Neuer Rostock-"Polizeiruf": Asi mit Attitüde

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Bratwurst trifft Biosuppe: Im runderneuerten "Polizeiruf 110" aus Mecklenburg-Vorpommern schickt die ARD mit Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau ein exzellentes Ermittler-Duo auf Sendung - und bringt zugleich den Ost-Krimi-Klassiker auf die Höhe der Zeit.

"Polizeiruf" aus Rostock: Bratwurst und Biosuppe Fotos
NDR

Die sogenannte Grenze im Kopf, mit der einst der mental gescheiterte Wiedervereinigungsprozess Deutschlands beschrieben wurde, ist inzwischen Vergangenheit. Die Grenze geht jetzt durch den Magen.

Sehr gut kann man sie anhand der Ermittler im neuen "Polizeiruf 110" aus Rostock studieren: Während die durchtrainierte LKA-Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) für neue gesamtdeutsche Bioküche steht und immer eine Ingwerknolle zum In-die-Suppe-Schnippeln dabei hat, verkehrt ihr klobiger Kollege Hauptkommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) in Gaststätten, die die gute alte Zonen-Schnellküche servieren. Currywurst für 1,20? Der Fast-Food-Gott muss ein Ossi sein! Die unterschiedlichen kulinarischen Vorlieben bleiben allerdings die einzigen Hinweise auf die Ost-West-Sozialisation der Hauptfiguren im runderneuerten "Polizeiruf" aus MeckPom.

Früher indes prallten im "Polizeiruf"-Revier im äußersten Nordosten des Landes die beiden Deutschlands aufs Krasseste aufeinander. Schließlich residierte in Schwerin 15 Jahre lang der Schauspieler Uwe Steimle, der seinen Ermittler als ostdeutschen Vorzeigespießer verkörperte. Während er murrte und klagte, wurde ihm ein Kollege nach dem anderen aus den alten Bundesländern vor die Nase gesetzt: der Fernsehkrimi als Ost-West-Labor.

Die Wessis kamen und gingen, der Ossi blieb - zum immer größeren Bedauern der Verantwortlichen des produzierenden NDR, denen der zuweilen virtuos agierende Querulant Steimle mit seinen Verschwörungstheorien auf die Nerven ging. Steimle sieht seine Ausmusterung deshalb als politischen Akt; als Retourkutsche dafür, dass er bei der Wahl des Bundespräsidenten den Kandidaten der Linken, Peter Sodann, unterstützt hat.

Komplexe Kontraste

Das ist tatsächlich Unfug: So wirkungsvoll Anfang der letzten Dekade die deutsch-deutschen Mentalitäten im "Polizeiruf" gegenübergestellt wurden (zu Recht gab es einige Grimme-Preise), so auserzählt erwies sich dieses Prinzip über die vergangenen Jahre. Es wurde Zeit für einen radikalen Schnitt; Ossi und Wessi lassen sich einfach nicht mehr so simpel als Antagonisten aufbauen.

Was nicht heißt, dass man im modernisierten NDR-"Polizeiruf" auf das Prinzip der Gegensätzlichkeit verzichtet. Die Ermittlerin König und der Kripo-Mann Bukow könnten unterschiedlicher nicht sein: Sie ist der Prototyp einer weltläufigen, aufgeklärten und medial vernetzten Single-Frau, er verkörpert das Plattenbaukind mit Attitüde - sein Bauch weist ihm den Weg, den seine Fäuste dann freiräumen. Und während in der Single-Wohnung von Frau König Bilder der alternativen dänischen Freistadt Christiania an der Wand hängen und US-Qualitätsserien wie "Dexter" im DVD-Regal stehen hat, haust Bukow mit Frau und Kindern in einer Einfamilienhaus-Ruine ohne Dach.

Andererseits: Was sie zu wenig hat, hat er zu viel. Die Profilerin ist privat derart unausgelastet, dass sie gerne mal einen jugendlichen Drogenverticker auf eine Möhrchensuppe aus ökologischem Anbau mit ins Apartment zum Verhör nimmt. Ihr Kollege hingegen hat mehr Anschluss, als ihm lieb ist. Seine alten Freunde sind Kleinkriminelle, der Vater ein bunter Hund im Rotlichtmilieu. Blöde, wenn Daddy dann auch noch einen Umschlag mit Scheinen rüberwachsen lässt. Bukow steht sowieso schon unter Korruptionsverdacht.

Um sich vor den alten Seilschaften in Sicherheit zu bringen, war der Polizist einst von Rostock nach Berlin gegangen; jetzt ist er wieder zurück aus der Hauptstadt, irgendwas hat da nicht geklappt. Ausgerechnet seine neue Kollegin König soll Bukow nun im Auge behalten, ob er krumme Dinge dreht. Keine angenehme Basis für eine Zusammenarbeit.

Nach dem Hamburger "Tatort" mit Mehmet Kurtulus als Undercover-Cop ist dem NDR nun ein zweites ausgeklügeltes Krimi-Update geglückt, in dem detailgenaue Charakterzeichnungen mit einem die einzelnen Episoden überlagernden Korruptionsplot verknüpft werden.

