Von Daniela Zinser
Bloß kein Kitsch, dazu taugt Ken Duken nicht. Zum Psychopathen, zum Terroristen, zum Traumatisierten schon. Extrem sind seine Rollen, an die 70 waren es bereits. Doch selbst wenn er in einem Ärzte-Drama mitspielt, so wie am Montagabend im ZDF-Film "Das Wunder von Kärnten", ist für schmierige Gefühle kein Platz.
Das Wunder im Filmtitel ist die wahre Geschichte eines dreijährigen Mädchens, das eine halbe Stunde lang leblos unter Wasser lag - und doch gerettet wird. Heute lebt sie als gesunder Teenager in Kärnten. Im Film kämpft Ken Duken als Kardiologe um das Leben des Kindes, gegen die Widerstände seiner Kollegen, die fürchten, es werde mit starken Hirnschäden "als Gemüse enden".
Der Film ist ein Kammerspiel im Operationssaal, medizinisch exakt, zur Vorbereitung hatte Duken jeden Handgriff zu lernen. "Als rationaler Arzt in diesem Film musste ich komplett gegen die Emotion spielen und gegen den Instinkt, den man vielleicht auch als junger Vater hat, wenn man so eine Geschichte liest. Die Emotionen schwingen nur mit ", sagt der Schauspieler.
Scheitern erlaubt
Der Zuschauer hat damit die Freiheit, alles selbst zu bewerten. Es gibt keine großen Gesten, kein Streichorchester. Das Drehbuch wurde sogar entdramatisiert, in der wahren Geschichte gab es noch mehr Zufälle, noch mehr Widerstände. Insofern passt der Titel "Das Wunder von Kärnten" fast schon wieder. Ken Duken fand ihn, daraus macht er kein Geheimnis, anfangs eine Katastrophe. "Ich habe Einspruch eingelegt und wurde dann überzeugt, dass er dem Fall gerecht wird." So ist es oft bei ihm. Er muss sicher sein, dass es passt, selbst wenn er damit allen in seinem Umfeld auf die Nerven geht. "Ich bin ein sehr pathetischer Mensch und ich habe auch keine Angst vor Gefühlen, sie sollen nur konsequent sein", sagt der 32-Jährige.
Der Afghanistan-Heimkehrer in "Willkommen zuhause", der Mörder in "Distanz" oder der U-Boot-Kommandant in "Laconia" - es sind die komplexen Figuren, die ihn reizen. Duken nimmt sich das Recht heraus, Dinge auszuprobieren, auch mal schlecht zu sein. "Ich bin niemand, der Dinge 50-mal macht, nur weil sie einmal funktioniert haben. Gerade, wenn ich mich aufs Glatteis bewege und weiß, das könnte total in die Hose gehen, dann reizt mich das", sagt er.
Vielleicht gilt er deshalb immer noch als "kommender Star", auch nach mehr als zehn Jahren im Geschäft, nach zwei Grimme-Preisen und dem Bayerischen Fernsehpreis. Zudem hat er rund 70 Prozent seiner Filme im Ausland gedreht. In Italien, Frankreich, England; "Krieg und Frieden" in Russland und Litauen, für "Max Manus" lernte er in zehn Tagen Norwegisch.
"Wenn Leute sich fragen: Warum macht der das? Dann ist das genau ein Grund, warum er das macht", sagt Duken. Die Rolle in Til Schweigers "Zweiohrküken" war so etwas. Da gab er den sehr soften Frauenversteher. Privat ist er seit zwölf Jahren verheiratet, er hat einen zweijährigen Sohn, und fühlt sich nicht als Experte: "Männer und Frauen sollen sich ergänzen, deshalb sind sie unterschiedlich. Ich muss ja niemanden begreifen, der ich nicht bin. Ich kann auch keine Vaterschaftskurse machen, was soll ich da lernen? Meine Frau kriegt ein Kind, und ich steh dabei und bin für sie da. Punkt. Der Rest ist erbärmliche Geschäftemacherei." Er sei zwar ein nachdenklicher Mensch. "Aber ich habe auch schlechte männliche Eigenschaften. Ich kann mich beim Pinkeln einfach nicht hinsetzen. Dann knie ich mich lieber danach hin, um die Toilette sauber zu machen."
Perfekt sein will er gar nicht, sagt Ken Duken, lieber sich selbst treu bleiben mit allen Ecken und Kanten. Und allen Unsicherheiten. "Beim Fußball gibt es Tage, da machst du jeden Ball rein. Dann stolperst du einmal und triffst gar nichts mehr, weil du nicht mehr an dich glaubst. So ist es in unserem Beruf auch. Es gibt Tage, da steh ich am Set und will eigentlich nur noch 'Mama, Mama' rufen, und nach Hause gehen."
Für den Bezahlsender TNT wagt der Schauspieler sich nun an eine Serie. "Add a friend" erzählt die Geschichte eines Fotografen, der im Krankenhaus liegt, wo sein Computer der einzige Kontakt zur Außenwelt ist. Es ist die erste fiktionale Eigenproduktion von TNT, ganz nach dem Vorbild amerikanischer Pay-TV-Sender. "So viele Schauspieler machen jetzt Serien, weil sie da Rollen entwickeln dürfen und nicht 50 Studiobosse reinreden. Im Pay-TV wird den Schauspielern und dem Regisseur auch mal Eigenverantwortung gegeben. Für mich ist die Serie das Kino der Zukunft", sagt Ken Duken. "Add a friend" läuft ab September. Böse, Drama, Comedy soll sie sein - und bloß kein Kitsch.
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