Schöner fernsehen

"Newtopia" bei Sat.1 Hart im Nehmen, weich in der Birne

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SAT.1

15 Menschen, 365 Tage, eine Scheune und 105 Fernsehkameras - das ist die Versuchsanordnung der neuen Sat.1-Show "Newtopia". Die Teilnehmer sind auf Kabale und Krawall gecastet, es bleibt nur die Frage, was besser wachsen wird: Spargel oder Kartoffeln? Mord oder Totschlag?

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Mit der Hast von Passagieren auf einem sinkenden Schiff räumen die Kandidaten zu Hause Klopapier, Nägel, Tampons, Zigaretten, Rotwein, Nudeln, Schleifmaschinen, Hammer, Spiegel, Sägen, Papier, Stifte, Kerzen, Dübel, Kondome und was auch immer von Nutzen sein könnte in eine Kiste. Was brauche ich alles in einem Jahr? Und finde ich das alles in 15 Minuten?

15 Menschen sollen ein ganzes Jahr lang in der Enklave "Newtopia" leben. Unter den Bewohnern ist ein voluminöser Landwirt, eine Aldi-Kassiererin ("Und stolz drauf!"), ein Model (weiblich), ein Hartz-IV-Empfänger ("Ohne mich läuft hier nichts!"), eine Schülerin mit blauen Haaren, eine Schulleiterin, ein dynamischer Key Account Manager aus Frankfurt am Main ("Ich bin jung, brutal und gutaussehend!"), eine bayerische Buchhalterin, eine "spirituelle" Architektin, ein Model (männlich), ein Handwerker, ein Politikwissenschaftler und ein Koch ("Ich bin der McGyver des Kochens!").

Ein repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung also - zumindest durch jenen Teil der Bevölkerung, der hart genug ist im Nehmen und weich genug in der Birne, um sich auf diese Mischung aus "Truman Show", "Herr der Fliegen", "Lost", "Unsere kleine Farm", Sid Meier's "Civilization" oder eben Thomas Morus' "Utopia" einzulassen. Zuletzt zählte Sat.1 immerhin 8000 Bewerber auf einen der harten Plätze. Einmal drin, zahlt der Sender draußen weiter Miete und Versicherung. Na, ist das ein Angebot?

Handel mit den Eingeborenen? Ausdrücklich erwünscht

Südwestlich von Berlin sind die Auserwählten in einem mit Stacheldraht gesicherten Lager in der Steppe konzentriert. Teich, 57 Mikrofone, Kuhstall, 105 Kameras, Scheune, alles dabei. Ideale Bedingungen, um "die Gesellschaft ganz neu zu schaffen" - und nebenbei Gebiete im Vorabendprogramm zu gewinnen, vor allem aber das Internet zu erobern. Dort gibt's eine Kamera mit 360-Grad-Blick und vier 24-Stunden-Live-Streams. Noch mehr Kameras sind buchbar, zuschaltbar und sogar fernbedienbar. Nicht vertretbar, aber technisch machbar: Stromstöße. Und das Jahr ist ja noch lang.

Zum Überleben verfügt die Gruppe über ein Budget von 5000 Euro, zähes Nutzvieh (Kühe, Hühner) und ihr eigenes Know-how. Handel mit den Eingeborenen ist ausdrücklich erwünscht, da kommt dann der Key Account Manager ins Spiel. Eine interessante Vesuchanordnung für Sozialwissenschaftler, sollte man meinen. Der teilnehmende Politikwissenschaftler freut sich schon. Er nennt sich Candy und ist der Größte. 44 Jahre, Dreadlocks und John-Lennon-Gedächtnisbrille. In aufreizend trägem Singsang sinniert er über die Beschaffenheit einer zu gestaltenden Gesellschaft, die ihn in Ruhe vögeln und gammeln lässt. Für seine Ideale würde er notfalls auch mit einer Frau vögeln, die weniger sein Typ ist. Candy ist nicht Platon in Syrakus oder Thoreau am Lake Walden.

