TV-Film "Nackt unter Wölfen" Bevor der Ami Deutschland befreite

Endspiel um das Überleben eines kleines Jungen: Ein drastischer ARD-Film erzählt vom kommunistischen Widerstand im "Dritten Reich" und den letzten Tagen im KZ Buchenwald.

MDR/ UFA FICTION

Von Thomas Andre


Einer stolpert über das weite ostdeutsche Land, in Lagerkluft und mit kahl geschorenem Schädel. Ein armer Kerl, denken die GIs, die seinen Weg kreuzen. Aber es ist gar kein armer Kerl, es ist ein Wolf, verkleidet als Schaf. Als 1945 Hitlerdeutschland unterging, waren deutsche Kriegsverbrecher auf der Flucht, und sie kannten keinerlei Scham. Lieber Camouflage als Kriegsgericht.

Die feigen Manöver der Nazis und ihr Endspurt bei der Menschenvernichtung auf der einen, der Widerstand der Buchenwald-Häftlinge auf der anderen Seite: Die neue Verfilmung des 1958 erschienenen, berühmt gewordenen Romans "Nackt unter Wölfen" von Bruno Apitz erzählt von den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Eine brutal inszenierte, düstere MDR-Produktion. Die Figurenzeichnung der Deutschen ist unfreundlich und unbarmherzig. Wie in dem stellenweise heftig kritisierten Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" verkörpern die kaltblütigen, sadistischen, im Angesicht der Niederlage jämmerlichen SS-Schergen das deutsche Übel.

Für "Nackt unter Wölfen" taten sich die "Unsere Mütter, unsere Väter"-Macher Philipp Kadelbach (Regie) und Stefan Kolditz (Drehbuch) erneut zusammen, um in einem anspruchsvollen, sich an der Blockbuster-Ästhetik orientierenden Film dramatische Vorgänge zu schildern: wie ein polnischer Lagerneuzugang einen kleinen Jungen nach Buchenwald schmuggelt, den es fortan vor den Herrschenden zu verstecken gilt.

Der Dreijährige ist das Faustpfand des Humanen, ein zartes Wesen, die Unschuld in Person, die Hoffnung, Symbol des Selbstbehauptungswillens. Aber eine moralische Haltung gibt es nicht umsonst; der Knabe gefährdet die klandestine kommunistische Organisation, die die Politischen formiert haben - diejenigen unter den Häftlingen, die nicht wegen ihrer "Rasse" eingesperrt, ausgebeutet und ausgezehrt wurden, sondern wegen ihrer Gesinnung.

Pippig (Florian Stetter) und Höfel (Peter Schneider) verstecken das Kind in der Effektenkammer, doch schon bald kommt ihnen die Lagerführung auf die Schliche. Die Amerikaner kommen von Westen her näher, und in der perversen Logik einiger Nazis muss das Lager kurz vor der Aufgabe zusammengeschossen werden - die klügeren denken taktisch und halten Leichenberge für keine gute Idee, wenn die Alliierten einrücken.

Beinah ein Kammerspiel

Dass es für die Darstellung eines Psychopathen kein besseres Medium gibt als einen SS-Mann, bewahrheitet sich einmal mehr in "Nackt unter Wölfen": Matthias Bundschuh, Thorsten Ranft, Sabin Tambrea und Robert Gallinowski verkörpern die zwischen Übermenschen und Nervenbündeln changierenden Endlöser mit Lust am grausamen Spiel. Dem Lagerapparat gegenüber stehen die unter entwürdigenden Bedingungen lebenden, mal tapferen, mal gebrochenen Insassen - der Film spart die mörderischen Details des Unmenschlichen nicht aus.

Dramaturgisch geschickt und doch einfach wird zudem erzählt, wie die Mechanismen der Unterdrückung funktionierten. "Nackt unter Wölfen" ist beinah ein Kammerspiel, nur einmal verlässt die Handlung das Lager. Da werden zwei Zwangsarbeiter von SS-Leuten totgeschlagen und erschossen. Und jeder im Dorf kann es sehen: Von wegen wir haben nichts gewusst.

