Neue Engelke-Talkshow: Daaaanke, Aaaanke!

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"Anke hat Zeit": Klartext, Schätzchen! Fotos
WDR

Anke Engelke moderiert einen neuen Talk, bei dem sich wolkiges Gelaber und Geistesblitze die Waage halten. Kann man verbessern - sollte man aber nicht. Denn "Anke hat Zeit" ist voll von glücklichen, schönen Fernsehmomenten.

Wie sie da zu Beginn betont langsam ins Studio schlendert, das ist schon eine Provokation in der modernen Fernsehwelt. Wo in Talkshows sonst von Gast zu Gast gehetzt wird, um vorher abgesprochene Anekdoten abzufragen, da schlurft Anke Engelke durchs Studio, als hätte sie keinerlei Verpflichtungen und alle Zeit der Welt. "Anke hat Zeit" lautet denn auch der Titel der neuen WDR-Talkshow.

Wobei: So neu ist sie dann doch nicht. Vorher hatte Helge Zeit. Also Helge Schneider. Aber leider nicht für seine Gäste. Statt sich mit denen zu unterhalten, kicherte er in "Helge hat Zeit" lieber in seinen Bart. Nach zwei Sendungen sah er ein, dass er für das Moderatorengeschäft nicht gemacht ist. Jetzt sitzt Helge bei Anke an der Hammondorgel und schubbert sich im Jimmy-Smith-Style durch die Gesprächspausen. Zur Begrüßung nuschelt Engelke ihn in Phantasie-Französisch an, im Anschluss machen die beiden unisono "Summ-summ".

Man muss sich die Talkshow "Anke hat Zeit", deren erste Ausgabe (eine Aufzeichnung) am Samstag im WDR Premiere feiert, als entschleunigte Version von "Inas Nacht" vorstellen: Das kleine, übertrieben gemütliche Studio ist vollgestellt mit Klavieren und Gitarren, die Moderatorin hat sich Künstlerinnen eingeladen, die sie wirklich dufte findet, es wird geschwatzt und ein bisschen musiziert. Ina Müller bringt sich und ihre Gäste mit Bier und Korn auf Hochtouren. Das Äquivalent wären in "Anke hat Zeit" - und das ist ein reines Gedankenspiel - vermutlich Joints. Streckenweise verläuft die Sendung wie in Zeitlupe.

"Anke ist viel weniger schlagfertig, als man denkt"

Mit dem Kiffen wäre das ja so eine Sache: Einigen hilft's bei der Konzentration, anderen nimmt's die Konzentration. Bei Engelke wäre es dann mal so, mal so. Beim lockeren Gespräch mit der Schauspielerin Caroline Peters verliert sie immer wieder den Faden; man plappert irgendwie im Kreis, über Theater und so.

Beim Plausch mit der großartigen Sängerin Lianne La Havas, die gerade ein sanftes sardonisches Lied über ihren jungen Ex-Lover und einen älteren neuen Lover gesungen hat, läuft die Moderatorin indes zu großer Form auf. Engelke will sich über den Alten, also den Neuen, unterhalten. Aber der neue Alte ist jetzt auch schon wieder ein alter Ex, wie La Havas offenherzig erzählt. Der jetzige neue Lover sei nicht mehr ganz so jung wie der ganz alte, aber auch nicht ganz so alt wie der neuere Alte. Astreiner Kiffer-Talk.

"Anke hat Zeit" ist ein schönes Beispiel für forcierten Kontrollverlust mit allen negativen und positiven Folgen. Negativ: Die improvisierte Lesung eines Stückes von Katja Brunner, bei der Engelke und Peters mitrezitieren, ist öffentliche-rechtliche Theater-AG samt nachdenklich gekräuselter Stirn. Positiv: Im Duell mit Sophie Hunger geht es ans Eingemachte. "Anke ist viel weniger schlagfertig, als man denkt", sagt die Schweizer Sängerin ins Publikum. Die Kritisierte ist dann wirklich sprachlos oder tut zumindest so, während Hunger nun zu ihr gewandt konkretisiert: "Am Anfang hatte ich Angst, heute Nachmittag bei der Probe warst du viel schneller." Engelke kostet diesen Moment der Kränkung genüsslich aus, um dann zum Gegenschlag auszuholen: "Und genau diese Angst wollte ich dir nehmen."

