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15. Oktober 2015, 16:14 Uhr

Filmoffensive von Netflix

Angriff aufs Kino

Von und

Mit "Beasts of No Nation" startet Netflix am Freitag seine Filmoffensive: Statt auf der Leinwand feiert das Kindersoldaten-Drama online Premiere. Die Kinos verstehen das als Attacke auf ihr Geschäftsmodell - wie sieht die Zukunft der Branche aus?

Um den neuesten Oscar-Anwärter zu sehen, müssen Sie nicht ins Kino gehen. Sie können ihn ab Freitag zu Hause auf Ihrem Fernseher oder Laptop sehen - und das ganz legal: "Beasts of No Nation", der dritte Spielfilm von Cary Fukunaga ("True Detective"), läuft dann auf dem Streamingdienst Netflix.

Das beeindruckende Drama um einen Kindersoldaten in einem ungenannten afrikanischen Land hatte im September seine Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig.

Sehen Sie hier einen Filmausschnitt:

Kinderhauptdarsteller Abraham Attah wurde auf dem Festival als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet. Idris Elba, der im Film als Guerilla-Kommandant die Kindersoldaten abrichtet, gilt als einer der Favoriten für den Oscar als bester Nebendarsteller.

Ein großes Kinoereignis, dieser Film, würde man meinen. Allein: Selbst wenn Sie wollten, könnten Sie "Beasts of No Nation" auf keiner Leinwand sehen. Der Film hat außer in den USA und Großbritannien keinen Verleih gefunden, er wird in Deutschland in keinem Kino gezeigt. Um ihn ist nämlich ein Streit entbrannt, der die größte Kontroverse in der Branche der nächsten Jahre vorwegnimmt: den Kampf der Kinos gegen die Streamingdienste.

"Jedes einzelne Medium wurde vom Internet verändert - Bücher, Fernsehen, Musik; alles, bis auf das Verwertungsfenster für Kinofilme", hat Ted Sarandos, Chef für Inhalte bei Netflix, im Interview mit dem Branchenmagazin "Variety" gesagt. Mit Verwertungsfenster ist der Zeitraum gemeint, in dem Kinos Filme exklusiv zeigen, bevor sie dem Publikum als DVD und Blu-ray, in Video-on-Demand-Portalen und im Fernsehen zugänglich gemacht werden dürfen. In den USA ist dieses Fenster in den vergangenen Jahren empfindlich geschrumpft, von sechs Monaten auf 90 Tage. Jetzt will Netflix den zeitlichen Bonus fürs Kino komplett abschaffen und streamt "Beasts of No Nation" parallel zum limitierten Kinostart in den USA und Großbritannien.

In den USA hat das bereits für heftige Reaktionen gesorgt: Die vier großen Kinoketten Regal Entertainment, Cinemark, Carmike und AMC sowie der Bundesverband der Kinoeigentümer NATO kündigten an, "Beasts of No Nation" zu boykottieren. "Filmabodienste und billige Leihangebote haben das DVD-Geschäft ruiniert. Jetzt will Sarandos auch die Kinos ruinieren", sagte NATO-Geschäftsführer John Fithian bereits 2013, als Netflix' Kinopläne zum ersten Mal bekannt wurden.

Tatsächlich haben Streamingdienste das Potenzial, dem Kinogeschäft zu schaden. Eine aktuelle, von der Filmförderungsanstalt (FFA) in Auftrag gegebene Studie prognostiziert dem deutschen Kinomarkt ab 2016 einen durchschnittlichen Rückgang um ein bis zwei Prozent. Im Jahr 2021 soll er um zehn Prozent geschrumpft sein. Gleichzeitig wird der digitale Home-Entertainment-Markt laut dieser Studie bis 2019 ein Wachstum von sagenhaften 253 Prozent im Vergleich zu 2013 hinlegen. Die Autoren schlussfolgern: "Dieses Ergebnis resultiert nicht aus weniger konsumierten Filmen, sondern in erster Linie aus einer Verschiebung der Film-Nachfrage in Richtung digitales Ausleihen mit entsprechend günstigeren Durchschnittspreisen."

