Stefan Raabs neues Format Germany's Next Schautalk

Müssen Jauch, Will, Plasberg und Co. die Konkurrenz auf Pro7 fürchten? Nicht wirklich. Stefan Raab nennt sein neues Format "Absolute Mehrheit" zwar Talkshow - was er aber tatsächlich vorhat, ist eine Kandidatenshow im Politikermilieu, die auf ein junges Publikum zielt.

TV-Moderator und Entertainer Stefan Raab: "Die Masse will kein detailliertes Eindringen"
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TV-Moderator und Entertainer Stefan Raab: "Die Masse will kein detailliertes Eindringen"

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Eigentlich hätte er seine neue Sendung ja "Absolute Frechheit" nennen wollen, frotzelte Stefan Raab. Aber den Titel hätte sich schon Günther Jauch gesichert. Also heißt das neue Pro7-Format jetzt "Absolute Mehrheit" - und es soll nicht weniger können als "dem dahinsiechendem Polittalk neues Leben einzuhauchen", wie eine sonore Männerstimme im Trailer versprach, den der Sender am Mittwoch bei Mettbrötchen und Lachs-Häppchen am Hamburger Hafenrand den Journalisten vorspielte.

In Wahrheit wird sich - zumindest nach dem Konzept, das Raab und sein Sidekick Peter Limbourg am Mittwoch präsentierten - die Show weniger um das Talken drehen als um das Voten. Denn die vier bis fünf Politiker, die der TV-Total-Macher in die Runde bittet, werden Kandidaten eines Diskussionswettkampfes sein. Nach jeder Runde bekommt das Publikum zunächst vom Ex-N24-Chef Limbourg eine Kurzanalyse vorgekaut - und darf dann die Gäste bewerten.

Wer nach der zweiten Runde die wenigsten Stimmen hat, fliegt raus. Wer am Ende beim Zuschauervoting die - Achtung! - absolute Mehrheit erhält, bekommt ein Preisgeld von 100.000 Euro - einen "Ehrensold", wie Raab es nennt. "Die erste Polit-Talkshow mit Ergebnis", tönt es im Pro7-Trailer zur Sendung.

Es geht um die Jungen und die ganz Jungen

Man habe es abgesehen auf die "Zielgruppen, die die Politiker heute nicht mehr erreichen", erläutert Limbourg. Sprich: Es geht um die Jungen und die ganz Jungen, die Teens und Twens, die auch heute schon das Raab'sche Stammpublikum bilden. "Spannung entsteht dann, wenn der Zuschauer das Ergebnis miterleben will", medienphilosophiert Raab. "So funktioniert Unterhaltung - wenn Sie junge Zielgruppen begeistern wollen."

Dem Spielshow-Gedanken folgend soll es pro Sendung vier Themen geben, an denen sich die Gäste-Kandidaten abarbeiten dürfen. Bei monothematischen Sendungen könnten sich die Gäste ja tagelang vorbereiten und von ihren Referenten coachen lassen. Das soll bei "Absolute Mehrheit" nicht möglich sein. "Es können auch sehr kurzfristige Themen sein", erklärte Raab. "Damit die Politiker auch zeigen können, wie nah sie eigentlich am politischen Leben dran sind."

Vier Themen in neunzig Minuten? Dass politische Hintergründe und komplexe Zusammenhänge bei dieser Tour de force keinen Platz finden, hält der Moderator für unproblematisch: "Die Masse will ein detailliertes Eindringen in die Materie nicht."

"Die Leute sind nicht so doof"

Sprich: Die Crux des Talkshow-Wesens - dass Politiker Sachthemen zum Rohmaterial für ihre Profilierung machen - wird bei "Absolute Mehrheit" zum Prinzip erhoben: Es gewinnt, wer gefällt. "Ich glaube, die Leute sind nicht so doof, wie viele meinen", verteidigt Raab das Konzept. Es werde spannend sein, zu beobachten, wie der Zuschauer auf die Kandidaten reagiert: "Fällt er auf einen Populisten rein? Bekommt der Schnösel eine Chance, wenn er gute Argumente hat?" Fragen, die in einer Spielshow am Sonntagabend nach dem Spielfilm womöglich ins Schwarze treffen - für die politische Agenda dürfte ein solcher Schautalk eher weniger relevant sein.

