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Neue TV-Show mit Joko und Klaas: Enthemmt verklemmte Kichertüten

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Kleine Jungs auf großer Fahrt: Für MTV haben Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt einst das Spiel "Porno Ping Pong" erfunden. Jetzt versuchen die beiden Kichertüten mit ihrem rigoros pubertären Humor bei ProSieben die große Samstagabend-Showunterhaltung zu entern.

Klaas und Joko: Die ewige Pubertät Fotos
ProSieben

Dietmar Schönherr. Lou van Burg. Rudi Carell. Hans-Joachim Kulenkampff. Frank Elstner. Tommy Gottschalk. Stefan Raab. Und jetzt also Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Jung genug, um den samstäglichen Vorzeigesendeplatz entweder für die Zukunft zu retten oder komplett kentern zu lassen, sind die beiden ja.

"17 Meter" heißt die neue Spielshow, die den beiden Um-die-Dreißigern auf die noch schlaksigen Leiber geschneidert wurde, und zwar vom Privatsender ProSieben, der durch "Schlag den Raab"-Quoten und -Preise in Sachen Samstagabendstraßenfeger verwöhnt ist. Das Konzept ist einfallsreich zusammengeklaut aus den urigen Prüfungen, die sich das "Schlag den Raab"-Team immer ausdenkt, und dem erprobten Zwei-Teams-zwei-Moderatoren-Gegeneinander-Spannungsbogen des "Tigerenten Clubs".

Und das Prinzip funktioniert. Bei "17 Meter" müssen sich schwitzende Kandidaten in albernen Helmen durch knallenge Pezzibälletunnel drängeln, per Föhn einen Ping-Pong-Ball über einen Parcours pusten oder unter Zeitdruck Kopfrechenaufgaben (großes Einmaleins!) lösen, während Joko und Klaas sie durch fieses, willkürliches Zahlen-Reinrufen verwirren.

Enthemmt und doch verklemmt

Das ist es nämlich, was die beiden in der Vergangenheit eher unauffälligen Jungmänner zu einem Super-Moderationsteam macht. Das die ProSieben-Quote am Samstagabend retten soll, während Zuschauermagnet Raab in der Sommerpause ist: Joko und Klaas sind frech. Nicht im Sinne von "fresh goes better" aus der Mentos-Werbung, in der jemand Hindernisse mit Eigeninitiative überwindet. Sondern frech im Sinne von respektlos.

Die Respektlosigkeit beginnt bei der Art, wie die beiden auf das Medium reagieren, wie sie angstfrei und unverspannt vor der Kamera herumalbern und genau das herauslassen, was ihnen in die Köpfe kommt, sei es noch so geschmacklos, flach oder dämlich. Das ist das Gegenteil der Moderatorenschule, die einst bei Kuli, Rosenthal oder Jauch den Kandidaten helfen sollte, sich im Fernsehen wohl zu fühlen, die Hemmungen zu verlieren. Das Gegenteil von political correctness, die TV-Moderatoren beim kleinsten Verstoß dagegen jahrelang angreifbar gemacht hat. Sogar Stefan Raab, bei dem man zumindest fest an eine versteckte Ebene hinter dem ewigen Moderatorengrinsen glaubt, macht seine Witze auf Kosten Anderer eher selten ins Gesicht des Gegenübers - sondern führt die Menschen normalerweise lieber aus der Konserve vor.

Doch Joko und Klaas sind natürlich politisch unkorrekt, dafür wurden sie eingekauft. Bei ihrer Sendung "MTV Home" etwa dachten sie sich einst ein Spiel wie "Porno Ping Pong" aus, wo es darum ging, die Texte auf den Hüllen deftiger DVDs zu lesen, ohne dabei zu lachen. Die beiden dürfen sexistisch sein, unqualifiziert, pubertär, sie dürfen - und das wenden sie am häufigsten an - jede peinliche Situation einfach weglachen. Gemeinsam, denn so etwas geht nicht allein: Egal, ob die Bemerkung scharf- oder schwachsinnig ist, der andere wiehert los, entweder über den guten Witz, oder schadenfroh darüber, wie doof er ist.

Diese Pubertät wird nie enden

Und am meisten beömmeln sich die beiden Kichertüten eben über Sex: Was in der siebten Klasse lustig war, ist es anscheinend irgendwie immer noch. Pornos und ihre thematisch eingleisigen Darsteller, die Peinlichkeit, wenn private Vorlieben an die Öffentlichkeit kommen, dazu die Schadenfreude, wenn der andere sich blamiert: Eine Clique 14-Jähriger pinkelt sich da vor Lachen bestimmt in die Baggy Pants.

Dieses wummernde Selbstbewusstsein, die nicht vorhandene Verklemmtheit, wenn das Kamerarotlicht leuchtet, die substanzlose gute Laune, die das stetige Gelächter evoziert, und ihre demonstrative Jungenhaftigkeit sollen nun eben die Zukunft von ProSieben sein. Schließlich werden der ewige Veräppeler Ashton Kutcher oder Knochenbrecher Johnny Knoxville auch gemocht und geguckt, obwohl sie Menschen beleidigen oder Ekelhaftes tun. Und schließlich weiß man nicht, was überhaupt aus dem Samstagabend wird, wenn der "Wetten, dass..?"-Moderator keine blonden Engelslocken mehr hat.