Nicht nur Netflix ist das althergebrachte Verwertungsfenster ein Dorn im Auge, auch einige Kreative empfinden es als Einschränkung. In Deutschland startete der Regisseur Jakob Lass 2014 mit seinem Film "Love Steaks" einen Angriff. Er wollte für seine Abschlussarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf ein maximal großes Publikum. "Deshalb wollten wir den Film so herausbringen, wie wir selbst auch Filme sehen: im Kino und digital", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Das allerdings ist in Deutschland noch schwieriger als in den USA, denn die Länge des Verwertungsfensters ist hierzulande im Filmförderungsgesetz geregelt. Alle Filme, die eine Förderung erhalten, müssen zuerst im Kino starten und dürfen auf Antrag fünf, sonst erst sechs Monate später anderweitig ausgewertet werden. "Love Steaks" kam ohne Produktionsförderung zustande, weshalb Jakob Lass und seine Mitstreiter die gesetzlichen Vorschriften hätten umgehen können. "Wir haben uns ein Pay-per-View-System überlegt, das die Kinos am Umsatz unseres Films auf digitalen Plattformen beteiligt hätte."

Einige Kinos hätten schon ihre Bereitschaft signalisiert, dabei mitzumachen, erzählt Lass. Aber einen Tag bevor er den ungewöhnlichen Vertriebsweg gemeinsam mit den "Love Steaks"-Produzenten vorstellen wollte, intervenierte die AG Kino, der Verband deutscher Filmkunsttheater - und blies alles ab.

Was Kinos an den Popcornkunden verdienen

"Die Angst, dass die Zuschauer, die Filme zu Hause ansehen, nie wieder ins Kino kommen, ist in der Branche riesengroß", so Lass. "Wir wurden damals scharf angegriffen, es wurde richtig persönlich." Ein Argument der Gegner lautete: "Wer zu Hause streamt, der kauft auch sein Popcorn nicht mehr im Kino." Der ausbleibende Umsatz mit Concessions, also mit Süßigkeiten und Cola, träfe die Kinobetreiber genauso hart wie ausbleibende Ticketverkäufe. Für Lass nachvollziehbar, aber: "Ich als Filmemacher will ja kein Popcorn verkaufen, sondern meinen Film unter die Leute bringen."

Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino und Geschäftsführer der Berliner Yorck-Kinos, widerspricht Lass' Darstellung. "Nicht der Verband an sich hat interveniert, sondern einzelne Mitglieder, also Kinobetreiber, haben sich dagegen entschieden. Weder hätte sich das Geschäft für sie wirtschaftlich gelohnt, noch waren die rechtlichen und technischen Modalitäten geklärt." Die Kinos hätten demnach für das VoD-Angebot Änderungen auf ihren Websites machen und die rechtlichen Voraussetzungen für die Bezahlmöglichkeiten schaffen müssen. Ein Aufwand, der selbst mittelgroße Kinos überfordert - und sich wirtschaftlich nicht gelohnt hätte, wie Matthias Elwardt vom Hamburger Programmkino Abaton vorrechnet.

"An einer Kinokarte verdiene ich rund 4 Euro, dazu kommt im Schnitt noch 1 Euro von Getränken und Snacks. Bei einem Deal, der mir vor einiger Zeit vorgeschlagen wurde und der ähnlich wie Jakob Lass' Idee war, hätte ich pro vermitteltem Stream 50 Cent verdient. Warum hätte ich dem zustimmen und damit gleichzeitig auf mein wichtigstes Gut verzichten sollen - nämlich Exklusivität?" Auch Christian Bräuer wehrt sich gegen den Eindruck, dass die Kinobranche besonders rückständig wäre, wenn sie auf Exklusivität poche. "In jedem Wirtschaftszweig ist Exklusivität der Schlüssel zum Überleben."

