Nimoy und Shatner "Wie konkurrierende Brüder"

51 Jahre lang waren die Karrieren von Leonard Nimoy und William Shatner eng verknüpft: Sie waren zusammen erfolglos - und wurden zusammen Stars. Waren sie Freunde oder Feinde? Es stimmt wohl beides.

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Walk of Fame: Nimoy und Shatner gingen ihn gemeinsam
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Walk of Fame: Nimoy und Shatner gingen ihn gemeinsam


Kirk und Spock sind kühle, aber innige Freunde. Als Spock seinen Captain in Folge 30 tot glaubt, trauert der vermeintlich emotionslose Vulkanier öffentlich - und zeigt entgegen aller Alien-Sitte Freude, als Kirk sich lebendig erweist. Im Kinofilm Star Trek II opfert sich Spock für ihn, und Kirk sieht ihm weinend beim Sterben zu. Spocks Wiedererweckung auf dem Planeten Genesis war den Produzenten einen ganzen weiteren Film wert - Kirk riskierte dafür sogar einen galaktischen Konflikt.

Die auf den ersten Blick nicht immer sichtbare Freundschaft des Gegensatzpaares Kirk-Spock hat also mythische Ausmaße. Sie war der Motor und emotionale Ankerpunkt für eine TV-Serie mit 79 Folgen und für sechs Kinofilme. Sie alle bezogen ihre Grundspannung aus dem Gegensatzpaar, das die beiden Hauptdarsteller verkörperten: Hier der adrenalingetriebene Macho und Bauchmensch Kirk, dort der Logik-gesteuerte, ewig sachliche Spock.

Oder einfacher: Alphamännchen gegen Intellektuellen.

Es gibt nicht wenige Menschen, die behaupten, dass das Verhältnis von William Shatner und Leonard Nimoy ähnlich aussah. Es ist ein Gerücht, das sich seit 1967 hartnäckig hält - und wohl auch nicht ohne Grundlage war.

Letzte Chance in den "unendlichen Weiten"

Als Nimoy und Shatner 1966 ihre Verträge für Star Trek bekamen, sahen sie auf ähnlich mittelmäßige Karrieren zurück. Nimoy war nach zahlreichen Bühnenrollen ab 1951 in TV und Film zu sehen. Shatner bemühte sich ab 1957 um den Sprung auf Leinwand und Mattscheibe. Gemeinsam traten sie bereits 1964 erstmals vor die Kamera - allerdings ohne sich überhaupt zu bemerken: So klein waren ihre Rollen, dass sich kein Berührungspunkt ergab.

Und klein waren ihre Rollen meistens. Nimoy spielte meist Schurken in B-Filmen, und nicht selten verabschiedete er sich aus der Handlung, indem er nach Pistolenschuss hintenüberfiel. Zeitweilig arbeitete er nebenberuflich als Zeitungsbote, um die Miete zahlen zu können.

Mitte der Sechziger, sagte auch Shatner einmal in einem Interview, sei er zwar ständig beschäftigt gewesen, aber so niedrig bezahlt, dass er seine Familie nicht ernähren konnte. Als er dann die Rolle des Dr. Kildare ablehnte, die Richard Chamberlain zum Star machte, schien diese Fehlentscheidung seine Karriereträume zu beenden. Das überraschende Angebot, den Kirk zu spielen, kam wie eine letzte Chance, es doch noch zu schaffen.

Erstmals war Shatner der gesetzte Star. Damals waren TV-Serien einfach gestrickt. Neben dem Star gab es oft einen "Sidekick", ein paar Nebendarsteller und ansonsten Kanonenfutter, das kam und ging. Nimoy sollte Shatners Sidekick sein, nicht mehr.

Der überstrahlte Star

Doch als der nach den meist desaströsen Kritiken der Pilotfolge Vorschläge machte, die Figur des Vulkaniers interessanter zu machen, geschah etwas seltsames: Das Interesse der Zuschauer fokussierte sich zunehmend auf den Mann hinter dem Hauptdarsteller. Schon bald brauchte Nimoy bei öffentlichen Auftritten Personenschutz, die Presse schrieb von "Spockmania".

Niemand schrieb von Kirkmania, und Shatner soll das nicht gut vertragen haben. Ja, gaben beide wiederholt zu, es habe Reibereien gegeben. Die aber seien nicht aus Eifersucht oder Antipathie entstanden. Sie seien "wie konkurrierende Brüder" gewesen, sagt Shatner. Mitunter wurde es eben laut zwischen ihnen.

Mehrere Co-Stars der Enterprise-Crew haben das öffentlich bestätigt. Shatner habe darunter gelitten, dass man Spock mehr beachtete als ihn, den Star der Show. Als "Time" einmal in einer Fotoreportage den Schminkprozess von Nimoy zu Spock dokumentierte, drehte Shatner durch: Ab sofort bestand er darauf, allein geschminkt zu werden.

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Mr. Spock aus "Star Trek": Leonard Nimoy ist tot
Es war wohl neben Neid auch ein Eitelkeitsproblem, behauptete James Doohan ("Scottie") in einem Interview: Nimoy ließ sich beim Anlegen seiner Ohren fotografieren. Dass man ihn beim Anlegen seines Toupets fotografiert, wollte Shatner hingegen verhindern - die Tonsur auf seinem Hinterkopf war ein gut gehütetes Geheimnis.

