Netflix-Serie "The Get Down" Fernsehen in Flammen

In der Netflix-Serie "The Get Down" erzählt Bombast-Regisseur Baz Luhrmann vom New York der Siebziger und den Anfängen des Hip-Hops. Die Show selbst könnte das Ende einer Ära im Fernsehen markieren.

The Get Down

Es kommt vor allem auf die richtigen Schuhe an: Von A.J. Lester's müssen sie sein und am besten noch maßgeschneidert, erklärt der junge DJ Shaolin Fantastic. Shaolin ist fiktiv, aber als eine der Hauptpersonen der Netflix-Serie "The Get Down" steht er repräsentativ für viele schwarze Jugendliche, die mit Musik aus der brennenden Bronx Ende der Siebzigerjahre entkommen oder wenigstens kurz die Ruinen und Armut um sie herum vergessen wollen.

A.J. Lester's hingegen war ein realer Laden in der 125th Street, der zum Mekka aller Mode-Liebhaber wurde, aus Harlem und anderswo. Vielleicht 5000 Leute, so Hip-Hop-Historiker und Berater der Serie Nelson George, wissen mit diesem Namen etwas anzufangen, aber "The Get Down" lebt von solchen Details. Das Gemisch aus Musikdrama, Großstadtromanze, Tanztragödie und noch zehn anderen Genres mehr will das alte dreckige New York wieder auferstehen lassen, den großen historischen Rundumschlag schaffen und zwischendurch noch so viele Namen von Clubs, Gangs und eben Bekleidungsgeschäften wie möglichen fallen lassen.

Dompteur dieses Zirkus ist Baz Luhrmann, der vermutlich auch die Unterzeichnung des westfälischen Friedens als Rave inszenieren würde. Bekannt wurde er mit "Romeo + Juliet", das aus der Shakespeare-Tragödie einen MTV-Clip machte. "The Get Down" ist im Kern eine Art Remake. Der junge Zeke (Justice Smith, der trotz Afro und Statur der Sohn von Charles Barkley sein könnte) ist in Mylene verliebt und sie auch irgendwie in ihn. Zusammen kommen die beiden schwer, denn Mylene singt in der Kirche ihres strengen Vaters, träumt aber von einer Karriere als Disco-Sängerin nach Art von Donna Summer und Candi Staton. Darstellerin Herizen F. Guardioalo übernimmt die Gesangsparts selbst, mit großem Talent und vielleicht einer Koloratur zu viel. Währenddessen wird Zeke in eine neumodische Musikkultur mit dem Namen "Hip-Hop" eingeführt und entdeckt sein Talent als MC.

Disco ist tot - es lebe der Rap

Anhand dieser Liebesgeschichte erzählt "The Get Down" eine Geschichte über den Tod von Disco und die Geburt von Rap, über ein New York am Abgrund, über Großstadtpolitik, über Kreativität, Freundschaft und Liebe. Früher hätte nur das Kino eine ausreichend große Leinwand für so ein Sittengemälde geboten, heute ist es das Fernsehen, genauer: die fortlaufende Drama-Serie mit nicht weniger als sechs Hauptfiguren und sechs Mal so vielen Handlungssträngen.

Dabei ist Luhrmann kein Regisseur, der mit den vermeintlichen Stärken dieses Formats - langsame Figurenentwicklung, Einfühlen in eine Umgebung und in eine Handlung - viel anfangen kann. Dementsprechend hektisch und überladen ist die Serie vor allem in der ersten der sechs Folgen, die Netflix jetzt verfügbar gemacht hat. Allein schon diese erste Hälfte der ersten Staffel zu zeigen, war ein großer Kampf. Die Serie hat 120 Millionen Dollar gekostet und einen ganzen Autorenstab und mehrere Produzenten verschlissen, bevor sich Luhrmann gezwungen sah, selbst als Showrunner die kreative Gestaltung der Serie im Großen und im Kleinen zu verantworten. Dabei war er für TV-Verhältnisse wohl zu akribisch und langsam - dass eine halbierte Staffel veröffentlicht wird, ist der Unruhe der Netflix-Bosse geschuldet, endlich überhaupt etwas von der teuersten von ihnen produzierten Serie zeigen zu können.