Raffinesse ohne Schnickschnack

Ausgerechnet der NDR! Bis vor kurzem noch selber in den Korruptionsskandal um Doris J. Heinze verstrickt, scheint man dort inzwischen verstanden zu haben, wie man deutsches Aufklärungsfernsehen mit jenen zeitgemäßen Fernseherzähltechniken aus den US-Serien verknüpft, die in Königs DVD-Regalen lagern: Dass das glückt, ist auch ein Verdienst von Eoin Moore, der als Chefautor und Regisseur der ersten Episode "Einer von uns" fungiert.

Der gebürtige Ire hat zuvor exzellente Gewaltdramen aus den unteren Bereichen der deutschen Gesellschaft gedreht ("Pigs Will Fly"), aber leider nur unausgegorene TV-Krimis. Da gab es wohl bislang immer zu viele Auflagen. Beim Rostocker "Polizeiruf" gelingt es ihm nun, zeitgemäß zu erzählen, ohne die Hightech-Verliebtheit vieler seiner Regie-Kollegen.

Die Modernität liegt vielmehr in der Zeichnung widersprüchlicher Figuren. In der ersten Episode geht es nach dem Mord an einem minderjährigen Partygirl in die Elendszonen der Rostocker Plattenbausiedlungen; Opferlämmer sucht man hier genauso vergebens wie Hartz-IV-Fratzen. Der Zuschauer muss in der Lage sein, paradoxe Signale wahrzunehmen.

Dabei wird das Tempo eher mit den Mitteln der alten Krimi-Schule vorangetrieben; neumodischer Schnittschnickschnack würde auch kaum ins robuste norddeutsche Ambiente passen. Sehr schön in diesem Sinne, wie sich das neue Ermittlerteam in der erste Folge kennenlernt: Bei einer Verfolgungsjagd hecheln sie einem Verdächtigen hinterher, ein Solo-Schlagzeug hämmert dazu stoisch einen Punkrock-Rhythmus.

Trotz aller Verweise auf US-Krimis: Ein "CSI: Rostock" ist der neue "Polizeiruf" nicht geworden. Die Fehler der technisch aufpolierten und dabei doch komplett entseelten jüngeren "Tatort"-Erneuerungen in Stuttgart oder Leipzig wurden vermieden. Agiert man da inzwischen in einem kaum lokalisierbaren neudeutschen Forensik-Sprech, wird in Roststock nun dialekttechnisch gegen den allgemeinen Fernsehtrend aufgerüstet.

Wie schön: Kripo-Mann Bukow und Profilerin König - die Bratwurst und die Biosuppe -, sie nölen sich ihre Verdächtigungen in breitestem Norddeutsch zu.


"Polizeiruf 110: Einer von uns", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
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1. Neuer Poilizeiruf
EineStimme 18.04.2010
Also der neue Polizeruf aus Rostock ist für mich kein Polizeiruf mehr, da er nicht mehr die Wirklichkeit im Osten wiederspiegelt. So wie der Steimle seinen Kommissar gespielt hat, so ist die Wirklichkeit in M-V. Uns werden Wessis immer wieder vor der Nase gesetzt werden. Die Diskriminierung von Ostdeutschen ist nun einmal Fakt und da kann die Westspitze des NDR auch mit ihrer Taktik nichts dagegen machen. es ist kein Otsdeutscher nach 20 Jahren an das BVerfG berufen worden. Es gibt Westdeutsche, die in Ostdeutschen Ländern Minister und Ministerpräsidenten werden, aber nicht andresherum. es ist ja auch klar, weil die Mentalität von den Westdeutschen nun einmal arrogant und überheblich ist. Ausgrenzen konnten sie schon immer gut.
2. Schade
Asirdahan 18.04.2010
Wir werden mit Krimis überflutet. Die aus Schwerin waren vielleicht nicht besser, aber Uwe Steimle ist ein Typ!! Nicht die 08/15-Kommissare, der hat mir gut gefallen. Nun kommt wieder die alte Leier, netter junger Mann, hübsche junge Frau lösen gemeinsam die Fälle. Naja, wem's gefällt. Ich finde es schade, dass Hinrichs nicht mehr da ist.
3. Monsieur, es würgt mich!
job48 18.04.2010
Zitat von EineStimmeSo weit kommt's noch, dass ein Ossi an das Bundesverfassungsgericht berufen wird! Wen schlagen Sie denn vor: Gysi alias IM Notar oder irgendeiner der Pseudo - Juristen aus der Stasi? Üben Sie etwas Demut und arbeiten Sie ihre Geschichte auf, dann sehen wir weiter !
Ich selbst bin zwar kein "Ossi", wie Sie in Ihrer Schlichtheit formulieren, aber es dünkt mich, dass auch Sie etwas aufzuarbeiten haben. Um in Ihrer Diktion zu bleiben, muss ich als jemand, der nicht betroffen ist, feststellen, dass Sie mit dem Stil ihres Beitrags das Klischee vom "Wessi" in perfekter Weise bedienen.
4. .
stormking 18.04.2010
Zitat von AsirdahanNun kommt wieder die alte Leier, netter junger Mann, hübsche junge Frau lösen gemeinsam die Fälle.
Wie wäre es wenn Sie den Artikel erstmal lesen würden, bevor Sie ihn kommentieren?
5. Lächerlich!
ghostdog674 18.04.2010
@Monsieur Rainer: es geht hier nicht um politische befindlichkeiten, sondern um einen ard fernsehkrimi. diese kleingeistigen einlassungen die am eigentlichen thema komplett vorbei gehen, sollten sie bei ihren freunden im schützenverein oder wo auch immer zum besten geben!
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