Und die "Newtopia" erinnert eher an Sartre und seine "Geschlossene Gesellschaft". Oder eben "Big Brother" in Brandenburg. Schließlich sind die Teilnehmer nicht zufällig auf Kabale und Krawall, Libido und Laktoseintoleranz gecastet. Es wird nicht lange dauern, bis sich die sperrigen Charaktere auf diesem engen Raum ineinander verhaken werden. Schon hat der dicke Bauer ohne Umschweife die entscheidende Frage gestellt: "Und wenn wir vor Hungern nicht schlafen können, was machen wir dann?" Und die militante Tierschützerin und strenge Veganerin kommt erst noch.

Erste Spannungen treten schon bei der einleitenden Beratung auf, welche Mitbringsel in der Kiste dem Gemeinwohl am dienlichsten sind. Nach Klopapier, Nägeln und Tampons schlägt das Model (männlich) Laufschuhe und Jogginghose vor: "Ich mach' sehr gerne Sport. Und in den Klamotten, die ich jetzt anhabe, ist Sport ziemlich uncool". Später erklärt der Beau, er hätte gerne "ein kleines Schweinchen, das röffelt hier rum und unterhält uns", und außerdem seien Schweine intelligente Tiere.

Unterdessen will das Model (weiblich) "nach Blumen suchen, wenn der Frühling kommt", und diese Blumen "vielleicht zu einer Creme verarbeiten, damit man nicht stinkt". Unter Umständen wird das Zeug zu einem echten Hit auf dem Marktplatz von Königswusterhausen. Derzeit, wir stehen ganz am Anfang, geht es noch um drängendere, will sagen: paläolithische Probleme. Wird was wachsen? Was wird wachsen? Spargel oder Kartoffeln? Mord oder Totschlag? Kommunismus oder Tyrannei? Wo kommt der Donnerbalken hin?

Was das alles über unsere selbstverständlich unüberwachte Gesellschaft und ihr Verhältnis zum utopischen Denken verrät? In den USA hat es mit "Newtopia" jedenfalls ein frühes und schlimmes Ende genommen. Möglich auch, dass es noch in der Verlängerung phänomenal laufen wird - wie in den calvinistischen Niederlanden, wo die Wohnzimmer anderer Leute ohnehin zum öffentlichen Raum gehören.



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42 Leserkommentare
frank.lfr 24.02.2015
polltroll 24.02.2015
bluesbrother54 24.02.2015
spon-facebook-10000015195 24.02.2015
the-fio 24.02.2015
Dr. Metro 24.02.2015
bluesbrother54 24.02.2015
sekundo 24.02.2015
Anke81 24.02.2015
tom-rheker 24.02.2015
kevinschmied704 24.02.2015
bratwurst007 24.02.2015
ich2010 24.02.2015
Kurbelradio 24.02.2015
rabäm 24.02.2015
Banause_1971 24.02.2015
enni3 24.02.2015
miraclewhip 24.02.2015
mac4me 24.02.2015
Duke_NewCam 24.02.2015
thunderstorm305 24.02.2015
sekundo 24.02.2015
miho42 24.02.2015
guilty 24.02.2015
remcap 24.02.2015
nicco13 24.02.2015
sanibel123 24.02.2015
stevenspielberg 24.02.2015
Connor Larkin 24.02.2015
fiftysomething 24.02.2015
stevenspielberg 25.02.2015
snigger 25.02.2015
sekundo 25.02.2015
stevenspielberg 26.02.2015
stevenspielberg 26.02.2015
Blackzxr 27.02.2015
stevenspielberg 28.02.2015
stevenspielberg 09.03.2015
an24 10.03.2015
stevenspielberg 17.03.2015
stevenspielberg 25.03.2015
oberbeling 31.03.2015

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