Dennoch glaubt Raab nicht, dass er Schwierigkeiten haben könnte, Spitzenpolitiker als Gäste zu rekrutieren: "Ich mache mir da überhaupt keine Sorgen. Die müssen neue Zielgruppen erschließen und deswegen werden die auch kommen. Und die, die kommen, werden vom Publikum auch dafür belohnt werden, dass sie nicht die Buxe voll haben."

Den Fehdehandschuh, den der ARD-Intendant Thomas Baumann hinwarf, als er erklärte, er halte es für "abwegig", bei einer Talkshow Mehrheiten mit Geldprämien zu belohnen, nahm der Pro7-Star dankbar auf: "Ich habe mich über diese Bemerkung sehr gefreut", erklärte Raab. "Wenn die ARD etwas Scheiße findet, heißt es in der Regel, dass es ein echter Kracher wird". Er selbst schaue zwar viele Talkshows, "aber länger als zehn Minuten halte ich da nicht durch".



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Seite 1
inbay 13.09.2012
1.
Zitat von sysopDPAMüssen Jauch, Will, Plasberg und Co. die Konkurrenz auf Pro7 fürchten? Nicht wirklich. Stefan Raab nennt sein neues Format "Absolute Mehrheit" zwar Talkshow - was er aber tatsächlich vorhat, ist eine Kandidatenshow im Politikermilieu, die auf ein junges Publikum zielt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,855504,00.html
Spontan möchte man die Idee für gut halten weil sie ein Publikum anzieht das sich sonst nicht für Politik interessiert. Weiter gedacht ist das Format aber schlecht denn der Sinn von Kommunikation und Diskussion sollte die objektivierte Wahrheit beziehungsweise das Ergebnis sein. Wenn Geld aber die Triebfeder für die Diskussion ist wird Politik endgültig zur Klamotte und alle Zivilisations Kritiker, Subkulturen Hartzer und Aussteiger bekommen die Bestätigung ihre Weltbildes.
Nonatomic, Retain 13.09.2012
2.
Stefan Raab ist ein Mann, der zu seinem Vorteil noch immer von vielen missunterschätzt wird, weil er Spaß hat und Spaß von vielen mit unseriöser oder unproduktiver Arbeit verwechselt wird. Es wäre keine Überraschung, wenn die Marktanteile ihm auch diesmal Recht geben werden und von meiner Seite wäre es ihm zu gönnen, nicht zuletzt, weil er sein Handwerk deutlich besser versteht, als seine Konkurrenten, allen voran die Öffentlich-Rechtlichen Medien. Es ist allgemein traurig zu beobachten, wie unterentwickelt das Fernsehen noch im Vergleich zu anderen Plattformen oder Netzwerken wie das Web ist. Dabei gibt es so viele so leicht umsetzbare Systeme und Funktionen, die in größerem Umfang auf TV-Formate angewandt werden können. Ein Punkt ist zum Beispiel die Steigerung der Interaktivität des Fernsehens, auch unabhängig von kostenpflichtigen Anrufen, aber übers Netz usw. Wieso werden z. B. bei Plasberg noch immer die Zuschauerkommentare von einer gelangweilten Frau vorgelesen anstatt unscheinbar mit geschicktem Design in Echtzeit samt Nutzerbewertungen eingeblendet zu werden? Wieso wird, obwohl mit solch einer hohen Frequenz neue Receiver-Hardware und -Firmware ausgerollt wird, nicht mal eine Schnittstelle entwickelt, die Zuschauern direkte Abstimmungen oder das Senden irgendwelcher Befehle direkt in die Sendungen per Knopfdruck mit der Fernbedienung (sogar evt. kostenpflichtig mit PayPal & Co., wodurch es für Beteiligte wieder interessant wird) ermöglicht? Es gibt noch so viele mögliche Ideen, die auf diese veralteten Medien angewandt werden könnten, aber den meisten Sendern ist noch nicht mal das sinnvolle Nutzen der Bildschirmfläche durch weniger störende Einblendungen zuzutrauen. Es ist ähnlich wie mit dem Kampf des Silicon Valley gegen Hollywood und die Musikindustrie, und letztere sehen gerade ziemlich alt aus, denn wenn sie selbst zu faul oder geizig sind, einfachste Ideen umzusetzen, werden sie ersetzt, weil Apple, Microsoft und die anderen Jungs es einfach selbst umsetzen. Oder sie sehen sich gezwungen, ihre veralteten Geschäftsmodelle mittels Klagen gegen Köpfe wie Kim Schmitz zu verteidigen...
