Neue US-Serie "The Americans": Die netten Spione von nebenan

Von Stefan Kuzmany

Kalter Krieg, russische Spione und ihr vertracktes Eheleben: Taugt die neue US-Serie "The Americans" als Ersatzdroge für Freunde der guten Unterhaltung, während "Homeland", "Breaking Bad" und "Mad Men" pausieren? Ja. Denn der Fernseh-Winter ist noch lang.

Russen undercover: Eheleben im Feindesland Fotos
20th Century Fox Home Entertainment

Doch, auch die Russen liebten ihre Kinder. Damals, 1985, war man sich da zwar nicht ganz so sicher, und musste wie Sting in seinem Song "Russians" hoffen, dass Familienbande stärker sind als der Sieges- und Vernichtungswillen des Sowjetsystems. Doch wer das Ehepaar Elizabeth und Phillip Jennings mit ihren Kindern Paige und Henry erlebt, wer sieht, wie sie sich über den Schulalltag austauschen, wie sie herumalbern, wie sie abends noch schnell ein Match Hockey in der Garageneinfahrt spielen, der kann keinen Zweifel haben: Die Jennings sind zwar Russen, doch sie lieben ihre Kinder. Und das mitten im Kalten Krieg.

Jennings? Klingt nicht besonders russisch - und das soll es auch nicht. Denn die Hauptfiguren der neuen US-Serie "The Americans" sind Spione, Schläferagenten des "Direktorat S", einer supergeheimen Abteilung des KGB, eingesetzt in der US-Hauptstadt Washington.

Ein FBI-Mann in der Nachbarschaft

Und für Spione gab es in den Achtzigern offenbar viel zu tun: Gleich in den ersten Folgen muss ein KGB-Überläufer gefangen und unschädlich gemacht werden, bevor er beim FBI auspacken kann, es muss eine verwanzte Uhr ins Privatbüro des US-Verteidigungsministers geschmuggelt werden, es müssen Einschätzungen und Ergebnisse mit geheimen Sendern per Satellit ins Mutterland gefunkt und - auch die Erotik darf nicht zu kurz kommen, wir befinden uns in einer TV-Serie für Erwachsene - es müssen Informanten beiderlei Geschlechts ausgiebig (und ausgiebig bebildert) beschlafen werden. Und dann zieht ausgerechnet nebenan und total zufällig auch noch ein FBI-Mann ein. Sein Auftrag: die Enttarnung russischer Schläfer.

Freunde US-amerikanischer Qualitätsunterhaltung müssen gerade eine Durststrecke überstehen: "Homeland" pausiert (für Kenner ist die gerade laufende deutsche Erstausstrahlung auf Sat.1 zwar lobenswert, aber doch nur eine Wiederholung), nichts Neues von Walter White aus "Breaking Bad", und auch die "Mad Men" lassen auf sich warten. Da kommt so eine neue Ersatzdroge namens "The Americans" gerade recht - zumal man hier, ähnlich wie bei "Homeland", nicht darauf warten muss, bis sich ein deutscher Sender zu Einkauf und Synchronisation der Serie bequemt: über legale Download-Anbieter wie Sony Video Unlimited, Xbox Live oder Apples iTunes-Store ist "The Americans" mit und ohne Untertitelung am Tag nach der Erstausstrahlung in den USA zu haben.

Die Investition von 2,99 Euro per Episode lohnt sich durchaus. Allerdings nicht aus den vermeintlich naheliegenden Gründen. Es ist zwar eine hervorragende Idee, die paranoiden Achtziger zum Gegenstand einer Serie zu machen, die ständige Bedrohung durch einen Atomkrieg, die obsessive Abgrenzung der politischen Systeme und deren Auswirkung auf die jeweiligen Gesellschaften und Individuen - aber eine künstlerische Auseinandersetzung mit all dem vermag "The Americans" nicht wirklich zu leisten. Dafür ist die Serie zu atemlos, vertraut nicht ihrer Atmosphäre und einer langfristigen, behutsamen Entwicklung der Charaktere, ist eher Krimi denn Sittenbild einer Ära.

Polizistenmörder als Sympathieträger

Damit soll nicht gesagt sein, dass "The Americans" schlecht inszeniert oder gespielt wäre. Die Hauptdarsteller Keri Russel und Matthew Rhys sind sehr überzeugend, und es ist wahrlich keine leichte Aufgabe, polizistenmordende Sowjet-Agenten dem US-Publikum als Sympathieträger nahezubringen. Auch ist es nett, Noah Emmerich als FBI-Nachbar Stan Beeman zu betrachten, der hier in gewisser Weise eine Reprise seiner Rolle als falscher bester Freund in der "Truman Show" gibt.

