Netflix-Serie "Ozark" Wenn Daddy schmutzige Geschäfte macht

Jason Bateman und Laura Linney wandeln in der neuen Netflix-Serie "Ozark" mit versteinerten Mienen durch eine mausetote Ehe. Hinter der bürgerlichen Fassade wartet das Drama - "Breaking Bad" am Stausee.

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Verzweiflung. Die Schichten des Chaos, durch die sich der Anlageberater Marty Byrde (Jason Bateman) wühlen muss, sind mit tiefster, schwärzester Verzweiflung verklebt. In seinem Chicagoer Büro schaut er sich, während ihm Klienten gegenüber sitzen, einen Porno an, der viel mehr ist als nur das: Die Hauptrolle spielen seine Frau Wendy (Laura Linney) und ihr Liebhaber.

Sein Geschäftspartner Bruce will ihm neue Firmenräume aufschwatzen und einen neuen Lebensstil. Beim Abendessen diskutieren Marty und Wendy mit ihren beiden Kindern im Teenageralter über den Tag, so langweilig und inhaltsleer wie je, scheinbar. Aber die Eltern verschwinden alsbald jeder hinter seinem eigenen Bildschirm - und gehen getrennt zu Bett. In der Nacht sterben Bruce, seine Verlobte und zwei Handlager durch Kugeln der mexikanischen Drogenmafia, die von den Finanzexperten seit Jahren ihr schmutziges Geld waschen lässt. Dumm nur, dass bei diesen Waschgängen ein paar Millionen Dollar verschwunden sind.

Anders als einst bei Walter White, der in "Breaking Bad" sein finsteres Reich nach und nach eigenständig erschuf, tastet sich die neue Netflix-Serie "Ozark" von Bill Dubuque und Mark Williams ("The Accountant" ) nach und nach vor in die Hölle, die längst nicht nur unter der Fassade der bürgerlichen Familie Byrde in Chicago liegt. Auch in der Provinz, in Miller County im tiefsten Missouri, existieren Traditionen, die erschauern lassen.

Ein Händler durch und durch

Ausgerechnet hierher führt die Flucht der Byrdes. Marty dreht Del, dem Abgesandten des Kartells, eine Investitionsmöglichkeit an: Zum Erholungsgebiet um das Stauseeareal Lake of the Ozarks strömen die Touristen heute schon, bei ausbaufähiger Infrastruktur, mit jeder Menge Barem in der Tasche. Und das Beste: Weit und breit nur ein paar Provinzbullen. Mit dem richtigen Händchen, so Marty, ließe sich das Vielfache von dem Geld, das Bruce heimlich beiseite geschafft hat, dort reinwaschen. Del gibt Marty 48 Stunden Zeit, das verlorene Geld wiederzubesorgen - und noch einmal 48, um Chicago Richtung Missouri zu verlassen.

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Netflix-Serie "Ozark": Familienhorror im Ferienidyll

Jason Bateman ("Arrested Development"), der bei vier Folgen der ersten Staffel auch Regie geführt hat, setzt nach den ersten Momenten der Todesangst sein "Gameface" auf: unbewegt noch in der größten Erschöpfung und furchtbarsten Not. Sein Marty ist ein Händler durch und durch, ein um den Preis seines Lebens ständig alerter Pragmatiker. Und ein Verheimlicher, denn immerhin wissen weder die 15-jährige Charlotte noch ihr kleiner Bruder Jonah von der Nebentätigkeit ihres Vaters. Bateman gehören die Szenen beinahe allein, in denen er mit aufgerissenen Augen, eindringlich und dennoch ruhig und gedankenklar, seine Gesprächspartner mit Argumenten für die ausweglose Notwendigkeit bombardiert, Martys Vorschlag zu folgen.

Während sich rund um den Ozark-Stausee allmählich ein beachtliches Netz aus einheimischer Kriminalität entfaltet, in dem Marty sich zu verheddern droht; während seine Kinder mal lauter, mal leiser rebellieren und sich das FBI an seine Fersen heftet, droht gleichwohl die enorme Intensität der ersten beiden Folgen zu zerfasern. Aus einem eindringlichen Hämmern des Soundtracks, der alle Instrumente auf der Tonspur zu bedrohlichen Schlaginstrumenten machte, werden Rock, Pop, Hip-Hop aus der Jukebox. Die bedrückende "windy city" Chicago mit ihren Glastürmen und ihrem bisweilen übertrieben gesetzten Blaufilter öffnet sich zu Panorama-Totalen des Sees, in denen freilich immer noch die Drohung erscheint: Die Fische sind hungrig hier, und der Beton ist schwer.

