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31. Januar 2013, 17:57 Uhr

Spott über ZDF-Show

"New York Times" lästert über "Wetten, dass..?"

Schlechte Presse für "Wetten, dass..?": Die Kritik an dem deutschen TV-Show-Supertanker hat nun sogar den Atlantik überquert und die USA erreicht. Die "New York Times" sieht das kriselnde Wett-Spektakel als Symbol für die deutsche Fernsehkultur. Und für deren Niedergang.

Hamburg - "Stupid German Tricks, Wearing Thin on TV" ist der Artikel betitelt, der am Mittwoch auf der Webseite einer der weltweit einflussreichsten Zeitungen veröffentlicht wurde. Doch statt wie üblich über Angela Merkel zu berichten, widmet sich Nicholas Kulish, der Berlin-Korrespondent der "New York Times", dieses Mal der deutschen Kultur. Genauer: der deutschen Fernsehkultur. Noch genauer: "Wetten, dass..?".

Kulish sieht die Diskussion über die Show als Teil einer größeren Problemlage: Warum hat Deutschland, trotz großer literarischer und filmischer Traditionen, den Anschluß an anspruchsvolle, komplexe Fernsehformate nicht geschafft? "Wetten, dass..?" nimmt er dabei als Gradmesser für die allgemeine Zuschauer-Zufriedenheit - und sieht die Kritik an der Show als Kern der Qualitätsdebatte über das hiesige öffentlich-rechtliche Fernsehen. Denn obwohl die TV-Landschaft von Reality-Shows wie "Dschungelcamp" und "Germany's Next Topmodel" geprägt sei, sei das Gejammer beim Thema "Wetten, dass..?" eben am lautesten.

In dem Artikel bekommen alle - Markus Lanz, die Wetten und auch die Live-Dolmetscher - ihr Fett weg. Vor allem über das Herzstück der Show, die Wetten, mokiert sich Kulish: "Schrullig" nennt er sie und vergleicht sie mit "Stupid Human Tricks", einem bekannten Element aus David Lettermans "Late Night Show", das allerdings dort eine weniger große Bedeutung hat - und ironisch gemeint ist.

Lanz - ein "fleißiger Schuljunge"

Die wegen seltsamer Wetten und dem bisweilen ungelenk agierenden Neu-Gastgeber Lanz zuletzt zu beobachtenden, irritierten Reaktionen von Hollywoodstars, die auf der "Wetten, dass..?"-Couch Platz nahmen, scheinen Kulish besonders zu amüsieren. So habe Tom Hanks elend ausgesehen, als er - mit Katzenhut auf dem Kopf - verfolgen musste, wie Moderator Lanz in einem Sack um ihn herum hopste. Auch den vernichtenden Kommentar des Oscar-Preisträgers - in den USA würden die Verantwortlichen für so eine Show gefeuert werden - wiederholt Kulish genüsslich.

Lanz selbst muss in dem Artikel mit eher wenig Platz auskommen - und ohne ein Zitat. Er scheint sich für den US-Journalisten hauptsächlich durch eifrigen Einsatz hervorzutun; ein "fleißiger Schuljunge", wie Kulish die deutsche Kritik zusammenfasst. Mit seinen "ausgefallenen Anzügen" und seinem Hang zur Exzentrik beschreibt er Thomas Gottschalk hingegen als einen der größten Stars Deutschlands.

Negativ fiel Kulish auch der Dolmetscher auf, den das ZDF für Denzel Washington einsetzte. Seine Stimme habe gewirkt wie ein "körperloses Echo", das sogar dann mit "Ja" oder "Nein" geantwortet habe, wenn Washington nur genickt oder mit dem Kopf geschüttelt habe. Der Artikel greift auch die in Deutschland häufig laut werdende Kritik auf, "Wetten, dass..?" sei die hohen Produktionskosten nicht wert - zumal die neue Rundfunkgebühr ja nun von allen deutschen Haushalten gemeinsam bezahlt werden müsse. Das Roadshow-Konzept führe dazu, dass eine riesige Crew das Set vor jeder Vorstellung neu errichten müsse - in Deutschland und sogar auch im Ausland.

Neben mehreren deutschen Medien - auch DER SPIEGEL wird ausgiebig zitiert - kommt in dem "NYT"-Artikel auch Film- und TV-Regisseur Dominik Graf zu Wort, als einziger Branchenmacher. Er erklärt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zwar einem hohen künstlerischen Anspruch gerecht werden müssten. Doch um die eigene Finanzierung zu rechtfertigen, schielten die Verantwortlichen zugleich immer auf die Einschaltquoten.

Die Frage, wie lange "Wetten, dass..?" in dieser Form noch weiterbestehen kann, wird nun also sogar in New York gestellt.

jud

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