Neue "DSDS"-Staffel: RTL sucht den Superdeppen

Von Peer Schader

Eine tänzelnde Friseurin, ein dürrer Scooter-Fan und der "Pipi-Kandidat" - zum Start von "Deutschland sucht den Superstar" konzentriert sich RTL auf talentfreie Akteure. Die Massen liefern sich dem Bohlen-Tribunal mit Hingabe aus. Sie begreifen nicht: Diese Show ist keine Chance, sondern eine Hinrichtung.

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Neue "DSDS"-Staffel: Wie im Zoo zur Schau gestellt
Es gibt einen letzten Funken Restvernunft in diesem Land, wenn auch in eigentümlicher Gestalt. Die Restvernunft trägt über dem grauen Rautenpullover einen Anorak in Rentnerbeige, kommt aus Berlin und hat auf diese Veranstaltung eigentlich überhaupt keine Lust - aber Mohamed ist dann doch nichts anderes übrig geblieben als seine Frau Katarina zum Casting von "Deutschland sucht den Superstar" zu fahren, weil die ihm angedroht hat: "Wenn du nicht mitkommst, schläfst du demnächst auf der Couch." Das war dann aber doch ein zu hoher Preis für das bisschen Vernunft.

Dabei hatte Mohamed nur einen Wunsch: "Wenn ich dich da hinfahre, musst du mir versprechen, mich nicht zu blamieren", bat er sie.

Wahrscheinlich ist Katarina noch gut weggekommen, weil sie so vernünftig war, vor der Jury keinen Ton rauszulassen, der in irgendeiner Weise klingeltonrelevant sein könnte. Ein Glück, dass ihr die extra fürs Vorsingen gekauften Schuhe zu eng wurden und sie irgendwann ohne die Folterinstrumente dastand. Da konnten die Leute von der Produktionsfirma den Barfußgang der molligen Probesängerin wenigstens noch mit lustigen Quietschgeräuschen unterlegen. Was man bei RTL eben so unter Humor versteht: Dicke quietschen beim Gehen. Das wäre vermutlich sogar Mario Barth zu billig.

"Ich war nur auf Klo"

Am Mittwoch startete die siebte Staffel "Deutschland sucht den Superstar", deren Auftakt seit einigen Jahren korrekterweise in "Deutschland sucht den Superdepp" umbenannt werden müsste, weil vor dem großen Live-Singen eine mehrwöchige Massenblamage ansteht. 35.000 Kandidaten haben sich dem Sender zufolge diesmal beworben und Moderator Marco Schreyl hätte sich zu Beginn beinahe an den vielen Superlativen verschluckt: "Das größte Casting in der Geschichte von 'DSDS'" mit dem "heißesten Recall", für den die Bewerber diesmal in die Karibik geschippert wurden, und natürlich die Ansage: "In diesem Jahr müssen sie so gut sein wie noch nie." Anschließend kamen aber erst jene an die Reihe, die so schlecht waren wie noch nie.

Die Friseurin, die es für eine gute Idee hielt, mit dem iPod im Ohr vorzusingen und dazu Bewegungen zu machen als wolle sie das Studio mit Schwammtechnik neu gestalten. Der spindeldürre Scooter-Fan, der seine Lieblingstechnoband mit einem Gehüpfe zu würdigen versuchte. Der 22-Jährige, der noch bei seinen Eltern wohnt und beim Singen ganz furchtbar in die Mundwinkel speichelt. Und natürlich der von RTL "Pipi-Kandidat" genannte junge Mann, der mit einem dunklen Fleck auf der Hose vor der Jury stand und beteuerte: "Ich hab mir nicht in die Hose gemacht, ich war nur auf Klo vorher."

"Abschütteln", riet ihm der Großmeister, der auch in Staffel sieben wieder Dieter Bohlen heißt und von seinem Haussender diesmal in den Himmel gehoben wurde - zumindest im Trailer für die Show, in dem Bohlen hoch oben in den Wolken schwebt und darauf wartet, dass das niedere Kandidatenvolk zu ihm empor geklettert kommt. Aber "abschütteln" ist für die meisten Bewerber gar nicht so einfach, zumindest wenn es um das Kamerateam geht, das die Leichtgläubigen dazu drängt, vor der Linse eigentümliche Tanzverrenkungen zu machen oder die eigene Haustür für den Dreh zu öffnen.

Einkalkulierte Blamage

Also sang Maler Andreas seinen Scooter nicht nur vor Bohlen, sondern auch Zuhause in Schlappen und in der Badewanne. Christian entlockten die Redakteure, dass er noch nie Sex hatte, es aber gern mal mit Jurydekoration Nina Eichinger ausprobieren würde. Anschließend ließ ihn das Team ein paar Liegestütze machen, die in der Sendung mit Stöhngeräuschen unterlegt wurden.

