TV-Satire "Walulis sieht fern": Wenn der Pfiffikus auf Pilcher trifft

Von Arno Frank

Mit der ersten Staffel gewann er aus dem Stand den Grimme-Preis. Jetzt ist Philip Walulis mit seiner gefeierten Mediensatire "Walulis sieht fern" zurück - und nimmt es mit Soap-Operas und ZDF-Schnulzen auf. Das ist nicht so kritisch, wie er vielleicht denkt. Der Mann kann mehr.

Mediensatire "Walulis sieht fern": Missionar in Sachen Fernsehen Fotos
SWR

Als Philip Walulis 2012 für seine satirische Medienkritik im Vierteiler "Walulis sieht fern" einen Grimme-Preis einheimste, war das mehr als nur eine große Ehre für den Sender Tele 5. Es war ungefähr so, als hätte ein für Libyen antretender Athlet die Vierschanzentournee gewonnen. Statt nachts um 0.40 Uhr in der TV-Wüste startet Walulis nun zur Prime-Time um 20.15 Uhr, wenn auch nur im ARD-Digitalprogramm EinsPlus. Am Konzept des preisgekrönten Formats - Pfiffikus guckt blödes Fernsehen und äfft besonders blöde Sendungen mit seinen Kumpels nach - hat sich nichts geändert. Das ist Fluch und Segen zugleich.

"Walulis sieht fern" bezog seinen Charme aus dem Umstand, ohne das "Switch"-Budget so etwas wie "Switch" zu machen - und das auf einem Kanal, der nicht eben für kritische Respektlosigkeit gegenüber der Fernsehkultur bekannt ist. Bei EinsPlus könnte das alles streberhafter aussehen, als es gemeint ist. Anders als beim erfolgreichen Vorbild wird bei "Walulis" immer wieder auch die sogenannte "Vierte Wand" eingerissen: Die Protagonisten der nachgespielten Seifenopern oder Call-In-Sendungen erörtern gerne den Unsinn, in den sie da geraten sind.

Wohlwollend könnte man das eine "Meta-Ebene" nennen, nüchtern betrachtet ist es ein Blick hinter Kulissen, die von jedem halbwegs sehfähigen Zuschauer längst als solche erkannt worden sind. Ein "Magier" preist auf einem Homeshopping-Sender einen Kristall an, der "das Böse auf sich zieht" und damit das Leben wieder lebenswerter macht? Er "beweist" dies mit Vorher-Nachher-Bildern einer mal kummervollen, dann wieder glücklichen Dame? Walulis wittert Betrug, ermittelt das fotografierte Model, reist nach England, stöbert die Dame auf - und siehe da, sie hat noch nie von dem Quatschkristall gehört. Ein solch investigativer Ansatz könnte Walulis eines Tages auch nach Hollywood führen - wo er dann enthüllt, dass die "Muppets" in Wahrheit nur Handpuppen sind.

Was Rosamunde Pilcher nie zulassen würde

Eine gewisse Berühmtheit erlangt hat "der typische Tatort in 123 Sekunden", bei dem Walulis und sein Team sämtliche Klischees des Formats in komprimierter Form Revue passieren ließen. Nach dem gleichen Prinzip wird nun die Seifenoper mit ihren erzählerischen Mechanismen aufs Korn genommen, nachdem es eine kurze kommunikationswissenschaftliche Einführung in das traurige Genre gibt. Ja, es wird oft finster dreingeblickt. Ja, es muss immer einen Cliffhanger geben. Und ja, schon gut, die Handlung spielt immer in einem Yuppie-Café. Was damit gewonnen sein soll, wenn Laien augenzwinkernd ein Laientheater veräppeln, mag nicht recht einleuchten. Am Ende ist es keine Enthüllung, sondern nur die Verdoppelung des existierenden Blödsinns.

Apropos Blödsinn: Es gibt offenbar einen enormen Bedarf an Verfilmungen der Groschenromane von Rosamunde Pilcher. Entsprechend dankbar wäre man für einen originellen Gedanken, warum das so sein könnte. Statt dessen wird eine typische "Pilcher"-Handlung überspitzt nachgespielt, wobei das komische Potential durch die Verwendung zungenbrecherischer Namen wie, hihi, "Charlotte Tolesworth-O'Thobermory" bereits ausgeschöpft ist. Immerhin: Kurz blitzt die Möglichkeit einer schwulen Romanze auf, bevor sich einer der Helden wieder zusammenreißt. Warum? "Rosamunde Pilcher würde das nie zulassen." Das ist zwar auch keine neue Erkenntnis, aber doch schön ausgeführt.

