Neuer "Tatort" aus Dortmund Dosenravioli für den Zombie

Angstmacher, Chaosstifter, Kollegenschwein: Für den neuen WDR-"Tatort" jagt Jörg Hartmann als Untoter auf Dosenfutter und Antidepressiva durchs strukturwandelgeplagte Dortmund. Die legendären Ruhrpott-Cops Haferkamp und Schimanski wären stolz auf ihren Nachfolger.

WDR

Von


Schwer zu sagen, ob der Mann den Überblick über die Stadt sucht oder ob er sich in die Tiefe stürzen will. So, wie Kommissar Peter Faber am Anfang des neuen Dortmunder "Tatort" am äußersten Rande des Dachs eines Schulgebäudes grimmig in die Weite starrt, könnte man beides für möglich halten. Der Schulhausmeister verscheucht ihn sicherheitshalber, einen wie Faber hat niemand gerne um sich. Soll er doch woanders sterben.

Auch Fabers Kollegen fremdeln. Wenn der neue Chef Anweisungen gibt, schaut er gerne an seinem Gegenüber vorbei. Droht ihm eine Situation über den Kopf zu wachsen, schmeißt er auf der Toilette ein paar Pillen ein. Will er nachdenken, zwängt er sich in eine Schrankwandnische seines Büros. Ein Genie an der Grenze zur Soziopathie. Jetzt bitte bloß keine Dr. House-Klischees.

Zum Glück konnte Jörg Hartmann für die Rolle des Fabers gewonnen werden, einer der ganz wenigen deutschen Schauspieler, der sich niemals an das Publikum auf der Fernsehcouch ranzukumpeln versucht. In der DDR-Soap "Weissensee" gab er formvollendet den Stasi-Opportunisten, in der ZDF-Reihe "Bella Block" als Revierchef den Machtkasper, in dem Gerichtsdrama "Das Ende einer Nacht" einen undurchsichtigen Unternehmer mit sadistischen Neigungen. Sagen wir mal so: Hartmann beherrscht das Rollenfach des Arschlochs in all seinen Facetten.

Im Schatten von Haferkamp und Schimanski

Im neuen "Tatort"-Revier des WDR spielt er Ermittler Faber nun als wandelnden Widerspruch: halb als Suizidkandidaten, halb als Kontrollfreak. Eine Darstellung, die man so noch nicht gesehen hat. Gut so.

Schließlich muss sich Hartmann als erster "Tatort"-Ermittler aus dem Ruhrpott seit langer, langer Zeit aus dem Schatten schon mythischer TV-Größen herausspielen: In den Siebzigern zog Hansjörg Felmy als Haferkamp seine Runden durch Essen. Die Stadt stand Grau in Grau, der deutsche Herbst lag schwer über dem Land. Die Zeit war bleiern, doch Feingeist und Bulettenfreund Haferkamp setzte einen feinen Jazz-Groove dagegen. Einen Fall, kein Witz, löste er, indem er wieder und wieder Miles Davis' "Sketches of Spain" auflegte und dabei über die Kunst der Fleischkloßzubereitung philosophierte. In den Achtzigern klang dann aus Duisburg Asi-Rock herüber, während Götz George als Schimanski in der Ära der großen Streiks rohe Eier fraß und Bier in sich hineinschüttete.

Wie soll Hartmann gegen dieses Zeitkolorit, gegen diese schauspielerische Urgewalt anstinken? Zumal er auf Distanz zum vielzitierten "Revier" geht: Sein Kommissar Faber zog, so heißt es einmal im neuen "Tatort", aus dem Pott weg, als die letzten Zechen geschlossen wurden. Jetzt hat er den Anschluss verpasst und steht da in einer Stadt, wo jede Förderanlage zur Kulturfabrik oder zum Technologiezentrum umgebaut worden ist.

Dortmund zwischen gestern und morgen

Um Haferkamp tobte der bewaffnete Widerstand, um Schimanski der Arbeitskampf - um Faber nun aber nur ein ziemlich abstrakter Konflikt namens Strukturwandel. Wie stellt man sowas dar?

Die Schöpfer des Dortmunder "Tatort" (Buch: Jürgen Werner, Regie: Thomas Jauch) finden einen guten Weg: Wie einen Untoten auf Dosenravioli und Antidepressiva lassen sie Kommissar Faber zwischen dem alten Revier und neuen industriellen Leuchtturmprojekten hin und her jagen, zwischen zerfurchten Taubenzüchtern und jungen schicken Bionik-Ingenieuren. Dortmund strahlt hier nicht zukunftsoptimistisch, es flimmert zeitverloren zwischen gestern und morgen. Was bestens zu Kommissar Faber passt, der überall lebt, nur nicht im Heute.

Der Mord an einem schwulen Studenten führt den Chefermittler und sein Team (unter anderem Anna Schudt als kampfbereiter Counterpart) beim ersten Fall zu einem Hightech-Unternehmen, das Humanoide entwickelt. Neben dem Ermittler-Zombie wirken die Digital-Zombies geradezu menschlich. Doch bei den Untersuchungen im schwulen und verdeckt schwulen Milieu entwickelt der kaputte Kommissar auf einmal Präsenz, im Rollenspiel mit einem potentiellen Täter zeigt der Lebenmüde eine gewaltige Lebenssucht. Oder er täuscht sie nur vor. Der Zuschauer weiß tatsächlich nicht so recht, was er glauben soll.