Als Provinzkrimi wie auch als Geschichte einer familiären Zerreißprobe, balanciert "Ozark" das Außen und das Innen, den Drive von Mord und Totschlag und deren Nachhall im Zwischenmenschlichen stilsicher aus. Gleichwohl droht sich mit dem hastigen Umzug der Byrdes bald die größte Stärke der Serie zu verflüchtigen: Anstelle des fiesen Witzes von "Fargo" und der surrealen Halluzinationen von "Twin Peaks" schmettert sie anfangs geradezu nieder mit der Sezierung eines toten Berufs- und Familienalltags, wo Gleichgültigkeit lähmt, immer wieder urplötzlich in Hass umschlägt und jede Hoffnung nur die auf einen hinausgeschobenen Tod sein kann.

Nie mehr Pistazieneis

Entsprechend laut hallen die frühen Momente der Stille nach. Ob Marty einen langen und kraftraubenden Scheidungskrieg wolle oder eine rasche Lösung des "Wendy-Problems" bevorzuge, fragt Del, nachdem er Wendys Lover vom Balkon geworfen hat. Martys Zögern erzählt mehr über die unrettbare Verlorenheit dieser Familie als alle Worte davor oder danach. Bald erkundigt sich Marty bei einem zwielichtigen Privatdetektiv danach, wie kritisch Lebensversicherungen Selbstmordfälle prüften. Wieder Warten, dann ein paar Worte, wissend gewählt, unendlich behutsam gesetzt: "Ich kann Ihnen keine Zahlen nennen."

Laura Linney, dreifach Oscar-nominiert in ihrer Kinokarriere, gönnt Wendy die wenigen Ausbrüche, nach denen jede Seele in dieser Finsternis schreien müsste. Ein armer Supermarkt-Angestellter bekommt ihren Zorn über das fehlende Bio-Pistazieneis ab, das sein Kollege ihr versprochen hatte. Doch natürlich ist der Zorn in Wahrheit Trauer: Trauer über den Verlust der Urbanität, den Verlust der Freiheit, Trauer darüber, dass Bio-Pistazieneis kein Grund mehr sein darf für einen Wutausbruch. Schuldig an manchem, unschuldig an vielem, ist sie das Spiegelbild ihres Ehegatten, mit dem sie sich auf ein Zweckbündnis geeinigt hat. Anders als bei ihm ist Linneys Versteinerung, die ihrem Aufruhr Platz macht, kein "Gameface", sondern lässt vorausahnen, dass dieses Leben, hier, mit diesem Mann, auf der Flucht vor diesen Menschen, kaum mehr sein kann als ein schleichender Tod.


