Netflix-Serie "Chilling Adventures of Sabrina" Mit Magie gegen Mobbing

Schön düster und mit viel Zeitgeist erzählt, hat die Netflix-Neuinterpretation von "Sabrina - Total Verhext" einiges an Potenzial - und einen "Mad Men"-Star an Bord.

Netflix

Als Halb-Hexe hat man's doppelt schwer. Für Sabrina (Kiernan Shipka), die kurz vor ihrer "Dunklen Taufe", dem endgültigen Pakt mit dem Teufel, steht, kommt alles zusammen - falls sie sich dem Wunsch ihrer Tanten Zelda (Miranda Otto) und Hilda (Lucy Davis) beugt und in der Halloween-Nacht das "Book of the Beast" unterschreibt, darf sie nicht mehr auf ihre alte Highschool in Greensdale zurückkehren. Sie müsste ihre Clique, ihre Freundinnen und den süßen, bis über seinen Bartflaum verliebten Boyfriend Harvey (Ross Lynch) im Stich lassen.

Auf der Pro-Seite stehen allerdings Unsterblichkeit, magische Fähigkeiten, die Anwendung von Zaubertricks, Fliegen mit oder ohne Besen - ebenjener vielversprechende Schmu, den die Hexen-Fiction seit Jahrhunderten in ihre Geschichten strickt. Sabrina entscheidet sich ziemlich zu Anfang dieser Neu-Adaption der Neunzigerjahre-Serie "Sabrina - Total Verhext" gegen den Pakt und für das Dazwischen: "Ich habe beide Wege gewählt. Oder auch keinen", erklärt die Protagonistin aus dem Off, während klassische, nächtliche Gruselhausbilder die zweite Folge von "Chilling Adventures Of Sabrina" (abgekürzt "CAOS"), beenden.

Doch damit fängt die Geschichte erst richtig an. Denn CAOS, die der spießigen Nachmittags-Sitcom nur in Personal und Prämisse ähnelt, hat eine andere Intention: Bei der Figur Sabrina, gekonnt-schnippisch und selbstbewusst verkörpert von Shipka (Sally Draper in "Mad Men"), geht es ebenfalls um das Dazwischen. Um den Zustand zwischen Teen und Erwachsensein, Fisch und Fleisch, Halb-Hexe und, so sind die Regeln, Full-Blood-Hexenakademie-Absolventin.

Hexen helfen

Es geht um das Flüggewerden einer jungen Frau in einer mit liebevollen Retro-Horror-Accessoires ausgestatteten Welt, die im Inneren aber modern ist: Sabrinas erste Amtshandlung ist der Aufbau einer Studentinnenorganisation mit dem vielsagenden Namen "WICCA" (altmodisch englisch für Hexer), die gegen übergriffige Schulkameraden, Mobbing und andere Ungerechtigkeiten vorgeht. Dass Sabrina die großmäuligen Peiniger ihrer Freundin Ruth dann allerdings nur mithilfe von ein paar weiteren Hexen zu Leibe rücken kann, gibt zu denken: Braucht man tatsächlich magische Fähigkeiten, um sich gegen unverschämte Macho-"Mortals" zur Wehr zu setzen?

Showrunner Roberto Aguirre-Sacasa, der auch für die in Setting und Aufbau "CAOS" ähnelnde Serie "Riverdale" schreibt, trifft mit der Neufassung von Sabrina einen Nerv: Man könnte die "CAOS"-Charaktere - ob nun die nonchalant mit Zigarettenpinzette rauchenden Althexen, den charmanten, bisexuellen Cousin Ambrose (Chance Perdomo), Sabrinas besessene Tutorin oder auch ihren permanent ängstlichen Freund Harvey - durchaus als feministisch bezeichnen.

Die weibliche Macht, ein Thema in vielen Hexenmythen zwischen 1200 und heute, wird hier lustvoll ausgespielt. Ungleich der vielen anderen, nach eindeutigen Regeln konstruierten Mystery-TV-Erfolgen wie der furchtlosen Vampirjägerin "Buffy" oder den hübschen, wohlmeinenden Hexen in "Charmed", den biederen Sitcoms "Verliebt in eine Hexe" und eben "Sabrina - total verhext", verläuft bei "CAOS" eine Streitlinie zwischen privilegierten weißen Männern und bunten, modernen Frauen.

