Neues Telemediengesetz Ein Gewinn für alle

Der Streit zwischen Verlegern und Sendern ist beigelegt. Wer das als Sieg für die einen und als Pleite für die anderen deutet, liegt falsch: Beiden Systemen tut es gut, wenn sie in klarer Abgrenzung konkurrieren.

DPA

Von


Ist es ein Sieg? Ist es eine Niederlage? Wer so an den jetzt von der Politik akzeptierten Kompromiss zwischen ARD und ZDF und Deutschlandradio auf der einen Seite und den Verlegern auf der anderen Seite herangeht, wird der Sache nicht gerecht.

Natürlich, die öffentlich-rechtlichen Anstalten verzichten zunächst einmal auf etwas. Sie ziehen sich aus dem Textjournalismus im Internet weitgehend zurück. Sie akzeptieren, dass die Vorstellung von Presse auch auf Onlinemedien übertragen wird und dass es somit auch im Internet keine öffentlich-rechtliche Presse geben darf. Es riecht nach Niederlage.

Auf der anderen Seite stehen die Verleger. Sie haben weitgehend bekommen, was sie wollten. Eine Abschottung ihres Geschäftsmodells von öffentlich-rechtlicher Konkurrenz. Eine in digitalen Medien ziemlich willkürlich wirkende Abgrenzung von Textjournalismus auf der einen und Video- und Audiojournalismus auf der anderen Seite. Wie ein semantisches Kunststück sieht das Beharren auf dieser Grenze auch deshalb aus, weil die Verleger in ihren eigenen Angeboten diese Grenze längst abgeschafft haben und munter Text mit Videos und Podcasts mischen. Dürfen sie sich als Sieger fühlen?

Nach Monaten der Diskussion

Tatsächlich ist diese Grenze willkürlich. Tatsächlich wirkt sie seltsam anachronistisch-analog. Wahr ist aber auch: Eine bessere Idee für eine Unterscheidung von öffentlich-rechtlichem Rundfunk und privater Presse gibt es nicht. Auch nicht nach Monaten der Diskussion.

Aber ohne Grenze geht es nicht, weil beide Systeme sich anders finanzieren. Am Markt die einen, per Pflichtbeitrag die anderen. Beiden Systemen tut es gut, wenn sie sich in klarer Abgrenzung Konkurrenz machen. Und die Öffentlich-Rechtlichen können durchaus damit leben, wenn sie sich im Textangebot weitgehend auf Sendungsmanuskripte und Hintergrunddossiers beschränken: Hier haben sie journalistische Stärken, die sie nun ungehindert ausspielen können.

Zudem fällt die Sieben-Tage-Grenze in den Mediatheken weg, die für Sender wie für Zuschauer ein Ärgernis war. Allerdings müssen die Sender nun Wege finden, wie sie die Produzenten anders vergüten. Auch das Verhältnis zwischen öffentlich-rechtlichen Anstalten und privaten Streamingdiensten muss vor diesem neuen Hintergrund noch mal überprüft werden. Das hatte bereits der Medienpolitiker und Hamburger Kultursenator Carsten Brosda gegenüber SPIEGEL ONLINE gefordert. In diesem Punkt steht eine weitere längere Diskussion an.

Doch im Hinblick auf den Streit um die "presseähnlichen Nachrichtenangebote" ist entscheidend, dass sich die Beteiligten endlich von einer Rhetorik befreit haben, die alle nur noch in den Kategorien von Sieg und Niederlage sprechen ließ. Die wahlweise das Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder den Niedergang der freien Presse herbeiorakelte. Diese Fixierung war immer falsch. Denn die Bedrohung des Journalismus - ob öffentlich-rechtlich oder privat finanziert - geht sehr viel tiefer als diese Frage, um die nun wirklich lange genug gestritten wurde.