Eigentlich ist es ja schön, dass die steife und künstliche Lockerheit, die Fernseh-Abendshows in den Anfangstagen der Flimmerkiste begleitete, mit Joko, Klaas und Konsorten endlich verschwunden ist. Wieso sollte eine Generation, die im Fernsehen aufwuchs, denn auch vorsichtigen Abstand halten? Eingeübte, auf spontan gemachte Rudi Carrell-Witze will man schon lange nicht mehr, und nach dem irgendwie gruseligen Florian Silbereisen wächst im Volksmusiksektor hoffentlich auch niemand mehr nach.

Dass ausgerechnet Joko und Klaas, die Beavis und Butt-Head des deutschen Fernsehens, den Samstagabend an sich reißen dürfen, macht einen dennoch ganz duselig. Wie es aussieht, wird ihre Pubertät noch eine Weile andauern.

"17 Meter", Sonnabend 20.15 Uhr, ProSieben

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Politisch unkorrekt
henrytheeighth 11.06.2011
Diese beiden Clowns sind alles andere als politisch unkorrekt. Sie sind dämliche Spaßmacher, denen nichts zu doof ist um Aufmerksamkeit zu erzielen und Geld zu kassieren. Diese Ausfälle werden zunehmend von einer entpolitisierten und gleichgeschalteten Gesellschaft geradezu gefördert. Es sind quasi nur Pseudounkorrekte, die der Gesellschaft vorspiegeln als gäbe es noch etwas wie Meinungsfreiheit und eigenständiges Denken. Wer geduldet wird ist nie politisch unkorrekt. Die wahren politisch unkorrekten, sind die Sarrazins und Wilders dieser Welt, die Dinge sagen, die sich keiner traut und dabei keine Mauer der Ironie um sich ziehen, sondern klar und deutlich Stellung beziehen. Der Versuch das politisch Unkorrekte ins Milieu des hohlen Spaßes zu siehen misslingt, liebe Autorin.
2. oo
stesoell 11.06.2011
Zitat von henrytheeighthDiese beiden Clowns sind alles andere als politisch unkorrekt. Sie sind dämliche Spaßmacher, denen nichts zu doof ist um Aufmerksamkeit zu erzielen und Geld zu kassieren. Diese Ausfälle werden zunehmend von einer entpolitisierten und gleichgeschalteten Gesellschaft geradezu gefördert. Es sind quasi nur Pseudounkorrekte, die der Gesellschaft vorspiegeln als gäbe es noch etwas wie Meinungsfreiheit und eigenständiges Denken. Wer geduldet wird ist nie politisch unkorrekt. Die wahren politisch unkorrekten, sind die Sarrazins und Wilders dieser Welt, die Dinge sagen, die sich keiner traut und dabei keine Mauer der Ironie um sich ziehen, sondern klar und deutlich Stellung beziehen. Der Versuch das politisch Unkorrekte ins Milieu des hohlen Spaßes zu siehen misslingt, liebe Autorin.
Sie sollen auch nicht alles mögen, was uns die weltweite Humorkunst so bietet, aber Sie müssen auch nicht als bekannt bundesdeutsche Spassbremse auftreten. Ich traue mich kaum noch ins Ausland, muss mich stets rechtfertigen, weil ich auch angeblich im Dunkeln den Beischlaf ausübe,.... Himmel, ist die Schublade erstmal gefunden, ist Mensch drin.
3. politisch asozial
sIggy Pop 11.06.2011
Zitat von henrytheeighthDiese beiden Clowns sind alles andere als politisch unkorrekt. Sie sind dämliche Spaßmacher, denen nichts zu doof ist um Aufmerksamkeit zu erzielen und Geld zu kassieren. Diese Ausfälle werden zunehmend von einer entpolitisierten und gleichgeschalteten Gesellschaft geradezu gefördert. Es sind quasi nur Pseudounkorrekte, die der Gesellschaft vorspiegeln als gäbe es noch etwas wie Meinungsfreiheit und eigenständiges Denken. Wer geduldet wird ist nie politisch unkorrekt. Die wahren politisch unkorrekten, sind die Sarrazins und Wilders dieser Welt, die Dinge sagen, die sich keiner traut und dabei keine Mauer der Ironie um sich ziehen, sondern klar und deutlich Stellung beziehen. Der Versuch das politisch Unkorrekte ins Milieu des hohlen Spaßes zu siehen misslingt, liebe Autorin.
Die sind aber FURCHTBAR unlustig, wenn nicht gar gemeingefährlich. Statt "politisch inkorrekt", würde ich sie "völlig fernab jeglichen Niveaus" nennen und den denkbar grössten Bogen um sie und ihre Anhängerschaft machen. Klaas und Joko hab ich nicht gesehen und ich weiss auch warum!
4. Masse statt Klasse
chris14 11.06.2011
Ganz großes Kino ... war gestern Heute heißt es im Privaten nur noch: Hauptsache billig. Eigenproduktionen mit Standups, Billigst-Spielshows (mit mehr mitwirkenden Anrufern als sonstigen Zuschauern) oder hanebüchene Serien bzw. Fremdschäm-Pseudo-Dokus mit Laiendarstellern sind an der Tagesordnung. RTL II hat sich damit bald selbst wegrationalisiert und 9live hat`s sogar schon ganz geschafft.
5. Nicht übersehen...
Oberfinanzdirektion 11.06.2011
Nicht übersehen: die beiden sind grad die Hauptwerbeträger der Sparkassen mit ihren ach so lustigen (aka hirnverbrannten) Duells zum Thema Girokonto und Co. Warum werden die also nun im SPON leidlich verrissen?
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