Zum Tode James Gandolfinis Er spielte das Monster, das man lieben musste

James Gandolfini hat das Fernsehen für immer verändert. Sein Tony Soprano war das erste liebenswerte Monster, das uns als Serienheld im Wohnzimmer besuchte. Ein Killer, der unser aller Herzen wärmte - und zum großen Vorbild wurde.

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Los Angeles - Vielleicht waren es diese Augen, denen James Gandolfini seine Karriere zu verdanken hatte. Kleine, eigentlich nicht sonderlich bemerkenswerte braune Augen in einem großen, fleischigen Gesicht, die aber immer ein bisschen gefährlich zu blitzen schienen, selbst wenn Gandolfini lächelte.

Dieses freundlich-abgründige Lächeln kam 1993 zum ersten Mal so richtig zur Geltung, als Gandolfini in Tony Scotts "True Romance" (Drehbuch: Quentin Tarantino) den Mafiakiller Virgil gab, der Patricia Arquettes Alabama auf brutalste Weise verdrischt - nur um von ihr im Gegenzug niedergeschlagen, mit einem Korkenzieher bearbeitet und angezündet zu werden.

Dieser Auftritt als Verkörperung des absolut Bösen, das ausgetrieben werden muss wie ein Dämon, war eine Empfehlung. Keine andere Rolle spielte Gandolfini im Lauf seiner Karriere häufiger: von Virgil über den sanften schwulen Killer Winston an der Seite von Julia Roberts (und Brad Pitt) in "The Mexican" (2001) bis hin zum abgehalfterten, alkoholabhängigen Has-been-Hitman in Brad Pitts "Killing them Softly" (2012), eine Art ironischem Kommentar zur eigenen Rollengeschichte.

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James Gandolfini: Mafia-Boss mit Panikattacken
Und dann ist da eben, als Monolith inmitten seines Schaffens, dieser Tony Soprano, ein Amalgam all seiner Killer-Rollen: sechs Staffeln, 86 Folgen, alle Facetten des Gangstertums in einer Figur. Der hilflose Sohn einer despotischen Mutter, der liebende Vater und treusorgende Ehemann, der skrupellose Seitenspringer und Hedonist, der Kumpel, der gewiefte Geschäftsmann, der ratlose Klient seiner Therapeutin - und das Monster, das seine eigenen Freunde umbringt, wenn es sein muss. Das von einer Sekunde auf die andere vom freundlichen Plaudern zum erbarmungslosen Prügeln übergehen kann.

Schlagen als schauspielerischer Akt

Bei Gandolfini war das Schlagen präziser schauspielerischer Akt, oft wirkten seine Figuren eher wütend darüber, überhaupt zuhauen zu müssen. Er konnte auch anders: Gandolfini spielte passiv-aggressive, bärtige Bärchen ("Surviving Christmas", 2004), Funktionäre mit Gravitas ("Zero Dark Thirty", 2012, "Die Entführung der U-Bahn Pelham 123", 2009) und zuletzt einen jovialen aber knallharten Hotel- und Casinobesitzer ("Der unglaubliche Burt Wonderstone", 2013).

Gandolfinis Tony Soprano aber, für den er mit so ziemlich jedem Preis ausgezeichnet wurde, den die US-TV-Branche zu vergeben hat, war ein Wendepunkt in der Geschichte des Unterhaltungsfernsehens. Das Kino hatte den Bösewicht schon Jahrzehnte zuvor zur Haupt- und Identifikationsfigur gemacht. Aber Tony, den "Sopranos"-Macher David Chase erdacht hatte, etablierte das Monster, das man lieben muss, als neuen Standardcharakter. Wo J.R. Ewing in "Dallas" noch ein eindimensionaler, wenn auch unterhaltsamer Bösewicht war, wurde Tony Soprano zur Leitfigur.

