Netflix-Serie "Sense8" Anspruch: Weltherrschaft

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Netflix hat sich zum globalen Player in der Unterhaltungsindustrie aufgeschwungen. Jetzt soll eine Serie, die von Mumbai bis Mexico City gedreht wurde, den globalen Anspruch von Netflix unterstreichen: "Sense8" - von den Wachowskis und Tom Tykwer.

Überall taucht sie auf, die blonde Frau im zerfetzten Kleid. Auf der Bühne eines Off-Theaters in San Francisco, in einem Club in Berlin, auf einer viel befahrenen Straße in Nairobi, in einem Bürokomplex in Mumbai. Die Frau, gespielt von Daryl Hannah, ist das Bindeglied zwischen acht Menschen, die - obwohl auf acht Städte und vier Kontinente verteilt - plötzlich telepathisch miteinander verbunden sind.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Sense8"

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Man kann in der Frau aber auch ein Sinnbild für den Sender sehen, der ihre Geschichte als zwölfteilige Serie im Juni ins Netz bringt: So wie sich die Erzählbögen von "Sense8" über die Welt spannen, so will auch Netflix expandieren. Der US-Streamingdienst plant, in den nächsten zwei Jahren in 150 neue Länder vorzustoßen, bis Ende 2017 soll er in insgesamt 200 Ländern verfügbar sein.

"Dass unsere Geschichte zur aktuellen Expansion von Netflix passt, ist reiner Zufall", sagt "Sense8"-Produzent Grant Hill im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Die Idee sei schon vor sechs Jahren entwickelt worden, also lange bevor Netflix mit seiner ersten Eigenproduktion "House of Cards" das Seriengeschäft revolutionierte und den Grundstein für seine globale Erweiterung legte. Hinter "Sense8" steckt ein Team, das - wie so viele Serienmacher heutzutage - aus dem Kino kommt: Es sind die Wachowski-Geschwister Lana und Andy sowie der Drehbuchautor J. Michael Straczynski ("World War Z").

Mit ihrem dreistündigen Kinoepos "Cloud Atlas" hatten sich die Wachowskis zusammen mit Tom Tykwer schon 2012 einer ähnlich komplexen Geschichte mit mehren Spielorten und -zeiten angenommen. "Everything is connected" - alles ist miteinander verbunden - lautet der Claim des Hundert-Millionen-Dollar-Projektes. "Sense8" bringt nun das Regietrio von damals zusammen: Außer den Wachowskis ist erneut Tom Tykwer mit dabei. Er hat bei den Segmenten, die in Berlin (mit Max Riemelt als Hauptfigur) und in Nairobi (mit Aml Ameen) spielen, Regie geführt und auch wieder den Soundtrack mitkomponiert. Mit Doona Bae, der Hauptfigur für Seoul, ist außerdem eine prominente Darstellerin aus "Cloud Atlas" mit unter den acht "sensates", den scheinbar zufällig miteinanderverbundenen Fremden aus der Serie.

Bereit für wieder mehr Mystery?

Vergleiche mit "Cloud Atlas", den der langjährige Kollaborateur der Wachowskis ebenfalls mitproduziert hat, will Grant Hill aber nicht ohne Weiteres gelten lassen. "'Sense8' ist in der Gegenwart angesiedelt, hat keine Science-Fiction-Elemente, überhaupt ist es deutlich düsterer." An "Cloud Atlas" mag Hill vielleicht auch wegen dessen überschaubarem Erfolg nicht gern erinnert werden. Ob wegen der über ein halbes Jahr gestückelten Kinostarts in aller Welt oder, wie Produzent Stefan Arndt vermutete, durch Piraterie: Kritiker und Publikum waren nur mäßig an "Cloud Atlas" interessiert, mühsam konnte er seine Produktionskosten wieder einspielen.

Für "Sense8" scheinen die Zeichen nun besser zu stehen. Die Serie hat einen weltweit einheitlichen Starttermin: Sie ist ab 5. Juni gleichzeitig in allen Ländern, in denen Netflix vertreten ist, zu sehen. Und sie ist, wie für Netflix-Produktionen üblich, sofort als komplette Staffel verfügbar. Das ist komplexen Mystery-Stoffen sehr zuträglich - schließlich muss sich das Publikum nicht wochenweise wieder in ein Rätsel hineindenken, sondern kann nonstop von der Exposition bis zur Auflösung durchgucken.

