Hofmann-Interview zu "Rommel"-Film: "Hitler im Bett, nein danke"

Der General, die Künstlerin, der Diktator: Starproduzent Nico Hofmann knöpft sich mit Rommel, Riefenstahl und Hitler die größten Dämonen der deutschen Geschichte vor. Jetzt läuft sein ARD-Film zum "Wüstenfuchs" - Abrechnung oder Reinwaschung? Und warum diese NS-Fixierung? Ein Interview.

"Rommel" in der ARD: Der Wüstenfuchs grämt sich Fotos
SWR

SPIEGEL ONLINE: Herr Hofmann, in Ihrem Geschichtsdrama "Rommel", der am Mittwoch in der ARD gesendet wird, erzählen Sie die letzten sieben Monate im Leben des Generalfeldmarschalls. Der wendete sich erst von Hitler ab, als er erkannte, dass der Krieg verloren ist. Taugt so einer als Held?

Hofmann: Wieso Held? Wir betreiben in unserem Film doch eine Demystifizierung Rommels. Wir haben uns ganz bewusst von all den Klischees, die über ihn existieren, abgegrenzt. Man sieht ihn bei uns nicht als siegreichen und noblen "Wüstenfuchs", vor dem sogar die Engländer Respekt haben. Zuerst war geplant, eine sehr viel längere Zeitspanne aus Rommels Leben zu erzählen. Dann haben wir uns für die letzten Monate in seinem Leben entschieden, als die soldatische Moral um ihn herum zerbröselte.

SPIEGEL ONLINE: Genau das ist das Problem: Am Anfang Ihres Filmes erscheint die Wehrmacht fast als moralische Anstalt. Rommel als einer ihrer höchsten Militärs an der Westfront scheint von der Judenvernichtung im Osten wenig zu wissen. Stricken Sie damit nicht an der Legende der sauberen Wehrmacht?

Hofmann: Das weise ich von mir. Rommel war ein Meister der Verdrängung, das zeigen wir sehr deutlich. Es gibt Stellen, wo klar wird, dass er eine Ahnung gehabt haben muss, was mit den Juden passiert. Etwa als ihn seine Frau darauf hinweist, dass sie in einem Anwesen wohnen, das früher einmal ein jüdisches Schullandheim war...

SPIEGEL ONLINE: ...gleichzeitig gibt es eine Szene, in der Rommel über das Massaker von Oradour informiert wird, bei dem die Waffen-SS 1944 während einer Strafaktion 642 Menschen ermordet hat. Rommel ist aufrichtig erschüttert, so als ob solche Gräueltaten außerhalb seines Vorstellungsvermögens liegen. Doch schon 1940 verübte die Waffen-SS beim Westfeldzug Verbrechen - konnte die Wehrmacht vier Jahre später wirklich so unwissend gewesen sein?

Hofmann: Uns hat vor allem das Geschehen im Hauptquartier an der französischen Westfront interessiert. Wie dort langsam die soldatischen Tugenden, auf die sich die Offiziere und Generäle so viel einbilden, bröckeln. Rommel, so wie es Protokolle von Lagebesprechungen und andere Dokumente aus der Zeit verbürgen, ist ja eine ambivalente Figur. Einerseits wendet er sich gegen Hitler, andererseits zaudert er sehr lange.

SPIEGEL ONLINE: Wie Hamlet. Also doch ein Held? Zumindest ein tragischer?

Hofmann: Ein tragischer Held, ja. Ich begreife Rommel stellvertretend für eine Soldatengeneration, die davon überzeugt war, innerhalb des damaligen Wertesystems moralisch zu handeln. Mein Vater gehört zu dieser Generation. Sein ganzes Weltbild stürzte jäh zusammen, als er die ersten Bilder von Konzentrationslagern sah.

SPIEGEL ONLINE: Kommt Rommel auf diese Weise nicht zu gut weg? Sie zeigen ihn, wie er grübelt und zweifelt - hätten Sie im Gegenschnitt nicht die Verbrechen zeigen müssen, die sehr wohl von der Wehrmacht verübt wurden?