Genau wie all die liebenswerten Serienmonster, die ihm folgen sollten, war Tony Soprano vor allem ein Familienmensch, einer, der jede Untat vor sich selbst - und vor uns Zuschauern - rechtfertigte, indem er die Liebe zu den Seinen als eine Art säkulare Ersatzreligion ins Zentrum seines Daseins stellte. Seitdem bespielen Serienmacher das Spannungsfeld zwischen Turbokapitalismus und Familienideal mit immer wieder ähnlichen Figuren: Väter, Brüder, Ehemänner, die draußen im Geschäftsleben über Leichen gehen, damit daheim an Thanksgiving ein Truthahn auf dem Tisch steht und die Kinder auf eine gute Schule gehen können.

Der Mann mit den bösen Äuglein als Vorbild und Blaupause

Auch wenn man Gandolfini als Tony diverse Male dabei beobachtet hatte, wie er einen Menschen minutenlang mit bloßen Händen totschlägt, litt man doch mit ihm, wenn er etwa seinen depressiven, suizidalen Sohn schluchzend aus dem Pool zerrte. Gandolfini führte das sympathische Monster ein, das heute einen großen Teil der neuen Qualitätsserien trägt: Der korrupte Polizist Vic Mackey in "The Shield", der zweifelnde Rocker Jax in "Sons of Anarchy", Steve Buscemis Proto-Mafioso Nucky Thompson in "Boardwalk Empire" und natürlich Bryan Cranstons krebskranker Drogenkoch in "Breaking Bad". Der Mann mit den bösen Äuglein war Blaupause und Vorbild für sie alle.

Privat lebte James Gandolfini einen Gegenentwurf zu seiner berühmtesten Rolle: Er war ein nachdenklicher, bescheidener Mann, der sich für Krebsvorsorge einsetzte und zwei Dokumentationen über die Folgen des Krieges für die Psyche von Soldaten produzierte ("Alive Day: Home from Iraq", "Wartorn; 1861-2010"). Ihn, der auf der Leinwand und dem Bildschirm so oft den Gewaltmenschen verkörpert hatte, bekümmerten die schrecklichen Folgen realer Gewalt.

Die Schauspielerei als Beruf schien ihm fast ein bisschen peinlich zu sein - einen "albernen Job" nannte er sie einmal. Und auch sich selbst nahm er ostentativ nicht so wichtig: Auf die Frage, warum er so selten Interviews gebe, antwortete Gandolfini: "Ich glaube einfach nicht, dass ich besonders interessant bin."

Am 19. Juni ist James Gandolfini im Urlaub in Rom gestorben, vermutlich an einem Herzinfarkt. Er wurde 51 Jahre alt.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
thorsten wulff 20.06.2013
1. 51 Jahre sind verdammt kurz
Wir werden dich vermissen James.
hermes69 20.06.2013
2. So ein erstklassiger
Schauspieler. Einer der wirklich wenigen die ich IMMER gern gesehen habe und die den Namen Schauspieler auch verdienten. RIP!
Markus M. 20.06.2013
3. Vielen Dank für diese hervorragende Nachlese
Bilder sagen mehr als 1000 Worte James Gandolfini Tribute Video - HD Movie - YouTube (http://youtu.be/vEyhCZK2jJM)
zoso67 20.06.2013
4. Ein großer Verlust
James Gandolfini war einer der vielseitigsten und bescheidensten Schauspieler der letzten Jahrzehnte.In Zeiten wo in der Filmbranche gutes Aussehen und sich vermarkten können alles ist,hat er mit seinem Spiel Maßstäbe gesetzt !! Erst letzten Samstag noch habe ich begonnen mir zum 4. Mal die komplette Soprano Serie an zu sehen.Ab heute jedoch mit einer Träne im Auge.James du warst einer der Besten ! Danke und roste in Frieden
_Fox_ 20.06.2013
5.
schade, auch wenn ich die Serie noch nicht gesehen habe. Sie steht aber noch auf meinem Zettel. Würde mir in Zukunft mehr Artikel über Serien auf Spiegel Online wünschen und nicht nur bei traurigen Angelegenheiten... Gruß
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