Netflix-Serie über Frauen-Wrestling Feminismus im Leoparden-Body

Die Netflix-Serie "GLOW" erzählt vom Frauen-Wrestling in den Achtzigerjahren. Sie zeigt kreischende Outfits, Föhntollen - und einen verzweifelten Kampf um Anerkennung.

Erica Parise/ Netflix

Regisseur Sam Sylvia (Marc Maron) versucht, einen potenziellen Geldgeber von einem angeblich bombensicheren Fernsehformat zu überzeugen: "Frauen werden es gucken, weil es feministisch ist. Und Männer, weil Wrestlerinnen verdammt scharf sind". Ob es sich denn um Familienunterhaltung handele, wirft der etwaige Sponsor unsicher ein. "Klar", sagt Sam, "das ist wie ein Porno, den man zusammen mit den Kindern schauen kann!"

Sam Sylvia, abgehalfterter Regisseur mit Kassengestell über koksbestäubter Popelbremse, hat eine Vision. Und schert sich nicht die Bohne um die ihr innewohnende Ambivalenz: Er will Frauen-Wrestling ins Fernsehen bringen, inklusive Glanzstrumpfhosen, engen Spandex-Anzügen und bekloppten Backstorys. Und die Teilnehmerinnen damit gleichzeitig ermächtigen und ausnutzen.

Aber die frisch gecastete Truppe von Wrestling-Rookies ist ein Karnevalsverein. Kaum eine der Anwärterinnen kennt die Kampftechniken, kaum eine versteht, was der zynische Sexploitation-Fachmann Sylvia eigentlich von ihnen will. Für die abgebrannte Schauspielerin Ruth Wilder (Alison Brie) ist die Show jedoch die letzte Rettung. Sie braucht einen Job, irgendeinen.

Gleich die erste Szene der neuen Netflix-Produktion "GLOW" ist ein Paukenschlag: Sie zeigt ein Hollywood der Achtzigerjahre, das zwar schon wusste, was Feminismus ist, ihn aber vor lauter frauenfeindlicher Business-Realität ignorierte. Ruth liest bei einem Casting ein paar Drehbuchzeilen einer Figur, die selbstbewusst gegen ihren Vater aufbegehrt. "Du hast den Männerpart gelesen", konstatiert ihre Agentin danach. Der Frauenpart, der Ruth angeboten wurde, ist nämlich - wie üblich - eine unwichtige Sekretärinnenrolle mit genau einem Satz.

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Wrestling-Serie auf Netflix: Frauen im "Cobra-Clutch"

Ruth und die anderen erarbeiten sich im Laufe der ersten Staffel von "GLOW" ihre neuen Rollen- und Frauenbilder erst langsam, dann bestimmter. Die in den Achtzigerjahren angesiedelte Serie der "Orange Is the New Black"-Schöpferinnen Jenji Kohan und Carly Mensch und der "Homeland"-Produzentin Liz Flahive ist eine Emanzipationsgeschichte. Sie nutzt den absurden, in den USA extrem erfolgreichen Showsport mit seinen soapartigen Kapiteln, den übertriebenen Kampf-Moves, den kreischenden Outfits und ebensolchen Performances als Vehikel. Und erobert damit - ähnlich wie "Orange Is the New Black", das im Gefängnis spielt - eine Männerdomäne, um Frauengeschichten einmal nicht im typischen Familiensetting erzählen zu müssen.

Die wirkliche "GLOW"- Show ("Gorgeous Ladies Of Wrestling"), die der Serie als Vorlage dient, fand in den USA zwischen 1985 und 1990 im Fernsehen statt und wird bis heute als Live-Event organisiert. "Gorgeous Ladies" treten darin gegeneinander im Show-Wrestling an, schleudern sich mit vorher genau abgesprochenen "Bear-Hug", "Cobra-Clutch" und "Bodyslam"-Choreografien durch den Ring und in die Seile und tragen dabei (das hat sich seit den Achtzigerjahren nur minimal geändert) Big Hair zu Leoparden-Bodys. Das Publikum dient als Kulisse, brüllt, klatscht und pfeift zuweilen lauter als die Beteiligten, und kreiert für die jeweiligen Favoritinnen eigene Slogans und Rituale.

