"Neo Magazin Royale"-Jubiläum Wo ist Böhmermanns leichter Witz?

Zurück aus der Winterpause: Das "Neo Magazin Royale" wirkte zur hundertsten Sendung wenig originell, der "Polizistensohn" schimpfte frustriert. Und sein neuer Rap-Song war auch kein "Next Level Shit".

Jan Böhmermann alias Pol1z1stens0hn
Screenshot/YouTube/Neo Magazin Royale

Jan Böhmermann alias Pol1z1stens0hn

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Eine richtig dolle Fete wird es dann doch nicht. Zwar hatte Jan Böhmermann die Rückkehr seines "Neo Magazin Royale" aus der Winterpause mit patriotischer Rede zu strammem Marschgetrommel angekündigt. Aber so ist das halt mit lang bevorstehenden Partys. Wenn sich alle auf die Feier zum runden Geburtstag freuen, kann es gar nicht mehr super werden. Eigenes Jubiläum, puh, so ein Thema fertigt Deutschlands "Sparten-Satisfyer" ungern ab, das lässt er gefakte Gratulanten in einem Einspieler erledigen.

Immerhin, die Location ist schnieke, gefeiert wird von nun an im umgestalteten Partykeller. Böhmermanns Studio sieht jetzt ziemlich genau aus wie die Kulissen erfolgreicher US-Late-Night-Talker, der Moderator sitzt am Schreibtisch etwas erhöht, sein Gast auf Armlänge, aber eine Stufe tiefer - es scheint, als versinke Juso-Chef Kevin Kühnert in seinem Sessel.

"Heute Abend wirst du gegrillt", hatte Böhmermann in einem Teaser gedroht, doch letztlich befragt er Kühnert, den "Carles Puigdemont der SPD" dann doch sehr handzahm zu dessen "NoGroKo"-Kampagne und dem Kurs der Mutterpartei. Der 28-Jährige erklärt ganz viel, etwa was es mit dem Familiennachzug auf sich hat und was passieren würde, wenn die Große Koalition doch nicht kommt. "Und bekommst du manchmal Magengrummeln oder Schlafstörungen, jetzt, wo so viel los ist?", will Böhmermann wissen. Nö, sagt Kühnert.

Frust mit der Gerechtigkeit

Mehr in Richtung Magengrube geht dafür Böhmermanns mit Spannung erwartetes Video, ein neuer Rap-Song seines Alter Ego Pol1z1stens0hn. "Recht kommt" ist nach der 2015 veröffentlichten Ansage "Ich hab Polizei" jedoch wenig überraschend. Man sieht Böhmermann wieder mit Sonnenbrille und "Cop Life"-Jacke, er parodiert wie zuvor den Gangster-Stil des Frankfurter Rappers Haftbefehl - nur dass er dieses Mal über die Judikative statt der Exekutiven herzieht. Jetzt wird nicht mehr mit Schlagstöcken gekämpft, sondern mit Gesetzesinterpretationen, Böhmermann steht mit verschränkten Armen im Gerichtssaal und zeigt sich umgeben von dicken Büchern.

Auf Facebook schrieb Böhmermann dazu: "Waffen, Drogen und Straßenkämpfe waren gestern. Die neuen Feindbilder des Gangster-Raps sind die Deutsche Post, Jahn Reisen und t3n Magazin" - ein Seitenhieb an Bushido, Sido und Haftbefehl, die sich in jüngster Zeit in sozialen Medien ach so spießig über ihre privaten Verbraucher- und Urheberrechtsthemen ausgelassen hatten.

Natürlich geht es in "Recht kommt" nicht wirklich um die Altvorderen des Deutsch-Rap. Böhmermann singt da über seinen eigenen beef, über die gerichtlichen Auseinandersetzungen um sein Schmähgedicht auf Erdogan und seine Erfahrungen als Schöffe. Wer ist Opfer, wer Täter? Da ballern "Schriftsätze wie Fahrradkette in die Fresse" und es droht "nach Akteneinsicht Kieferbruch". Rechtsprechung, Justizia, diese "blinde Fotze", sie hole aus der Scheiße und schmeiße in den Knast, das sei halt "Next Level Shit", und "alle machen mit".

Im Video blendet Böhmermann Nazi-Utensilien ein, das Querfront-Magazin Compact und das kriegsverherrlichende "Landser"-Heft, alles abgelichtet im Stil nummerierter Beweismittel - möglicherweise spielt er auf den bislang 408 Verhandlungstage andauernden NSU-Prozess an, sicherlich auch auf die AfD. Wie viel Gerechtigkeit können die studierten "Verfassungspatrioten" überhaupt noch herstellen, fragt Böhmermann, kritisiert ihre enge Weltsicht, "weil nicht sein kann, was nicht sein darf". Auch Geld spiele dabei eine Rolle, suggeriert der Track: Böhmermann zeigt grinsende Richter und Staatsanwälte mit teuren Sportwagen vor Gericht vorfahren.

"Recht kommt" ist der logische Nachfolger von "Ich hab Polizei", aber kein "Next Level Shit". Der Ton ist bekannt, doch die Leichtigkeit im Witz scheint verflogen, der Showmaster wirkt im Video angefasst und säuerlich. Mag sein, dass dies wieder nur einer der typischen Böhmermann'schen Ironie-Doppeltwists ist. Doch wenn er fragt: "Wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn wir bei Twitter gesperrt werden, nur weil keiner den Unterschied zwischen Satire und Volksverhetzung kennt?", klingt das gar nicht mehr nach Doppeldeutung. Und als seine Fans sehr lange klatschen, meint Böhmermann: "Am Ende ist sogar der Applaus ironisch."



insgesamt 15 Beiträge
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dasfred 02.02.2018
1. Das Böhmermann Team hat mich überzeugt
Also ich sehe die Sendung nicht so kritisch. Das es die hundertste Sendung war, ist unerheblich. Mein Komik Zentrum wurde getroffen. Selbst das Kevin Gespräch fand ich ausgesprochen originell. Böhmermann ist eben nicht kalkulierbar. Immer mal was anderes und dass gefällt mir. Und viel besser als die erste Heute Show dieses Jahr.
Mareius 02.02.2018
2. Grandiose Sendung
Es war eine handwerklich sehr gute wöchentliche Late Night Show. Es gibt kein einziges Unterhaltungsformat im deutschen Fernsehen was man sonst schauen kann. Es war eine grandiose Sendung... keine Ahnung was der Autor erwartet hat.
nauseam 02.02.2018
3. Zeit vorbei
Der gute Mann sollte langsam mal in Rente gehen. War er eigentlich noch nie recht witzig, ist er jetzt nur noch peinlich.
pauschaltourist 02.02.2018
4.
Seine "Sketchen" und seine TV-Produktionen fand ich noch nie witzig - darin wird er gnadenlos überschätzt. Seine Stärken liegen im Interviewen. Wobei er seine persönliche politische Agenda nie verhehlen kann oder will. Und das nervt oft enorm, denn man kann das verkrampfte Bemühen, das Gespräch in die vorgefasste Richtung zu lenken, ihm ansehen.
alangasi 02.02.2018
5. Man spürt
die Nachwehen des BENTO Bashings
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