Ströbele bei "Beckmann" Geliebter Whistleblower

Eigentlich sollte Hans-Christian Ströbele der Star bei Reinhold Beckmanns Talk über Edward Snowden sein. Doch ein "Bild"-Reporter stahl dem Grünen-Politiker die Show - mit wunderlichen Thesen über "Leute, die in Berlin Busse in die Luft sprengen wollen".

ARD

Gut, dass es die "Bild"-Zeitung gibt. Wie sonst ließe sich derzeit in eine Talkshow zu Edward Snowden so etwas wie eine Kontroverse bringen? Hätte Reinhold Beckmann zum Beispiel seinem Stargast Hans-Christian Ströbele, der Snowden in der vergangenen Woche in Moskau traf, einen CDU-Politiker gegenübergesetzt: Die beiden hätten sich im kontroversesten Falle darüber gezankt, ob Angel Merkel auf die Abhöraffäre nicht hätte reagieren müssen wie die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff. Während die deutsche Kanzlerin nämlich mit einem offensichtlich folgenlosen "Das geht gar nicht" reagierte, sagte Rousseff, als sie erfuhr, dass ihr Telefon und ihre E-Mails von der NSA überwacht worden waren, kurzerhand einen USA-Besuch ab und legte ein bilaterales Handelsabkommen auf Eis.

Wie gesagt: Über angemessene Reaktionen auf den Überwachungswahnsinn des US-Auslandsgeheimdienstes hätte man sich streiten können. Dass Snowden, der seine weltberühmte Existenz an einem geheimen Ort in Moskau fristet, gut daran getan hat, seine Datensätze mit der Welt zu teilen - das ist derzeit zumindest halbwegs Konsens im politischen Diskurs der Republik.

Wäre da nicht die "Bild". "Snowden ist kein Held", erklärte die Zeitung schon Anfang Juli in einem Kommentar und lieferte tolle Anti-Snowden-Sätze wie: "Snowden ist dafür verantwortlich, dass jeder Terrorist der Welt in den letzten Tagen sein Handy weggeworfen, seine E-Mail-Adresse abgeschaltet hat." Oder: "Snowden ist auch ein Held für all jene, die in Berlin, Madrid, London Busse in die Luft sprengen wollen." Der Autor, der so genau weiß, wie Terroristen drauf sind, saß am späten Donnerstagabend bei Reinhold Beckmann in der Sendung: "Bild"-Chefreporter Julian Reichelt, Jahrgang 1980.

Snowden "kein politisch Verfolgter"?

Ströbele durfte ausführlich berichten: Wie er mit Snowden in Kontakt gekommen ist, warum ein erster Besuchsversuch gescheitert war ("Ich wusste nicht, wie ich in den abgesperrten Teil des Flughafens kommen soll") und wie er ihn dann schließlich empfand: "Ich habe ihn erlebt als amerikanischen Patrioten." Genau an diesem Patriotismus habe er "große Zweifel", schoss Reichelt gleich dagegen: "Es hätte Möglichkeiten gegeben, diese Infos auch an amerikanische Medien weiterzugeben", erklärte er - und dass Snowden von den Russen gesteuert sei.

Der 74-jährige Ströbele sollte der Star der Sendung sein - doch zum Staunen brachte die Runde "Bild"-Mann Reichelt: Weil Snowden einen Eid geleistet habe, "dass er keine geheimen Infos weitergibt", müsse er nun mal jetzt in den USA vor Gericht. Dass Snowden "kein politisch Verfolgter" sei, dass wir ohne die NSA gegenüber dem Terrorismus blind wären, dass das, was Snowden enthüllt habe, schon seit Jahren in US-amerikanischen Büchern stünde, dass in den USA kein einziger Geheimdienstmitarbeiter vor Gericht stünde und wir deshalb nicht sagen könnten, die USA hätten Verbrechen begangen. Und dass Merkel im Grunde einfach selbst schuld ist: "Wenn die mächtigste Frau Europas seit zehn Jahren mit einem nicht verschlüsselten Telefon telefoniert, dann ist das naiv."

"Da ist noch einiges zu erwarten"

Fritz Pleitgen, Ex-WDR-Intendant und langjähriger Auslandskorrespondent der ARD, sowie die US-amerikanische Journalistin Melinda Crane bewiesen freundliche Altersmilde im Umgang mit dem hitzköpfigen jungen Kollegen und erinnerten ihn an die "Wächterfunktion" seines Berufs. "Ich bin sehr froh, dass Snowden diese Gesetze gebrochen hat", so Pleitgen, schließlich habe er über das Unrecht der Staatsmacht aufklären wollen. "Was Snowden eigentlich macht, ist ziviler Ungehorsam, das hat eine lange Tradition in den USA", bemerkte Crane.

Edda Müller, Vorsitzende von Transparency International Deutschland, wusste zu berichten, dass etwa 60 Prozent der Wirtschaftsdelikte nur durch Whistleblower aufgedeckt würden. Schweizer Steuer-CDs, Gammelfleisch- und Altenpflege-Skandal - die Insider, die in solchen Fällen zu Whistleblowern wurden, würden in Deutschland ungenügend geschützt: "Die USA waren für uns immer ein Vorbild für den Schutz von Whistleblowern, jedenfalls in der Privatwirtschaft."

