Nachruf auf Luke Perry Der Junge mit dem Stachel im Fleisch

Sein Dylan McKay, der schöne, surfende Grübler, machte die knackbraune Toastbrotwelt von "Beverly Hills, 90210" erst erträglich. Ein Nachruf auf Luke Perry, der mit 52 Jahren verstorben ist.

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Buttriger Brandon, dorniger Dylan. Zwischen diesen beiden musste man sich entscheiden, Anfang der Neunzigerjahre, unmöglich konnte man Teil beider Teams sein. Im Rückblick, inzwischen leicht eingedellt und angeschorft vom anstrengenden Erwachsensein, kommt es einem heute absurd vor, dass irgendwer beim Betrachten der Serie "Beverly Hills, 90210" ernsthaft eine andere Lieblingsfigur haben konnte als Dylan McKay, diesen in gleichen Teilen coolen und verletzten James-Dean-Blousontypen, für immer und unsterblich verkörpert von Luke Perry.

Gegen ihn waren alle anderen - Brandon, Brenda, Kelly, Steve, David, Donna, Andrea - doch nur Vanillepuddings. Fade, von der Kaliforniensonne getoastete Weißbrote, die im Laufe der zehn Staffeln vor allem ihre Einkaufspäckchen zu tragen hatten. Aber Dylan, der trug von Anfang an einen Stachel im jungschönen Fleisch.

Er ist eine dieser Serienfiguren, deren Anrufbeantworterspruch - "Hi, hier ist Dylan, ihr kennt ja den Dreh" - man auch dann noch jahrelang als eigene Ansage behielt, als man für so was mutmaßlich schon längst zu alt war (und obwohl man natürlich nicht Dylan hieß). Und deren Nachnamen man sofort, auch 20 Jahre nach der letzten Folge, auch wachgerüttelt um vier Uhr nachts noch stammelfrei nennen kann. Dylan McKay, Luke Perrys erste große Rolle.

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Luke Perry: Serienstar und Publikumsliebling

Für die Schauspielerei war er nach der Highschool von Ohio nach Los Angeles gezogen, hatte ein paar kleinere Soap-Auftritte, lümmelte im Musikvideo zu "Be Chrool to Your Scuel" von Twisted Sister schon mal Probe in einem Highschool-Klassenzimmer und wurde dann 1990 zu Dylan, dem Einsamkeitstupfen, der die penetrante Cliquenverherrlichung in "Beverly Hills, 90210" für einen weniger dicht freundesverbandelten Teeniezuschauer überhaupt nur aushaltbar machte.

"Smells Like Teen Spirit", stand 1992 auf dem Cover des "Rolling Stone", oben links wurde ein Artikel mit der Headline "Nirvana rocks the charts" angekündigt, doch das Titelbild und die Teen-Spirit-Zeile gehörte Luke Perry, Shannen Doherty und Jason Priestley - Dylan, Brenda, Brendon.

Die Zwillinge Brenda und Brandon wurden in der Serie von den Gluckeneltern Jim und Cindy Walsh betreut (die an Serienelternnervigkeit ein paar Jahre später nur noch von Elternpaar Leery aus "Dawson's Creek" geschlagen werden sollten). Dylan aber war der Loner mit abwesenden Eltern, ein schon als Schüler allein lebender, Byron-zitierender Surfer, der Archetyp der troubled Serien-Soul.

In englischen Charakterbeschreibungen wird er stets mit dem Adjektiv "brooding" versehen, was wunderschön ist, weil es "grüblerisch" heißt und lautmalerisch an "brodelnd" erinnert. Ständig schien es in Dylan zu gären und zu arbeiten, Luke Perry machte ihn zu mehr als dem plakativen Bad Boy, den jede vernünftige Teenieserien-Familienaufstellung nun einmal zwingend benötigt.

In der reichen Serienpastellwelt war er der tiefgründige Sinnierer, man schöpfte darum als bewundernder Zuschauer damals auch keinen Verdacht, als der angeblich 16-Jährige (dessen Darsteller damals schon 24 war) bereits ausgeprägte Stirnfalten wie ein liniertes Schulheft besaß. Schließlich musste Dylan ja auch einiges mitmachen: Liebeswirren mit Brenda und Kelly, arge Selbstwert-Bröckeleien, krimineller Vater, Waffen-, Suff- und Drogenversuchung, eine ermordete Ehefrau, Vermögensprellerei.

Was Perry in seiner "Beverly Hills"-Pause trieb

Von 1990 bis 2000 spielte Luke Perry seinen Dylan, mit einer dreijährigen Pause dazwischen, in der er den Dean-Blouson kurz abzuschütteln versuchte, als hätte er da schon gewusst, dass ihn diese erste Rolle nie mehr verlassen würde. Er spielte in der Kinofilmversion von "Buffy, the Vampire Slayer" (die, verglichen mit der späteren, deutlich dunkleren Serie wie eine Bubblegum-Parodie des Slayer-Stoffs wirkte) den Kumpan der Dämonenschlächterin - 13 Jahre später sollte er, eine lustige Schicksalsschrulle, mit Alyson Hannigan, die in der Serienversion von "Buffy" Hexe Willow spielte, in einer Londoner Theaterinszenierung die beiden Hauptrollen von "When Harry Met Sally" besetzen.