Zärtlichkeiten und Boshaftigkeiten gehen in "Anke hat Zeit" zusammen, Geistesblitze und Blamagen ebenso. Wo andere Moderatoren ihren Gästen Buchdeckellobpreisungen um den Bart schmieren, da gibt es von Engelke harte, aber auch wirklich herzliche Liebkosungen. Wo in anderen Talks Schlagabtäusche nur inszeniert sind, da gibt es in der WDR-Sendung echte Kollisionen.

Ein mutiges Projekt von Anke Engelke, die die schwerste Niederlage ihrer Karriere einst mit einem Late-Night-Talk bei Sat.1 erlebte. Bleibt zu hoffen, dass der WDR bei aller Unperfektheit der Sendung nicht an ihr herumschraubt - sie eben nicht schneller und geschmeidiger macht. Auf der Suche nach wahren Fernsehmomenten ist dieser rigoros verschnarchte Plausch eine kleine Kostbarkeit. Daaaanke, Aaaanke!


"Anke hat Zeit", Samstag, 22.45 Uhr, WDR

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Danke für den Hinweis
bssh 25.07.2013
werde ich mir ansehen und hoffe auf eine Alternative zu den leider üblich gewordenen oberflächlichen Plapper-Talkshows
2.
nagevog 25.07.2013
Zitat von sysopAnke Engelke moderiert einen neuen Talk, bei dem sich wolkiges Gelaber und Geistesblitze die Waage halten. Kann man verbessern - sollte man aber nicht. Denn "Anke hat Zeit" ist voll von glücklichen, schönen Fernsehmomenten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/neue-wdr-talkshow-anke-hat-zeit-mit-anke-engelke-a-912908.html
Haben die 2 Folgen "Helge(Schneider) hat Zeit" geseh´n. Schade, daß Er die Show nicht weiter macht, fand Ihn großartig. War mit dieser Meinung aber wohl ziemlich allein :-)
3. Der Rudi Carrell hatte der Anke Engelke keine Zukunft prognostiziert
Eppelein von Gailingen 25.07.2013
So war und ist es auch. Seit mindestens 9 oder 10 Jahren ist dann auch das Thema Engelke erledigt. Warum holt man mit aller Gewalt an die Showfront Gestalten, die keiner mehr sehen will? Genau wie dieser Laberer Helge Schneider. Die Privaten mit ihren Abfall-Sendungen und der ewigen Werbung, zum Abschalten. Neue WDR-Talkshow "Anke hat Zeit" mit Anke Engelke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/neue-wdr-talkshow-anke-hat-zeit-mit-anke-engelke-a-912908.html)
4. Quotenwitzig
c218605 25.07.2013
Zitat von nagevogHaben die 2 Folgen "Helge(Schneider) hat Zeit" geseh´n. Schade, daß Er die Show nicht weiter macht, fand Ihn großartig. War mit dieser Meinung aber wohl ziemlich allein :-)
Nein, Frau Engelke's komische Ausstrahlung entspricht der ihrer Darstellung fuer die Hannoversche Leben. Aber ihr Promotor Ingolf Lueck war bis auf den Film "Peng Du bist tot" auch nicht besonders.
5.
Cleo96 25.07.2013
Zitat von Eppelein von GailingenSo war und ist es auch. Seit mindestens 9 oder 10 Jahren ist dann auch das Thema Engelke erledigt. Warum holt man mit aller Gewalt an die Showfront Gestalten, die keiner mehr sehen will? Genau wie dieser Laberer Helge Schneider. Die Privaten mit ihren Abfall-Sendungen und der ewigen Werbung, zum Abschalten. Neue WDR-Talkshow "Anke hat Zeit" mit Anke Engelke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/neue-wdr-talkshow-anke-hat-zeit-mit-anke-engelke-a-912908.html)
Haben Sie auch Ihren peinlichen Auftritt zu Silvester am Brandenburger Tor gesehen ;-) Bis vor einem Jahr war es ganz, ganz still um sie geworden. Dann brachte Sie sich selbst ungefragt in die Diskussion um die "Wetten, dass ..."-Moderation - indem sie absagte. Ich frage mich nur, warum ausgerechnet der WDR dieser absolut humorlosen "Moderatorin" eine Sendung gibt.
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