Neuer "Tatort" aus Frankfurt: Die Katze und der Kotzbrocken

Sie liebt künstliche Fingernägel, er Jazz: Nina Kunzendorf und Joachim Król bilden als neue Ermittler des Frankfurter "Tatorts" ein sonderbares Paar. Christian Buß überwindet mit den beiden die Trauer über ihre Vorgänger und feiert einen formvollendeten Großstadtthriller.

"Tatort"-Ermittler Król und Kunzendorf: Dreh den Jazz auf!
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Jede große Feindschaft beginnt mit einem verbalen Schlagabtausch. Jede große Freundschaft auch. Was am Ende bei den Scharmützeln zwischen Hauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Hauptkommissar Frank Steier (Joachim Król) herauskommt, ist noch nicht absehbar. Drängt sie den Kollegen dazu, außerhalb der Dienstzeit einem potentiellen Opfer schützend zur Seite zu stehen, murrt er nur: "Wenn sie den Menschen wirklich helfen wollen, dann machen sie doch ein Nagelstudio auf, davon verstehen sie wenigstens etwas."

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Es besteht also Hoffnung, dass die einladend aufgeknöpfte Mey, die ihren Dienstrevolver so aufreizend trägt wie ihre künstlichen Fingernägel, und der verschlossene Jazz-Snob Steier doch noch über die nächsten Folgen irgendwie zueinander finden.

Obwohl: Meys und Steiers Vorgänger im Frankfurter "Tatort"-Revier, Charlotte Sänger und Fritz Dellwo, haben bei aller Gegensätzlichkeit über zehn Jahre Fernsehdienst gar nicht zueinander gefunden. Im Gegenteil, sie schienen sich über all die Folgen immer stärker abzustoßen, was auch der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Darsteller Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf geschuldet gewesen sein mag.

Dialog, Bewegung, Rhythmus

Auf dem Set soll es oft mal Stress gegeben haben, manchmal drehte man deshalb nicht nur einzelne Szenen alleine, sondern gleich ganze Folgen. Dem Frankfurter Krimi selbst hat es nicht geschadet: desolat, zerklüftet und düster schimmernd kam er daher, das war große unbequeme Fernsehkunst. Mit Sawatzki und Schüttauf wurden keine Rätsel gelöst, hier wurden keine Scherben zu einem Ganzen zusammengesetzt. Hier brach die Welt auseinander. Einfach so. Ist ja auch ein Statement.

Der neue "Tatort" des Hessischen Rundfunks hat da eine ganz andere Tonalität, Geschmeidigkeit und - trotz nachtschwarzer Impressionen und krankem Personal - einen gewissen positiven Vibe. Zweimal im Jahr wird er laufen. Ursprünglich sollte Drehbuch-Großmeister Alexander Adolph ("So glücklich war ich noch nie") die Figuren und das Szenario entwickeln, doch als er aus persönlichen Gründen von dem Unterfangen zurücktrat, übernahm Regisseur Lars Kraume ( "Die kommenden Tage") diese Aufgabe.

Kraumes Inszenierung für die erste Episode, "Eine bessere Welt", man kann es nicht anders sagen, ist formvollendet: Er setzt auf Dialoge, Bewegung, Rhythmus. Und verzichtet dabei doch auf herkömmliche Filmmusik. Nur wenn sich die Tür des Büros vom Einzelgänger Steier öffnet, wird die Szenerie mit dem Breitwandjazz von Matthew Herbert geflutet, der aus der Anlage des Kommissars fließt.

Die Bluse und der Blues

Ansonsten folgt Regisseur Kraume seinen Charakteren still durch die langen Gänge, hetzt sie in kleinen, feindseligen Verbal-Attacken aufeinander und lässt sie eher zufällig in ihren ersten Fall schlittern. Es geht um den Vater eines Unfallopfers (Justus von Dohnányi), der Jagd macht auf eine junge Frau (Vicky Krieps), von der er glaubt, sie habe seinen Sohn auf dem Gewissen. Man ist hier also eher um die Verhinderung eines Verbrechens bemüht als um dessen Aufklärung. So kommen die zwei unterschiedlichen Ermittler zusammen.

Wie subtil die beiden bei aller plakativen Andersartigkeit gezeichnet sind, fällt besonders dann auf, wenn man sie mit dem ähnlich angelegten Team vom "Tatort" aus Leipzig vergleicht: Wo Martin Wuttke den immer gleichen Griesgram gibt, windet sich Król beizeiten aus seiner ostentativen Menschenfeindlichkeit, etwa wenn er sich in einer anrührend-aufwühlenden Szene einem zwei Köpfe größeren, wütenden Streifenbullen entgegenstellt, um der Ermittlerkollegin ein Zeichen seiner Anerkennung zukommen zu lassen. Und wo Simone Thomalla in Leipzig als Gerechtigkeitsbrumme in etwas zu engen Jeans immer wie blöde auf den Boden stampft, entwickelt Kunzendorf eine ungeheure Leichtfüßigkeit. Auch und gerade in hochhackigen Cowboystiefeln: In einer Szene schwingt sie sich ohne jede Ankündigung ein vierstöckiges Baugerüst hoch.