"Ozark": Die komplette erste Staffel ab 21. Juli bei Netflix



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twistie-at 21.07.2017
1. Deprimierend für so manchen Angestellten
Die Pistazieneisszene lässt mich deprimiert zurück - es gibt so viele Menschen, die ihre eigene Misere, egal ob selbstverschuldet oder nicht, als Grund dafür nehmen, es an anderen auszulassen und das beginnt auch bei Tobsuchtsanfällen in Supermärkten und Co. So wie in "Falling Down" - egal wie sehr man nachvollziehen kann, wie der Herr austickt und warum, so bleibt doch der Fakt, dass Unschuldige auf der Strecke bleiben. Wie auch in diversen Serien, wenn dann irgendjemand seinen Rappel bekommt und wildfremde Leute anschreit weil diese vielleicht keinen Burger mehr haben oder der Kaffee gerade aus ist bzw. etwas länger dauert und daraus dann eine Tirade darüber wird, wie schlecht es ihnen geht und wie der Partner sie oder ihn nicht mehr beachtet und sie oder er darunter leidet usw. Ja, sorry, aber dann redet mit denen, ändert was, auch wenn das viel Arbeit oder ggf. Trennung bedeutet oder beides. Aber in dem "Zweckbündnis" zu bleiben und das an anderen auszulassen ist schon deprimierend. Mir tun jedenfalls die angeschrieenen Angestellten etc. leid, die nichts dafür können, dass seit vier Monaten kein Sex mehr stattfindet oder der Partner den Hochzeitstag vergessen hat.
alienata 22.07.2017
2. besser als 'breaking bad' und ein neuer hoehepunkt von netflix
Tim Slagman's beitrag ist im besten falle 'duenne luft' zu einer serie, die hochaktuell zu den themen beziehung, familie, rollen-verteilung, raubtier-kapitalismus und staatlich institutionelles versagen beitraegt und miteinander in beziehung setzt. schauspieler und charaktere zeigen von folge zu folge eine entwicklung und vertiefung, die seinesgleichen sucht; und dies nicht nur bei den sogenannten haupt-darstellern, sondern bis in die ( bisher kleinen) nebenrollen des behinderten jugendlichen und/oder des aelteren 'mit'bewohners. ozark ist ein neuer hoehepunkt eines eigenen, ausgesprochen vielversprechenden genre der gestreamten tv-serie, die die allermeisten kino-produktionen alt und altbacken aussehen laesst.
rekursivesakronym 22.07.2017
3. Konstruiert und hölzern
Schade, hätte mir einen kongenialen Nachfolger für Breaking Bad gewünscht. Letztlich war es vorab schon klar, dass es ein Nachfolger schwer haben würde. Aber Ozark habe ich nach zwei Folgen beendet, so viel zu ersten Staffel. Mein Fazit: Konstruiert, hölzern, zeitlich mitunter nicht stringent. Überall merkbar bleibt der Versuch, einen Walter White Nachfolger zu etablieren. Die Schauspieler haben in anderen Produktionen ihre Qualität unter Beweis gestellt, hier leider nicht. Schade, die Idee hätte sicher viel Potential gehabt.
daniel.22549 26.07.2017
4.
Zitat von rekursivesakronymSchade, hätte mir einen kongenialen Nachfolger für Breaking Bad gewünscht. Letztlich war es vorab schon klar, dass es ein Nachfolger schwer haben würde. Aber Ozark habe ich nach zwei Folgen beendet, so viel zu ersten Staffel. Mein Fazit: Konstruiert, hölzern, zeitlich mitunter nicht stringent. Überall merkbar bleibt der Versuch, einen Walter White Nachfolger zu etablieren. Die Schauspieler haben in anderen Produktionen ihre Qualität unter Beweis gestellt, hier leider nicht. Schade, die Idee hätte sicher viel Potential gehabt.
Schade das die Serie Sie nicht überzeugen konnte, aber genau die Serie habe ich gesucht und gefunden um den passenden Nachfolger mit dem ähnlich aufgebauten Stil der Breaking Bad Serie gerecht zu werden. Mit intelligenten und ironischen Dialogen, heranwachsenden Spannungen und Überraschungen zu jedem Schluss jeder bis Dato 6. Folge hat Ozark mich sehr gefesselt. Mit jeder Folge an Spannung wachsend bin ich tief gefesselt.
divo1969 11.08.2017
5. Absolut Genial
Keine Ahnung warum hier eine Verbindung mit Breaking Bad hergestellt wird-nun denn. Ich würde eher Parallelen mit Fargo (der Film-wobei die Serie auch sehr gut ist) oder Bosch (erste Staffel) sehen, ist aber nur meine Meinung. Wie hier mit-den eigenen-Emotionen, Vorurteilen, Wünschen und Gefühlen "gespielt" wird ist beispiellos. Die erste und letzte Folge einer Staffel sind ja immer herausragend, jedoch diesmal ist die letzte Folge extrem. Die Minuten 73 bis 74 haben mich von "auf keinen Fall, so etwas passiert in Serien nicht, über schei... bitte, bitte nein", bis zu-ja-freudigen glücklichen Tränen berührt. Generell waren die letzten 30 Minuten der finalen Folge ein einziger, nicht enden wollender, Cliffhanger. Welcher Spielfilm kann da mithalten? Ich freue mich jetzt schon auf Staffel 2.
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