Mamoudou Athie (links) und Shameik Moore "The Get Down"
The Get Down

Mamoudou Athie (links) und Shameik Moore "The Get Down"

Kulturell passt "The Get Down" genau in die Zeit. Das New York der Siebziger ist gerade beliebter Gegenstand von Dokumentationen, Fernsehserien und Filmen. Im vergangenen Jahr wurde "City on Fire" von Garth Risk Hallberg etwas voreilig zum literarischen Ereignis der Saison erklärt. Der Roman, ein ähnlich zügelloses Projekt wie "The Get Down", will mit einer Dickens-haften Geschichte über einen Mord ein noch größeres Gesellschaftsporträt als die Netflix-Serie entwerfen. So wird von Hallberg in der Nacht des großen Stromausfalls im Juli 1977 (auch Rahmen der besten Folge der Serie) ein narratives Band gespannt zwischen Punk von der Straße und dem Multi-Banker im goldenen Hochhaus. Für den Roman erhielt Hallberg einen der höchsten Vorschüsse in der Geschichte des amerikanischen Verlagswesens. Die Kritiken waren freundlich, die Verkäufe allerdings enttäuschend.

Die Bronx als Kriegszone

Im Unterbewusstsein Amerikas ist das New York der Siebziger eh stets präsent, als Asphalthölle und urbaner Müllkippe. Dieser Mythos begann schon in den Siebzigern, als Polizisten an Touristen und Einwohner Broschüren verteilten, in denen ihnen geraten wurde, auf keinen Fall die U-Bahn zu nehmen, Midtown Manhattan nicht zu verlassen und am besten nach sechs Uhr abends gar nicht mehr auf die Straße zu gehen. Ganz so gefährlich war die "Fear City" nicht, die Broschüre war eine Trotzreaktion der Polizeigewerkschaften auf angekündigte Entlassungen durch die Stadt.

Es waren genau diese Kämpfe zwischen Gewerkschaften, Stadtverwaltung, Interessengruppen und den nicht sehr weitsichtigen Bürgermeistern John Lindsay und schließlich Abraham Beame, die New York an den Rand des Ruins und darüber hinaus brachten. Natürlich spürten das vor allem die Teile, in der die ärmere und nicht-weiße Bevölkerung lebte. So wurde die Bronx, eh schon durch ein rücksichtsloses Bauprojekt von Stadtplaner Robert Moses in den frühen Sechzigern angeknockt, zur Kriegszone - Ganggewalt und zahllose Häuserbrände (verursacht teils durch Brandstiftung, teils durch Abbau der Feuerwehr) gaben New Yorks prekärstem Stadtbezirk den Rest. In diesem Spannungsfeld entstand Hip-Hop.

Diesen Moment erzählt "The Get Down" nicht nur als mythische Geburt einer Bewegung - auch Sprayer und Breaker bekommen genügend Platz - sondern auch als Superheldengeschichte. Die "Get Down Brothers" (in Anlehnung an die Ghetto Brothers, deren Anführer in den frühen Siebzigern ein gar nicht schlechtes Soul-Rock-Album aufnahmen) sind wie Kungfu-Rap-Superhelden - und vor allem nicht nur schwarz, sondern auch puerto-ricanisch, ein Aspekt der Hip-Hop-Geschichte, der oft unter den Tisch fällt. DJ der Crew ist der mysteriöse DJ Shaolin Fantastic, gespielt von Shameik Moore, der bereits die Hauptrolle im ähnlich geschichtsbewussten Kinofilm "Dope" spielte.

Luhrmann inszeniert eine "South Bronx Story"

Auf historische Akkuratesse achteten neben Nelson George auch Legenden wie Grandmaster Caz, DJ Kool Herc und Grandmaster Flash, der auch als zentrale Figur auftaucht. Trotzdem ist die lustvoll melodramatische Serie eher ein spätes Sequel zu den frühen, ebenfalls zwischen Großstadt-Grit und verklärendem Partyglamour schwankenden Hip-Hop-Filmen wie "Beat Street" als ein "Straight Outta Compton" an der Ostküste. (Der Fernsehfilm "The Breaks", der zehn Jahre später spielt und den Moment zwischen Underground und Big Business einfängt, ist diesem Ideal schon näher.) Wenn Mylene traurig singend auf dem Balkon in den Nachthimmel starrt oder - Achtung, Spoiler! - am Ende die Liebenden über der Dächer der Stadt vereint sind, dann ist eh klar, dass die Serie auch "South Bronx Story" heißen könnte.