Das Halsschlagaderblut spritzt

Außerdem ist die Serie düsterer, nerdiger und hipper als ihre Vorläuferinnen im Geiste: Hier wird schon mal zu "Monster Mash" von Bobby Picket getwisted, und in einem Gespräch über Zombiefilme erläutert Ruth ihren Freunden die Symbolik von Untoten und Seuchen im Film.

Auch an Schreck- und Splattermomenten sparen die Erfinder nicht: Mit einem jugendlichen, schon einigermaßen medienkompetenten Publikum im Auge inszenieren die Macher und Macherinnen spritzendes Halsschlagaderblut und gruseliges Verwesungsgetier, das sich nachts im Schlafzimmer versteckt. Für Bibi Blocksberg-, Otfried Preußler- und Schrumpelmei-Afficionados ist das Gefühls- und Horrorchaos von "CAOS" also absolut nicht gedacht.

Dennoch: "CAOS" vergibt viel Potenzial. Zu langsam wiegt sich die Dramaturgie in Fahrt, zu vorlaut, ungebrochen und durchschaubar ist die Hauptfigur, Angst hat man kaum um sie. Die angenommene Medienkompetenz auch jüngerer Zuschauerinnen und Zuschauer erlaubt schon viel komplexere und spannungsreichere Plots. Bei "CAOS" muss man hingegen ewig dranbleiben, sich viel doppelt und dreifach erklären lassen, einige abgestandene Witze weglächeln und stolpert dabei auch noch über Logikfehler.

Dabei hatte das bei Harry Potter, dessen Genese vom normalen Schüler zum Mega-Wizard dem Weg Sabrinas nicht unähnlich ist, doch schon besser geklappt - in Hogwarts wurde jedes logisch-magische Problem schlichtweg durch "besondere Zauberregeln" wegräsoniert. Und dass Sabrina im Kampf gegen den Teufel irgendwann einen Anwalt zurate zieht, ist fast schon rührend altmodisch: Als ob man den Beelzebub je mit dem "advocatus diaboli" hätte austreiben können.