Die Katze und der Kotzbrocken, die Bluse und der Blues: Wie schon beim neuen "Tatort" aus Wiesbaden mit Ulrich Tukur ist es dem Hessischen Rundfunk gelungen, Ermittler zu erfinden, die trotz schillernder Persönlichkeit dazu taugen, ganz in dem Fall aufzugehen, den sie gerade abzuarbeiten haben.

Der Tukur-"Tatort" lief zu Recht zum 40-jährigen Jubiläum der Reihe, die Premiere von Król und Kunzendorf ist nun der stolze Beitrag des Hessischen Rundfunks zum Jubiläum der 800. Folge. Wir hätten nichts dagegen, wenn Król und Kunzendorf irgendwann auch die Tausendste bestreiten würden.


"Tatort: Eine bessere Welt", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 22 Beiträge
Mustermann1000 06.05.2011
Recht düster wie die Vorgänger des neuen Frankfurter Tatorts beschrieben werden. Sie haben aber immerhin den Deutschen Fernsehpreis für den besten Fernsehfilm gewonnen mit "Weil sie böse sind". Sollen die neuen erst mal [...]
Recht düster wie die Vorgänger des neuen Frankfurter Tatorts beschrieben werden. Sie haben aber immerhin den Deutschen Fernsehpreis für den besten Fernsehfilm gewonnen mit "Weil sie böse sind". Sollen die neuen erst mal nachmachen. Aber trotzdem viel Erfolg. Ich bin schon gespannt.
günterjoachim 06.05.2011
Herr Buß findet den neuen Tatort aus Frankfurt gut, da ist leider dann vermutlich gähnende Langeweile garantiert.
Herr Buß findet den neuen Tatort aus Frankfurt gut, da ist leider dann vermutlich gähnende Langeweile garantiert.
hazadeur 06.05.2011
Jazz? Oh wie kotzig! Wenn der Tatort so spannend wird wie dieser Musikstil, schlafen einem die Füße schon Tage vorher ein. Bleibt nur zu hoffen, dass sich diese Mißklänge nicht in der Filmmusik wiederfinden. Verstehe gar nicht [...]
Zitat von sysopSie liebt künstliche Fingernägel, er Jazz: Nina Kunzendorf und Joachim Król bilden als neue*Ermittler des Frankfurter "Tatorts" ein sonderbares Paar.*Christian Buß überwindet mit den beiden die Trauer über ihre Vorgänger und feiert in seiner Krimikolumne einen formvollendeten Großstadtthriller. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,760681,00.html
Jazz? Oh wie kotzig! Wenn der Tatort so spannend wird wie dieser Musikstil, schlafen einem die Füße schon Tage vorher ein. Bleibt nur zu hoffen, dass sich diese Mißklänge nicht in der Filmmusik wiederfinden. Verstehe gar nicht warum immer wieder so 'ne pseudo Gebildetenmucke herhalten muss. Das ist doch ein ganz tiefer Griff in die Klischeeschublade. Warum nicht mal was Frisches? 'nen "Metaller" z.B. Der kann dann mal was vom Wacken berichten statt aus'm drögen Jazzkeller. Aber so greift der Herr Kommissär halt zum Saxsophon statt zur Dienstwaffe und schläfert den Übeltäter mit ein paar Blue Notes ein. Aber o.k. ist ja nur Unkerei - hoffe, dass mehr als der übliche Betroffenheitskrimi bei rauskommt. Tatort Münster macht es vor und zeigt wie es gehen kann.
metaller16 06.05.2011
mir auch mal wieder die Frankfurter angucken. Jetzt wo diese dünne leichenblasse Person weg ist.
mir auch mal wieder die Frankfurter angucken. Jetzt wo diese dünne leichenblasse Person weg ist.
singularität 06.05.2011
Nee, geht nicht. Der CSI-Mac-Taylor schleicht ja auch immer mal ins Jazzlokal um ein bissl zart an den Saiten zu zupfen, das muß nun auch im Tatort her. Eigene Ideen sind nicht so gefragt, sonst wird's Drehbuch zu teuer und es [...]
Zitat von hazadeurJazz? Oh wie kotzig! ... Warum nicht mal was Frisches? 'nen "Metaller" z.B. Der kann dann mal was vom Wacken berichten statt aus'm drögen Jazzkeller.
Nee, geht nicht. Der CSI-Mac-Taylor schleicht ja auch immer mal ins Jazzlokal um ein bissl zart an den Saiten zu zupfen, das muß nun auch im Tatort her. Eigene Ideen sind nicht so gefragt, sonst wird's Drehbuch zu teuer und es bleibt von den GEZ-Milliarden kein Mittagessen für Chefetage übrig.
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  • Freitag, 06.05.2011 – 16:37 Uhr
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Zum Autor
Jeannette Corbeau
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er schaut mehr Fernsehen als Familie und Freunde für ratsam halten. TV-Krimis sind für ihn mehr als Täterrätsel - sie öffnen ihm Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Mordsunterhaltsam sind die Filme zuweilen natürlich auch.





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