Herizen F. Guardioalo in "The Get Down"
The Get Down

Herizen F. Guardioalo in "The Get Down"

Das politische Geschehen in der Stadt kann "The Get Down" trotz seiner Ambitionen nur andeuten: Beames Nachfolger Ed Koch ist eine Nebenfigur. Der vom tollen Jimmy Smits gespielte Papa Fuerte ist einerseits nobler community organizer, andererseits auch skrupelloser Nutznießer des Chaos' und steht so repräsentiv für die Widersprüche von Großstadtpolitik. Der finanzielle Kollaps der Stadt, so Ken Auletta in seinem Sachbuch "And The Streets Were Paved With Gold", war ein Albtraum nicht für New York selbst, sondern vor allem für die liberals, weil ihre normale Lösung - mehr Infrastruktur und Verwaltung durch mehr Geld, mehr Geld durch mehr Steuern - die Krise überhaupt erst verursacht hatte.

Viele große Unternehmen wechselten aus Steuergründen den Standort und nahmen die Arbeitsplätze mit, der bürokratische Apparat erlahmte völlig. Nach dem tausendsten Buchhaltertrick musste sich die Stadt eingestehen, dass sie pleite war. Die simple Botschaft, dass Geld nicht immer mehr Geld erzeugt, könnte eine Warnung sein - nicht für Stadtverwalter, sondern für Fernsehchefs.

Das letzte Hurra der Monokultur

Gerade befinden wir uns im historischen Moment des Peak TV. Noch nie gab es so viel Fernsehserien - mehr als 400 nach Zählung der US-Kulturseite "Vulture", die sich dem Phänomen in einem umfassenden Artikel angenommen hat. Fernsehserien sind das letzte Hurra des Traums der Monokultur, der gemeinsamen Referenzpunkte. Finanziell steht dieses Konstrukt auf äußerst tönernen Füßen: Ein Aktiensinkflug oder eine Handvoll richtig großer Flops, und das ganze System stürzt ein.

Währenddessen zeigt sich auch kreative Erschöpfung - der renommierte Fernseh- und Filmkritiker Matt Zoller Seitz hat gerade eine Krise des Genres drama ausgemacht. Zu viele Geschichten wurden bereits erzählt oder drehen sich um einen pseudo-komplexen "difficult man", und die tatsächlich neuen Stories werden zu routiniert heruntergerasselt oder in Korsetts gepresst, obwohl Fernsehen doch eigentlich mehr Freiheit verspricht. Auch große Namen und viel Geld können von dieser Ermüdung kaum noch ablenken

All das beschreibt die andere große Serie der Saison über das musikalische New York der Siebziger, die 100-Millionen-Dollar Produktion "Vinyl" auf HBO. Das Drama über einen koksenden und suchenden Plattenboss war, trotz Martin Scorsese und Mick Jagger als Produzenten, ganz fürchterlich gefloppt, kreativ und vor allem finanziell. "The Get Down" ist im Vergleich lebendiger, aber auch noch gigantomanischer. So wie Francis Ford Coppola über "Apocalypse Now" sagte, dass sein Film selbst Vietnam sei, ist "The Get Down" so ein bisschen wie das New York des Sommers 1977, in dem die Serie spielt: überhitzt, ängstlich und in Flammen.

Damals scherte es den Rest der USA kaum, dass New York brannte, gewisse Kräfte in der Regierung wollten die Stadt sogar aktiv scheitern sehen. Heute geht es der Stadt relativ gut - gut genug, dass die Anwohner nach sechs das Haus verlassen können - während das Land selbst brennt. Der Wahlkampf wird von einer ehemaligen Senatorin des Bundesstaates New York und einem NYC-Immobilienmagnaten geführt, der das Chaos in der Stadt nutzte, um sich zum big player zu stilisieren. Die Konflikte, die das Land beschäftigt, wurden immer zuerst in New York ausgetragen. Vielleicht ist die stetige Geisterbeschwörung in Wahrheit ein Exorzismus.

Luhrmann interessiert das nicht, und dass er mit dieser Geschichte eines taumelnden Gigantens vielleicht auch die Zukunft des Serienbooms beschreibt, erst recht nicht. Hauptsache, die Schuhe sind von A.J. Lester's. Und wenn sie da zu teuer sind, geht man zu Dapper Dan, einfach die Straße runter. Der hat sie zum halben Preis.