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
franxinatra 14.06.2018
1. Hier wird das Unvermögen der Verleger zementiert
ihre Rezipienten bei der Stange zu halten: seit es das Fernsehen gibt jammern sie über die Konkurrenz der ÖR, als die Privatsender kamen und die ÖR überrundeten blieb man kleinlaut, als die Anzeigenblätter kamen war der Jammer erst groß, dann wurden sie aufgekauft, als das Internet kam haben die Verleger es belächelt, bis sie widerwillig einstiegen aber mit so aggressiver Werbung ihre Angebote versehen dass sich die Empfänger wehrten. Inzwischen sind die Gazetten im Umfang wesentlich dünner geworden, Redaktionen zusammen gelegt bis zur Unkenntlichkeit; die vierte Gewalt übt sich in Polarisierung statt Aufklärung und gebiert populistische Bewegungen... Aus gutem Grund habe ich meinen Informationsfokus auf die ÖR beschränkt. Dort sehe ich mich objektiver Informiert als bei Einrichtungen, die in Abhängigkeit von Werbeetats ihre eigene Informationspolitik betreiben. Dass ich in Zukunft statt die Informationen zu lesen Zeit- und Volumenkiller in Form von Videos und Audios schlucken soll erschüttert mich. Aber scheinbar bin ich ein Fossil...
Deutscher__Michel 14.06.2018
2.
Und diese Zwangsgebühren für die Bundeswehr und Strassenbau erst.. schlimm was da verbrochen wird.. man wird regelrecht gezwungen steuern zu zahlen... Uns stimmt man kann ja auch vernünftige Nachrichten auf Netflix oder Amazon Prime sehen und weiss was im Lande abgeht..
DerDifferenzierteBlick 14.06.2018
3. Das Problem
Es gibt da leider ein Problem: Wenn ich im Internet auf eine Nachrichtenseite gehe, dann möchte ich einen schnellen Überblick - und das geht nur über Text (Stichwort: Querlesen). Wenn ich mir jedes mal ein komplettes Video anhören müsste, dann würde ich ziemlich viel Zeit verschwenden. Wenn die ÖR also wirklich jetzt nur noch überwiegend Videos bringen, dann wäre das für mich ein Ausschlusskriterium. Jetzt kann man natürlich sagen: Ist doch gut: Die ÖR machen Fernsehen und die Verlage machen Presse und Nachrichten im Internet. Wer allerdings mal ein paar Jahrzehnte in die Zukunft denkt, der wird schnell feststellen: Das lineare Fernsehen wird immer unwichtiger, das Internet hingegen absolut dominierend (ist es ja jetzt schon in einigen Ländern und Schichten). Eine solche Entscheidung wäre also gleichbedeutend mit dem Ende des ÖR-Auftrages bzgl. der Grundversorgung der Bevölkerung mit Informationen in relevanter Reichweite. Jetzt kann man auch das toll finden, aber dann sollte man sich vielleicht mal überlegen, wohin das führt: Wenn die Menschen sich im Internet über immer mehr und immer unterschiedlichere Seiten informieren, dann führt das leider nicht zu einem objektiveren Weltbild (was ja möglich wäre, wegen der größeren Meinungsvielfalt), sondern dazu, dass die große Mehrheit der Menschen weiterhin nur sehr wenige Nachrichten-Quellen nutzen, die dafür aber immer weiter auseinanderliegen. So nimmt die Polarisierung, die Spaltung der Gesellschaft immer weiter zu, die Ränder werden immer weiter gestärkt. Und jetzt kann man natürlich sagen, das ist doch alles reine Spekalation. Allerdings habe ich diese These vor zwei Jahren aufgestellt. Und ich bin damals auf genau zwei westliche Länder gestoßen, wo diese Zerfaserung der Medienlandschaft schon sehr weit fortgeschritten war, da es kein allgemein anerkannten TV-Anstalten (mehr) gab. In diesen Ländern hat jeweils die Mehrheit der Bevölkerung gesagt, dass sie sich am ehesten über das Internet informieren. Diese Länder sind USA und Italien... Wenn kein relevantes öffentlich-rechtliches Medium mehr große Teile der Bevölkerung erreicht und gleichzeitig politisch einseitig ausgerichtete Superreiche Medien kaufen/kontrollieren und so Wahlverhalten manipulieren können, dann kann man ja sehen, wo das hinführt (Beispiele: Rupert Murdoch->Fox News, Robert Mercer->Breitbart, die Koch-Brüder, Berlusconi, Blocher, bei uns: Springer, Bertelsmann, Burda..). Da kann auch der SPIEGEL (der mehrheitlich den eigenen Mitarbeitern gehört) nicht mehr alleine die Welt retten (s. Verkaufszahlen, Klicks)...
cabotine 14.06.2018
4. Größere Mehrheiten
"Aber warten wir ab bis die AFD größere Mehrheiten hat, dann wird der verfettete ÖR neu geordnet." Auch wenn jede/r einzelne zuviel ist, von Mehrheiten (das sind über 50%) geschweige denn von größeren Mehrheiten ist die AFD zum Glück weit entfernt.
maphry 14.06.2018
5. Verlierer sind Bürger und Demokratie
Unabhängiger Textjournalismus wie er durch die öffentlich-rechtlichen Medien geliefert wird ist essentiell für die Demokratie. Es erlaubt denjenigen die auf Texten angewiesen sind (sei es durch Behinderung oder langsamen Bandbreiten) ein breites Spektrum von Nachrichten zu verfolgen. Mit dieser Entscheidung wird den privaten Meiden ein Monopol eingeräumt, was demokratiegefährdend und zum Schaden aller ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.