Hofmann: Wir zeigen einen Soldaten, der in seinem Wertesystem gefangen ist, in der Nahaufnahme. Würde ich das Porträt eines US-Offiziers im Irak zeichnen, würde ich ihn ja auch bei seiner Arbeit beobachten, ohne sämtliche US-Vergehen im Irak wie den Folterskandal von Abu Ghuraib gegenzuschneiden. Wir wollten den Moralkodex der damaligen Zeit so präzise wie möglich nachstellen, 90 Prozent der Dialoge entstammen aus Protokollen, die wir dramatisiert haben. Wie gesagt, für mich ist Rommel ein gebrochener Held.

SPIEGEL ONLINE: Der Familie Rommel gilt das trotzdem noch als Schmähung. Warum wehrten sich die Hinterbliebenen eigentlich so gegen Ihren Film - den sie bislang noch gar nicht gesehen haben?

Hofmann: Ich hatte mich bei den Recherchen zum Film eineinhalb Stunden mit der Enkelin Catherine Rommel getroffen. Ich fand es beeindruckend, wie sie mit dem Vermächtnis umgeht. Sie hat sich dezidiert mit ihrem Großvater auseinandergesetzt - leitet daraus aber auch eine eigene Interpretation ab. Sie hält ihren Großvater durchaus für einen aufrechten Widerständler gegen Hitler. Daraus ist ein Streit um die Interpretation entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb haben Sie in "Rommel" eigentlich den Österreicher Johannes Silberschneider als Hitler besetzt? Er ist wohl der bescheidenste und leiseste "Führer" der Filmgeschichte.

Hofmann: Er stammt aus einem Nachbarort von Braunau am Inn, wo Hitler geboren wurde. Kein anderer kriegt die Stimmfärbung und -modulation so hin, diese spezifische schnoddrige Einsamkeit. In einer Szene klingt aus einem Radio die Stimme des echten Hitlers, danach die von Silberschneiders Hitler - man erkennt keinen Unterschied.

SPIEGEL ONLINE: 348 Hitler-Darsteller verzeichnet die Filmdatenbank International Movie Database zurzeit. Sie wollen dem jetzt noch einen weiteren Eintrag hinzufügen: Geplant ist ein international finanziertes Fernsehprojekt über Hitlers Leben von 360 Minuten in acht Teilen. Warum noch mal Hitler?

Hofmann: Vielleicht ist das die Konsequenz meines bisherigen Schaffens. Ich habe das "Dritte Reich" aus so vielen Winkeln beleuchtet - von "Dresden" über "Die Flucht" bis zur "Hindenburg" -, am Ende landete ich immer wieder bei Hitler selbst. Ich hatte mich ja schon früh um die Rechte für Joachim Fests "Der Untergang" beworben - die dann an Bernd Eichinger gingen. Letztes Jahr erschien Thomas Webers Buch "Hitlers erster Krieg", in dem es um die prägende Zeit Hitlers im ersten Weltkrieg geht: Es liefert die perfekte Vorlage, um Hitlers Lebenslauf neu zu dramatisieren - auf Basis einer Collage, die sich aus wissenschaftlichen Belegen zusammensetzt. Auch hier geht es um die Demystifizierung der Figur.

SPIEGEL ONLINE: Wird uns der 349. Film-Hitler tatsächlich etwas Neues lehren?

Hofmann: Wenn die Drehbücher, an denen "Rommel"-Regisseur Niki Stein und Hark Bohm gerade sitzen, gut werden - eine Menge! Werden sie nicht gut, blase ich das Projekt wieder ab. Wir sind schon in diesem frühen Stadium an die Öffentlichkeit gegangen, weil wir einen Film mit solchem Volumen nicht aus Deutschland allein heraus produzieren können. Mein Produktionspartner Jan Mojto und ich müssen internationale Geldgeber akquirieren. Entwickelt sich das Projekt so, wie ich es mir wünsche, wird man erfahren, wo Hitlers Demagogie ihren Ursprung hat und wie verführerisch sie aufs Bürgertum wirkte. Wir haben gerade auch "George" fertig gedreht...

