Von Christoph Twickel
Eigentlich hätte er seine neue Sendung ja "Absolute Frechheit" nennen wollen, frotzelte Stefan Raab. Aber den Titel hätte sich schon Günther Jauch gesichert. Also heißt das neue Pro7-Format jetzt "Absolute Mehrheit" - und es soll nicht weniger können als "dem dahinsiechendem Polittalk neues Leben einzuhauchen", wie eine sonore Männerstimme im Trailer versprach, den der Sender am Mittwoch bei Mettbrötchen und Lachs-Häppchen am Hamburger Hafenrand den Journalisten vorspielte.
In Wahrheit wird sich - zumindest nach dem Konzept, das Raab und sein Sidekick Peter Limbourg am Mittwoch präsentierten - die Show weniger um das Talken drehen als um das Voten. Denn die vier bis fünf Politiker, die der TV-Total-Macher in die Runde bittet, werden Kandidaten eines Diskussionswettkampfes sein. Nach jeder Runde bekommt das Publikum zunächst vom Ex-N24-Chef Limbourg eine Kurzanalyse vorgekaut - und darf dann die Gäste bewerten.
Wer nach der zweiten Runde die wenigsten Stimmen hat, fliegt raus. Wer am Ende beim Zuschauervoting die - Achtung! - absolute Mehrheit erhält, bekommt ein Preisgeld von 100.000 Euro - einen "Ehrensold", wie Raab es nennt. "Die erste Polit-Talkshow mit Ergebnis", tönt es im Pro7-Trailer zur Sendung.
Es geht um die Jungen und die ganz Jungen
Man habe es abgesehen auf die "Zielgruppen, die die Politiker heute nicht mehr erreichen", erläutert Limbourg. Sprich: Es geht um die Jungen und die ganz Jungen, die Teens und Twens, die auch heute schon das Raab'sche Stammpublikum bilden. "Spannung entsteht dann, wenn der Zuschauer das Ergebnis miterleben will", medienphilosophiert Raab. "So funktioniert Unterhaltung - wenn Sie junge Zielgruppen begeistern wollen."
Dem Spielshow-Gedanken folgend soll es pro Sendung vier Themen geben, an denen sich die Gäste-Kandidaten abarbeiten dürfen. Bei monothematischen Sendungen könnten sich die Gäste ja tagelang vorbereiten und von ihren Referenten coachen lassen. Das soll bei "Absolute Mehrheit" nicht möglich sein. "Es können auch sehr kurzfristige Themen sein", erklärte Raab. "Damit die Politiker auch zeigen können, wie nah sie eigentlich am politischen Leben dran sind."
Vier Themen in neunzig Minuten? Dass politische Hintergründe und komplexe Zusammenhänge bei dieser Tour de force keinen Platz finden, hält der Moderator für unproblematisch: "Die Masse will ein detailliertes Eindringen in die Materie nicht."
"Die Leute sind nicht so doof"
Sprich: Die Crux des Talkshow-Wesens - dass Politiker Sachthemen zum Rohmaterial für ihre Profilierung machen - wird bei "Absolute Mehrheit" zum Prinzip erhoben: Es gewinnt, wer gefällt. "Ich glaube, die Leute sind nicht so doof, wie viele meinen", verteidigt Raab das Konzept. Es werde spannend sein, zu beobachten, wie der Zuschauer auf die Kandidaten reagiert: "Fällt er auf einen Populisten rein? Bekommt der Schnösel eine Chance, wenn er gute Argumente hat?" Fragen, die in einer Spielshow am Sonntagabend nach dem Spielfilm womöglich ins Schwarze treffen - für die politische Agenda dürfte ein solcher Schautalk eher weniger relevant sein.
Dennoch glaubt Raab nicht, dass er Schwierigkeiten haben könnte, Spitzenpolitiker als Gäste zu rekrutieren: "Ich mache mir da überhaupt keine Sorgen. Die müssen neue Zielgruppen erschließen und deswegen werden die auch kommen. Und die, die kommen, werden vom Publikum auch dafür belohnt werden, dass sie nicht die Buxe voll haben."
Den Fehdehandschuh, den der ARD-Intendant Thomas Baumann hinwarf, als er erklärte, er halte es für "abwegig", bei einer Talkshow Mehrheiten mit Geldprämien zu belohnen, nahm der Pro7-Star dankbar auf: "Ich habe mich über diese Bemerkung sehr gefreut", erklärte Raab. "Wenn die ARD etwas Scheiße findet, heißt es in der Regel, dass es ein echter Kracher wird". Er selbst schaue zwar viele Talkshows, "aber länger als zehn Minuten halte ich da nicht durch".
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