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steppenrocker 20.08.2016
1. Empfehlung
Wer einen guten Überblick über das New York dieser Zeit haben möchte - sowohl musikalisch als auch politisch - dem empfehle ich Will Hermes' "Love goes to Buildings on Fire". Es geht um New York zwischen 1973 und 78, ein sehr detaillierter Blick wird auf Disco und aufkommenden HipHop geworfen, auf die Loft Szene (freier Jazz) und die Punkszene um das CBGBs. Aber auch eher unterrepräsentierte Genres wie Salsa und die neue klassische Musik um Steve Reich und Philip Glass werden gewürdigt. Interessant ist dabei, wie diese Genre miteinander verknüpft sind. Leider (noch) nur auf Englisch, aber nicht sonderlich schwierig zu lesen.
Jott 20.08.2016
2. Eher als...
... den damals schon sehr verkommerzialisierten Film "Beat Street" sollte man sich -quasi als Ergänzung u D Vorbereitung- Charlie Ahearns Rap-Klassiker "Wild Style" ansehen... "The Get Down" ist ein fantastisches, farbenfrohes und überwältigendes Stück Fernsehen geworden. Wer mit Luhrmanns Filmen etwas anfangen kann, wird nicht enttäuscht sein. Und wer, wie ich, ein wenig von der damaligen Zeit in NY mitbekommen hat, kann nur begeistert sein...
blitzunddonner 20.08.2016
3. gleichzeitig aber entwickeln einige serienformate, die die qualität von kinofilmen übertreffen.
gleichzeitig aber entwickeln einige serienformate, die die qualität von kinofilmen übertreffen. "the bridge" istfür mich so ein beispiel. eine miniserie an der grenze zwischen usa und mexico. andere miniserien auf ähnlichem level kommen aus island, norwegen und dänemark. während die kinohits zu produktionsschlachten bei effekten und werbeetats verkommen, internationalisiert sich die regiequalität - auf kosten von hollywood. einen zwispalt zwischen tv- und internetausstrahlung anzunehmen, halte ich für unzulässig. das sind nur transport- und zahlungsmodalitäten, die sich da unterscheiden. der zuschauer behält dabei seine serienaffinität. bleibt dem treu, was ihm gefällt. schaut, wo er identifikationsmuster vorfinden kann, damit sich ein wiedereinschalten lohnt und vorfreude verspürt.
monocultur 24.08.2016
4. Gern mehr davon...
...so bunt wie Hip Hop gerade in der Anfangszeit war, so empfinde ich diese Serie. Ich war vom ersten Moment an ge"flash"t! Mehr davon!
MartinS. 24.08.2016
5. ...
Zitat von blitzunddonnergleichzeitig aber entwickeln einige serienformate, die die qualität von kinofilmen übertreffen. "the bridge" istfür mich so ein beispiel. eine miniserie an der grenze zwischen usa und mexico. andere miniserien auf ähnlichem level kommen aus island, norwegen und dänemark. während die kinohits zu produktionsschlachten bei effekten und werbeetats verkommen, internationalisiert sich die regiequalität - auf kosten von hollywood. einen zwispalt zwischen tv- und internetausstrahlung anzunehmen, halte ich für unzulässig. das sind nur transport- und zahlungsmodalitäten, die sich da unterscheiden. der zuschauer behält dabei seine serienaffinität. bleibt dem treu, was ihm gefällt. schaut, wo er identifikationsmuster vorfinden kann, damit sich ein wiedereinschalten lohnt und vorfreude verspürt.
Aber es ist durchaus absehbar, dass auch bei dem immensen Anstieg des Serienformats ein Umbruch bevorsteht. Es werden viel zu viele Serien produziert, als dass tatsächlich alle auch eine ausreichende Anzahl von konstanten Zuschauern bekommen könnten. Noch dazu wird viel zu viel Geld investiert.... der Niedergang wird schlagartig kommen und sich drastisch auswirken. Wenn mehrere solcher Großprojekte floppen (zu wenig Zuschauer bedeutet, dass man generell weniger Geld für die Ausstrahlungsrechte bezahlen wird, oder bei Eigenproduktionen eben dass man durch Abonnenten oder Werbeslots zu wenig einnimmt), dann wird es einen schmerzhaften Einbruch auf das ganze Format der großen Serienproduktionen geben. Für 400 (!) groß angelegte und teure Serienproduktionen ist schlichtweg der Markt nicht groß genug. Vieles wird austauschbar und verliert an Reiz... was funktioniert, wird geritten, bis der Gaul wortwörtlich tot umfällt... irgendwann ist halt jeder Charakter ausgelutscht und jede Story erzählt. Und dann muss man realisieren, dass man eigentlich schon seit zwei Jahren nur noch einen (mittlerweile) langweiligen Dauerläufer am Leben gehalten hat. Meiner Meinung nach lassen sich vielleicht 50-80 Serien ganz gut platzieren... alles andere ist Überangebot und schadet eher dem Gesamtmarkt, als dass man noch eine reelle Chance hat, sich damit ein Stück vom Kuchen abzuschneiden.
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