Neuer "Polizeiruf" mit Maria Simon: Mein Bauch gehört Brandenburg
Landflucht in der ostdeutschen Provinz? Nicht im neuen RBB-"Polizeiruf". Mit Maria Simon geht eine der jüngsten Ermittlerinnen aller Zeiten an den Start - demnächst gar schwanger. Christian Buß freut sich in seiner Krimikolumne: Endlich blühende Landschaften im Krimidüsterland Brandenburg.
Eigentlich sollte das Revier im kleinen Beelitz ja längst geschlossen sein, es gab einfach zu wenig Delikte. Die jungen Leute, die sie verüben könnten, ziehen ja lieber weg, bevor sie Verbrechen begehen. Dann kamen die Leute vom Fernsehen, und plötzlich hat die Spargelstadt im Landkreis Potsdam-Mittelmark wieder eine Polizeistation, sogar eine viel schönere als zuvor. Wenn auch ohne echten Ermittlungsbetrieb, sondern nur als Kulisse.
Vorerst drei "Polizeiruf"-Folgen ließ der RBB in Beelitz mit einer neuen Ermittlerin drehen, die erste davon wird nun zum 40-jährigen Jubiläum der Reihe zu sehen sein. Der Bürgermeister von Beelitz war so geschmeichelt, dass er sein schönes Rathaus samt imposanter Freitreppe als Revier ans Filmteam abtrat.
Nein, gut zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall ist von der Tristesse Ost im "Polizeiruf 110", dem am Leben erhaltenen Fernsehklassiker aus DDR-Zeiten, nichts mehr zu spüren. Dabei wurde in den TV-Revieren dieser Krimi-Reihe die Kehrseite der Wiedervereinigung in düstersten Farben ausgemalt.
Ob beim NDR-Team Uwe Steimle/Henry Hübchen in Schwerin oder bei der letzten RBB-Ermittlerinnendarstellerin Imogen Kogge in Brandenburg: Die Morde fanden alle in den Ruinen des Aufbau Ost statt. Steimle und Hübchen sind schon länger weg, Kogges Ermittlerin Herz setzte sich letzten Winter frustriert ab. Irgendwo nach Spanien wollte sie, auf einen Olivenhain unter warmer Sonne.
Provinzrevier statt BKA
Warum eigentlich? Blühende Landschaften gibt es jetzt tatsächlich auch in Brandenburg, es tummeln sich bloß nicht mehr so viele Menschen darin. Einer, der dies zu schätzen weiß, ist Wachtmeister Krause (Horst Krause), der auch weiterhin mit altem Beisitzermotorrad und überm Bauch spannender Polizeikutte durchs Grün tuckert. Krause ist einer der tollsten und treuesten Sidekicks des deutschen Fernsehkrimis; er schob seinen Dienst im ostdeutschen Nirgendwo schon, als Ende der Neunziger Katrin Saß und Jutta Hoffmann dort Fernsehkommissarinnen waren.
Alle gehen, nur der alte Krause bleibt. Das passt zu der Landflucht der jungen Menschen in jenen Regionen. Ein umso tröstlicheres Signal ist es da, dass zum Neustart des RBB-"Polizeirufs" die vielleicht jüngste TV-Ermittlerinnen überhaupt ihren Dienst antritt. Maria Simon (35, "Kongo") spielt Kriminalhauptkommissarin Olgar Lenski, die hier mit Wohnmobil in die alte Heimat reinrollt. Eigentlich war diese Lenski für die höhere Beamtenlaufbahn beim BKA vorgesehen, hatte sogar in New York studiert. Weil sie sich aber im Verwaltungsapparat nicht wohl fühlte, kehrt sie nun auf die Brandenburgische Scholle zurück. Auch wenn niemand so recht weiß, was die junge Dame im sportiven Kostüm hier eigentlich sucht.
Eine angenehme Nervosität und Feinnervigkeit bringt die Neue in die gediegene Ruhe von Potsdam-Mittelmark. Simons Lenski ist eine junge moderne Ermittlerin im Stil der auch eben erst in Frankfurt an den Start gegangen und von Nina Kunzendorf gespielten Conny Mey: Hier regiert Interesse statt Betroffenheit, Empathie statt moralischer Überlegenheit. Anders als Polizei-Matronen wie Eva Blum ("Tatort" Konstanz) oder Lena Odenthal ("Tatort" Ludwigshafen) ist die Welt nicht schon in Gut und Böse eingeteilt, wenn die Polizistinnen auf der Crime Scene erscheinen.
Recherchieren, nicht richten!
Die Jungen wissen, dass die Welt an Komplexität gewonnen hat. Sie richten nicht, sie recherchieren. Und das macht im Falle von Simons Figur Olga Lenski soviel Spaß beim Zuschauen, dass man ganz übersieht, dass der Plot ihres "Polizeiruf"-Debüts "Die verlorene Tochter" ziemlich schwach ist.
Regisseur und Autor Bernd Böhlich hat zuvor poetische Plattenbau-Dramen wie "Du bist nicht allein", aber auch schnörkellose frühe Brandenburg-"Polizeirufe" mit Katrin Saß inszeniert. Hier nun erzählt er eine etwas abstruse Geschichte von einem Häftling (Tom Schilling) der ausbricht, um ein Mädchen zu entführen. Die Identität der Kleinen löst sich während des Handlungsverlaufs sonderbar auf: Ist sie die Tochter von des Ausbrechers Schwester (Valerie Koch)? Oder dessen eigener Sproß? Oder ist es gar das Kind des ehemaligen Arbeitgebers (Burghart Klaußner), mit dem der Knacki noch eine Rechnung offen hat?
Die Konstruktion des doppelten oder besser: dreifachen Bodens geht in "Die verlorene Tochter" nicht so recht auf. Aber sie reicht immerhin, um Ermittlerin Lenski in steter Anspannung zu halten und sie dabei mehrere Male den guten alten Krause abkanzeln zu lassen. Am Ende umarmt sie den Dicken dann aber doch. Das dürfte demnächst schwieriger werden: Gerade hat die schwangere Maria Simon die dritte Folge des "Polizeirufs" abgedreht, zwangsweise mit dickem Bauch. Die Drehbuchautoren werden den realen Nachwuchs in den kommenden Fällen fiktional berücksichtigen müssen.
Ein Baby fürs bevölkerungstechnisch ausgedünnte Brandenburg: Wenn das kein gutes Omen ist für den RBB-Neustart des DDR-Fernsehklassikers.
"Polizeiruf 110: Die verlorene Tochter", Sonntag 20.15 Uhr, ARD
Die nächste "Fadenkreuz"-Kolumne erscheint am 12. August. Bis dahin zeigen ZDF und ARD zur Primetime nur Krimiwiederholungen.
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- Freitag, 24.06.2011 – 16:41 Uhr
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