30. April 2013, 10:39 Uhr

Serienkiller als TV-Helden

Die neuen Metzelmänner

Von Nina Rehfeld

So brutal wurde selten gemeuchelt: Die neuen TV-Serien aus den USA setzen auf blutrünstige Serienmörder, trumpfen auf mit großen Stars wie Kevin Bacon oder Mads Mikkelsen und mit noch größeren Unholden wie Hannibal Lecter. Wir haben die Massakrier-Formate auf Herz und Nieren geprüft.

"Hannibal"

Worum geht's? "Hannibal" ist eine weitere Inkarnation des berühmten Serienkillers und Kannibalen aus den Romanen von Thomas Harris und dem Oscar-gekrönten Anthony-Hopkins-Film "Das Schweigen der Lämmer". Mads Mikkelsen ("Die Jagd") spielt ihn hier als anziehenden Mittvierziger, dessen grausiges Hobby noch unentdeckt ist. Stattdessen hat Lecter sich einen Namen gemacht als brillanter Psychiater mit hohem Stilbewusstsein, der ausgerechnet vom FBI zum Gutachter des psychisch belasteten Agenten Will Graham bestellt wird.

Psychologisch vertrackt? Sehr. FBI-Fallanalytiker Will Graham (Hugh Dancy als hochnervöses Genie) hat die seltene Gabe, mit Killern zu sympathisieren und damit ihr Denken und Handeln nachzuvollziehen, was ihm moralisch schwer zu schaffen macht. Die Berufung von Hannibal Lecter zum Gutachter Grahams eröffnet ein kompliziertes Katz- und Maus-Spiel zwischen den beiden Hochbegabten.

Wem geht's an den Kragen? Abgesehen von den Opfern einiger anderer Serientäter, die im Hintergrund ihr Unwesen treiben und damit Lecters Taten zunächst kaschieren: unkultivierten Menschen oder solchen mit Mangel an Manieren und Respekt, die Hannibal Lecter bekanntlich überhaupt nicht ausstehen kann. Außer an einem raffinierten Rotwein-Jus.

Wie blutig? Sehr blutig, ganz besonders für das amerikanische Network-Fernsehen. Will erlebt in seinem Kopf den genauen Hergang der Morde, und auch wenn die Serien-Macher bewusst mit einer stilistischen Überhöhung der Effekte arbeiten, ist dies nichts für empfindliche Mägen. Aufgespießte Frauenkörper, sorgsam drapierte Eingeweide, menschliche Pilzkolonien... Igittitgitt.


"Hannibal" läuft in den USA auf NBC. In Deutschland hat sich ProSiebenSat.1 die Rechte gesichert und eine Ausstrahlung noch in diesem Jahr in Aussicht gestellt.

"The Following"

Worum geht's? "The Following" ist ein Thriller nach dem Muster von "Stirb Langsam", in dem der Serienkiller Joe Carroll (James Purefoy mit sinistrem Blick und bebenden Nüstern) seine Kräfte mit denen des alkoholkranken Ex-Cops Ryan Hardy (Kevin Bacon mit müden Augen und ausgezehrt) misst, der ihn einst dingfest machte. Carroll hat aus dem Knast eine Kult-Gefolgschaft aufgebaut, die nun nach seinen Anweisungen draußen sein "Werk" fortführt; Hardy, der Carroll halb hasst, halb bewundert und außerdem ein Verhältnis mit dessen Frau hatte, will ihm endgültig das Handwerk legen.

Psychologisch vertrackt? Ziemlich. Joe Carroll ist Literaturprofessor und betört seine Gefolgschaft mit verbrämter Poesie und kultischer Huldigung des frühen Horror-Schriftstellers Edgar Allan Poe; sein Ziel ist es, Hardy zum Kollaborateur wider Willen zu machen. Hardy dagegen fühlt sich schuldig, weil ihm Carroll zu lange durch die Lappen ging. Schöner Einfall: Hardy trägt einen Herzschrittmacher, seit ihm Carroll ein Messer ins Herz stieß.

Wem geht's an den Kragen? Attraktiven jungen Damen. Carroll hält es, wie gesagt, mit Edgar Allan Poe, der sich einst zu der Behauptung verstieg, der Tod einer schönen Frau sei das Poetischste überhaupt.

Wie blutig? Ziemlich blutig. Eine ganze Gruppe von Toten in riesigen Blutlachen und eine nackte Frau, die sich in der Öffentlichkeit selbst ein Messer ins Auge rammt, sind bloß der Auftakt; bei den amerikanischen Kritikern kam die drastische Darstellung von Gewalt und Blut nicht gut an.


"The Following" läuft in den USA auf Fox. Der Pay-TV-Sender RTLCrime zeigt die Serie ab dem 6. Juni als Deutschlandpremiere.

"Bates Motel"

Worum geht's? "Bates Motel" ist als Prequel des berühmten Hitchcock-Films "Psycho" angelegt, in dem der 17-jährige Norman Bates (Freddie Highmore) als treuherziger Nerd auftritt. Das Rätsel, das es hier zu lösen gilt, ist natürlich: Was wird Norman zum Killer machen? Seine gluckenhafte, aber wohlmeinende Mutter Norma (Vera Farmiga als fragile, aber kämpferische Alleinerziehende)? Sein niederträchtiger Halbbruder Dylan (Max Thieriot), der Norma verachtet? Ein geheimnisvolles Heft mit Zeichnungen misshandelter Frauen, das Norman unter dem Motelteppich findet? Oder noch unentdeckte Kräfte der undurchsichtigen Kleinstadt White Pine Bay, in der Norma das titelgebende Motel gekauft hat?

Psychologisch vertrackt? Ödipus-Komplex: Check. Bruderzwist: Check. Aber ganz so platt haben die Autoren Carlton Cuse ("Lost") und Kerry Ehrin ("Friday Night Lights") ihre Geschichte dann doch nicht angelegt. Normans Innenleben und der subtile Würgegriff seiner Mutter spielen zumindest am Beginn eine geringere Rolle als die Ereignisse um ihn herum.

Wem geht's an den Kragen? Zunächst jedem, der dem Mutter-Sohn-Gespann in die Quere kommt. Das war natürlich zu erwarten: Mit Familie Bates legt man sich besser nicht an.

Wie blutig? Nicht so blutig, wie man es im Angesicht des inzwischen erreichten Gore-Standards erwarten könnte - auch wenn gleich in der Auftaktepisode ein Messer anschaulich zum Einsatz kommt. Insgesamt wird eher mit, Verzeihung, Psycho-Horror gearbeitet. Ganz schön gruselig, wie Norman-Darsteller Freddie Highmore unter seiner Teenie-Unschuld den berühmten bloßen Hauch düsterer Faszination aufblitzen lässt.


"Bates Motel" läuft in den USA auf A&E. Einen deutschen Sender hat die Serie noch nicht.


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