In den Darstellungen der Co-Stars waren die Streits zwischen Nimoy und Shatner heftiger, als die zwei das später zugaben. Wahr ist wohl, dass es vor allem in den ersten zwei Jahren mitunter ruppig zuging. Wie in ihren Rollen waren sie auch als Personen Antipoden, echte Gegensätze.

Wie in ihren Rollen aber müssen sie irgendwann auch persönlich zueinander gefunden haben: Als Star Trek nach nur drei Staffeln eingestellt wurde, produzierten sie gemeinsam die kurzlebige Fortsetzung in Trickfilm-Form (22 Folgen). Auch in den Folgejahren bis zum ersten Star-Trek-Kinofilm kooperierten sie immer wieder, vor der Kamera wie bei öffentlichen Auftritten. In den 1980ern wirkten sie in Interviews total aufeinander eingespielt, sich gegenseitig ergänzend.

Freunde und Antipoden

Mehr wurde daraus durch persönliche Tragödien. Leonard Nimoy war dem Druck der plötzlichen Popularität nicht gewachsen. Ab 1967 begann er zunehmend zu trinken, kurz nach Absetzung von Star Trek ging er erstmals in den Entzug.

Nimoy sollte bis Ende der Achtziger brauchen, seinen Alkoholismus zu überwinden - und wurde für Shatner zum Ansprechpartner, als dessen dritte Frau Nerrine zunehmend ihrer Alkohol- und Tablettensucht verfiel.

William Shatner (links) und Leonard Nimoy 2006: Untrennbar miteinander verknüpfte Karrieren - und wohl auch Leben
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William Shatner (links) und Leonard Nimoy 2006: Untrennbar miteinander verknüpfte Karrieren - und wohl auch Leben

Nimoy, seit Jahren Freund und häufiger Gast des Hauses, bemühte sich um Nerrine, versuchte, sie zum Entzug zu bewegen. 1999 ertrank sie im heimischen Swimmingpool, im Blut fanden sich Alkohol und Valium. Nimoy trauerte mit Shatner um dessen Frau.

Spätestens ab diesem Punkt hörten ihre gegenseitigen öffentlichen Freundschaftsbezeugungen endgültig auf, nach Hollywood-PR zu klingen. So wahr ihre Konkurrenzen und Streitereien in den späten Sechzigern wohl waren, so wahr ist wohl auch, dass die beiden Darsteller in den letzten Jahrzehnten tatsächlich zu Freunden wurden.

Als die Nachricht von Nimoys Tod die Runde machte, twitterte Shatner: "Ich habe ihn wie einen Bruder geliebt."



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insgesamt 17 Beiträge
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Listerholm 28.02.2015
1. Scotti, übernehmen Sie!
Ich bin aufgewachsen mit Star-Trek und war von Anfang an begeistert. (Die Liebe zu Sci-Fi ist mir bis heute geblieben. Bin mittlerweile Opa von 2 Enkeln :-) Aber diese Szene, wenn sich Captain Kirk ganz entspannt zurücklehnte und sagte: "Scotti, übernehmen sie!" werde ich ebensowenig vergessen wie meine Träume, in denen ich mit "wharp-Antrieb" in die unendlichen Weiten des Universums unterwegs war. Star-Trek war ein Gesamtkunstwerk, in dem ich alle Schauspieler als ein Ensemble wahrnahm. Spocky gehörte dazu, ebenso wie der coole Kirk, der Ingenieur Scott und all die anderen Typen. Da habe ich nie -auf schauspielerischer Ebene- so etwas wie Konkurrenz wahrgenommen. Ich meine: Da war, trotz der außergewöhnlichen Leistungen und Präsenz von Nimoy, nie das Gefühl, dass er die Szene beherrschte. Im real life, wie es der Artikel beschreibt, mögen anfangs Eifersüchteleien, Skepsis usw. bestimmend gewesen sein. Wie schön! Denn so ist das Leben. Und noch schöner: Shatner und Nimoy sind Freunde - wie Brüder - geworden. Und das ist nicht überraschend: Die besten Freunde werden oft die Menschen, mit denen man anfangs überquer liegt. RIP, lieber Spock alias Leonard Nimoy
frank57 28.02.2015
2. Rest in Peace
Spocki.....du warst mein begleiter durch meine Jugendzeit.....jetzt bist du in einer anderen Sphäre....Y ....Lebe lang und un Frieden........
Websingularität 28.02.2015
3. Zwei Freunde
Das tolle an StarTrek ist der tiefe Humanismus der dort gezeigt wurde. Menschen die füreinander da sind, und die Technologie eigentlich sekundär ist. Ich glaube nicht, dass unsere asoziale Welt in so eine optimistische Zukunft blickt. Den größten Fortschritt den StarTrek zeigt, ist ein gesellschaftlicher, kein technischer.
Ossifriese 28.02.2015
4. Stars
Bei aller "Erfolglosigkeit" Shatners in der Vor-"Star-Trek"-Zeit sollte man durchaus erwähnen, dass er neben Stars wie Tracy, Lancaster und Widmark in dem Klassiker "Das Urteil von Nürnberg" eine Rolle spielte...
garfield 28.02.2015
5.
Genau besehen, wurden in der Serie (und den 6 Filmen) weniger ein Gegensatz zwischen Intellektuellem und Space-Cowboy, also zwischen Spock und Kirk dargestellt (so unterschiedlich auch die "characters" waren), sondern eher zwischen stoischer Vernunft und emotionalem Ausbruch, also die Wortgefechte zwischen Spock und dem Doktor ("Pille"), mit denen oft genug die Folgen endeten, waren der running gag und sorgten oft für Schmunzler.
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