Doch will ein globales Publikum auch eine global erzählte Mystery-Serie sehen? Aktuelle Serientrends stimmen da skeptisch. Die letzte weltweit erfolgreiche Serie in dem Genre war "Lost" (mit Naveen Andrews ist auch einer der Hauptdarsteller aus "Lost" bei "Sense8" dabei) - und die ist vor fünf Jahren geendet. Mit nur halb so vielen Zuschauern wie zu Beginn.

Die einsamen globalen Quotenhits sind seitdem "Game of Thrones" und "The Walking Dead"". Sämtliche Produktionen mit Mystery-Elementen - von "The Leftovers" bis "Under the Dome" - können daran bei Weitem nicht heranreichen. Und auch Serien, die verstärkt auf Schauwerte setzen - wie es "Sense8" mit seinen aufwendigen Dreharbeiten, die stets vor Ort durchgeführt wurden, tut - sind kein Erfolgsgarant. Mit "Marco Polo" musste das Netflix selbst gerade feststellen.

HBO, Amazon und Fox haben auf diese Entwicklungen reagiert, indem sie auf kleinere Formate ("Fargo") und Erzählausschnitte ("Silicon Valley") umgeschwenkt sind und verstärkt auf anspruchsvolle Dramedys ("Transparent") setzen. "Sense8" scheint diesen Trends diametral entgegenzustehen. Deshalb könnte die Serie auch zum Test werden, ob ein weltweiter Serienhit wieder möglich ist - oder ob es zwar ein globales Serienpublikum gibt, aber keinen globalen Seriengeschmack mehr.



insgesamt 17 Beiträge
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GSYBE 07.05.2015
1.
Da bin ich sehr gespannt. Die erste Staffel von Daredevil gehört jedenfalls zu besten Serien, die ich je gesehen habe.
makromizer 07.05.2015
2.
Könnte man das gleiche nicht auch über praktisch jeden James Bond Film sagen? Ob die Serie mich anspricht, weiß ich noch nicht, aber finds toll, dass Netflix auch originelle Formate unterstützt. Mit Twin Peaks gab es anfang der 90er eine Serie, die ein vermeintlich einfaches Setting zeigte und den Schwerpunkt nicht darauf legte, zu zeigen, was passiert, sondern was ist. Die Serie ist eigentlich auch heute noch hoch angesehen, das Konzept hat sich allerdings erstaunlich schwach auf andere Produktionen abgefärbt. Da habe ich mich echt über Bloodline gefreut. Es ist quasi das komplette Gegenteil von Star Trek, wo der Fokus vor allem darauf liegt, die Charaktere mit bekanntem Verhaltensmuster mit relativ willkürlichen Settings zu konfrontieren. In Deutschland wiederum scheint man sich an der Teilhabe der der Fortentwicklung solcher Konzepte praktisch komplett verabschiedet zu haben und beschränkt sich auf relativ seichte, erprobte Formate. Es erscheint zwar lobenswert, dass man hier nicht mit überdrehten Charakteren punkten will, sondern eher dezent profiliert, aber das alleine macht halt keine gute Serie aus. Demgegenüber bringt Netflix uns unterhaltungstechnisch schön voran.
KnutHB 07.05.2015
3. hört sich gut an
Bin mit geringen Erwartungen an meinen Probemonat gegangen. ..Jetzt mag ich Netflix nicht mehr missen!
99luftballons 07.05.2015
4.
Der US-Streamingdienst plant, in den nächsten zwei Jahren in 150 neue Länder vorzustoßen, bis Ende 2017 soll er in insgesamt 200 Ländern verfügbar sein. Ist er das nicht schon, irgendwie? Per torrents! Und wenn die alle Shows immer komplett online stellen, hat die auch jeder Interressierte am naechsten Tag, 'on demand', auf dem Rechner
dosmundos 07.05.2015
5.
Wenn eine interessante Geschichte gut erzählt wird, dann findet sie auch ein Publikum. Egal ob sie weltweit spielt oder in einem Hinterhof, ob im Heute oder in Westeros. Und der deutsche Abonnent von Netflix zahlt, weil er eine Familiensaga aus Key West jederzeit der tausendmal so oder so ähnlichen seichten Story aus Sylt, wie man sie im deutschen Fernsehen vorgesetzt bekommen würde, vorzieht!
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