Schöner fernsehen

"My Big Fat Gypsy Wedding" Es ist zum Heulen

Von

TLC

In Deutschland präsentiert sich TLC sozusagen als Sender für die Karikatur der Frau, die Tussi. Dabei steht TLC eigentlich für "The Learning Channel". Da kann man lernen, dass auch Frauen nichts gegen den Konsum rassistischer Stereotype haben. Nur bunt und glitzernd müssen sie sein.

Ein Jammer, dass "My Big Fat Gypsy Wedding" nur die US-Version einer ursprünglich britischen Dokunovela ist. Schade, dass die Seifenoper in South Carolina spielt und weder von Sinti noch von Roma handelt. Eingeheiratet wird vielmehr in eine prosperierende Gemeinde aus "Irish Travellers", ehemals fahrendes Volk irischer Abstammung, das zusammen mit Millionen anderer Landsleute ab 1845 vor dem Großen Hunger in die USA floh und sich dort die kulturelle Integrität bewahrt hat. Schade also, dass die Sendung nicht "Meine rassige Zigeunerhochzeit" heißt und in, sagen wir, Duisburg gedreht wurde. Dann hätte man vielleicht wirklich etwas lernen können.

So allerdings erfahren wir nur, dass es in der amerikanischen Gesellschaft ein ungebrochenes Bedürfnis nach ausgrenzbaren Gruppen gibt. Warum auch nicht? Wer in den USA weiß ist und von einem Schwarzen regiert wird, der mit den Stimmen mexikanischer Einwanderer gewählt wurde, der muss gerade in einer nominell um Integration und Akzeptanz bemühten Einwanderungsgesellschaft sehr lange nach Leuten suchen, die er noch mehr verachten kann als die verbliebenen Indianer. Und da kommen die Zigeuner, wie immer, gerade recht. Wobei die Verachtung als süßes Gift und Popanz verabreicht wird.

Die Braut will gerne aufgenommen werden in Murphy's Village, einer "strengen Gemeinde" sesshaft gewordener Wanderiren. Und weil das vollkommen ohne kulturelle Hindernisse über die Bühne geht, werden eben welche konstruiert: "Tamara hat Bill dazu bekommen, dass er bei ihr bleibt" im Kreißsaal, wo sie das Kind erwartet: "Doch alte Verhaltensmuster lassen sich nicht so schnell ablegen", heißt es aus dem Off.

"Ohne Kinder ist alles aus"

Und dann sehen wir, wie Bill vor lauter Langeweile irgendwann verstohlen nach seinem Smartphone greift. Gerade so, wie es diese Zigeuner seit Jahrhunderten tun. Und als der stolze Vater den Säugling in seinen Armen hält: "Kinder halten die Kultur der Traveller am Leben - ohne sie ist alles aus!"

Dann wird über geschlagene 40 Minuten diese verdammte Hochzeit geplant. Wie kommen Tamaras Eltern, reinrassige Durchschnittsamerikaner, damit zurecht? "Tamaras Eltern kommen nur schwer damit zurecht, dass ihre Tochter der Mittelpunkt einer Riesenfeier sein soll." Weil die Braut in echten Zivilisationen bekanntlich nur eine Nebenrolle spielt. Und so geht es heiter weiter: "In dieser Gesellschaft dient das Vorführen von Wohlstand dem Erstellen der sozialen Rangordnung. So ist das in dieser Kultur" und keiner anderen sonst auf diesem Planeten.

Die Vorbereitungen auf die Riesenfeier beschränken sich auf die Sorgen der Braut, ihr Kleidchen könnte irgendwie doof sein: "Das perfekte Kleid ist eine Frage von Leben und Tod. Sonst bekomme ich einen Herzinfarkt und sterbe!" Gefühlte Ewigkeiten geht es danach um das Anpassen, Nähen und Schmücken, Bewundern und Anprobieren einer blinkenden Scheußlichkeit von Zigeunerkleid, man kennt das ja.

Bisweilen erinnert der Jargon an Tierfilme

Weil dieser Handlungsstrang so gar nichts hergibt, wird zwischendurch umgeschaltet zum stolzen Volk der Romanichal, einer im angloamerikanischen Raum verbreiteten Unterordnung der Roma. Dargestellt werden vor allem die minderjährigen Frauen, alle schwanger oder kurz davor, wie sie im Supermarkt randalieren oder beim Tanzen anmutige Kopulationsbewegungen vollführen: "Unser Ziel sind immer die unglaublich tollsten Klamotten, die man sich vorstellen kann", verkündet stolz die Matriarchin. Und aus dem Off heißt es vertraulich, als ginge es um Elstern: "Sie mögen alles, was funkelt, groß ist und auffällt."

Bisweilen erinnert der Jargon tatsächlich an Tierfilme: "Romanichalfrauen sind immer in Gruppen unterwegs. Und sie geben ihre Traditionen an die nächste Generation weiter." Ebenso gut könnte man kommentieren: Weil Romanichalfrauen sich wie Schlampen kleiden, ist ihr Fortbestand noch nicht bedroht.

Es ist zum Heulen. Apropos: Die eigentliche Hochzeit, eine gar nicht uninteressante Open-Air-Theateraufführung inklusive großspuriger Reime wie im HipHop, nimmt am Ende gerade mal drei Minuten in Anspruch. War ein voller Erfolg. Der könnte durchaus auch "My Big Fat Gypsy Wedding" beschieden sein.

Zwar ist das Format so aggressiv und ätzend wie Vogelkacke. Aber es finden sich immer genug Leute, schätzungsweise weiblichen Geschlechts, die dergleichen ironisch und als, hihi, "guilty pleasure" dann doch gerne konsumieren. So ist das in unserer Kultur.



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42 Leserkommentare
hirlix 16.04.2014
orosee 16.04.2014
cidd 16.04.2014
azraelreloaded 16.04.2014
Peter.Lublewski 16.04.2014
kwik-e-mart 16.04.2014
panzerknacker51 16.04.2014
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Biegel 16.04.2014
Koda 16.04.2014
sangundklanglos 16.04.2014
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Scheidungskind 16.04.2014
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carolian 16.04.2014
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tim11 16.04.2014
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clon0815 16.04.2014
Scheidungskind 16.04.2014
Kapitän_Niveau 16.04.2014
gruenewiese 19.04.2014

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