"Fernsehen macht blöd - und unglaublich viel Spaß", lautet der Claim der Sendung und bezeichnet zugleich ihr Dilemma - bei aller Kritik bleibt sie affirmativ. Macht ja Spaß. Dabei ist Walulis ein Talent, dem die seidenen Handschuhe nicht gut stehen. Beim Münchner Studentenradio war er eine erfrischende Stimme, ehrlich und ohne Verstellung. Legendär auch sein Auftritt mit der Fake-HipHop-Gruppe "Die Stehkrägen" und dem provozierenden Reichtums-Rap "Eure Armut kotzt uns an". Walulis kann etwas, das herkömmliche "Comedians" nicht können. Man sollte ihm die Fernbedienung wegnehmen - und eine größere Bühne geben.


"Walulis sieht fern", Mittwoch, 20.15, Eins Plus

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insgesamt 3 Beiträge
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1. ältere Folgen
felixnsm 26.09.2012
Man sollte sich auch die älteren Folgen (alle auf youtube) anschauen! Meiner Meinung nach alle klasse gemacht u. auf jeden Fall eine Bereicherung der langweiligen Fehrnsehlandschaft!
2. Naja
Atomkrafteimer 26.09.2012
Zitat von sysopMit der ersten Staffel gewann er aus dem Stand den Grimme-Preis. Jetzt ist Philip Walulis mit seiner gefeierten Mediensatire "Walulis sieht fern" zurück - und nimmt es mit Soap-Operas und ZDF-Schnulzen auf. Das ist nicht so kritisch, wie er vielleicht denkt. Der Mann kann mehr. Neue Staffel von Mediensatire "Walulis sieht fern" startet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/neue-staffel-von-mediensatire-walulis-sieht-fern-startet-a-857769.html)
Walulis sieht fern ist in erster Linie ein Unterhaltungsformat mit satirisch/kritischem Anstrich. Nicht mehr, aber auch nicht weniger - vor allem gut gemacht. Man sollte die Erwartungshaltung also nicht zu hoch ansetzen. Dass die Macher der Sendung vermutlich mehr auf dem Kasten haben ist klar, jedoch ist das Programm, gemessen an dem sonstigen TV-Müll zumindest schon mal ein Lichtblick und vielleicht ein Sprungbrett für mehr. Jeder fängt mal klein an. Also abwarten...
3.
grafkoks2002 26.09.2012
Zitat von AtomkrafteimerWalulis sieht fern ist in erster Linie ein Unterhaltungsformat mit satirisch/kritischem Anstrich. Nicht mehr, aber auch nicht weniger - vor allem gut gemacht. Man sollte die Erwartungshaltung also nicht zu hoch ansetzen. Dass die Macher der Sendung vermutlich mehr auf dem Kasten haben ist klar, jedoch ist das Programm, gemessen an dem sonstigen TV-Müll zumindest schon mal ein Lichtblick und vielleicht ein Sprungbrett für mehr. Jeder fängt mal klein an. Also abwarten...
Das Problem sind Kritiker, die etwas kritisieren, was sie eigentlich hassen und daher keinen Zugang zu Walulis finden. Der nämlich ist definitiv ein Fernsehfreak, einer, der, wenn er wählen muss zwischen Freundin und Fernsteuerung gerne beim Packen hilft. Das macht seine Geschichten so erfrischend. Er hat einfach Spaß, er spielt nach, was er sieht, geht dabei nur einen Schritt weiter als die Realität. Dass vieles nach Abiturientenwitzigkeit aussieht, ist in seinem Fall charmant, weil man ihm einfach abnimmt, dass er Spaß hat, ja dass er sogar einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung etwas Positives abgewinnen kann - und sei es nur der Spaß beim Gucken darüber nachzudenken, wie die Persiflage auf das Gesehen aussehen könnte. In gewisser Weise ist Walulis die wirklich deutsche Antwort auf Zucker/Zucker/Abrahams, da die Liebe zum Metier einfach zu spüren ist (man kann die erste Folge übrigens längst im Walulis-Kanal auf Youtube gucken). Diesbezüglich ist er sogar erfrischender als Switch, weil da einfach diese Unbekümmertheit des Fans mitschwingt. Und wer jemals die 123 Sekunden Tatort gesehen hat, wird nie wieder Tatort als eine ernsthafte TV-Serie gucken können. Was - aus meiner Sicht - ein Verdienst darstellt, wofür er nicht nur den Grimme-Preis, sondern auch den Ehrenorden des wütenden GEZ-Zahlers verdient hätte!
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