Eine Heldengeschichte ist "Nackt unter Wölfen" unbedingt, denn die Häftlinge verteidigen das Kind bis zum Äußersten. Aber es sind allgemein menschliche Helden, deren politischer Auftrag dem Zuschauer etwas weniger penetrant unter die Nase gerieben wird als in der DEFA-Verfilmung von 1963. Die DDR schätzte die kommunistischen Nazi-Opfer als identitätsstiftende Figuren des eigenen Gründungsmythos.

Kein Wunder, dass "Nackt unter Wölfen" als meistgelesenes Buch der DDR galt und auch Frank Beyers Film zum Pflichtprogramm für Sozialisten wurde: Am Ende befreien sich die Häftlinge selbst, wie ein nicht versiegender Strom wälzen die Proletariermassen vor die Pforten Buchenwalds. Eine historisch zweifelhafte, von den DDR-Oberen beförderte Interpretation der Vorgänge, der der MDR-Film nun entschieden widerspricht. Die Nazis fliehen einfach - und hinterlassen vor der Ankunft der Amis gemarterte Kommunisten, die vorsichtig über das KZ-Gelände tapern.

Das Gute in schlechten Zeiten

Unterschiede gibt es auch über dieses Ende hinaus: Die DDR-Verfilmung kommt in ihrer braven Bebilderung des Lagerlebens geradezu harmlos daher. Zwei Jahrzehnte nach dem Krieg mochte man den Deutschen die Schande noch nicht so heftig vor Augen führen. Stellt sich die Frage, ob die sehr explizite neue Version eine Art hochgepitchten Überbietungsgestus darstellt; vielleicht ist das so, denn die rüden Szenen des nazimäßigen Sadismus erzählen letztlich nichts Neues.

Der Roman ist in seiner Verdichtung der individuellen Handlungsantriebe und ethischen Zwangslagen jedoch zu genial, als dass eine abermalige Adaption - die übrigens mit der Vorlage durchaus frei umgeht - überflüssig wäre. Und so verfängt die wie ein Thriller anmutende Rettung eines Kindes beim Zuschauer, die gleichzeitig eine Rettung des Glaubens an das Gute in schlechten Zeiten ist - abseits von ideologischen Ideen. Am 11. April 1945 wurde Buchenwald befreit. Von den 250.000 Häftlingen, die seit 1937 unter der am Eingang angeschlagenen Begrüßung "Jedem das Seine" in das Lager einzogen, starben 50.000 während der Haft.