Kein Anspruch auf historische Akkuratesse

Dabei ist "GLOW" nur eine von vielen ähnlichen Veranstaltungen und Show-Wettkämpfen, denn Frauen-Wrestling war in den Achtzigern mit seinem kruden Mix aus aufgetakelten Frauen, derbem Slapstick und technisch beeindruckenden Figurfolgen äußerst populär. Komiker wie Andy Kaufman parodierten und bewunderten das Spektakel, und es hat bis heute in einer gar nicht so kleinen Nische überlebt. Die in der Netflix-Serie agierenden Figuren sind zwar an echte Vorbilder angelehnt, doch Anspruch auf historische Akkuratesse erhebt "GLOW" nicht. Die Macherinnen haben vielmehr das Potenzial des doppeldeutigen Ambientes erkannt. Sie erzählen ihre "Dramedy" vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund, der neben dem Genderthema noch weitere strukturelle Ungerechtigkeiten im System thematisiert.

So werden die farbigen Frauen der Truppe gleich doppelt ausgegrenzt. "Vertraust du ihm?", fragt Tammy (Kia Stevens) etwa den Ehemann von Cherry (Sydelle Noel), der Sam Sylvia von früher kennt, "oder ist er nur ein weißer rassistischer Regisseur wie alle anderen?" Die unschöne Antwort: "Ach, er ist eigentlich eher sexistisch als rassistisch."

Ruth entwickelt derweil ihre Wrestling-Figur, eine böse Russin ("die besten Bösewichte seit den Nazis"), um damit im Ring und letztlich auch außerhalb zu triumphieren: Eine Verliererin, denn gewinnen darf in der US-Fernsehunterhaltung traditionell nur, wer die Stars and Stripes auf dem Kostüm trägt. Währenddessen wird bei einer Party auf einem gerahmten Bild des Ehepaares Reagan Koks gehackt, Ruth und ihre Freundin Debbie entzweien sich, und Sam kann seinen Zynismus kaum im Zaum halten.

Neben ein bisschen Therapie, ein bisschen Schauspielklasse, ein bisschen Comedy, ein bisschen Frauenbewegung bietet "GLOW" leider auch ein bisschen Langeweile, denn ausgerechnet Ruth ist die vorhersehbarste aller Figuren. Dafür zeigt die Serie liebevolle Achtzigerjahre-Neonästhetik und unfassbar alberne, aber unterhaltsame Wrestling-Moves. "Im Ring kann ich meinen Körper wieder ganz für mich haben", erkennt Debbie, die atemlos zwischen Stillen, Scheidung und Sexysein balanciert. Als Rückbildungsgymnastik ist Wrestling also garantiert zu empfehlen.


"GLOW" ("Gorgeous Ladies of Wrestling"). Die Serie startet ab 23. Juni auf Netflix.



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DJ Doena 25.06.2017
1.
Vorhersagbar ist Ruth eigentlich nur, weil sie sich beweisen will und weil sie weiß, was sie erreichen will. Alle anderen Figuren driften lange Zeit nur vor sich hin und suhlen sich in ihrem eigenen Elend. Vorhersagbar für Ami-TV war allerdings, das Alison Brie in der Pilotfolge gleich zweimal ihre Brüste zeigen musste, für den Rest der Staffel dann aber bei jederman alles bedeckt blieb. Nur Sams Arsch hat man noch mal von hinten gesehen. Als Hetero-Mann habe ich gar nichts gegen Brüste und begucke die sehr gerne, aber das war schon ein ziemlich offensichtlicher Marketing-Gag, der die Story nicht wirklich weitergebracht hat. Was ich erfrischend fand, war, dass die Staffel nicht unnötig in die Länge gezogen wurde. 10 Folgen à 35 Minuten. Bei den Marvel-Helden-Serien à la Jessica Jones und Iron Fist haben sich ja einige Folgen doch arg als Füllmaterial angefühlt und wie Kaugummi gezogen.
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