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29. Juni 2018, 19:32 Uhr

Wrestling-Serie "GLOW"

In der zweiten Staffel ausgeknockt?

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Feminismus trifft auf Achtzigerfrisuren: Nach der ersten Staffel sahen viele in der Netflix-Serie "GLOW" Kultpotenzial. In den neuen Folgen sollen die Wrestlerinnen mehr Tiefe bekommen - das klappt leider nur bedingt.

Regisseur Sam Sylvia (Marc Maron) hält seinen Wrestling-Damen eine Standpauke. Die erste TV-Show nach der Sommerpause ist schlecht gelaufen: Die Frauen im Ring führten ihre eingeübten Kämpfe vor, doch das Publikum ging nicht mit. Gähnende Zuschauer, müde Augen, gelangweilte Gesichter. "Wenn ich das Publikum eingeblendet habe, saßen dort Menschen, die aussahen, als hätten sie gerade ein großes, fettes Thanksgiving-Essen hinter sich", fasst Sylvia zusammen - nur gibt er damit leider auch den Ton für die neuen Folgen vor.

"GLOW" (kurz für "Gorgeous Ladies of Wrestling") erzählt die Geschichte einer Frauen-Wrestling-Show in den Achtzigerjahren. Im Mittelpunkt steht die notorisch erfolglose Schauspielerin Ruth Wilder (Alison Brie). In der ersten Staffel ist die Show ihre Rettung, da sie dringend Geld braucht. Mittlerweile ist es "der beste Job, den ich je hatte", wie sie sagt.

Gleich zu Beginn der neuen Staffel erlebt sie aber einen Rückschlag: Auf ihre Initiative hin drehen die Frauen einen Werbefilm, alle sind begeistert - Regisseur Sylvia aber fühlt sich genötigt, zu zeigen, wer hier die Hoheit über die Gestaltung besitzt. Und Ruth, die als böse Russin "Zoya the Destroya" im Ring steht, wird vom ersten Kampftag ausgeschlossen.

Wie schon in der ersten Staffel macht Sylvia immer wieder klar, wer am Set das Sagen hat: nämlich er und vielleicht noch der ein oder andere Mann vom Fernsehsender. Keinesfalls jedoch die Frauen.

Wie frauenfeindlich das Hollywood der Achtzigerjahre war, verdeutlichen Liz Flahive und Carly Mensch, die Macherinnen von "GLOW", dabei nicht nur an der Figur Sylvias. Von allen Seiten hagelt es sexistische Sprüche, und schließlich landet Ruth auch noch im Hotelzimmer des Senderchefs. Ursprünglich hatte er angekündigt, mit ihr über ihre Karriere zu sprechen. Jetzt belästigt der mächtige Mann die Schauspielerin.

Weinstein-Moment mit dem Senderchef

Das erinnert stark an den Skandal um Harvey Weinstein und die große Debatte um Belästigung und Missbrauch, die er ins Rollen gebracht hat. Man sollte also meinen, "GLOW" träfe einen Nerv, schließlich hatte sie schon mit der ersten Staffel vom Sommer 2017 viel Gespür für den Zeitgeist bewiesen. Damals konnte die Serie damit punkten, dass der Cast nicht nur aus glatten Hollywoodgesichtern, sondern aus Frauen unterschiedlichen Alters, verschiedener Hautfarben und variierender Konfektionsgrößen bestand.

Mithilfe des abgerissenen Sylvia, der bedenkenlos in die Stereotypenkiste griff (Beispiel: "Machu Picchu", die sanfte Peruanerin) blies eine wilde Truppe von Frauen zum Angriff auf die Männerdomäne Wrestling. Das war originell und setzte Akzente in Sachen Vielfalt. Zusammen mit den Glitzer-Kostümen, dem grellen Achtzigerjahre-Soundtrack und den schmierigen Kulissen schien "GLOW" das Zeug zur Kultserie zu haben.

In der Fortsetzung wirkt die Serie nun aber leider formlos. Dabei reißen die Macherinnen der Serie spannende Themen an: das Verhältnis zwischen Wrestlerin "Welfare-Queen" und ihrem Sohn; Debbie, die frisch getrennt mit sich und ihrem Baby total überfordert ist; Sylvias pubertierende Tochter, die ihren ersten Freund hat. Und das sind nur einige Beispiele. Allerdings bleibt es oft nur bei thematischen Streifschüssen, in die Tiefe geht die Charakterentwicklung nicht.

"GLOW" braucht eine lange Anlaufzeit, um wieder in Fahrt zu kommen, und auch Achtziger-Hits, Spandex und bissige Sprüche können von diesem erzählerischen Vakuum nicht ablenken. Erst nach der Hälfte der neuen Folgen wird die Handlung um die "Gorgeous Ladies of Wrestling" lebendig, eskalieren die schwelenden Konflikte der Frauen untereinander, die verbal und im Ring ausgetragen werden.

Dass dann ausgerechnet der sexistische Sylvia zunehmend an Tiefe gewinnt, ist ganz interessant - jedoch kommen daneben die anderen Charaktere oft zu kurz, schaffen es kaum noch, sich aus ihren Wrestling-Rollen zu lösen. Klar, die Frisuren sind opulenter, die Moves spektakulärer, und die Themenvielfalt ist breiter als in der ersten Staffel. Das reicht auch für Unterhaltung. Aber eben nicht für mehr - ganz so wie ein Wrestling-Match.


Die zweite Staffel von "GLOW" ist ab 29. Juni auf Netflix verfügbar.

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