Wahrscheinlich stumpft man ab, wenn man sich über Jahre hinweg nicht zu schade dafür ist, Unterhaltung mit billigsten Witzen auf Kosten derer zu produzieren, die nicht kapieren, dass "DSDS" für sie kein Segen ist, nicht mal eine Chance. Sondern eine Hinrichtung. Nein, es hilft auch nicht zu sagen: Die sind doch alle selbst schuld, die wissen doch worauf sie sich einlassen. Sie ahnen es vielleicht, aber nie im Leben kämen sie auf die Idee, dass ausgerechnet ihnen so eine öffentliche Blamage blühen könnte, weil sie sonst ja auch wüssten, dass sie nicht singen können und einfach Zuhause bleiben würden.

Selbstverständlich gibt es die Spaßfraktion, die die Blamage einkalkuliert, um sich selbst zu inszenieren. Aber eben auch blasse junge Frauen und Männer mit dünnen Stimmchen, die wie im Zoo zur Schau gestellt werden. Daraus hat RTL inzwischen - mit "Das Supertalent", "Bauer sucht Frau" und "Schwiegertochter gesucht" - ein ganz einträgliches Geschäftsmodell entwickelt, dessen Höhepunkt jedes Jahr die zum Comic geratenen "DSDS"-Castings sind und bei dem Verantwortung gegenüber seinen Protagonisten keine Rolle spielt. Das Schlimmste daran ist: Man sitzt Zuhause vor dem Fernseher, weiß auch nicht weiter und wünscht sich, dass Mohamed es doch in Betracht gezogen hätte, ein paar Tage auf der Couch zu übernachten. Seine Frau ist von der Jury nicht in den Recall gelassen worden, wenn auch mit einem "netten Nein", wie Bohlen fand. Jurykollege Volker Neumüller sagte: "Aber du hast dich hier nicht blamiert. Ich finde gut, dass du es gemacht und auf gut Deutsch auf deinen Mann geschissen hast. Den Weg solltest du weitergehen."

Aber da war es schon zu spät, und anstatt Neumüllers Auf-gut-Deutsch-Rat weiter zu befolgen, hat sich Katarina lieber von ihrem draußen wartenden Gatten trösten lassen und gesagt: "Ich glaube, in Zukunft werde ich ein bisschen mehr auf meinen Mann hören." Dann sind die beiden nach Hause gefahren.

Man kann es auch mit der alten Indianer-Weisheit sagen: "Erst wenn der letzte Zuschauer die Hosen herunter gelassen hat, die letzte Sängerin zusammengefaltet wurde und der letzte Kandidat sich seine ganz persönliche Demütigung abgeholt hat, werdet ihr feststellen, dass niemand mehr da ist, der noch einschalten kann." Aber was kümmert das schon die vom Stamme RTL?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 266 Beiträge
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1. Pranger
DJ Doena 07.01.2010
Die gleichen Leute, die das gucken, haben früher auch ihre faulen Tomaten eingepackt um am Pranger was zum Werfen zu haben....
2. Scham
vöglein 07.01.2010
Ich habe mir das angesehen und ich schalte immer den Ton ab -- Es ist furchtbar aber ich empfinde einen grenzenlosen Fremdscham für die Menschen.
3. ...
OlafKoeln 07.01.2010
Zitat von sysopEine tänzelnde Friseurin, ein dürrer Scooter-Fan und der "Pipi-Kandidat" - zum Start von "Deutschland sucht den Superstar" konzentriert sich RTL auf talentfreie Akteure. Die Massen liefern sich dem Bohlen-Tribunal mit Hingabe aus. Sie begreifen nicht: Diese Show ist keine Chance, sondern eine Hinrichtung. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,670560,00.html
Dr. House ist die einzige Sendung, welche man bei RTL noch schauen kann. Alles andere ist unter aller Würde ... Glücklicherweise gibts ja noch ARD, ZDF, PHÖNIX etc. und ab und zu Pro7 oder Kabel1 für ein paar Spielfilme.
4. Einfache Suche.
Klo 07.01.2010
Zitat von sysopEine tänzelnde Friseurin, ein dürrer Scooter-Fan und der "Pipi-Kandidat" - zum Start von "Deutschland sucht den Superstar" konzentriert sich RTL auf talentfreie Akteure. Die Massen liefern sich dem Bohlen-Tribunal mit Hingabe aus. Sie begreifen nicht: Diese Show ist keine Chance, sondern eine Hinrichtung. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,670560,00.html
Wenn der Superdepp gesucht wird, dann kann die Bayerische Landesbank, der HypoReal Estate, oder ein beliebiges Parlament der Bundesrepublik Deutschland auf keinen Fall eine falsche Adresse sein. Wer es ist, sollte man dann dem Bürger überlassen.
5. Panem et circenses, circenses, circenses et circenses et panem et kühles Pils
gorxor 07.01.2010
Was ist der Zirkus schon ohne den Clown? Muss man nur Aufgrund der Selbstoffenbarungstriebe manch eines Bürgers einen medial Moral Diskurs starten? Es ist doch toll den Deppen im deppigen Privat-TV zu sehen. Herrlich, man kann einfach umschalten. Im Alltag kann man die Deppen leider nicht einfach ausblenden. Ich denke nur... Hurra wo sind die faulen Tomaten!
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