"Guardian"-Journalist Greenwald "Ich trage diese Dokumente immer bei mir"

Im ARD-Talk "Beckmann" hat der "Guardian"-Journalist Glenn Greenwald weitere Enthüllungen zum Spionage-Skandal angekündigt. Er selbst fühle sich von den USA kriminalisiert - und bedroht.

Journalist Glenn Greenwald: "Es gibt keine Kommunikation, ohne dass die Amerikaner das wissen"
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Journalist Glenn Greenwald: "Es gibt keine Kommunikation, ohne dass die Amerikaner das wissen"


Keine Politiker. Fast entschuldigte sich Reinhold Beckmann zu Beginn seiner Sendung für den "Luxus", auf die Entscheider aus Berlin zu verzichten. Zumal bei einem Thema wie "Der gläserne Bürger" um den NSA-Überwachungsskandal, bei dem die Politik in besonderem Maße gefordert ist.

Stattdessen bestand die Runde aus Journalisten, die zu diesem Thema bereits publiziert haben. Für den "Guardian" sprach Glenn Greenwald, der in ständigem Kontakt mit dem in Moskau festsitzenden Edward Snowden steht und per Videoschaltung aus Rio de Janeiro zugeschaltet war.

Natürlich interessierte zunächst der Aspekt der Geschichte, der von Frederick Forsythe oder Robert Ludlum geschrieben sein könnte: Fürchtet auch Greenwald um sein Leben? Der Amerikaner, der zurzeit die Dokumente auswertet, die ihm Snowden übergeben hat, sagte denn auch nicht nur: "Es gibt keine Kommunikation, ohne dass die Amerikaner das wissen" und kündigte neue, noch ungeheuerlichere Enthüllungen an. Er sagte auch: "Ich trage diese Dokumente immer bei mir", schließlich gebe es in Rio auch Büros der CIA. Er fühle sich selbst bedroht und von den USA kriminalisiert.

Irgendwann fiel zunächst der Ton aus, beim zweiten Versuch dann die komplette Leitung. Beckmann: "War das die NSA? Oder Pullach?" "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher trocken: "Vielleicht waren es die ARD-Leitungen."

"Gehen wir ernsthaft davon aus, dass Greenwald erschossen wird?"

Direkt nach dem Gespräch mit Greenwald tat die ohnehin schlaue Constanze Kurz vom Chaos Computer Club etwas sehr Kluges. Sie fragte verwundert: "Was stellen wir eigentlich für Fragen? Gehen wir ernsthaft davon aus, dass er auf offener Straße erschossen wird? Das war eine ernsthafte Frage. Und er hat sie ernsthaft beantwortet."

Kurz markierte damit den Umstand, dass eine solch abenteuerliche Vorstellung überhaupt in den Bereich des Möglichen gerückt ist, als den eigentlichen Kern der Debatte. Sind denn alle verrückt geworden?

Dieser Meinung war Hans Leyendecker von der "Süddeutschen Zeitung", der "den Amerikanern" eine "Graswurzelrevolution" wünschte. Anders sei der "Krankheit", die diese Gesellschaft nach 9/11 befallen habe, nicht mehr beizukommen.

Die derzeitige Diskussion, ob Snowden "ein Held oder ein Verräter" sei, könne er nicht verstehen. Der Mann sei eindeutig ein Aufklärer und müsste uns eigentlich als Kronzeuge dienen. Eigentlich. Wenn wir uns nicht auch schon daran gewöhnt hätten, dass unsere Rechte vom Staat eben nicht geschützt werden. Zum Beispiel das verbriefte und seit fünf Jahren gültige "Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme".

Snowden "im exterritorialen Gebiet isoliert, wie ein Virus"

Schirrmacher sekundierte: "Wenn Snowden eine CD mit den Daten von Steuerhinterziehern gehabt hätte, wir hätten ihn zum Millionär gemacht." So aber werde der Mann "im exterritorialen Gebiet isoliert, wie ein Virus."

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar betonte: "Hier geht es nicht um Sicherheit. Hier geht es um unser Privatleben", womit immerhin angedeutet war, dass ein Imperium wie das amerikanische möglicherweise ein handfestes Sicherheitsinteresse an unserem Privatleben hat.

