Kinder und Gender-Klischees Die rosa-hellblaue Hirnkrake

Komm, wir zertrümmern ein paar Geschlechterklischees: Die empfehlenswerte ZDFneo-Doku "No more boys and girls" mit Collien Ulmen-Fernandes schaut in die Köpfe kleiner Menschen.

ZDF/ Martin Rottenkolber

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"Frauen sind für Kochen und Putzen eher so geeignet", sagt einer der Jungs. Eines der Mädchen ist überzeugt, dass nur Männer Flugzeuge fliegen können. Ihre Klassenkameraden und -kameradinnen sind sich einig, dass Mädchen hilfsbereiter sind und besser malen können, Jungs sich dafür aber mehr trauen und nicht so viel gefallen lassen.

Und der Zuschauer des ZDF-Sozialexperiments "No more boys and girls" staunt, wie fest sich die Rosa-Hellblau-Hirnkrake schon in diesen kleinen Köpfen festgesaugt hat.

Moderatorin und Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes schaut in dieser unaufgeregten, austariert pädagogischen und empfehlenswerten Dokumentation einfach mal nach. Wie sehr haben schon die Zweitklässler, die sie dafür zwei Wochen lang begleitet, Geschlechter-Stereotype aufgesaugt und als unumstößlich akzeptiert? Und was würde passieren, wenn Junge- und Mädchensein nicht mehr in den engen Rahmen dieser verknarzten Vorstellungen betoniert würden?

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Doku mit Collien Ulmen-Fernandes: Bye, bye Geschlechterrollen

Ihre Bestandsaufnahme fördert keine unerwarteten, in ihrer Eindeutigkeit und damit Drastik aber doch beklemmenden Erkenntnisse zutage. Etwa, wenn die Kinder alltägliche Tätigkeiten Männern oder Frauen zuordnen sollen und nur 22 Prozent glauben, dass sich auch Väter um ihre Kinder kümmern können, und nur neun Prozent Frauen zutrauen, kaputte Dinge reparieren zu können.

Geschlechterrollen sind nur Vorstellungen

Wo Gendergaudi-Formate wie Mario Barths "Die Wahrheit über Mann und Frau" angesichts solcher Aussagen stumpf auflachen, um dann zum nächsten Kindermund-Ulkismus zu hüpfen, fragt Ulmen-Fernandes nach: Warum, glaubst du, ist das so? Und könnte das nicht auch ganz anders sein?

Sie spricht nicht nur mit den Kindern, sondern auch mit einer Genderforscherin, einer Erziehungswissenschaftlerin und einem Hirnforscher, besonnene Experten, und unternimmt mit ihrer Schulklasse eine sanfte Konfrontationstherapie: Ein Balletttänzer, eine Automechanikerin, eine Pilotin und ein Florist zeigen ihnen in kleinen Workshops, dass ihre Berufe kein Geschlecht kennen. Man sieht vergnügt kreiseltanzende Jungen und interessiert unter die Motorhaube lugende Mädchen.

Später lässt Ulmen-Fernandes die Kinder noch mit Spielsachen experimentieren, die sie im Alltag niemals auch nur angefasst hätten, allein aus dem banalen Grund, dass sie als für das jeweils andere Geschlecht vermarktet werden: Nähmaschinen für die Jungs, Spielzeugkräne für die Mädchen.

Es schmerzt, dabei zuzuschauen, wie viel Scheu oder Abwehr diese kleinen Menschen dabei zuerst empfinden, welche Hemmschwellen und Entfaltungs-Hindernisse schon die Jüngsten durch gesellschaftliche Programmierung erleben. Es macht Mut, wenn sie am Ende doch begeistert mit den künstlich entfremdeten Dingen spielen. Oder, wie Hirnforscher Gerald Hüther es formuliert: Geschlechterrollen sind nur Vorstellungen - wir können sie auch wieder loslassen.


"No more boys and girls" (beide Teile), Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDFneo oder in der Mediathek .

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