Ab 26. Oktober auf Netflix



insgesamt 6 Beiträge
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5b- 26.10.2018
1. Krabat
Also ich empfand den Umstand, dass dunkle Künste angewandt wurden spätestens dann als bedrückend als klar wurde dass der Müller Knochen mahlt. Im Grunde ging es bei Krabat um Leben und Tod und Freiheit und Leibeigenschaft. Da ist der Krabat so ganz nebenher aufgewachsen. Der Film war, wie alle deutschen Filmadaptionen, schrecklich. Splatter und Horror kann man dem Zeitgeist entsprechend gerne beimischen. Ich denke nicht, dass das ein Ausschlusskriterium dafür bedeutet, dass Krabat Fans CAOS nicht gut finden werden.
Atheist_Crusader 27.10.2018
2.
Warum um alles in der Welt musste man dafür eine alte Serie verwursten? Allzu viel von dem Original habe ich damals nicht gesehen, aber immerhin genug um mich zu fragen was diese Nummer hier soll. Ich dachte diese schwachsinnige phase wo alles einen "gritty reboot" braucht, hätten wir hinter uns gelassen. Auch war die originale Serie weder so toll noch so komplex, dass man sie unbedingt neu aufwärmen müsste. Das Konzept "Teenager-Hexe" hätte man auch komplett neu aufsetzen können. Aber ich schätze, dann hätte man auf den Nostalgie-Bonus verzichten müssen, mit dem man heutzutage jede zweite Produktion austattet um noch ein paar gealterte Fans zu ködern. Da würde es mich nicht wundern, wenn demnächst Netflix eine "Nueinterpretation" von He-Man anbietet. He-Man ist dann ein schwuler Wrestler, sein Tiger existiert nur noch als Teil seiner Wahnvorstellungen und Schloss Grayskull ist ein Asyl für transsexuelle Obdachlose mit Diabetes.
der_k 27.10.2018
3. Serien-Neustart?
Auch wenn die Originale Serie schon eine Zeit her ist, habe ich noch gute Erinnerungen an „Sabrina“! Eine düsterere Neuauflage mit modernem Setting könnte ich mir schon gut vorstellen. Ob der Witz gefällt ist dann wohl auch Geschmacksache... Das eine „mächtige“ Hexe Hilfe gegen eine Mobber benötigt, zeigt doch auch nur, dass niemand davor gewahr ist, mal Hilfe zu benötigen, weswegen sich aber auch niemand schämen sollte! Logikfehler? Hat nicht jede Serie Fehler? Staffel 4 von „Fear The Walking Dead“ fängt verwirrend an und versucht sich aufzulösen, wobei aber sehr viele Fragen bleiben. Trotzdem ok! Ich freue mich auf „CAOS“ und lasse mich gerne wieder verzaubern!
Mr.Slytherin 27.10.2018
4. Tausendmal besser als das neue "Charmed"
Zitat von Atheist_CrusaderWarum um alles in der Welt musste man dafür eine alte Serie verwursten? Allzu viel von dem Original habe ich damals nicht gesehen, aber immerhin genug um mich zu fragen was diese Nummer hier soll. Ich dachte diese schwachsinnige phase wo alles einen "gritty reboot" braucht, hätten wir hinter uns gelassen. Auch war die originale Serie weder so toll noch so komplex, dass man sie unbedingt neu aufwärmen müsste. Das Konzept "Teenager-Hexe" hätte man auch komplett neu aufsetzen können. Aber ich schätze, dann hätte man auf den Nostalgie-Bonus verzichten müssen, mit dem man heutzutage jede zweite Produktion austattet um noch ein paar gealterte Fans zu ködern. Da würde es mich nicht wundern, wenn demnächst Netflix eine "Nueinterpretation" von He-Man anbietet. He-Man ist dann ein schwuler Wrestler, sein Tiger existiert nur noch als Teil seiner Wahnvorstellungen und Schloss Grayskull ist ein Asyl für transsexuelle Obdachlose mit Diabetes.
Also, erst mal ist die einzige "Originalserie" eine alte Comicreihe aus den Siebzigern (!) mit dem Titel "Sabrina the Teenage Witch". Die Fernsehadaption mit Melissa Joan Hart gab es erst ab 1996. Die neue Netflix Serie "Chilling Adventures of Sabrina" beruht nun ebenfalls wieder auf einer Comicserie - nämlich auf der gleichnamigen Reihe ab 2014. Mit der "alten Serie" (TV) hat dies also rein gar nichts zu tun - deshalb wurde hier auch nichts "verwurstet". Man sieht, Sie haben ganz viel Ahnung vom Thema... Aber z.B. die neue "Charmed" Serie ist dagegen wirklich eine Verwurstung der Originalserie. Ich habe mich durch die ersten zwei Episoden gequält und dann entschieden, dass mir meine Zeit dafür zu schade ist... Im Gegensatz dazu habe ich mir gestern Abend die ersten drei Episoden "Chilling Adventures of Sabrina" am Stück reingezogen und muss schon sagen Wow! Tausendmal besser als das neue "Charmed". Die Story ist wirklich packend, die Besetzung gut gewählt (alleine schon wegen Michelle "Missy" Gomez lohnt es sich!), der 80's Soundtrack ist - ähnlich wie bei "Stranger Things" - hervorragend(!) und die Darsteller haben Charakter (was bei "Charmed" nicht mal auf die drei Hauptdarstellerinnen zutrifft). "Chilling Adventures of Sabrina" soll direkt in zwei Staffeln back-to-back gedreht worden sein; deshalb freue ich mich jetzt schon auf viel Nachschub... Fazit: Geniale Serie - außerdem für eine wirklich ganz andere Zielgruppe als die frühere Kinderserie mit der Gute-Laune-Hexe Clarissa... ähem!... ich meine natürlich Melissa Joan Hart, was damals im Grunde genommen nicht viel anders war als hier in Deutschland Bibi Blocksberg. "Chilling..." ist dagegen als Horrorserie konzipiert und nichts für Kinder!
frenchie3 28.10.2018
5. Medienkompetenz
Was hat das Wort hier zu suchen? Wieso hat ein Publikum Medienkompetenz wenn man sich "(Soft)splatterfilme" mit "anverwestem" Getier anschaut?
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