Da Netflix seine Originalproduktionen mit dem Spruch "Only on Netflix" bewirbt, dürfte das Unternehmen das ganz ähnlich sehen. Hinter der Doppeloffensive, die man mit "Beasts of No Nation" fährt, dürfte deshalb auch eine andere Strategie stecken. Zum einen finanziert sich Netflix über die Abos seiner Kunden, alle zusätzlichen Einnahmen aus Kinokarten sind willkommen, aber nicht essenziell für das Unternehmen. Außerdem garantiert auch der kleinste Kinostart in den USA (genauer gesagt: in Los Angeles County), dass ein Film ins Rennen um die Oscars gehen kann. Und genau das scheint Netflix ins Auge gefasst zu haben: Cynthia Swartz, eine bekannte PR-Beraterin für Oscar-Kampagnen, wurde bereits angeheuert.

Sollte die Kampagne erfolgreich und "Beasts of No Nation" am 14. Januar 2016 unter den nominierten Filmen sein, dürfte sich Netflix über jede Menge Werbung für sein Angebot freuen. Darin sieht Matthias Elwardt vom Abaton-Kino auch das eigentliche Motiv hinter der Filmoffensive. "Netflix will in den nächsten Jahren eine Monopolstellung erreichen. Ist die erreicht, kann es auch seine Abopreise erhöhen", so der Kinobetreiber, der auch im Auswahlkomitee für den Wettbewerb der Berlinale sitzt. Eine Erhöhung der Abopreise sieht Elwardt auch aus anderen Gründen als unumgänglich: "Ich frage mich, inwiefern Kreative zurzeit überhaupt von Netflix profitieren. Abgesehen von den wenigen eigenen Produktionen dürfte sich der Deal für Filmschaffende genauso wenig lohnen, wie sich Spotify für Musiker lohnt."

Allein ist Netflix mit seiner Offensive auf zwei Vertriebswegen nicht. In den USA versucht sich jetzt mit Paramount das erste Hollywoodstudio an einem Vertriebsweg, der an Jakob Lass' Idee erinnert. Für die diesen Herbst startenden Filme "Paranormal Activity: The Ghost Dimension" und "Scouts vs. Zombies" hat Paramount mit den Kinoketten AMC und Cineplex einen Deal vereinbart, der diese an Einnahmen aus digitalen Plattformen beteiligt. Beide Filme stehen dort schon 17 Tage nach Kinostart zum Streamen oder Herunterladen bereit.

Auch Amazon hat kürzlich bekannt gegeben, ab sofort bis zu zwölf Kinofilme im Jahr produzieren zu wollen. Diese sollen zuerst auf der großen Leinwand, nach vier bis acht Wochen aber schon über VoD zu sehen sein. Den Anfang macht im Dezember Spike Lee mit seinem Film "Chi-Raq". Zudem brodelt die Gerüchteküche, dass auch Apple unmittelbar davor steht, eigenen Content zu produzieren.

Der große Einpeitscher aber bleibt Netflix. Bei keinem anderen Konzern sind die Kino-Pläne so konkret und hochfliegend. 2016 startet "Crouching Tiger, Hidden Dragon II: The Green Legend", die Fortsetzung von Ang Lees Martial-Arts-Hits von 2000, in den USA zeitgleich in Imax-Kinos und über VoD. Brad Pitt produziert die Kriegssatire "War Machine" und spielt die Hauptrolle; der Film soll 2016 in den Kinos und auf Netflix starten. Und der Komiker Adam Sandler wird seine nächsten vier Filme für Netflix produzieren. Weil die Kinoketten auch in diesem Fall eine Buchung verweigerten, startet seine Westernkomödie "The Ridiculous Six" am 11. Dezember ausschließlich auf Netflix. Vorstand Sarandos sagt dazu fast drohend: "Ich glaube, die Kinos werden diese Entscheidung bereuen."

Über solche Ankündigungen kann Abaton-Chef Elwardt nur schmunzeln. "Vor Adam-Sandler-Filmen und der Fortsetzung eines 16 Jahre alten Ang-Lee-Films, bei der Ang Lee selbst nicht mitgewirkt hat, habe ich keine Angst."

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