Netflix-Serie "Marco Polo" Kampfkunst und Konkubinen

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Weit gereist war er bestimmt, ob der legendäre Marco Polo aber nun tatsächlich am Hof des Kublai Khan gedient hat oder nicht, darüber streiten die Historiker. Unstrittig ist: Er hat es jetzt als Serie auf den Streaming-Dienst Netflix geschafft - und bringt dort von seinen Reisen nicht nur Nudeln zurück nach Europa, sondern auch Nackte.

Mit "Marco Polo" versucht Netflix augenscheinlich, das Publikum zu erreichen, das sich auch für HBOs "Game of Thrones" begeistert: Die Serie erzählt von einer Zeit, in der hart gekämpft und heftig geliebt wurde, in der ein falsches Wort schon dazu führen konnte, dass einem der Schädel zertrümmert wird, einer Zeit, in der nur bestehen konnte, wer schlau seinen Vorteil herbeiintrigieren und dazu mit Hieb- und Stichwaffen aller Art hantieren konnte. Von einer Zeit also, in der der heutige Zuschauer kaum eine Viertelstunde lang überlebt hätte.

So darf sich dieser wohlig auf dem Sofa gruseln: Die ersten Bilder schon zeigen uns gepfählte Dorfbewohner (und damit wir sie nicht vergessen, kommen sie regelmäßig im Vorspann vor), und genau wie der junge Marco Polo (Lorenzo Richelmy), dessen Vater ihn völlig überraschend dem mächtigen Mongolenherrscher Kublai Khan (Benedict Wong) als Bediensteten, nun ja, schenkt, werden wir hineingeworfen in eine fremde, grausame Welt.

Eine nackte Kung-Fu-Konkubine? Das ist neu

Eine Welt, die für echte Männer (die gab's damals nämlich noch, im 13. Jahrhundert) aber einige Vorteile bietet: Der Khan verfügt nicht nur über mehrere Ehefrauen, sondern hat dazu noch einen wohlbestückten Harem parat, der immer mal wieder ausführlich in Aktion zu betrachten ist - das Frauenbild, das "Marco Polo" vermittelt, scheint einer archaischen Männerfantasie entsprungen zu sein. Die allermeisten Frauen haben hier wenig zu sagen, nur als barbusige Bettgenossinnen können sie Macht per Intrige erreichen - bis auf wenige Ausnahmen, die mit asiatischer Kampfkunst überzeugen. Manchmal tun die Damen auch beides zugleich, dann wirbelt etwa eine nackte Kung-Fu-Konkubine (Olivia Cheng als Mei Lin) über den Bildschirm. Hat man so im Fernsehen auch noch nicht gesehen.

Netflix hat offenbar viel Geld in die Hand genommen, um das 13. Jahrhundert aufleben zu lassen, die Ausstattung ist üppig und wirkt akkurat, gedreht wurde in Kasachstan und Malaysia, einige Szenen aus dem Vorleben Polos auch am Originalschauplatz Venedig. John Fusco, der Autor der Serie, hat sich insbesondere bereits mit dem Film "The Forbidden Kingdom" (USA, 2008) einen Namen als Martial-Arts-Abenteuerexperte gemacht. Für "Marco Polo" reiste er zu Pferd durch die Mongolei, um den Schauplatz seiner Erzählung selbst zu erleben und dessen Exotik ins Drehbuch einfließen zu lassen.

Hirnmasse aus geborstenen Schädeln

Vertraut kommen einem allerdings die Dialoge vor, sie erinnern an die zeitgenössischen Intrigenserien amerikanischer Machart, es wird viel Politik gemacht am Hofe des Khan, dem eine eingemauerte chinesische Stadt Widerstand leistet und Kopfzerbrechen bereitet. Da ist viel Walking and Talking nötig, um die politischen Wirren verständlich zu machen, beziehungsweise: Sitting and Grumbling, denn der Khan ist recht korpulent, bewegt sich nur in Ausnahmesituationen (dann aber erstaunlich agil) und quittiert die Ratschläge seiner Einflüsterer meist sitzend mit einem abwägenden gutturalen Brummen aus der Tiefe seiner Kehle.

Bekannt wirkt auch die explizit dargestellte Grausamkeit in "Marco Polo", da quillt Hirnmasse aus geborstenen Schädeln, da wird draufgehalten, wenn glühende Eisen brandmarken, und wird ein Kopf abgehackt, dann sieht man ihn auch rollen. Schon die Macher von "Game of Thrones" mussten sich vorwerfen lassen, etwas zu viel Gewalt zu eindeutig darzustellen, aber schulterzuckend konnten sie darauf verweisen, dass die dargestellte (in ihrem Fall allerdings vollkommen ausgedachte) historische Epoche nun einmal grausam war. Ähnliches wird man wohl auch von der produzierenden Weinstein Company zu hören bekommen, sollte sich eine Gewaltdebatte an "Marco Polo" entzünden.

Dass die Serienmacher einen historisch mehr oder weniger verbürgten Stoff gewählt haben, könnte sich allerdings als Hindernis für den Spannungsbogen der Serie erweisen: Von Polo weiß nun einmal jeder, dass er seine Zeit am Hofe des Kublai Khan überlebt hat, anders als in ähnlichen modernen Serien ist die Hauptfigur also niemals in wirklicher Gefahr. Und auch das Ende der Saga, von der nun erst einmal zehn Folgen in einem Rutsch auf Netflix zu sehen sind, ist von Anfang an bekannt: Marco Polo wird nach Italien heimkehren. Und Nudeln mitbringen.


"Marco Polo", erste Staffel ab 12. Dezember auf www.netflix.com



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
jomaschi 11.12.2014
1. wenig hilfreich
Das ist eher eine Inhaltsangabe als eine Rezension. Jetzt weiß ich,um was es geht,aber nicht,ob es sich lohnt, die Serie zu schauen.
krassmann 11.12.2014
2.
Oh ich bin so müde von diesen Szenen mit überzogener Gewalt. Was bringt es dem Narrativ? Rein gar nichts. Vor 20 Jahren konnte Tarantino damit noch beeindrucken. Stylische Gangster und viel Blut. Aber das hat sich für mich abgenutzt. Für mich bitte die USK 12 Fassung.
Nepheron 11.12.2014
3.
Die Zeiten, in denen man für ein falsches Wort den Schädel zertrümmert bekommt, sind noch nicht vorbei, lieber Autor.
silverhair 11.12.2014
4.
Mhh, Gräueltaten , Gewalt, Sex .. na ja das war diese Welt - sie war nicht "friedlich" - Menschen Rechte? Was sollte das damals sein.. Der Begriff "Ich" war nur den Herrschern erlaubt, Frauen, Sklaven, Leibeigene, Kinder hatten keine Rechte ..sie waren bestenfalls Ware und Dienstbare Geister , und wer nicht gerade Fürst war, der sollte vermieden haben das Wort "Mein .. Ich .. Ich möchte nicht " zu äussern, man hätte eine Minute später keinen Kopf gehabt! Von den Griechen an war die Welt "normal grausam" und wo Krieg geführt wurde - das floss das Blut in Strömen, so hoch das man kniehoch durch das Blut in den Städten watete .. ! Und Sex .. klar gabs den .. richigen wohl noch *smile* - das hat man ja irgendwo in der Heutigen Welt vergessen das es sowas gibt .. und das sogar der Autor dieses Artikels desselbem entstammt, und das diese künstlich erschaffene Welt des Sex die wir heute erleben keineswegs mehr dem Sinn entspricht, den diese Evolutionäre Fehlkonstruktion der Kultur stirbt zwangsläufig immer schneller aus!
brandtner 11.12.2014
5.
"[...] das Frauenbild, das "Marco Polo" vermittelt, scheint einer archaischen Männerfantasie entsprungen zu sein." xD ... Genial! Wir sind in der Serie in einer archaischen Zeit, in der ein Khan sich X Frauen geschnappt hat!? Echt? Boah, krass ey, keine Gleichberechtigung und null Femen! Skandalistisch! Auch ich werfe dem Khan vor, eine total archaisches Männerfantasie zu haben! Gab es denn da keine Khani(ch)en?
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