SPIEGEL ONLINE: ...ein biografisches Drama über den Ufa-Schauspielstar Heinrich George, in dem Götz George seinen Vater verkörpert...

Hofmann: ... auch dort geht es ja um die Frage, wie wurden Künstler, wie wurden Intellektuelle von Hitler verführt? Es geht um die Selbstpervertierung der Menschen. Deshalb hat mich bei Erscheinen auch Jonathan Littells SS-Roman "Die Wohlgesinnten" so umgehauen: Zum ersten Mal habe ich begriffen, wie man sich moralisch so pervertiert, dass man emotionslos jüdische Kinder erschießen konnte. Diese Binnenperspektive ist wichtig - auch bei dem Hitler-Projekt, nur so können wir die zerstörerische Kraft der Hitlerschen Demagogie verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Being Adolf Hitler? Steckt da nicht doch eine Lust am Monströsen drin?

Hofmann: Nein. Es wird zum Beispiel nicht um das Sexualleben Hitlers gehen. Ich denke, er hatte ein komplett gestörtes Verhältnis zur Sexualität. Nicht anzunehmen, dass er mit Eva Braun den Beischlaf vollzog. Aber über solche Fragen wird man die Person nicht durchdringen können. Hitler im Bett, nein danke. Wir behandeln seine Emotionsunfähigkeit und die Frage, wie so eine pervertierte Seele Massen auch intelligenter Menschen verführen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Zurzeit sitzen Sie auch noch an einem Biopic über Leni Riefenstahl. Ein Projekt, das in unterschiedlichsten Formen schon seit zehn Jahren rumgeistert. Könnte man die Mechanismen der Manipulation der Verführer nicht viel besser an den Verführten selbst studieren?

Hofmann: Gegenfrage: Weshalb hebt der SPIEGEL das "Dritte Reich" immer wieder auf die Titelseite? Klar, weil er Auflage macht - jedoch auch, weil wir diese Zeit noch nicht in Gänze begriffen haben. Aber Sie haben recht: Man kann die Manipulationsmechanismen im "Dritten Reich" nur vollständig erfassen, wenn man auch jene ins Visier nimmt, die verführt wurden. Deshalb habe ich ja auch den Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" gedreht, der nächstes Frühjahr im ZDF ausgestrahlt wird. Der Event erzählt vom Nationalsozialismus und der Stunde Null aus Sicht einfacher junger Menschen. Ich habe aber keine Ahnung, ob sich das Publikum dieser Wucht über drei Folgen aussetzt, was ich mir sehr wünsche - der Film musste gemacht werden - es ist meines Erachtens meine beste Produktion.


"Rommel", Donnerstag, 1. November, 20.15 Uhr, ARD (Im Anschluss, um 22.15 Uhr, läuft eine Dokumentation zum Thema)