Perry probierte sich in seiner "Beverly Hills, 90210"-Pause in einer Reihe höchst diverser Rollen, gab einen Bullenreiter in "8 Seconds" und einen Westenknilch in "Das fünfte Element". Und doch sah man in ihm immer zuerst den einen, der ihm so passgenau auf den Leib geschrieben schien. Es kommt einem gemein vor, aber es ließ sich nicht ändern: Entdeckte man Perry, als es die Urversion von "Beverly Hills, 90210" längst nicht mehr gab, überraschend in einer seiner zahlreichen Serien- und Filmrollen, fragte man sich doch immer zuerst für ein, zwei Sekunden "Nanu, warum arbeitet Dylan jetzt beim Rodeo?" Warum war er denn plötzlich eingeknasteter Prediger, Privatdetektiv, Lotteriegewinner, Baseball-Superstar, Cowboy?

In einem Interview mit der schwedischen Zeitung "Aftonbladet" hatte Luke Perry all jenen Halsstarrigen, die sich weigerten, in ihm jemand anderen als Dylan McKay zu sehen, irgendwann selbst die Absolution dafür gegeben: "Man wird mich mit ihm verbinden, bis ich sterbe, aber das ist schon okay. Ich habe Dylan McKay erschaffen. Er gehört mir."

Selbstironisch synchronisierte er sich als Zeichentrickparodie bei den "Simpsons", in einer Folge von "Johnny Bravo" gibt er Johnny Flirttipps, tarnungshalber als Hotdog verkleidet, und liest in einer Episode von "Family Guy" manisch sämtliche amerikanische Schülerzeitungen, um zu kontrollieren, ob er irgendwo erwähnt wird. Und er spielte 2005 in der Serie "What I Like About You" mit der eigenen Figurenhistorie, indem er seine Kollegin Jennie Garth, Ex-BH90210-Kelly, mit den Worten "Ich glaube, ich kenne Sie von früher" begrüßt.

Zuletzt gelang es Luke Perry, sich als Fred Andrews in "Riverdale" einer neuen Generation von Teenieserienzuschauern vorzustellen, von denen ein Großteil bis zum Montag recht sicher noch niemals von Dylan McKay gehört hat - und auch das kommt einem komplett absurd vor. Perry spielte den Vater der Hauptfigur Archie Andrews, einen aufrechten Moralmann mit festen Werten. Er war damit zwar schon wieder ein Außenseiter in einer zutiefst oberflächlichen Gesellschaft, aber dieses Mal ein zufriedener, in sich ruhender, trotz aller Rückschläge und Enttäuschungen aus warmen Augen auf die Welt blickender Mensch. Man hätte Dylan McKay sehr gewünscht, mit den Jahren genau dort anzukommen.

Vergangene Woche hatte Luke Perry einen schweren Schlaganfall erlitten, nun ist er im Alter von 52 Jahren an den Folgen gestorben. Er hinterlässt seine Verlobte, einen 21-jährigen Sohn und eine 18-jährige Tochter.

insgesamt 12 Beiträge
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timo0105 05.03.2019
1. Schade
Wir erfahren hier viel über die Rollen die Luke Perry gespielt hat, aber leider nur sehr wenig über den Menschen dahinter. Hier ist keine Serienfigur gestorben, sondern ein Schauspieler. R.I.P. Luke Perry
fatherted98 05.03.2019
2. 90210...
....war potte-langweilig und wurde damals nur von Tennie-Zeitschriften gehypt.....die Serie war doch ohne jedes Konzept und lebte nur durch die gut aussehenden Darsteller die gegenseitige Affären veröffentlichten....Perry war einer von Ihnen der herausstach und wird sicher nicht in Vergessenheit geraten. Sein markantes Äußeres hat sich über die Jahre fast nicht verändert...schade das ihm der Durchbruch im Kino nicht gelang. Sein früher Tod führt aber auch wieder mal vor Augen wie endlich das Leben sein kann und wie schnell es gehen kann...egal wie alt man ist oder wie man lebt.
benmartin70 05.03.2019
3.
Den neuen Tarantino vergessen?
inge-p.1 05.03.2019
4.
Der Tod ist immer tragisch und schwer zu ertragen, wenn er so plötzlich und unerwartet kommt. Ich Frage mich aber, ob es einen derartigen Nachruf erfordert.
dosmundos 05.03.2019
5.
Hatte in der Tat den Spruch auch jahrelang auf dem AB, wenn auch selbst eingesprochen. Und das, obwohl ich noch nicht einmal richtiger Fan der Serie war, nur ein gelegentlicher interessierter Zuseher...
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