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07. August 2018, 18:47 Uhr

"Game of Thrones"-Parodie der "Simpsons"-Macher

Ein Thron aus Schwertern, autsch!

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"Simpsons"-Schöpfer Matt Groening knöpft sich "Game of Thrones" vor: In der Netflix-Serie "Disenchantment" lässt er eine Prinzessin gegen die Langeweile wüten. Ein bisschen Fantasy, ein bisschen Satire.

Das größte Unglück für eine neue Sitcom ist zu viel Hype. Comedyserien brauchen mindestens ein paar Folgen Anlauf, bis die Autoren die Figuren verstanden haben und die Grundkonstellation steht. So fangen zum Beispiel "The Simpsons" von Matt Groening erst in der zweiten Staffel an, sie selbst zu sein, und hatten vorher zum Glück Zeit zur Selbstfindung. Groenings neue Serie "Disenchantment" hat diesen Luxus nicht. Sie startet auf Netflix, der wichtigsten Fernsehplattform der Welt, ihr Erfinder ist mit den "Simpsons" und "Futurama" für zwei der besten animierten Sitcoms aller Zeiten verantwortlich.

Die Serie wird als Parodie auf den Drachen- und Monsterhit "Game of Thrones" verkauft. So hat die Hauptfigur, die Prinzessin Bean (gesprochen von Abbi Jacobson aus "Broad City"), zwar auch weißes Haar, kann aber keine Drachen reiten, sondern nur Flaschen köpfen. Leer und vage frustriert rebelliert sie gegen ihr Leben im Luxus, ohne auf Komfort verzichten zu wollen.

Der Heirat mit einem troglodytischen Prince Charming entgeht sie, stattdessen trifft sie den Elfen Elfo, der aus seinem totalitären Elfenkollektiv geflohen ist, um das wahre Leben zu erkunden, und den Höllenteufel Luci. Er hat den geheimen Auftrag, sie vom propren Prinzessinenpfad wegzuführen - was sie allerding auch alleine kann. Zusammen erleben sie Abenteuer in einem von Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romanen inspirierten Fantasysatire-Szenario.

Der Zwang zur Serialität

Die Serie entgeht dem modernen Zwang zur unbedingten Serialität, dem auch animierte Sitcoms wie die Netflix-Produktionen "F Is For Family" und "Bojack Horseman" unterliegen. Überhaupt scheint die Serie wie aus der Zeit gefallen. Das tut dem Humor durchaus gut - es gibt keine Gags über Memes oder popkulturelle Eintagsfliegen, die noch während der Vorproduktion überholt sind. Die Anknüpfung an "Game of Thrones" beschränkt sich auf einen guten und überraschend brutalen Gag darüber, wie unpraktisch ein aus Schwertern gebauter Thron in der Praxis ist.

Auch wenn das Königspaar - er ein tumber narzisstischer Klotz, der wahnsinnig wird, wenn man ihm keine Aufmerksamkeit schenkt, die Königin in zweiter Ehe undurchschaubar und unzufrieden mit maskenhafter Ausstrahlung - an die Trumps erinnert, könnte die Serie ansonsten auch 2005 oder gleich 1996 geschrieben worden sein. Möglich, dass das Vorsicht ihrer Macher ist.

Gerade erst hat sich Groening bei einer Debatte über Klischees und Repräsentation blamiert. Die durchdachte Kritik des Comedians Hari Kondabolu an der Figur Apu aus den "Simpsons" kanzelte er plump mit der Erklärung ab, dass "Menschen sich heutzutage sehr gerne ohne Grund aufregen". Dabei ging es Kondabolu weniger um die Figur an sich, sondern um Rollenbilder, die indisch-amerikanischen Zuschauern gerade in ihrer Kindheit angeboten werden, und die ungewollte Konsequenz, die eine noch nicht mal feindselige, aber eben stereotype Figur wie Apu haben kann, wenn sie zum Mobbingwerkzeug wird.

Gruß an Monty Python

Bis auf den unglücklichen Auftritt von betont genderneutralen Banditen werden sich solche Diskussionen an "Disenchantment" wohl nicht entzünden. Stattdessen ist die Serie ein Produkt von Nerdkultur vergangener Generationen. Neben Terry Pratchett sind auch Monty Python inhaltliche Vorbilder, in Optik und Komposition wirkt "Disenchantment" wie die Fernsehadaption eines vergessenen Point-n-Click-Adventures aus den Neunzigern wie den LucasArts-Satiren oder "Simon the Sorcerer".

Ansonsten bedient sich die Serie bei Groenings früheren Produktionen. Die zentrale Figurenkonstellation mit starker, aber verwirrter weiblicher Hauptfigur, naivem Neuankömmling und stets korrumpierenden sympathisch-bösartigem Sidekick ist fast, um in der Welt der Computerspiele zu bleiben, wie eine Fan-Mod für "Futurama" - allerdings ohne dessen Gagdichte zu erreichen.

Die Sci-Fi-Serie ist, trotz unvermeidbarer Qualitätstäler, hervorragend gealtert. Nicht nur, weil der Enthusiasmus spürbar ist, mit dem die Macher damals ihr Zukunftsszenario ausgearbeitet haben, sondern auch wegen des Tonfalls. Die Figuren sind einsam und werden von unbarmherzigen Mächten wie mörderischen Roboter-Weihnachtsmännern und sinistren Multikonzernen zermalmt. So war "Futurama" nicht nur gute Comedy, sondern gute Science-Fiction.

Das vergleichbare Fantasy-Potential verschenkt "Disenchantment" fast völlig. Nur bei "Monty Python & The Holy Grail" abgeschaute Witze über marktschreierische Leichensammler und spontangebärende Leibeigene erinnern an das Unlebbare dieser mittelalterlichen Welt aus Kot und Tod. Bis auf eine wunderschöne Folge über Hänsel und Gretel als Serienkillerpärchen bleibt sie auch als Satire blass.

Eine Blamage ist die Serie deswegen nicht, dafür verstehen die Autoren und die Sprecher, darunter Veteranen der "Simpsons" und "Futurama", ihr Handwerk zu gut. Nur den Leitspruch "Du musst der Serie ein paar Folgen Zeit geben", Segen und Fluch unseres Fernsehzeitalters zugleich, kann "Disenchantment" nicht wie durch Zauberhand widerlegen. Eine ganze Staffel als Pilotfolge: Das ist wohl Netflix-Magie.


"Disenchantment" ist ab dem 17. August 2018 auf Netflix verfügbar.

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