Doch für einen ausgeruhten Blick auf die Achtziger ist es wahrscheinlich schlicht noch zu früh. Nach der von Adam Gopnik im "New Yorker" beschriebenen goldenen 40-Jahre-Regel werden wir erst etwa 2025 eine reife Erzählung über die Spätphase des Kalten Krieges zu sehen bekommen - so wie es 40 Jahre dauern musste, bis uns die "Mad Men" erzählen konnten, wie sich das Leben Ende der Sechziger anfühlte.

Tatsächlich ist "The Americans" nur am Rande eine Serie über die Achtziger, und auch nur oberflächlich ein (wenn auch bisweilen spannender) Krimi. Eigentlich ist "The Americans" eine Serie über ein Ehepaar, das unter widrigsten Umständen zueinander finden muss. Ein Paar, das nicht aus Liebe zusammengekommen ist, sondern von einer äußeren Instanz (hier: der KGB, könnten aber auch Eltern sein) zur Ehe gezwungen wurde. Das sich zunächst nicht liebt, aber sich annähert. "The Americans" ist die Geschichte einer Liebe, die langsam wächst, zwischen einem netten Mann und einer starken Frau. Da schaut man doch gerne zu. Und, hey, sie sind auch noch russische Agenten! Und manchmal nackt!

Nein, machen wir uns nichts vor: Der Fernseh-Winter ist noch lang. Und bis der Frühling kommt, nehmen wir alles. Selbst nette russische Spione von nebenan. Was für ein grandioser Quatsch.


"The Americans", jeweils einen Tag nach der US-Ausstrahlung als digitale Deutschlandpremiere mit und ohne Untertitel bei Anbietern wie iTunes, Sony Video Unlimited oder Xbox Live.

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1. Euro 2,99 je Folge fuer 40 Min TV ?
sting111 01.03.2013
" "The Americans" ist die Geschichte einer Liebe, die langsam wächst, zwischen einem netten Mann und einer starken Frau. Da schaut man doch gerne zu." Das werden wohl viele anders sehen. Nach 4 gesehenen Folgen warte ich lieber weiter auf die neuen Staffeln "Homeland", "Dexter", und "Boardwalk Empire".
2. optional
NackteElfe 01.03.2013
Schade, dass Sony Video Unlimited die Serien nur mit deutschem Untertitel anbietet und nicht mit englischem. Und HD nur auf der PS3? Warum? Aber immerhin: 24 Stunden nach der US Ausstrahlung eine Sendung legal hier schauen zu dürfen ist ja schon ein großer Schritt... So lang ist die Pause übrigens doch nicht mehr bis endlich wieder edle Kost über den Schirm laufen wird: Am 31. 03. kommt die Season 3 von Game of Thrones. ;)
3. Ich warte lieber auf Breaking Bad, Season 6
papageienmusik 01.03.2013
Das ist, neben Spartacus, das Beste der gegenwärtigen Serienwelt.
4.
KuZZo 01.03.2013
Zitat von papageienmusikIch warte lieber auf Breaking Bad, Season 6 ... Das ist, neben Spartacus, das Beste der gegenwärtigen Serienwelt.
Leider wird es keine Staffel 6 mehr geben von Breaking Bad!
5.
sagichned 02.03.2013
Fängt gut an wird aber schnell unglaubwürdig. Gleich in der ersten Folge will der Mann überlaufen, macht aber im Weiterem trotzdem jeden Schwachsinn mit. Eine Frau, die mit bisschen Erpressung gleich umfällt. Sie will nicht als Diebien entlarvt und für 10 Jahre nach Sibirien geschickt werden, was ihr aber als Verräterin droht, ist scheinbat nicht so schlimm. Geheimnisse werden gleich beim ersten Sex ausgeplaudert. Und in dem ganzen Wirrwarr erledigt der Mann noch noble Nebenquests, wie etwa Männer, die auf 13 Jährige stehen, zu verprügeln. Und dann kommen so "technische" Mängel. Der KGB Boss sitzt die ersten Folgen in so einem kleinen verglasten Büro hinter einem kleinen Schreibtisch und einige Folgen später sitzt er in einem uneinsehbaren Büro hinter einem Riesentisch nur damit er Sex mit der Sekräterin haben kann. Und anscheinend ist es weder bei den Russen noch bei den Amis Sitte vorher einzuklopfen, bevor man fremde Räume eintritt.
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  • Freitag, 01.03.2013 – 18:32 Uhr
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