Torfkopp 13.09.2012
3. Ist schon klar,
Zitat von sysopDPAMüssen Jauch, Will, Plasberg und Co. die Konkurrenz auf Pro7 fürchten? Nicht wirklich. Stefan Raab nennt sein neues Format "Absolute Mehrheit" zwar Talkshow - was er aber tatsächlich vorhat, ist eine Kandidatenshow im Politikermilieu, die auf ein junges Publikum zielt. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,855504,00.html
öffnet die Tore der Arena und lasst die Löwen herein. Brot und Spiele für den Pöbel - Hauptsache man verdient sich am Voting dumm und dusselig. Die "Wahlentscheidung" dürfte sich bei der Zielgruppe nach den selben Kriterien richten wie bei DSDS und anderen Formaten - jedoch NICHT an der Reflektion des Gesagten. Passt ja dann wieder alles, um die nachfolgende Generation noch blöder zu machen, als sie leider ohnehin schon ist dank des Kommerzes.
badduck 13.09.2012
4. Und
die 100000 € Irrensold der Showpolitiker werden dann in einen Fond eingezahlt um die Hirnschäden der Zuschauer behandeln zu können? Vielleicht fällt auch etwas davon für die Pro7 Strategen ab? Super Konzept! Raab, Jauch, Will, Plasberg, whoever, müssen sich 10 Stunden lang, ohne Unterbrechung, Sendungen ihrer Konkurrenten ansehen und werden danach von irgendwem mit irgendwelchen Fragen bombardiert, bewertet und bestraft. Auch ein nettes Konzept?!
dommi83 13.09.2012
5. Zwiegespalten
Ich bin ja sehr skeptisch, was das Format angeht. Ich glaube, dass die Seriosität auf der Strecke bleiben wird, solange das Ganze als eine Art Gameshow aufgezogen wird. Damit bleibt zwar gewährleistet, dass sich entsprechende Abgeordnete auch für die Teilnahme interessieren und motivieren können; andererseits werden sich auf den Stühlen weniger bekannte Politiker tummeln, auch solche, deren Diäten und sonstige Bezüge "nicht zum Überleben reichen". Weiterhin vermute ich, dass es auch Stefan Raab an der nötigen Seriosität mangelt, auch wenn er bei Song Contests das Gegenteil bewiesen hat - trotzdem entgleitet ihm gelegentlich ein inadäquater Spruch, den wohl wieder einmal nur er selbst lustig finden wird. Darüber hinaus wird die Show sich auf wenige Themen aus der Bundespolitik beschränken, Themen auf Landesebene erreichen nur einen Teil der Zielgruppe. Das soll nicht heißen, dass das nicht möglich wäre, aber ich glaube kaum, dass sich ein Bajuware für Bremer "Lokalpolitik" interessieren dürfte. (Womit ich natürlich niemandem zu Nahe treten möchte...) Im Gegenzug ist die Idee gar nicht so verkehrt! Politikverdrossenheit und Desinteresse bezüglich des politischen Alltagsgeschehens ziehen sich durch alle Altersgruppen. Vielleicht erreicht Raab damit endlich auch mal die in dieser Hinsicht unaufgeklärten Jugendlichen und Geringverdiener, die sich tatsächlich mal ein eigenes (wenn auch verfremdetes) Bild von den entsprechenden Personen machen können, statt diese aus wohlbekannten Boulevardblättern vorgekaut zu bekommen und der Einfachheit halber zu adaptieren. Dies ist auch dringend nötig, um den Bürgern aufzuzeigen, dass sie mitbestimmen können und müssen; dass ihre Stimme auch Gewicht hat; dass nicht zu wählen und Nichtstun Hand in Hand gehen. Ihm obliegt dabei eine große Verantwortung. Ich werde trotzdem nicht einschalten, denn das deutsche Privatfernsehen habe ich ohnehin schon vor Jahren abgeschrieben.
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