Familienmodelle in der ARD Eine Frau, zwei Männer, viele, viele Kinder

Vielleicht war 68 doch eine gute Idee: Der hintersinnige und hingebungsvolle ARD-Zweiteiler "Neu in unserer Familie" liefert jungen Spießern Argumente, sich bei der Familienplanung lockerzumachen.

ARD Degeto/ Christiane Pausch

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Dieser Film fühlt sich an, als wäre plötzlich wieder 1968. Alles drin: freie Liebe in der Küche, ausufernde Jam-Sessions im Wohnzimmer. Nächtelange Diskussionen im Hausflur, Badezimmer voll mit Menschen wie Bahnhofswartesäle. Erwachsene, die träumen, trinken und vögeln, Kinder, die am Morgen danach den Müll einsammeln.

Dabei sind die Helden von "Neu in unserer Familie" keine verantwortungslosen Späthippies, sondern sehr heutige, sehr besonnene Charaktere. Akustiker Jonas Balzer (Benno Fürmann) und BWLerin Marit Jansen (Maja Schöne) suchen für das Leben mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern den Mittelweg zwischen Vernunft und Fun. Work-Life-Balance, penibel austariert. Aber auf einmal bricht in ihr feines Arrangement das Leben in Form unkalkulierbarer Affären herein.

Das ist das Tolle an diesem wütenden und zärtlichen, diesem klugen und hingebungsvollen Film: dass ausgerechnet die Generation der Selbstoptimierer in einen Strudel der Gefühle gerät, der alle Gewissheiten auf den Kopf stellt, ohne dass am Ende die Liebe verraten wird. Irgendwann leben hier zwei Familien in einer relativ fluiden Reihenhaus-Konstellation zusammen. 68 revisited. Patchwork radikal.

Die Familie als Rockband

So ein Beziehungshappening hätte man am Anfang des Films nicht erwartet: Gerade hat Jonas seinen Laden in Köln verkauft, um mehr Zeit für die Familie zu haben; nach dem Umzug nach Berlin übernimmt Marit einen Job bei den Verkehrsbetrieben. Eine moderne Familie, die ihr neues Eigenheim im Retrolook einrichtet und mit Instrumenten vollstellt. Denn schließlich hat Vater Jonas endlich Zeit, um mit den Kindern Musik zu machen. Tochter, Sohn, Mutter, Vater, das sind hier Schlagzeug, Bass, Klavier und Gitarre. Die Familie als Rockband.

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ARD-Zweiteiler: Patchwork XXL

Dann wird diese Rockband gekapert: Christian (Henning Baum), langhaariger Death- Metal-Gitarrist, baumhoher Radikalromantiker und ebenfalls Vater zweier halbwüchsiger Kinder, erscheint auf der Bildfläche. Eigentlich sollte er nur Jonas' Tochter in die Girlgroup seiner beiden Töchter einführen. Doch Christian widmet sich gleich auch noch Jonas' Frau Marit, die ihm auf dem Klavier vorspielt und nach ein paar Gläsern Wein für ihn auf dem Familiensofa dahinfließt. Eine hinreißende Szene. Ehebruch kann keine Sünde sein, wenn er so musikalisch inszeniert ist.

Zumal sich Ehemann Jonas nicht beschweren darf. Schließlich hatte er vorgeschlagen, es eine Zeitlang mal mit einer "offenen Beziehung" zu probieren; in der alten Heimat Köln hat er auch schon eine Wochenendbeziehung laufen. Christian aber, die neue Nicht-nur-Wochenendbeziehung seiner Frau, erscheint präsenter und potenter in der geöffneten Lebensgemeinschaft. Wie sich herausstellt, ist Marit von ihm schwanger. Jeder möchte das Kind, keiner seine Liebe aufgeben, geht das zusammen?

Ja, könnte klappen. So lautet die überraschend optimistische Prognose dieses Patchworkpanoramas. Regisseur Stefan Krohmer und Autor Daniel Nocke sind Meister im Ausloten gruppendynamischer und generativer Prozesse. In ihrem Dutschke-Dokudrama aus dem Jahr 2009, das sowohl von links als auch rechts kritisch beäugt wurde, zeigten sie den Revoluzzer als Familienvater. Für "Sie haben Knut" begleiteten sie eine Clique Politaktivisten Mitte 20 auf eine Skihütte und stellten im Schnee ihre hohen Ideale und Lieben auf den Prüfstand. Diese Ideale und Lieben waren dann in dem Midlife-Crisis-Drama "Mitte 30" schon dahingeschmolzen; man sah Spießer, die sich zwischen erster großer Kohle und zweiter Ehe in Grund und Boden optimierten.

Ein fast utopischer Lebensentwurf

Bei ihren neuen Helden - nun Mitte 40 - sind Krohmer und Nocke freundlicher. Fast utopisch wirkt der Lebensentwurf in "Neu in unserer Familie", so als würden die Figuren ernst machen mit dem, was die Elterngeneration der 68er einst in Revoluzzerspiellaune verbockt hat: freies Zusammenleben, Liebe ohne Besitzanspruch. Damals wurden herkömmliche Familienkonzepte als Konstrukte der Herrschaft verdammt, aber die ideologisch verbrämten alternativen Formen des Zusammenlebens stellten sich als unbrauchbar heraus. Dogma erschlägt Liebe.

Der ARD-Zweiteiler wirkt nun wie ein Praxistest der gesellschaftlichen Modelle von einst. Über drei Stunden wird gezeigt, wie Verantwortung, Zugehörigkeit und Nähe sich neu ordnen, wenn klassische Vater-Muter-Kind-Strukturen aufweichen. Welche Schmerzen und Egoismen es zu überwinden gilt. Welche Chancen und Möglichkeiten sich aber auch auftun. Vielleicht war 68 ja doch eine gute Idee.

Der Film ist auf jeden Fall eine ambivalente Angelegenheit. Es ist komisch mit anzuschauen, wenn die beiden Männer nach durchzechter Nacht diskutieren, wer bei der Frau schlafen darf (der, der weniger stinkt). Es ist bizarr, wenn die Kinder ihren Eltern erklären, wie sie mit ihren Sehnsüchten umgehen sollen (kalt duschen). Und es ist wahnsinnig traurig, wenn Marit nach einer Nacht beim anderen ins Reihenhaus zurückkehrt und erfährt, dass Jonas' Vater gestorben ist. Sie war nicht da, als es die Trauer zu teilen galt, auch ein Teil der alten Zugehörigkeit ist dadurch gestorben.

Und doch: Für die Kinder der 68er, für die Generation der manischen Selbstoptimierer, die so bang an ihrem Leben rumschrauben als sei es ein kaputtes altes Uhrwerk und nicht ein immer wieder aufregendes neues Abenteuer, könnte dieses fröhliche Miteinander ein Weckruf sein: Macht euch locker, lebt in der Familie, die zu euch passt. Es gibt sie in allen Formen und Größen.


"Neu in unserer Familie", Mittwoch und Freitag, jeweils 20.15 Uhr, ARD

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