Neuer ZDF-Krimi "Die letzte Spur": Die Supernasen

Von Daniela Zinser

Retten, was zu retten ist: Im neuen ZDF-Krimi "Die letzte Spur" sucht ein Ermittlerteam fieberhaft nach Vermissten - immer in der Hoffnung, ein Verbrechen noch verhindern zu können. Die raffinierte Mini-Serie ist ein kleiner Fernseh-Glücksfall, denn sie gibt spannende Rätsel auf.

ZDF-Krimi "Die letzte Spur": Spannung, Liebe, Hoffnung Fotos
ZDF

Die Hoffnung auf ein Happy End stirbt bei den meisten Fernsehkrimis gleich zu Beginn. Dass es doch kein Mord war, dass das vermeintliche Opfer noch lebt - alles Hoffen ist vergebens, wenn sich die Ermittler in den ersten fünf Minuten über eine Leiche beugen. Was bleibt, ist die Rekonstruktion: Wer war's? Wie geschah's? Wann? Und warum?

Beim neuen ZDF-Freitagskrimi "Die letzte Spur" ist das anders. In der von Orkun Ertener ("KDD") konzipierten, vorerst sechsteiligen Serie sucht ein Team von vier Ermittlern am Berliner LKA nach Menschen, die als vermisst gemeldet wurden: Familienväter, ehemalige Top-Terroristen, eine Schülerin, ein Spielzeugfabrikant. Sie alle leben vielleicht noch, sind aber sicher in Gefahr. Die Zeit drängt und der Druck, der auf den Fahndern lastet, macht die Spannung der Krimireihe aus, die an die US-Serie "Without a Trace" erinnert.

Es geht nicht um Sühne, nicht um Rache, es gibt keine Actionszenen und kaum Verhöre. Dafür gehen die Geschichten nah ran an die menschlichen Dramen, an die quälende Frage: Was hat der Vermisste zu verbergen, welches Leben lief ab neben dem, das die Zurückgeblieben kannten?

In der ersten Folge schält sich dramaturgisch klug gemacht Schicht um Schicht so eines "echten" Lebens heraus. Es beginnt fast kitschig: Die schwangere Mutter streicht das Kinderzimmer, die kleine Tochter spielt mit dem Vater Verstecken, der Hund schnüffelt munter hinterher, der Farbeimer kippt um, alle sind hellblau und glücklich. Doch auf dem Weg, neue Farbe zu holen, verschwindet der Vater. Und nach und nach kommt heraus: Er ist nicht der Vater des Mädchens, der Ex-Mann der Frau hat ihn bedroht, der Vermisste hat selbst eine Frau in Hamburg, die von nichts weiß. Es geht um Erpressung, um einen Pharmazieskandal, um Krebs, vielleicht um eine journalistische Enthüllung...

Ein Chef mit Tränen in den Augen

Wer ist hier Opfer, wer Täter? Wer ist Freund, wer Feind des Vermissten? Unter www.dieletztespur.zdf.de können die Zuschauer zeitgleich zur Sendung per Laptop, Tablet oder Smartphone mitermitteln. Der Link führt zu einer "Second Screen"-Anwendung, bei der die Filmfiguren auf einer virtuellen Magnettafel bewertet und diese Einschätzungen ständig verändert werden können. Dort sieht man auch, wie andere Zuschauer die Figuren einschätzen und kann sich darüber austauschen.

Zu diskutieren gibt es reichlich, denn die 45 Fernsehminuten sind prall gefüllt mit Informationen. Das Spiel mit dem Suchen, Finden, Verstecken, die Dringlichkeit, das macht "Die letzte Spur" mitreißender und emotionaler als manch anderen Krimi. Dazu tragen die Ermittler bei. Alle vier sind sie fern davon, Zyniker zu sein. Hans-Werner Meyer spielt den empathischen, tiefgründigen Chef, Kriminalhauptkommissar Oliver Radek, dem schon mal Tränen in den Augen stehen, der aber unerbittlich ist, sich selbst und den Kollegen gegenüber, wenn es dem Fall dient.

Ein bisschen Pepp und Ironie bringt Jasmin Tabatabai als Mina Amiri rein, deren Herz so groß wie ihre Klappe ist. Ob als Geburtshelferin oder wenn es darum geht, dem Ex zu drohen - sie ist bereit. Florian Panzner kommt als Daniel Prinz neu ins Team, hat noch die ruppigen Methoden der Mordkommission drauf und selbst erfahren, wie das ist, wenn der Vater plötzlich spurlos verschwindet. Außerdem hatte er mal was mit seiner neuen Kollegin Sandra Reiß (Susanne Bormann); die Jüngste im Team bleibt eher blass, eine ehrgeizige Unnahbare.

Die Vier funktionieren gut zusammen, das angedeutete Privatleben (der blinde Philosophie-Prof als Ehemann zu Hause, der vermisste Vater, die unaufgearbeitete Beziehung) weckt Interesse an mehr und die Möglichkeit, dass doch noch was zu retten ist, ist tröstlich. Oder, wie Kommissar Prinz es ausdrückt: "Fassen wir einen Mörder, macht das keinen mehr lebendig. Klären wir einen Einbruch, dann freut sich die Versicherung. Geht ein Dealer in den Knast, gibt es deswegen keinen Junkie weniger. Aber wenn wir einen Vermissten finden, dann helfen wir."

Und die Hoffnung lohnt sich, auch wenn ein Happy End nicht immer vollkommen glücklich sein muss. Oder sein kann.


"Die letzte Spur", Freitag, 21.15 Uhr, ZDF

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1.
hatem1 19.04.2012
Das einzig Verwunderliche an "Die letzte Spur" ist offenbar, wie lange das ZDF gebraucht hat, um "Without a trace" zu kopieren. Selbst die Besetzung scheint abgekupfert: Hans Werner Meyer gibt schmallippig den Anthony LaPaglia, die blonde Poppy Montgomery wird von Susanne Borbach ersetzt und statt der schwarzen Marianne Jean-Baptiste gibt es die iranischstämmige Jasmin Tabatabai. Gibt es einen Grund, nicht gleich zum Original aus den USA zu greifen?
2.
r.pfeuffer 20.04.2012
Größer kann der Schrott nicht mehr werden, keine Krimi-arbeit, der Fall hat sich privat gelöst, die Polizei durftte mit Balulicht fahen und Hebamme spielen.
3.
hatem1 21.04.2012
Nachdem ich die erste Folge gesehen habe, würde ich sagen: Wenn man mit den Figuren lieber in Berlin unterwegs ist, statt in New York, dann sollte man "Die letzte Spur" sehen. Ansonsten würde ich doch zum Original greifen. Für mich ist nicht so recht erkennbar, wieso hier gleich vier Polizisten herumermitteln, diese Frage hat sich mir bei "Without a trace" nicht gestellt. Susanne Bormann wirkt tatsächlich wie Poppy Montgomerys deutsche Zwillingsschwester und H.W. Meyer schaut zwar angemessen betroffen, aber Anthony LaPaglia kann er nicht ersetzen.
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