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"Nachbarschaftsstreit" bei RTL: Am Zaun wird scharf geschossen

Von Peer Schader

Wo tobt der schlimmste Krieg? Im Nahen Osten? In Afghanistan? Von wegen: In der Doku-Soap "Nachbarschaftsstreit - Kolb greift ein" zeigt RTL deutsche Anwohner als Helden in der täglichen Gartenzaun-Offensive. Ironisch ist das nicht - aber extrem peinlich.

Manchmal braucht es kein Hochwasser, keinen Wirbelsturm und auch keinen Krieg, damit ein schönes Fleckchen Erde von heute auf morgen zum Krisengebiet wird. In einigen Fällen reicht auch ein stinkender Komposthaufen, eine unerwartete Baumverstümmelung oder ein geruchsintensiver Grillanzünder. Es gibt viele schlimme Probleme auf der Welt, man muss ja bloß "Tagesschau" einschalten, da erzählen sie das ständig. Die ärgsten Konflikte sind für viele Menschen aber immer noch die, die vor der eigenen Haustür passieren.



Aus diesem Grund ist den Redakteuren von RTL beim Brainstorming für ihre neue Doku-Reihe auch nicht New Orleans, Afghanistan oder Phuket als Drehort eingefallen - sondern Andernach im Kreis Mayen-Koblenz.

Dort hat's neulich so richtig gekracht. Seit Familie Faulhaber-Cera im Nachbarhaus wohnt, fühlt sich das daneben lebende Ehepaar Weißmann in seiner Freiheit massiv eingeschränkt. Sechsmal im Monat wird drüben gegrillt, mit "Kerosin", wie Frau Weißmann vermutet, und weil das alles zu ihr herüberzieht, stinkt das ganze Haus barbarisch.

Dann hat der Untermieter der unerwünschten Nachbarn auch noch einen Komposthaufen im Garten angelegt, der das Ungeziefer anlockt. 16 tote Ratten haben ihr die Katzen schon auf die Treppe gelegt: Frau Weißmanns Strichliste lügt nicht.

Endgültig zu weit gegangen ist der Nachbar aber, als er kürzlich die auf der Grundstücksgrenze stehenden Tannen "ohne Zustimmung einseitig radikal gestutzt" hat. Wenn die Familien sich jetzt im Garten begegnen, wird radikal geschrien.

Offensive am Gartenzaun

"Krieg" nennen es die Parteien unabhängig voneinander, nur der Verteidigungsminister würde das vermutlich anders sehen, und eigentlich müsste sich auch längst Krisenreporterin Antonia Rados gemeldet haben. Kann aber natürlich sein, dass die für den Kreis Mayen-Koblenz so kurzfristig kein Visum bekommen hat. Also schickt RTL Ersatz: Ernst-Andreas Kolb, den Mann mit der Lizenz zum Schlichten, von Beruf Rechtsanwalt und Mediator.

"Nachbarschaftsstreit - Kolb greift ein" heißt die neue Reihe, die der Sender sich im Jahre 10 n. R. Z. (nach Regina Zindler) für seinen Krisenmittwoch ausgedacht hat, weil Schuldnerberater Peter Zwegat und die "Super-Nanny" auch irgendwann mal in Urlaub fahren wollen.

Und diesmal geht es um mehr als nur um einen popeligen Maschendrahtzaun samt Knallerbsenstrauch. Diesmal geht es um: "Kreissäge", "Hundegebell", "Kindergeschrei", "Beleidigungen", "Partylärm", "Wut" und "Diskussionen" - man kommt kaum hinterher beim Mitzählen der vielen Vergehen, die RTL für den Vorspann in eine aus der Vogelperspektive gefilmte Wohnsiedlung eingezeichnet hat, wie man das aus den Nachrichten nach schlimmen Bombenattentaten kennt.

Dass sich die Dramatisierung anschließend in Grenzen hält, ist erstaunlich, liegt aber womöglich daran, dass die aufgestöberten Streitfälle bereits eine ausreichende Grundabsurdität besitzen. Da lohnt es sich kaum, noch was dazuzuerfinden.

Krieg, im Ernst

Auffällig am RTL-Gartenzaunprotokoll ist hingegen, mit welcher Ernsthaftigkeit es präsentiert wird - als sei es völlig normal, dass sich erwachsene Menschen fast an die Gurgel gehen, weil sie sich so sehr in den Hass aufeinander hineingesteigert haben.

Frau Weißmann hat geweint, als sie die beschnittenen Tannen zum ersten Mal sah. Und Frau Faulhaber ist es leid, sich von den besserwisserischen Nachbarn wie "Menschen zweiter Klasse" behandeln zu lassen, bloß weil sie und ihr Lebensgefährte Geld vom Amt kriegen. Bürgerliches Establishment gegen Hartz-IV-Idylle - klar, dass das Privatfernsehen da Witterung aufnimmt.

Mit ausgeschaltetem Verstand könnte man glatt auf die Idee kommen, die Andernacher Privatfehde besitze eine ähnliche Tragweite wie der Nahostkonflikt. Zumindest unternimmt RTL nichts, um diesem Eindruck entgegenzuwirken.

Auch nicht die kleinste ironische Bemerkung hat sich in den Kommentar des Off-Erzählers geschlichen. Bloß einmal, als Frau Weißmann auf ihrem Balkon erzählt, wie sehr sie sich statt Lärm von drüben "vor allem Ruhe" wünsche, zoomt die Kamera auf den Güterzug, der in diesem Moment über die ans Ende des Gartens grenzenden Schienen rattert ohne von der 55-Jährigen wahrgenommen zu werden. Kann aber natürlich auch Zufall gewesen sein.

Immerhin, Mediator Kolb darf sich ein bisschen Witz erlauben: Ob die beschnittenen Bäume noch zu retten seien, wisse er auch nicht, sagt er dem Ehepaar Weißmann bei seinem Hausbesuch: "Ich bin kein Baum."

Am Ende aber macht er alles gut, hat Sachverständige bestellt und die Streithähne an den runden Tisch gebracht, um endlich Frieden zu schaffen und Deutschland die Debatte über einen Einsatz der Bundeswehr im Innern zu ersparen. Nicht mal vor Gericht ist der Streit gegangen; die Weißmanns und die Faulhaber-Ceras schütteln sich sogar die Hand, weil Kolbs "Einsatz" natürlich "ein voller Erfolg" war. Da kann sich auch Barack Obama noch was abgucken.

Und wenn das nicht lange hält: umso besser. Das RTL-Kamerateam kommt bestimmt gerne wieder, um die nächste Eskalationsstufe für die Nachwelt zu dokumentieren. Nicht dass einer auf die Idee kommt, immer nur die Leute im Ausland hätten Probleme.


"Nachbarschaftsstreit - Kolb greift ein", 5 Folgen, mittwochs um 20.15 Uhr bei RTL.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
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1. Luxemburg - oh wie wohl ist mir!
wkawollek 29.07.2009
Müssen wir uns wirklich mit Reich - Tückisch - Langweilig beschäftigen? Auch wenn die SPD die Super-Nanny in ihrer Verzweifelung bemüht?
2. ...
Matthias Franz 29.07.2009
OMG! Gibt es tatsächlich Leute, die ihre Zeit damit verschwenden, solche Sendungen anzuschauen? Auch wenn es mir eigentlich unvorstellbar scheint, befürchte ich, meine eigene Frage mit "Ja" beantworten zu müssen. Sowas hat der "Global Braintrust" mal so schön als Tittytainment definiert ...
3. Ist doch eh gecastet
Matzescd, 29.07.2009
Ich kann mir bei solchen Unterschichtenshows nicht vorstellen, dass es sich um echte Szenen handelt. Welche zerstrittene "zweite" Partei würde dies denn freiwillig mitmachen?
4. Tränen gelacht
Lindenkind, 29.07.2009
Zitat von MatzescdIch kann mir bei solchen Unterschichtenshows nicht vorstellen, dass es sich um echte Szenen handelt. Welche zerstrittene "zweite" Partei würde dies denn freiwillig mitmachen?
Jede, die Ihre Sicht der Dinge darlegen möchte und darüber hinaus die Angst hat, es könne einseitig berichtet werden... Ich weiß leider nicht, in welche Zeichen ich meinen obigen Kommentar setzen muss, um zum Ausdruck zu bringen, dass ich Tränen lache, während ich diesen poste! Oh weh, oh weh
5. Ich könnte nur noch schreien ...
Stanley365 29.07.2009
... daß so ein Blödsinn offenbar quotentauglich ist. Könnte man zur rein Darwinistischen Problemlösung den nächsten Konfliktparteien nicht wechselseitig Maschinengewehre und Handgranaten in die Hand geben ? Und schließlich: warum berichtet SPON auch noch darüber ?
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