Daher das, was Kurz den "Full-Take-Ansatz" nennt, die Dienste nähmen an Informationen "alles, was sie kriegen können". Und die Menschen gäben bei Diensten wie Facebook eben allerhand - freiwillig. Und bei insgesamt 500 elektronischen Kontakten pro Bundesbürger an nur einem Tag gibt es viel abzuschöpfen. Den schlappen Rat des Innenministers Friedrich, die Bürger sollten doch selbst für ihre Sicherheit sorgen, empörte Yogeshwar: Dafür sei der Staat schließlich da.

Es war Frank Schirrmacher, der mit apokalyptischem Eifer (und seinem jüngsten Buch, "Ego", im Hinterkopf) die Diskussion über Metadaten auf die Metaebene hievte: "Diese Daten werden zu Erzählungen über unser Leben", mehr noch, aus ihnen ließe sich "eine Landkarte sämtlicher sozialer Beziehungen einer Gesellschaft" erstellen. Schirrmacher sieht darin nicht nur "eine Veränderung des sozialen Klimas", sondern so etwas wie eine anthropologische Wende. Die sozialen Netzwerke seien "normativ", selbst das Abmelden bei Facebook wäre verdächtig.

Erstmals in der Geschichte der Menschheit sei die berechenbare digitale Persönlichkeit eines Menschen relevanter als seine reale Persönlichkeit. Selbst der Wähler würde zum idealfreien "Konsumenten, dessen Bedürfnisse vorausberechnet werden können". Gerade im Hinblick auf das gerade entstehende "Internet der Dinge" und die Konvergenz marktorientierter Geheimdienste mit marktförmiger Politik sieht Schirrmacher schwarz: "Wenn das keine neue Welt ist, dann weiß ich nicht, was neu ist."

Deutschlands rührender Glaube, mit dem Imperium befreundet zu sein

Und diese unschöne neue Welt komme "nicht als Orwell", sondern tückischerweise "als Dinge, die uns Freude machen". Irgendwann rief selbst Schirrmacher nach dem Bundespräsidenten. Ja, wo bleibt der eigentlich?

Und wie stellt sich Deutschland in diesem Späh-Skandal dar? Als eine kleine "Mittelmacht" (Leyendecker), die rührenderweise davon ausgeht, mit dem Imperium "befreundet" zu sein. Regierungssprecher Steffen Seibert hatte es so ausgedrückt: "Abhören von Freunden, das geht gar nicht."

Was wusste also der BND? Dessen Aufgabe, so Leyendecker, sei es nun einmal, nichts zu sagen und alles zu wissen.

Einig war sich die Runde in der Einschätzung, dass dieser Skandal noch lange nicht ausgestanden ist, was auch immer noch kommen mag. Einfach, weil zu viele Bürger täglich mit sozialen Netzwerken in Kontakt sind. Verschiedene Meinungen gab es nur darüber, was zu tun sei, und alle waren sie womöglich richtig. Natürlich muss der Staat die Rechte seiner Bürger schützen. Natürlich wäre eine europäische Suchmaschine wünschenswert. Und natürlich hat es jeder Nutzer einstweilen selbst in der Hand, was er von sich preisgibt und ob er wirklich unverschlüsselt kommunizieren mag.

So gab es tatsächlich etwas zu lernen an diesem Abend. Unter anderem, was eine politische Talkshow leisten kann, wenn sie auf Politiker verzichtet.

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insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
noalk 19.07.2013
1. Schade
Diese Sendung bewies, dass der Falsche bei der ARD die Segel streichen wird.
micha.w 19.07.2013
2. Bravo Beckmann!
Endlich eine Talkshow die ohne die üblichen Plattitüden unserer, leider von der Mehrheit gewählten, Volksverdummern auskam! Bravo, bitte weiter so. Neues Label: "GARANTIERT POLITIKERFREI"
spotmakesmyday 19.07.2013
3. wow
"was eine politische Talkshow leisten kann, wenn sie auf Politiker verzichtet." ENDLICH sagt's mal einer!
ChristianWild 19.07.2013
4. Endlich
den Nagel auf den Kopf getroffen. Besonders der letzte Satz. Daher:OHNE hirnlose Kommentare von Politiker wird eine Talkshow erst richtig interessant. Leider ergibt sich daraus auch die Tatsache und Erkenntnis, wie Ernst die Situation tatsächlich ist. Gut das Medienleute gibt, die noch ehrlich ihre Meinung sagen. Die Frage stellt sich nur: WIE LANGE NOCH.
snjaetsch 19.07.2013
5. Ich hab Angst!
Da geschieht etwas, das wir nicht kontrollieren können!
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