeln
Sie beten ihre Kinder an - und morden sogar für die lieben Kleinen: Im neuen Münchner "Polizeiruf" wird Kommissar von Meuffels mit krankhafter Elternfürsorge konfrontiert. Ein außergewöhnlicher Gesellschaftskrimi.
Ein bisschen Angst machen sie einem schon, die Eltern von heute. Geben ihren Kindern Namen von Religionsstiftern, bauen ihnen Krippen wie Kathedralen. Die Welt und ihre Probleme sollen gefälligst draußen bleiben. Das "Kinderparadies" in dem wohlhabenden Münchner Vorort, in dem der Großteil des neuen "Polizeiruf 110" spielt, ist so ein heiler und heiliger Ort. Riesige Fenster, hohe Decken, das pädagogisch wertvolle Spielzeug ist zu wahren Altären aufgetürmt.
Und auch lange nach Betriebsschluss singen die Eltern dort ihrem Nachwuchs zu Ehren Choräle in Kinderreimformat. Sitzen da auf den kleinen Stühlen, strecken beseelt die Hände in die Höhe, trällern mit fast schon sakraler Inbrunst: "Wir werfen mit Zitronen, mit Erbsen und Melonen." Es ist der Elternabend in dem selbstorganisierten Kinderladen, ein Pflichttermin einmal die Woche, auf dem man gemeinsam die Lieder durchgeht, die von den Kleinen in der nächsten Zeit gesungen werden sollen.
Während die anderen Eltern ernst und glücklich die Kinderlieder einstudieren, wird nicht weit entfernt eine schwänzende "Kinderparadies"-Mutter von einem Auto auf die Kühlerhaube genommen und qualvoll gegen einen Baum zu Tode gequetscht. Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) ermittelt im Anschluss zwischen Holzspielzeug und selbst gefertigten Handpuppen. Bald gerät der Gründer des Kinderladens (Johannes Zeiler) in sein Visier, ein Vater und Selfmade-Millionär, der diesen Tempel fürs Kindsein mit seinem eigenen Kapital errichtet hat.
In Anbetracht all der forcierten Kinderbeglückung durch den Millionär fragt von Meuffels: "Er muss sein Kind sehr lieben." Die angesprochene Erzieherin korrigiert: "Lieben? Er vergöttert es!"
Gelobt sei mein Balg!
Ein "Polizeiruf" über den Götzen Kind, das ist zeitgemäß. Der Glaube bietet in der mehr und mehr säkularisierten Welt immer weniger Halt, das Kind wird zum quasi-religiösen Ausweichobjekt. Allerorten wird die Reinheit des jungen unverdorbenen Menschen gefeiert, die es gegen alle schädlichen Einflüsse der bösen, bösen Welt da draußen zu verteidigen gilt: Gelobt sei mein Balg, geheiligt sei seine Reinheit!
Eltern im Sorgewahn - ein starkes, ein vollkommen unbearbeitetes Thema für einen Fernsehkrimi. Ja, überhaupt für einen Fernsehfilm. Die Verantwortlichen des Münchner "Polizeiruf", die gerade erst mit einem radikalen Transgender-Thriller für Furore gesorgt haben, warben dafür gleich zwei Spitzenkräfte des deutschen Films an: den Drehbuchautor Daniel Nocke ("Verratene Freunde"), der umfassende gesellschaftliche Wahrheiten in einem zweizeiligen Dialog aufblitzen zu lassen versteht, und den Regisseur Leander Haußmann ("Hotel Lux"), der in knalligen Farben schräge Paralleluniversen ausleuchtet.
Der kühle Sezierer und der beschwipste Weltenerfinder, passt das überhaupt zusammen? Im Vorfeld zum Dreh sollen, man kann es sich gut vorstellen, die Fetzen geflogen sein; für die verantwortliche BR-Redakteurin Cornelia Ackers ist das allerdings nicht die schlechteste Arbeitsgrundlage. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE formuliert sie diplomatisch, aber deutlich: "Die künstlerische Unterschiedlichkeit zwischen Daniel Nocke und Leander Haußmann war ein wichtiger Bestandteil zur Qualitätsfindung."
Und der Clash der beiden Charaktere hat sich tatsächlich gelohnt: Empathie und Häme gehen hier extrem gut zusammen. Drollig geht die Kamera gelegentlich auf Augenhöhe mit den Windelträgern, trocken werden die schon pathologischen Züge des Sorgewahns skizziert. Natürlich gibt es im "Kinderparadies" eine Chinesin, die mit den Kleinen schon mal in der neuen Weltsprache redet und bereits Zweijährige ans Klavier kettet. Auch nicht schlecht: Als die Tochter des Mordopfers ihren dritten Geburtstag feiert, führt der verrückte Selfmade-Millionär für die Kleinen mit seinen selbstgebastelten Puppen Shakespeares "Sommernachtstraum" auf.
Überhaupt die Männer: Schleichen und flüstern die ganze Zeit, als ob es nichts Gefährlicheres geben kann, als das angebetete Kind aufzuwecken. Der Seitensprung erscheint da manchem Mann wohl einzige Ausbruchsmöglichkeit aus dem Sorgekäfig. Das Kinderparadies, es kann eben schnell zur Ehehölle werden.
"Polizeiruf 110: Kinderparadies", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
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Volker Hage:
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