Dass Hartmann mit diesen verstörenden schauspielerischen Grenzgängen dem WDR jene Quoten holt, die der Sender von seinen ewig kumpelnden "Tatort"-Kommissaren in Köln und Münster gewöhnt ist, darf bezweifelt werden. Zehn oder gar zwölf Millionen Zuschauer sind mit einem Angstmacher und Chaosstifter wie Hartmann wohl nicht zu machen.

Bleibt zu hoffen, dass der WDR diesen großartigen, kranken Kommissar auch bei bescheidenen Quoten am Leben lässt. Wenn er sich denn nicht selbst vom Dach stürzt.


"Tatort: Alter Ego", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
katerramus 21.09.2012
1. ist sicher nicht einfach...
Zitat von sysopWDRAngstmacher, Chaosstifter, Kollegenschwein: Für den neuen WDR-"Tatort" jagt Jörg Hartmann als Untoter auf Dosenfutter und Antidepressiva durchs strukturwandelgeplagte Dortmund. Die legendären Ruhrpott-Cops Haferkamp und Schimanski wären stolz auf ihren Nachfolger. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,856541,00.html
neue Typen einzuführen, die nicht glattgebürstet sind, - gegen die Erinnerung an gGroße.. Ich könnte mir vorstellen, dass die Macher sich mit großem Enthusiasmus an die Aufgabe gemacht haben und ich freue mich auf Sonntag.
pacificatore, 21.09.2012
2. Nä. Nicht?
Zitat von sysopWDRAngstmacher, Chaosstifter, Kollegenschwein: Für den neuen WDR-"Tatort" jagt Jörg Hartmann als Untoter auf Dosenfutter und Antidepressiva durchs strukturwandelgeplagte Dortmund. Die legendären Ruhrpott-Cops Haferkamp und Schimanski wären stolz auf ihren Nachfolger. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,856541,00.html
Untoter aus dem strukturschwachen Dortmund. Das ist vielleicht eine saublöde Werbung für das schöne Dortmund. Wer hat den Denkansatz verzapft. Kommt der aus Düsseldorf?
Cortado#13, 21.09.2012
3. Wann wird endlich der "abgewrackte" Tatort...
Zitat von sysopWDRAngstmacher, Chaosstifter, Kollegenschwein: Für den neuen WDR-"Tatort" jagt Jörg Hartmann als Untoter auf Dosenfutter und Antidepressiva durchs strukturwandelgeplagte Dortmund. Die legendären Ruhrpott-Cops Haferkamp und Schimanski wären stolz auf ihren Nachfolger. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,856541,00.html
von ARD eingestampft? ER ist schon lange nicht mehr zeitgemäss, weder im Drehbuch, noch der Regie und schon garnicht mit den Schauspielern, die nur Wanderpokale sind. Der ARD sollte doch längst ein Licht aufgegangen sein, als sie die nordischen Krimis einkauften und uns zu später Stunde sehen liessen. Welch eine Gnade, dass wir überhaupt diese äusserst spannenden Krimis mit sehr guten Schauspielern sehen dürfen!? Also den Tatort dahin, wo er hingehört, in die Mottenkiste!
spon-facebook-10000164346 21.09.2012
4. Kerzen
Wenn man im Badezimmer 30 Kerzen brennen sieht, da gibts nur eins, umschalten.Ich kenne niemanden der 30 Kerzen anzuendet.Die Tatort Regisseure und Schreiber finden das normal......Leute, Ihr habt nen Riss...
woswoistndu 21.09.2012
5.
Zitat von Cortado#13von ARD eingestampft? ER ist schon lange nicht mehr zeitgemäss, weder im Drehbuch, noch der Regie und schon garnicht mit den Schauspielern, die nur Wanderpokale sind. Der ARD sollte doch längst ein Licht aufgegangen sein, als sie die nordischen Krimis einkauften und uns zu später Stunde sehen liessen. Welch eine Gnade, dass wir überhaupt diese äusserst spannenden Krimis mit sehr guten Schauspielern sehen dürfen!? Also den Tatort dahin, wo er hingehört, in die Mottenkiste!
ich sehe eher die verantwortlichen in der sprichwörtlichen tonne. es gab genügend äußerst erfolgreiche tatort-konzepte, die sich vielleicht mit der zeit totgelaufen, aber eine breite masse angesprochen haben. letztes ausgesprochen vielversprechendes beispiel war der tatort aus hamburg, der wegen vielschichtiger und intelligenter drehbücher nebst einem brillianten cenk batu das zeug zu richtig gutem hatte. da sei doch die frage gestattet: warum stampft man sowas ein, und auch noch zugunsten dieses unsäglichen til schweiger? verantwortliche, die einer entwicklung des formats vorsätzlich ins knie schießen, sollten dringend entfernt werden!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.