Jede große Feindschaft beginnt mit einem verbalen Schlagabtausch. Jede große Freundschaft auch. Was am Ende bei den Scharmützeln zwischen Hauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Hauptkommissar Frank Steier (Joachim Król) herauskommt, ist noch nicht absehbar. Drängt sie den Kollegen dazu, außerhalb der Dienstzeit einem potentiellen Opfer schützend zur Seite zu stehen, murrt er nur: "Wenn sie den Menschen wirklich helfen wollen, dann machen sie doch ein Nagelstudio auf, davon verstehen sie wenigstens etwas."
Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Es besteht also Hoffnung, dass die einladend aufgeknöpfte Mey, die ihren Dienstrevolver so aufreizend trägt wie ihre künstlichen Fingernägel, und der verschlossene Jazz-Snob Steier doch noch über die nächsten Folgen irgendwie zueinander finden.
Obwohl: Meys und Steiers Vorgänger im Frankfurter "Tatort"-Revier, Charlotte Sänger und Fritz Dellwo, haben bei aller Gegensätzlichkeit über zehn Jahre Fernsehdienst gar nicht zueinander gefunden. Im Gegenteil, sie schienen sich über all die Folgen immer stärker abzustoßen, was auch der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Darsteller Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf geschuldet gewesen sein mag.
Dialog, Bewegung, Rhythmus
Auf dem Set soll es oft mal Stress gegeben haben, manchmal drehte man deshalb nicht nur einzelne Szenen alleine, sondern gleich ganze Folgen. Dem Frankfurter Krimi selbst hat es nicht geschadet: desolat, zerklüftet und düster schimmernd kam er daher, das war große unbequeme Fernsehkunst. Mit Sawatzki und Schüttauf wurden keine Rätsel gelöst, hier wurden keine Scherben zu einem Ganzen zusammengesetzt. Hier brach die Welt auseinander. Einfach so. Ist ja auch ein Statement.
Der neue "Tatort" des Hessischen Rundfunks hat da eine ganz andere Tonalität, Geschmeidigkeit und - trotz nachtschwarzer Impressionen und krankem Personal - einen gewissen positiven Vibe. Zweimal im Jahr wird er laufen. Ursprünglich sollte Drehbuch-Großmeister Alexander Adolph ("So glücklich war ich noch nie") die Figuren und das Szenario entwickeln, doch als er aus persönlichen Gründen von dem Unterfangen zurücktrat, übernahm Regisseur Lars Kraume ( "Die kommenden Tage") diese Aufgabe.
Kraumes Inszenierung für die erste Episode, "Eine bessere Welt", man kann es nicht anders sagen, ist formvollendet: Er setzt auf Dialoge, Bewegung, Rhythmus. Und verzichtet dabei doch auf herkömmliche Filmmusik. Nur wenn sich die Tür des Büros vom Einzelgänger Steier öffnet, wird die Szenerie mit dem Breitwandjazz von Matthew Herbert geflutet, der aus der Anlage des Kommissars fließt.
Die Bluse und der Blues
Ansonsten folgt Regisseur Kraume seinen Charakteren still durch die langen Gänge, hetzt sie in kleinen, feindseligen Verbal-Attacken aufeinander und lässt sie eher zufällig in ihren ersten Fall schlittern. Es geht um den Vater eines Unfallopfers (Justus von Dohnányi), der Jagd macht auf eine junge Frau (Vicky Krieps), von der er glaubt, sie habe seinen Sohn auf dem Gewissen. Man ist hier also eher um die Verhinderung eines Verbrechens bemüht als um dessen Aufklärung. So kommen die zwei unterschiedlichen Ermittler zusammen.
Wie subtil die beiden bei aller plakativen Andersartigkeit gezeichnet sind, fällt besonders dann auf, wenn man sie mit dem ähnlich angelegten Team vom "Tatort" aus Leipzig vergleicht: Wo Martin Wuttke den immer gleichen Griesgram gibt, windet sich Król beizeiten aus seiner ostentativen Menschenfeindlichkeit, etwa wenn er sich in einer anrührend-aufwühlenden Szene einem zwei Köpfe größeren, wütenden Streifenbullen entgegenstellt, um der Ermittlerkollegin ein Zeichen seiner Anerkennung zukommen zu lassen. Und wo Simone Thomalla in Leipzig als Gerechtigkeitsbrumme in etwas zu engen Jeans immer wie blöde auf den Boden stampft, entwickelt Kunzendorf eine ungeheure Leichtfüßigkeit. Auch und gerade in hochhackigen Cowboystiefeln: In einer Szene schwingt sie sich ohne jede Ankündigung ein vierstöckiges Baugerüst hoch.
Die Katze und der Kotzbrocken, die Bluse und der Blues: Wie schon beim neuen "Tatort" aus Wiesbaden mit Ulrich Tukur ist es dem Hessischen Rundfunk gelungen, Ermittler zu erfinden, die trotz schillernder Persönlichkeit dazu taugen, ganz in dem Fall aufzugehen, den sie gerade abzuarbeiten haben.
Der Tukur-"Tatort" lief zu Recht zum 40-jährigen Jubiläum der Reihe, die Premiere von Król und Kunzendorf ist nun der stolze Beitrag des Hessischen Rundfunks zum Jubiläum der 800. Folge. Wir hätten nichts dagegen, wenn Król und Kunzendorf irgendwann auch die Tausendste bestreiten würden.
"Tatort: Eine bessere Welt", Sonntag 20.15 Uhr, ARD
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Im Fadenkreuz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH