US-Neonazi Widner Hass ausradieren

Menschen Schmerz zuzufügen - das war Spaß für ihn. Doch als der Neonazi Bryon Widner Vater wird, steigt er aus der Szene aus. Die gefeierte Doku "Hass auf der Haut" auf N24 zeigt seinen qualvollen Weg zurück.

N24

Zu Beginn des Films "Hass auf der Haut" sieht Bryon Widner aus, als wäre er im Schlaf von einem betrunkenen Nazi mit dem Edding vollgekritzelt worden. Aber die Runen, Pfeile, Tränen, Buchstaben und Rasierklingen in seinem Gesicht sind nicht mit Filzstift auf, sondern mit der Nadel eines Tätowierers unter die Haut gesetzt worden - auf seinen eigenen Wunsch, denn Widner selbst war dieser betrunkene Nazi.

16 Jahre lebte das Kind aus kaputtem Hause in den rechten Netzwerken der "White Power"-Bewegung, trieb von einer radikalen Organisation in die nächste. Seine Gewaltbereitschaft trug er bald auch in seinem Gesicht offen zur Schau - mit aufgemalten Rasierklingen, der Waffe seiner Wahl: "Es war eine gute Zeit. Menschen Schmerzen zuzufügen, das war Spaß für uns." Widner sieht nicht nur bizarr aus, sondern weiß auch Bizarres zu berichten über die Szene: "Wenn die Hammerskins auf eine Party kamen, dann hast du das gemerkt. Die waren bekannt dafür, extrem gewalttätig zu sein. Deshalb liefen alle nur auf Zehenspitzen um sie herum. Und alle wollten beitreten."

Auf einem "White Power"-Musikfestival in Iowa lernte er seine Frau kennen, ebenfalls aus der Szene. Sie heiratete ihn, "weil sie verrückt ist", und brachte vier Kinder mit in die Ehe. 2006 wird Widner selbst Vater - ein Erlebnis, das in seinem Kopf einen Schalter umlegt. Er will aussteigen. Weil er "desillusioniert" ist, wovon auch immer, wie es zunächst nur heißt. Und er muss, um für seine Familie sorgen zu können, seine Tätowierungen loswerden. Denn: "Niemand möchte neben einem Zirkusfreak arbeiten", wie er selbst erkennt. In seiner Verzweiflung droht er, in alte Handlungsmuster zurückzufallen - und die Tattoos mit einer Säure zu entfernen.

Widner flieht mit seiner Frau aus dem US-Bundesstaat Michigan nach Tennessee, um ein neues Leben zu beginnen. Eine Bürgerrechtsbewegung finanziert ihm nach wochenlangen Vorgesprächen schließlich die sachgerechte Entfernung der Symbole auf seiner Haut.

Filmemacher Bill Brummel begleitet Widner mehr als eineinhalb Jahre lang. Im Jahr 2011 wird die Doku mit dem Originaltitel "Erasing Hate" fertig und erhält auf zahlreichen US-Filmfesten Zuspruch.

Brummel begleitet Widner in die Klinik, wo selbst die behandelnden Ärzte und Schwestern zunächst abgeschreckt sind von seinem Aussehen. Hier nimmt die Doku langsam Fahrt auf, und sie tut es mit Schmerzen. 30 Betäubungsspritzen bekommt Widner in allein eine Gesichtshälfte, und sein Leiden unter den enormen Schmerzen, sein Stöhnen und die gespannten Sehnen sprechen für sich.

Mit dem Fortschreiten der Prozedur lernt der Zuschauer zugleich immer mehr über die Rassisten in den USA - auch über die Drohungen und den Druck, dem Aussteiger ausgesetzt sind. Als junger Vater wurde Widner vor die Wahl gestellt: Klub oder Familie, und er entschied sich für seine Familie: "Die Party ist zu Ende". Hinzu kommt, dass er neben seiner eigenen Gesundheit auch seine politischen Überzeugungen zugrunde gerichtet hatte: "Ich interessierte mich nicht mehr für Weiße oder Schwarze, ich hasste niemand Besonderen mehr, außer mich selbst."

Dezent folgt die Kamera der Familie, in der die väterliche Rückverwandlung in einen normalen Menschen natürlich begrüßt wird. Besonders freut sich die Gattin, als Widner sich sogar sein ältestes Tattoo entfernen lässt, weil er "dafür keinen Gebrauch" mehr hat: Der "HATE"-Schriftzug auf den Fingern der rechten Hand. Gerne lässt er sich in einem Pullover mit dem Aufdruck "World's Coolest Dad" filmen, eines dieser Kleidungsstücke, das nur Kinder ihren Vätern schenken.

Mit den Schmerzen der Laserbehandlung verschwinden Schritt für Schritt nicht nur die Hakenkreuze und SS-Runen aus seinem Gesicht, es weicht auch allmählich eine militärische Härte einer gewissen Sanftmut. Mit Sätzen wie "Ich weiß jetzt genau, wie es sich anfühlt, ein Schwarzer zu sein und für sein Aussehen diskriminiert zu werden, ich kann mich damit voll identifizieren" wird Widner zwar Aktivisten der "Critical Whiteness" auf die Palme treiben. Über das Happy End für ihn und seine Familie freut man sich trotzdem, wenn er sagt: "Ich habe mein Gesicht wieder. Ich bin so dankbar. Gott meint es gut mit mir, aus irgendwelchen Gründen."

Den Dreharbeiten zugestimmt hat Widner, um andere "Kids" davon abzuhalten, seine eigenen Fehler zu wiederholen. Tatsächlich ist die Tortur extrem abschreckend, der er sich auf dem Weg zu einem "vollwertigen Mitglied der Gesellschaft" unterwirft. Beeindruckender noch ist aber der Wille, mit dem er diesen Weg trotz aller Rückschläge geht - und das mangelnde Pathos, mit dem der Film die folternden Schmerzen dokumentiert, die hier einer auf sich nimmt, um sich selbst noch einmal zur Welt zu bringen.


"Hass auf der Haut", Donnerstag, 22.05 Uhr, N24

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