Je einsamer der "Bild"-Mann auf seinem Posten kämpfte, desto wunderlicher wurden die Argumente: Er habe im SPIEGEL gelesen, Snowden sei Vegetarier, und in der "Süddeutschen", dass er ein Steak gegessen habe. "Wir wissen nicht mal, was Herr Snowden isst, woher wissen wir dann, wer er ist?" Auf al-Qaida-Blogs diskutierten die Teilnehmer schon eifrig, "was für geheimdienstliche Methoden es gibt, sie zu verfolgen", so Reichelt. "Leute, die Busse in Berlin sprengen wollen, die lesen den 'Guardian' und den SPIEGEL im Moment sehr aufmerksam."

Ströbele vermeldete, dass der mysteriöse Mister Snowden auf ihn "locker, munter und beredt" wirkte, dass er "ein Schnellredner" sei und dass die bislang gelieferten Dokumente womöglich erst "der Bodensatz" sind: "Da ist noch einiges zu erwarten." Zum Schluss erinnerte Beckmann daran, dass es bereits das fünfte Mal gewesen sei, dass man sich diesem Thema gewidmet habe. Womöglich nicht das letzte Mal.

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Seite 1
mal-überlegen 08.11.2013
1.
argumentiert einfach nur wirr BILD`s (und Mutti´s) Gedanken. Das kann man besser machen - die Argumente werden aber dadurch nicht besser. Einziges Argument: wir brauchen den grossen Freund - auch wenn er uns nur benutzt. Die Regierung muss auch unse Würde beschützen - nicht nur Quandt´s Milliaren. Ich ahne es: "Arbeitsplätze". Dieses Argument wird inzwischen genau so missbraucht wie das der "Sicherheit".
me-privat 08.11.2013
2. Keine Diskussion...
Zitat von sysopREUTERSEigentlich sollte Hans-Christian Ströbele der Star bei Reinhold Beckmanns Talk über Edward Snowden sein. Doch ein "Bild"-Reporter stahl dem Grünen-Politiker die Show - mit wunderlichen Thesen über "Leute, die in Berlin Busse in die Luft sprengen wollen". http://www.spiegel.de/kultur/tv/nsa-affaere-bei-beckmann-a-932467.html
...nur soviel: Es ist schon ein armseliges Bild, das das ÖR-Fernsehen da abgibt, wenn in einer Sendung diesem Herrn "Bild"-Chefreporter Julian Reichelt eine Plattform für seine absurden und verqueren Thesen gegeben wird. Das zeigt m.E. exemplarisch den ungebremsten Werteverfall beim Anspruch und Auftrag der ÖR Medien.
marxfr 08.11.2013
3. Ich stimme Reichelt zu
Ich kann Reichelt nur zustimmen. Wie bescheuert muss man sein, als Regierungschefin zu glauben, daß man nicht abgehört wird - selbst Adenauer wusste das schon. Und wie es Mr. Clapper in einem Hearing sagte ist es originäre Zweck eines Geheimdienstes Informationen darüber zu gewinnen wie der Regierungschef eines anderen Landes denkt oder handeln wird. http://edition.cnn.com/2013/10/29/politics/nsa-hearing/ Es war aus der Sicht der USA vollkommen legal - also was soll der ganze Unsinn. Und ja, Snowden hat einen Eid gebrochen.
rewerb 08.11.2013
4. Wenn das alles nichts Neues ist...
und angeblich schon seit Jahren in Büchern steht, warum regt sich der Bild-Redakteur dann so auf? Dann brauchen Terroristen Hernn Snowden ja gar nicht, um in Erfahrung zu bringen, wie sie überwacht werden? Und wieso hat Herr Snowden dann in Hernn Reichels Augen überhaupt Geheimnisverrat begangen???
peter.stein 08.11.2013
5. Wie schön
das der journalistische Konflikt zwischen Bild und Spiegel nun auch auf andere Medien greift. Unabhängig von dieser Zwischenepisode, ist das Thema extrem komplex und der üblichen Schwarz-Weiß-Malerei nicht zugänglich. Tatsache ist, sollte es in Deutschland demnächst Terroranschläge mit Toten geben, wird von Einigen - ob nun zu Recht oder zu Unrecht - mit Sicherheit vorgebracht werden: das ist der schwieriger gewordenen Überwachung geschuldet. Zur Zeit ist bei uns noch nichts passiert, da schlägt das Pendel der öffentlichen Meinung in dem antagonistischen Verhältnis "Freiheit - Sicherheit" deutlich zu Ersterem. Das kann sich bei entsprechenden Vorfällen aber auch ganz schnell wieder ändern. Ich sage dies gänzlich wertfrei, ich denke lediglich, dass es so kommen würde. Hoffen wir, dass wir mit dieser Frage nie konfrontiert werden.
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