"Nackt unter Wölfen", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



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n.nixdorff 30.03.2015
1. Werter @Furiosus,
ohne die Leistung und Opfer der Roten Armee herabwürdigen zu wollen, muss ich Ihnen auf das Entschiedenste widersprechen. Ohne die massive wirtschaftliche und logistische Hilfe der USA ist es mehr als zweifelhaft ob Russland in der Lage gewesen wäre, die Nazis zu vertreiben wie sie es getan haben. Seit 1941 haben die USA Russland enorm materiell unterstützt (Leih- und Pachtgesetz). Unter anderem wurden von den USA nach Sibirien 14.000 (ja, vierzehntausend, das ist kein Tippfehler) Flugzeuge geliefert. Lesen Sie einfach mal in Wikipedia nach. Ferner wären die Westalliierten ohne das Abkommen mit Stalin, wo Europa aufgeteilt wurde, tiefer nach Ostdeutschland eingedrungen als sie sind. Ich erinnere daran, dass die USA sich aus Teilen Thüringens wieder zurückgezogen hatten. Vielen Deutschen wären die USA als Befreier sicher willkommener gewesen als die Russen…
ketzerei 30.03.2015
2. Schade, dass die wirkliche Dramatik
des Kindes von Buchenwald wohl auch in dieser Verfilmung nicht angesprochen wird. Die Forschung geht davon aus , dass Haeftlingsfunktionaere um ein Kind zu retten, ein anderes opferten. Kann man derartige Grenzen verfilmen? Kann man die Geschichte verfilmen, ohne diesen zentralen Punkt zu thematisieren? Wie hätte ich gehandelt?
tubolix 30.03.2015
3. nee nee
als leseratte kann ich nicht nachvollziehen, wieso 'NuW' das meistgelesene buch der DDR gewesen sein soll. als buch ist mir die geschichte nicht einmal bekannt. und was pflichtliteratur in den schulen angeht war wohl "die abenteuer des werner holt" das am meisten (bei viele auch das einzige) gelesene. wenn mir der "2.Aufguß" mal unter die augen kommt werd ich ihn mir ansehen und dann vergleiche ziehen. aber schon jetzt: wer mit Geschoneck (Krämer) und Delmare (Pippig) essen will muß einen langen löffel haben.
candoom 30.03.2015
4. Die Verfilmung von 1963
Ich weiß nicht, warum die ARD jetzt mal wieder das Geld aus den Rundfunkbeiträgen für eine Verfilmung eines Buches verschleudern muss, welche niemals an die DEFA-Verfilmung von 1963 heranreichen wird. Das Drehbuch stammte vom Autor des Buches, der die Zustände in Buchenwald selbst erlebte und diese die Grundlage für sein Buch darstellten, namhafte Schauspieler (Geschonneck, Müller-Stahl, Delmare) waren im internationalen Cast, ein begnadeter Regisseur führte Regie...will man hier etwa Geschichte verfälschen oder wirklich einfach nur das Geld aus den Rundfunkbeiträgen irgendwie verpulvern?
Ch. Demian 30.03.2015
5. Erklär mir einer die Wahrnehmung...
Zitat Filmkritik: "Wie in dem stellenweise heftig kritisierten Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" verkörpern die kaltblütigen, sadistischen, im Angesicht der Niederlage jämmerlichen SS-Schergen das deutsche Übel." Ich würde gerne die Empfehlung aussprechen (insbesondere an den Autor der Kritik) die öffentliche Auseinandersetzung um "Unsere Väter..." nochmal nachzuvollziehen. Zwar war dieser Schinken in der Tat in der Kritik, allerdings wegen dem exakten Gegenteil dessen, was der Autor hier nennt. Die Kritik, die nebenbei gesagt aus dem Ausland nach Dt. schwappte (Gott sei Dank!) drehte sich um die - sagen wir - überaus wohlwollende Darstellung er deutschen Protagonisten und eine merkwürdig verzeichnete jener nicht-deutschen. Ein springender Punkt der Kritik lautete, der einzige Antisemit der dieses Machwerk bevölkre sei ausgerechnet ein Pole, wieweil die deutschen aus edeln Motiven in eine moralisch unschöne Lage gekommen seien. Es war just nicht diese Kritik, in der der Autor hier eine Parallele sieht, sondern ihr Gegenteil. Eine Frage bleibt indes: weshalb dreht man ein Remake des Beyer-schen Originals? Damit Schweighöfer einen schnicken SS-Mann geben kann? Das ist gewiss ungerecht von mir, aber Ruth Klügers Diktum, der Roman von Bruno Apitz sei Holocaust-Kitsch gilt nach wie vor. Der Film von Frank Beyer macht schon das beste draus. Das Remake hat daher eigentlich nur diese zwei Perspektiven, die Buchvorlage ent-kitschen und (splatter-mäßig) zuspitzen oder in "Unsere Väter..."-Manier eine Neudeutung vorschlagen. Angesichts der intellektuellen Tiefe des letztgenannten Produktes (sprich, die Kritik aus Polen war völlig richtig), würde es mich wundern, wenn das eine oder andere glücken würde.
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