Das Interview führte Christian Buß

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insgesamt 31 Beiträge
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1. optional
kitska 25.10.2012
Gutes Interview, aber dass ausgerechnet dieser plakative Satz als Titel gewählt wird, finde ich sehr schade, der hat nämlich nicht besonders viel mit dem eigentlichen Thema zu tun. Die Titel hier auf SPON bewegen sich auch immer mehr in Richtung reißerisches Bild-Niveau...
2. Und warum diese NS-Fixierung?
zweibein 25.10.2012
Zitat von sysopDer General, die Künstlerin, der Diktator: Starproduzent Nico Hofmann knöpft sich mit Rommel, Riefenstahl und Hitler die größten Dämonen der deutschen Geschichte vor. Jetzt läuft sein ARD-Film zum "Wüstenfuchs" - Abrechnung oder Reinwaschung? Und warum diese NS-Fixierung? Ein Interview. Nico Hofmann: Interview zu "Rommel" und Hitler-Projekt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/nico-hofmann-interview-zu-rommel-und-hitler-projekt-a-862890.html)
Eine Antwort darauf hätte ich gerade von SPIEGEL oder SPON Redakteuren erwartet. Vielleicht kommt diese Faszination auch daher,daß jemand sich vollkommen hemmungslos verhielt,und seine Vorstellungen von "richtig" dermaßen durchsetzen konnte. Vielleicht auch die Tatsache,daß er es schaffte sich jeglicher Justiz zu entziehen. Kinder sind auch von Raubsauriern faszinert-wohl auch weil diese schon lange tot sind.
3. Wunderbar....
heinz.mann 25.10.2012
"Ich denke, er hatte ein komplett gestörtes Verhältnis zur Sexualität. Nicht anzunehmen, dass er mit Eva Braun den Beischlaf vollzog." ---- der Mann scheint Tiefenpsychologe zu sein.
4. Für mich steckt hinter der Beschäftigung mit der NS Zeit und den Protagonisten
randolftreutler 25.10.2012
Zitat von sysopDer General, die Künstlerin, der Diktator: Starproduzent Nico Hofmann knöpft sich mit Rommel, Riefenstahl und Hitler die größten Dämonen der deutschen Geschichte vor. Jetzt läuft sein ARD-Film zum "Wüstenfuchs" - Abrechnung oder Reinwaschung? Und warum diese NS-Fixierung? Ein Interview. Nico Hofmann: Interview zu "Rommel" und Hitler-Projekt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/nico-hofmann-interview-zu-rommel-und-hitler-projekt-a-862890.html)
oft auch leider sehr viel Selbstbetrug und Heuchelei....ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, das sich einfach mit dieser Zeit "gut Geld" machen lässt, wir leben in einer ruhigen ordentlichen Demokratie, wo jeder/jede privat für ein bischen Prickeln sorgen muss...von Wolkenkratzern springen, Felsvorsprüngen, oder was auch immer,die Demokratie und das Satte ist doch recht langweilig, das war im Dritten Reich nicht nötig, da war das schaudern täglich real, denn das "Böse" war mitten unter uns.....wie in anderen Dikataturen auch, lebten viele ständig in Angst, manche sehr begründet, weil politisch verfolgt, andere, aus Angst, einen Fehler zu machen, was Falsches zu sagen..... Für heutige "Rechte" muss sich das manchmal merkwürdig anfühlen, dass unsere Gesellschaft diese Zeit und ihre politischen Führer ständig in irgendeiner Form bearbeitet, in Filmen, Büchern, in sonstiger Kunst, ständig Berichte alter Wochenschauen in irgendwelchen Fernsehkanälen.... Ich finde das auch sehr befremdlich....und machmal denke ich, wenn alles so schlimm war, warum befassen wir uns permanent mit der Zeit und ihren Figuren? Üben Sie vielleicht doch eine schaurig morbide angstmachende Faszination auf uns aus?
5.
HaioForler 25.10.2012
Zitat von randolftreutleroft auch leider sehr viel Selbstbetrug und Heuchelei....ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, das sich einfach mit dieser Zeit "gut Geld" machen lässt,
Sist das. Hab mal gezaehlt: in 22 Kanaelen im Monat OKtober gab es 531 (!) Filme zur Nazizeit. Das ist keine Aufklaerung mehr, das ist fast schon Verfuehrung.
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Zur Person
  • DPA
    Nico Hofmann, geboren 1959 in Heidelberg, ist einer der einflussreichsten Kino- und Fernsehproduzenten Deutschlands. Mit zweiteiligen TV-Filmen setzte er Standards im Fach des Eventmovies. Vor allem zeitgeschichtliche Themen greift er mit seiner Produktionsfirma Teamworx auf: Das "Dritte Reich" und die Nachkriegszeit behandelte er in Filmen wie "Dresden" und "Die Flucht", den Ostwest-Konflikt in "Der Tunnel" und "Das Wunder von Berlin". Im Frühjahr sendet das ZDF seinen Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter", in dem er verschiedene Lebensläufe um die Stunde Null zusammenführt. Zurzeit arbeitet Hofmann an einer achtteiligen Serie über Adolf Hitler, die er über internationale Geldgeber finanzieren will.